Jorinde Voigt, Non-Fiction (Exklusivität I), 2026, Gouache, ink and watercolor pencil on paper, framed; Foto: Galerie Judin
Konstruierte Welten
Auf dem diesjährigen Gallery Weekend in Berlin sind gleich drei Professor*innen der HFBK Hamburg mit neue Arbeiten vertreten. Ein Rundgang
Anne Duk Hee Jordan bei Alexander Levy
Zu den eindrucksvollsten Präsentationen zählt wohl die immersive und multisensorische Rauminstallation Riders on the Storm von Anne Duk Hee Jordan (Professorin für Environmental Intervention) bei Alexander Levy. Der Titel evoziert das Donnergrollen, mit dem der gleichnamige Doors-Song einsetzt. Und darum geht es auch in der Arbeit: der Mensch inmitten der von ihm in Unruhe versetzten Stratosphäre. Die Wände sind verkleidet mit einer textilen Collage aus Zeichnungen und Gemälden, die in Duk Hee Jordans humorvoll-skurriler Weise die Entstehung der Welt und ihrer Kreaturen darstellen. In transparenten Tonnen wirbeln künstlich erzeugte Tornados und Vortexe, verspiegelte Wolken symbolisieren Cloud-Storages. Im Zentrum sitzt auf einem Wetterkartenteppich die Skulptur Fiona aus buntem Kunstharz, eine auf meteorologischen Daten basierende Visualisierung des letzten tropischen Orkans, der 2022 über Miami hinweg zog (die Skulptur wurde erstmals 2024 als Teil der Installation I will always weather with you im Miami Art Museum gezeigt). Dazwischen bewegen sich tollpatschig kleine, von der Künstlerin selbst gebaute Roboter der Werkfamilie Artificial Stupidity: ein rasselnder Teekessel repräsentiert den Klimawandel, ein kriechender Helm den Drang zur Konstruktion, versprengtes Tumbleweed aus Konserven- und Coladosen irren als Boten des menschlichen Konsums umher. Lag in früheren Arbeiten der Künstlerin der Fokus auf der so komplexen wie faszinierenden Zyklen von Wachstum, Vergehen und Erneuerung jenseits des anthropozentrischen Spektrums, werden Besucher*innen auf dieser Bühne durch Spiegelobjekte beständig mit dem eigenen Abbild konfrontiert, mit der allgegenwärtigen Präsenz des menschlichen Einflusses im Ökosystem. Wie in allen Arbeiten Duk Hee Jordans geht es auch hier um die miteinander verknüpften, dynamischen Wechselbeziehungen zwischen Organismen und Mechanismen, um Kreisläufe und die Notwendigkeit, Symbiosen des „Mehr-als-Menschlichen“ einzugehen – Stürme werden kommen, und letztendlich sitzen wir alle im selben Boot.
Am Sonntag den 3. Mai um 12:30 Uhr spricht Anne Duk Hee Jordan mit Hae-ju Kim, Kuratorin am Singapore Art Museum, im Rahmen der Gallery Weekend Art Talks in der Neuen Nationalgalerie über „Ecological Transience und Fantastical Transformation“
Anne Duk Hee Jordan, Riders on the Storm, 1. Mai – 18. Juli 2026, Alexander Levy
Thomas Demand, Money, 2025, UV print on copper; Foto: Sprüth Magers
Thomas Demand bei Sprüth Magers
Thomas Demand (Professor für Bildhauerei), bekannt für seine großformatigen Fotografien von minutiös aus Papier rekonstruierten, historisch aufgeladenen Orten oder Naturphänomenen, zeigt bei Sprüth Magers erstmals einen 2025 begonnenen Werkkomplex in kleineren Formaten. Die papiernen Welten, deren Modelle wie immer zerstört werden, nachdem sie fotografiert wurden, wurden als UV-Drucke auf Kupferplatten transferiert – wobei Demand das Material Kupfer als Bildgrund interessiert, das sowohl in der Geschichte der Druckgrafik, der Malerei wie in der der Fotografie eine wichtige Rolle spielte. Das erste in dieser neuen Technik erzeugte Bild Klee (alle 2025) lädt zur Suche nach dem vierblättrigen Glücksbringer in einem Teppich sich überlagernder Kleeblätter ein. Während zwischen dem Klee ein schwarzer Grund nur durchblitzt, öffnet sich in Cavity der Boden und zwischen vertrockneten Grashalmen tut sich ein doppelbödiger Hohlraum auf. Schilf gibt ebenfalls natürlich gewachsene Strukturen wieder, wobei hier vor allem die Spiegelung der Schilfhalme in der opaken Oberfläche von Wasser oder dünnem Eis, in der sich der Himmel spiegelt, eine leicht halluzinative malerische Wirkung entfacht. Money basiert auf einem Standbild aus dem bizarren, von einer KI generierten Video, das Anfang 2025 von Donald Trump auf seinem Kanal Truth Social veröffentlicht wurde und dessen Plan für eine „Gaza-Riviera“ vorstellte. Die Banknoten, die eine offensichtlich Elon Musk darstellende Figur am Strand vor untergehender Sonne in die Luft wirft, wurden von Demand von Hand destilliert und wieder in physisches Material verwandelt. Die Geldnoten wurden in der medialen Rück-Übersetzung zudem „entwertet“ – wir sehen metallisch anmutende Shapes vor einem orange-lila Hintergrund, und haben doch den verstörenden Moment der KI-generierten Dystopie im Kopf. In diesem Zusammenhang erweisen sich auch die Wassermelonen in Plastikbehältern (Melonen, 2025, UV-Druck auf Perspex) als überaus mehrdeutig: Die Darstellung geht auf ein Pressefoto zurück, das beschlagnahmte Schmuggelware an der Grenze zwischen den USA und Mexiko dokumentiert – die falschen Melonen enthielten Methamphetamin. Gleichzeitig steht die Wassermelone in einem anderen Kontext als Symbol der Solidarität mit Palästina. In gewohnter Weise rufen Demands konstruierte Räume das durch mediale Bilder geprägte kollektive Gedächtnis ab, wobei die Materialität des Kupfergrunds den Bildern eine spezifische Haptik verleiht.
Thomas Demand, 2. Mai – 1. August 2026, Sprüth Magers
Jorinde Voigt, Sky Script IV, 2026, Graphite, gold leaf, ink and pastel on paper; Foto: Galerie Judin
Jorinde Voigt bei Judin
Einen ganz anderen Zugang zum Verhältnis von Realität und Darstellung zeigt Jorinde Voigt (Professorin für Malerei) in ihren großformatigen, 2025 und 2026 entstandenen Gemälden unter dem Titel Non Fiction, der den Verzicht auf malerische Illusion behauptet. Von ihren zeichnerischen Notationen und Partituren, die naturwissenschaftliche und kulturelle Phänomene in eine kodierte Sprache übersetzten, hat sich Voigts Arbeit in den letzten Jahren hin zu einer malerischen Sichtbarmachung innerer Welten entwickelt, deren Formate den Einsatz des Körpers erfordern. Die vorwiegend in Blau, Pink und Rottönen gehaltenen Serien und Einzelwerke tragen Titel mit philosophischem Überbau wie Non-Fiction (Confidence Spectrum), If-Then-Condition I-IX, oder Sky Skript I – Untersuchung zur Entstehung von Realität. Geschaffen wurden sie jeweils mit Tinte und Pastellpulver auf Papier, hinzu kommt verzierendes Blattgold und Graphit. In den Hochformaten dominiert ein phallisch anmutender Farbkörper, der von wellenartig fließenden Linien, organischen Formen und fein gezeichneten Notationen durchzogen ist. Die Querformate der sechsteiligen Gruppe Sky Skript I-VI (2026) suggerieren einen Sprung ins Wasser, jedoch verweist der Titel auf ein anderes Blau, nämlich auf das des Himmels – oder präziser, wie der Text zur Ausstellung erklärt, auf „den ersten blauen Himmel des Jahres“ wie er von der Künstlerin wahrgenommen wurde und dessen spezifischen Blauton sie mittels handgemischter Farbe einzufangen versuchte. Noch bevor die Tinte vollständig in das Papier eingedrungen ist, wird das Blatt geneigt und die Pigmente folgen der Schwerkraft, noch getrieben durch Wasser, das auf die Oberfläche gespritzt wird, auch Wind kommt zum Einsatz. Dieses als „Naturereignis“ beschriebene Verfahren ist jetzt natürlich nicht neu, schon Helen Frankenthaler arbeitete mit fließenden Farbverläufen um Natureindrücke einzufangen. In diesen „Spuren der Aktion“ manifestiert sich für Jorinde Voigt Realität als verkörperte Wahrnehmung.
Jorinde Voigt, Non Fiction, 1. Mai – 6. Juni 2026, Judin