Die Website als Bibliothek; Foto: Lukas Siemoneit
Site Specific
Die Professoren für Digitale Grafik, Christoph Knoth und Konrad Renner, haben gemeinsam mit Lukas Siemoneit die Website der HFBK Hamburg neu gestaltet. Im Gespräch erläutern sie das Konzept der Seite und diskutieren, wie stark ein visuelles Erscheinungsbild eine Institution prägt – und warum Websites im Zeitalter von KI vielleicht seltener besucht, aber umso unverzichtbarer werden
Beate Anspach: Welche Rolle spielt eine Website heute grundsätzlich für eine Kunsthochschule. Geht es um Information oder Repräsentation? Ist sie ein Archiv oder ein digitaler Ausstellungsraum?
Konrad Renner: Menschen informieren sich über viele digitale Kanäle zu Themen oder Institutionen – die meisten sind flüchtig, rauschend und ephemer. Die Website einer Kunsthochschule ist dagegen eher ein Buch im Regal. Ein Katalog, den man auch über längere Zeit verlässlich konsultieren kann – gerade weil es immer schwieriger wird, Inhalte dauerhaft erreichbar zu halten. Links verschwinden, Plattformen ändern sich, Dinge gehen verloren. Die Website bietet eine gewisse Stabilität im Erzählen: bietet zuverlässige Verweise, nachvollziehbare Zusammenhänge. Das ist ein wichtiger Kontrapunkt zu all den anderen medialen Möglichkeiten, die wir heute haben.
Christoph Knoth: Information, Repräsentation und Archiv — diese Zuschreibungen sind sicherlich zutreffend. Ein Ausstellungsraum mit seinen sozialen, ortsspezifischen und zeitbasierten Dimensionen kann eine Website nicht ersetzen.
Konrad Renner: Eine Website ist hier wie ein lebendiger Katalog. Einer, der auch Zukünftiges ankündigt, erzählt und sich ständig aktualisiert: Was war heute, gestern, vorgestern, was kommt morgen? Der aktuelle Diskurs findet hier statt, aber wir betrachten ihn anders als im analogen Raum. Es ist fast eine private Konversation, die ich mit den gezeigten Dingen führe.
Beate Anspach: Eine Website und Social-Media-Kanäle erfüllen jeweils unterschiedliche Funktionen. Sollten sie stärker miteinander verzahnt sein, oder liegt ihre Qualität gerade in der Trennung? Und hat Social Media euren Blick auf Websites verändert?
Konrad Renner: Das Potenzial liegt genau im Unterschied. Social Media kommt proaktiv zu mir – wie eine renitente Mitteilung, die sich in mein Interface einbrennt. Eine Website dagegen erfordert intrinsisches Interesse. Ich rufe sie gezielt auf, über einen Link oder eine Suche. Ich habe ein Anliegen: Recherche zu einem Thema, zu Personen, zum Bewerbungsprozess. Bei Social Media ist das Anliegen viel ungerichteter: Ich schaue, was los ist, vielleicht aus Langeweile.
Lukas Siemoneit: Auch die Navigation spielt eine große Rolle. Man klickt sich in einem Social-Media-Feed zwar ebenfalls durch Inhalte, durch Reels oder Videos, aber auf der Website kann man länger konzentriert bleiben. Durch die Gestaltung der Navigation können Nutzer*innen stärker fokussieren. Es geht also auch darum, bewusst zu machen, wie man sich im Internet bewegt.
Christoph Knoth: Institutionen, Museen und Galerien äußern das Bedürfnis, Kommunikationsstrategien zu vereinheitlichen und die Social-Media-Kanäle als Teil der institutionellen Website zu verstehen, oder andersherum. Das ergibt aber gar keinen Sinn. Der Social-Media-Feed funktioniert nur in der App. Was sinnvoll ist: Inhalte in Social Media anzureißen und für die Vertiefung auf die Website zu verlinken. Aber eine echte Verschmelzung der Medien sehe ich nicht.
Homepage at home: Die neue Website der HFBK Hamburg; Foto: Lukas Siemoneit
Beate Anspach: Welche Überlegungen haben bei der Konzeption der neuen Website eine Rolle gespielt? Wie ist die jetzige Struktur entstanden?
Konrad Renner: Das Rückgrat der Seite sind drei Bereiche mit jeweils eigener visueller Sprache: Diskurs, Studium und Kalender. Dazu kommt ein vierter, der institutionelle Bereich, der visuell nicht im Vordergrund steht. Die drei Kernbereiche Diskurs, Studium und Kalender sind bewusst unabhängig voneinander konzipiert. Auf Websites werden Inhalte meist in einer definierten Struktur gesammelt und erscheinen anschließend für die Nutzer*innen in einer Collage: Da stehen dann Hinweise auf Ausstellungseröffnungen neben Telefonnummern und langen Fachtexten. Dadurch entsteht Unschärfe und irritierende Vermischung. Wir haben uns dagegen entschieden. Jeder Bereich hat seine eigene Typografie, Farbigkeit und Bild-Text-Behandlung. Die Gestaltung reagiert direkt auf den Inhalt – ein Potenzial, das digitale Publikationen eigentlich bieten, aber selten ausschöpfen.
Lukas Siemoneit: Die Idee der Aufteilung gab es sehr früh. Dadurch mussten wir nicht mehr alles in ein gemeinsames Format pressen. Ein langer Essay und eine Veranstaltungsankündigung müssen nicht gleich aussehen. Stattdessen konnten wir drei unterschiedliche Strukturen entwickeln, die jeweils genau für ihren Zweck gebaut sind.
Beate Anspach: Spiegelt diese Dreiteilung in Diskurs, Studium und Kalender, das Spezifische der HFBK Hamburg wider? Bilden sie den Kern der Hochschule?
Christoph Knoth: Wir haben uns intensiv mit Websites von Kunsthochschulen beschäftigt und auch schon einige realisiert. Natürlich wird hier die jeweilige Institution visuell reflektiert. Aber im Lauf der Zeit dreht sich das Verhältnis fast um: Die Website prägt dann das Bild der Hochschule, vor allem für Menschen, die nicht vor Ort sind oder sich bewerben. Wir wollten den Diskurs sichtbar nach vorne stellen. Und auch den Kalender: Das breite Angebot von Veranstaltungen, Vorträgen, Ausstellungen – das ist etwas, das wir uns wünschen. Die Website kommuniziert das und wirkt dadurch zurück in die Institution hinein.
Konrad Renner: Diskurs, Studium, Kalender — sicherlich sind diese Begriffe Teil der Kommunikation einiger Kunsthochschulen. Aber ausschließlich diese drei herauszuarbeiten, sie nicht zu vermischen und explizit zu markieren, dass uns genau das wichtig ist – das ist HFBK-spezifisch. Statt gleich zwanzig Türen zu öffnen, gibt es drei. Und diese drei werden einzeln betrachtet. Das ist eine starke Setzung – inhaltlich, strukturell und visuell. Das ist die eigentliche konzeptionelle Entscheidung, nach innen wie nach außen. Eine Website für eine Kunsthochschule sollte auf keinen Fall der Versuch sein, die Institution irgendwie zu erklären. Es werden Türen angeboten, Begegnungsorte, Hinweise – aber am Ende geht es darum, hier zu sein, hier zu studieren, hier zu lehren, an Themen vor Ort teilzunehmen. Der Versuch, ein zweites oder drittes Gebäude im Digitalen zu errichten, kann sich nicht einlösen.
Beate Anspach: Aber schafft man mit diesem „Dach“ aus drei Begriffen trotzdem, die Vielstimmigkeit, Transdisziplinarität und Vielfalt einer Hochschule einzufangen?
Konrad Renner: Du meinst Pluralität im inhaltlichen Sinn? Ich glaube, wir haben ein gut nachvollziehbares Konzept geschaffen, in dem sich Vielstimmigkeit niederschlagen kann. Wichtig war uns gerade, keine bestimmte Ästhetik zu forcieren, um keine dieser Karikaturen von Vielfalt zu erzeugen. Das ist nicht das Ziel der Website. Die Räume sind da. Was darin steht – welche Wörter, Bilder, Sprachen – hängt von den Menschen ab, die damit arbeiten, oder auch davon, ob sie andere Orte der Kommunikation bevorzugen. Die Website bildet zunächst nur Räume ab, ähnlich wie die Hochschule selbst: ein offener, erreichbarer, stabiler Raum. Was darin passiert, liegt bei allen Beteiligten.
Christoph Knoth: Die Website wird am Ende von drei oder vier Redakteur*innen gepflegt. An der HFBK studieren fast tausend Menschen – das kann nicht vollständig abgebildet werden.
Beate Anspach: Welche anderen gestalterischen Setzungen waren euch wichtig?
Lukas Siemoneit: Uns war wichtig, dass jeder Bereich eine eigene Gestaltung bekommt. Die drei Teile sind inhaltlich verschieden – also sollten sie sich auch unterschiedlich anfühlen. Gleichzeitig mussten wir darauf achten, dass sie trotzdem als zusammengehörig erkennbar bleiben. Der Bereich Studium sollte sich zum Beispiel strukturierter, fast tabellarisch anfühlen. Farbe spielte dabei eine große Rolle – sie entstand im Prozess, immer im Spannungsfeld zwischen Gemeinsamkeit und Differenz: weit genug auseinander, um eigenständig zu sein, aber noch Teil derselben Website.
Christoph Knoth: Wir agieren ja nicht losgelöst von der Vergangenheit. Es gibt kleine Reminiszenzen an die alte Website: Der Balken am Anfang erinnert an den früheren Suchbalken, und auch die neue Suche ähnelt der alten fast eins zu eins. Wir haben so etwas wie einen „visuellen Rucksack“ mitgenommen und nicht alles über Bord geworfen.
Beate Anspach: Wie viel Gestaltung verträgt eine Institution?
Konrad Renner: Genau das meinen wir mit diesem „visuellen Rucksack“. Eine Institution ist kein weißes Blatt. Sie hat eine Geschichte, visuelle Erfahrungen, Brüche, Veränderungen. Deshalb können wir nicht verallgemeinern, wie viel Gestaltung eine Institution „braucht“. Wir reagieren auf das, was schon da ist: zitieren es, führen es weiter, konterkarieren es vielleicht auch – manchmal humorvoll, manchmal sehr dezidiert. Es ist immer eine Entscheidung im Verhältnis zur eigenen Geschichte.
Beate Anspach: Spielten bei eurer Konzeption die Vorstellung von Nutzer*innengruppen eine Rolle? Also etwa Bewerber*innen im Bereich Studium oder eine interessierte Öffentlichkeit im Diskurs-Bereich?
Konrad Renner: Ich würde weniger von Zielgruppen sprechen als von Nutzungsszenarien. Mit welcher Motivation, mit welcher Frage, vielleicht auch mit welchem Unverständnis nähere ich mich der Website? Und wie bewege ich mich dann darin? Diese Perspektiven waren hier vielfältiger als in vielen anderen Projekten, weil wir die Hochschule von innen kennen. Trotzdem können wir nie alle Perspektiven abdecken. Wir entwickeln Szenarien – Annäherungen daran, mit welchen Bedürfnissen jemand auf eine Website kommt.
Lukas Siemoneit: Ich erinnere mich noch gut an meine Bewerbung an der HFBK. Ich kenne die Hochschule als Bewerber, Studierender und wir sind eben auch Lehrende. Deshalb haben wir viele Situationen selbst durchgespielt – buchstäblich mit der eigenen Maus. Und man hört natürlich auch von Studierenden oder Bewerber*innen, was sie nicht finden oder wo sie Probleme hatten. Diese Szenarien waren sehr präsent.
Christoph Knoth: Alle Besucher*innen sind gleich wichtig. Wir haben nicht gesagt: Bewerber*innen sind besonders relevant, um diese Nutzer*innengruppe herum konzipieren wir jetzt die gesamte Website. Sondern: Jede Person, die sich für die HFBK interessiert, soll hier relevante Inhalte finden.
Metall trifft auf digitales Material: Die neue Website der HFBK Hamburg; Foto: Klaus Frahm/Lukas Siemoneit
Beate Anspach: Ihr habt die Website als eine Art lebendigen Katalog beschrieben. Wenn wir in die Zukunft schauen – wie verändert KI die Funktion von Websites? Wird eine Website ihren Stellenwert behalten? Wo seht ihr sie in zehn Jahren?
Christoph Knoth: Gerade sehen wir, dass viele Menschen Chatbots benutzen. Diese greifen wiederum auf Websites zu, um aktuelle Informationen zu holen, weil ihre Trainingsdaten veraltet sind. Insofern bleibt die Website wichtig – sie ist die verlässlichste Quelle. Aber wahrscheinlich gehen weniger Menschen direkt auf die Seiten. Die Informationen werden ihnen im Chat präsentiert, und die Website dient eher zur Verifikation. Inhaltlich also nicht weniger wichtig, aber vielleicht weniger besucht. Seit Social Media ist das Netz ohnehin fragmentierter geworden.
Konrad Renner: Eine institutionelle Website ist sowohl Datenquelle für Dritte – etwa für Chatbots – aber gleichzeitig auch ein visuelles Objekt, zu dem ich eine emotionale Beziehung aufbauen kann: Ist sie mir sympathisch oder unsympathisch, zugänglich oder abweisend. Dieser Mehrwert ist schwer messbar, aber für Institutionen sehr wichtig. Es ist ein kommunikativer Mehrwert. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass Websites für Institutionen weiterhin wichtig sein werden.
Christoph Knoth: Vielleicht werden Websites stärker zu einer Bibliothek. Wenn ich mich wirklich interessiere, gehe ich zu der Quelle – auf die Website selbst. Dort finde ich nicht nur die gesuchte Information, sondern auch angrenzende Inhalte, auf die ich sonst nicht gekommen wäre. Wer sich nur oberflächlich informieren will, bleibt im Chat-Interface. Wer sich ernsthaft interessiert, wird weiterhin die Website besuchen. Dabei spielt Glaubwürdigkeit von Information – und die Gestaltung – eine zentrale Rolle.