Lima Sayed im Gespräch; Foto: Tim Albrecht
„Laut denken dürfen“
Diversität und künstlerische Praxis an der HFBK Hamburg
Anne Meerpohl: Welchen beruflichen Hintergrund hast du, welche Erfahrungen bringst du mit und was hat dich an die HFBK geführt?
Lima Sayed: Die kurze Version: Ich habe nach Neigung studiert, und zwar Englisch, Spanisch und Politik auf Magistra, dann in der Amerikanistik promoviert, eine systemische Coaching-Ausbildung gemacht, einige Jahre an der Universität und der TU Hamburg als Career Center Referentin gearbeitet und freiberuflich als Trainerin für Diversity, Equity & Inclusion sowie diversitätssensible Organisationsentwicklung bis ich an die HFBK kam. Die längere Fassung beinhaltet, dass sich die Themen um Identität, Kultur, Zugehörigkeit, Ausgrenzung und nicht zuletzt Diskriminierung und Rassismus biografisch, akademisch und professionell durch mein Leben ziehen. Als Jugendliche mit migrantischen Wurzeln fehlte mir die Sprache für meine Berührungspunkte und Erlebnisse. Das änderte sich, als ich mit 17 Jahren ein Austauschjahr in den USA machte. Im Studium befasste ich mich dann intensiver mit diesen Themen – interessanterweise immer wieder verknüpft mit Film. Meine Magisterarbeit schrieb ich zum muslimischen Feindbild im US-Kriegsfilm, meine Doktorarbeit später über den White Savior Komplex und Rassismus im US-Film der 2000er Jahre. Mich faszinierte, wie durch Film Bilder in unseren Köpfen entstehen und wie sie unsere Wahrnehmung von Menschen formen, denen wir womöglich nie persönlich begegnet sind. Ich denke, das hat auch mit meiner Sozialisation als Deutsch-Afghanin zu tun und den Irritationen, die mir begegnet sind. Die Frage „Woher kommst du?“ kann sehr unterschiedlich wirken – für Menschen, deren Zugehörigkeit nie infrage steht, ist sie harmlos. Für andere kann sie verunsichernd sein. Diese Erfahrungen haben mein Interesse an Rassismus, Identität und kulturellen Bildern, kulturellen Selbstverständnissen geprägt und wie sie unter anderem durch filmische Mittel und Narrationen geprägt werden.
Beate Anspach: Wie ging es für dich nach dem wissenschaftlichen Arbeiten weiter?
Lima Sayed: Während der Promotion habe ich gemerkt, dass mir das „stille Kämmerlein“ nicht liegt. Ich arbeite gern mit Menschen und bin am liebsten im Austausch. 2022 habe ich mich entschieden, dem ganz nachzugehen und war als Diversity-Trainerin und Organisationsentwicklerin tätig, häufig mit dem Schwerpunkt Antirassismus. Ich habe viel für Non-Profit Organisationen, Stiftungen, Vereine und im öffentlichen Dienst gearbeitet – gelegentlich auch mit Kulturinstitutionen. Dennoch hatte ich das Gefühl, wieder in einer Art Einzelkämpferinnentum und dem „stillen Kämmerlein“ zu landen. Als ich die Ausschreibung der HFBK Hamburg gesehen hatte, ging ich sofort in Resonanz. Manchmal begegnet einem etwas, das man noch nicht ganz versteht – aber spürt, dass es passt. So war es hier.
Anne Meerpohl: Was reizt dich an dem Kontext Kunsthochschule besonders, was sind Herausforderungen oder auch Möglichkeitsräume?
Lima Sayed: Meinem Eindruck nach gibt es hier an der HFBK einen sehr großen Gestaltungsspielraum und ein sensibilisiertes Mindset bei den Studierenden. Ich möchte hier Resonanzräume schaffen, einen offenen Diskurs herstellen. Diversität ist gesellschaftlich längst Thema und doch immer wieder mit Vorsicht, Unsicherheit oder Polarisierung verbunden. An einer Kunsthochschule sehe ich die Chance, diese Fragen nochmal ganz anders auf den Tisch bringen zu können, laut darüber nachzudenken und vielleicht sogar weiterzuentwickeln.
Anne Meerpohl: Welche Ansätze verfolgst du, um solche Räume herzustellen?
Lima Sayed: Ich denke, es ist wichtig, Druck und Zwänge abzubauen. Mich interessiert, wie wir Räume schaffen können, in denen Menschen sich sicher fühlen, nicht im Sinne eines idealisierten „Safe(r) Space“, sondern im Sinne eines vertrauensvollen Rahmens. Also Räume, in denen Fehler möglich sind, in denen wir uns ausprobieren, irritieren lassen, auch widersprechen dürfen und vor allem Fragen stellen. Besonders an einer Hochschule finde ich das wichtig, da wir am meisten lernen, wenn wir die eigene Komfortzone verlassen oder auch Fehler machen dürfen. Darum sollte man sie nicht als Stigma sehen und stattdessen als Teil eines Lernprozesses. Das möchte ich gern in die Beratung und auch andere Räume tragen.
Lima Sayed im Gespräch; Foto: Tim Albrecht
Beate Anspach: Inwiefern kann Kunst dazu beitragen, diskriminierende Erfahrungen und Anliegen zu thematisieren oder möglicherweise sogar zu verarbeiten?
Lima Sayed: Ich denke, Menschen haben seit jeher Kunst als Ausdrucksform verwendet, um Erfahrungen von Diskriminierung, Marginalisierung oder auch Rassismus zu verarbeiten. Beispielsweise Jazz oder die frühen Formen von Hip-Hop als Formen des Widerstands und Selbstbehauptung. Vielleicht lässt sich die Frage auch mit dem Beispiel von Kindern beantworten. Kinder sind ständig damit beschäftigt, sich kreativ auszudrücken, sie malen, zeichnen, bauen, basteln ganz unvoreingenommen und ohne auf ein konkretes Ergebnis hinzuarbeiten oder sich Regeln unterzuordnen. Natürlich sind sie keine Künstler*innen, aber ich denke trotzdem, dass man daran sieht, wie viel Potenzial in dem menschlichen Drang zu kreativen Ausdrucksformen liegt. Und ich denke aus dieser Haltung können wir sehr viel lernen – sicherlich für den Umgang mit dem eigenen künstlerischen Werk, aber auch in Bezug zu Diversität und Diskriminierung. Dabei kann auch das Thema Ausgrenzung verhandelt werden, starke Gefühle oder Scham. In der Gesellschaft gibt es die Tendenz, vieles rein rational zu erfassen oder immer alles ausdiskutieren zu müssen. Da kann die Kunst zu anderen Mitteln greifen und andere Zugänge schaffen.
Anne Meerpohl: Stimmt, das Thema Scham ist schon immer ein großes Anliegen in künstlerischen Arbeiten. Sowohl in der Kunstgeschichte als auch hier an der Hochschule sieht man diverse Beispiele für Auseinandersetzungen damit.
Lima Sayed: Diversität ist ein positiv besetzter Begriff, Diskriminierung hingegen ist eigentlich immer eine Beschämungsstrategie. Menschen, die von Rassismus betroffen sind, erleben, dass sie aufgrund ihrer Herkunft oder Äußerlichkeiten abgewertet werden. Scham ist dabei ein zutiefst menschlicher Affekt, der bewusst als Verletzung bei Diskriminierungen eingesetzt wird. Darum kann man das Thema Scham nicht ohne den Kontext von Diskriminierung, in vielen verschiedenen Formen, betrachten. Die amerikanische Sozialwissenschaftlerin Brené Brown hat zum Beispiel jahrelang zu Scham und Verletzlichkeit geforscht. Brown hat aufgezeigt, dass man Scham etwas entgegensetzen kann, nämlich Verletzlichkeit. Sich verletzlich zu zeigen, könne Scham transformieren. Verletzlichkeit ist keine Schwäche, sondern wenn wir genau hinschauen eigentlich das Gegenteil. Denn sich verletzlich zu zeigen erfordert Mut. Und ich denke, hier ist die Brücke zur Kunst: Jede künstlerische Arbeit macht verletzlich. Wer ausstellt, wer performt, wer schreibt, zeigt etwas Intimes, Individuelles. Vielleicht liegt genau darin eine Schnittstelle zwischen Diversität und künstlerischer Praxis. Das beginnt ja bereits mit der Rechtfertigung für ein Kunststudium, das als solches bereits zuweilen abgewertet wird oder dem mit Unverständnis begegnet wird.
Beate Anspach: Kann Kunst auch beim Bewältigen solcher Erfahrungen helfen? Hast du vielleicht ein Beispiel, wie das gehen kann?
Lima Sayed im Gespräch mit Beate Anspach und Anne Meerpohl; Foto: Tim Albrecht
Lima Sayed: Schreiben ist ein gutes Beispiel. Künstlerisches Schreiben ist eine wichtige Ausdrucksform. Was man nur im Kopf hat, ist abstrakt, emotional und wird durch das Schreiben ausformuliert, nimmt Gestalt an. Es ist erwiesen, dass Schreiben auch heilsam wirken kann, Tagebuch zu schreiben oder Gedankenprotokolle. Gedanken, die diffus im Kopf kreisen, werden greifbar und es kann eine Distanz entstehen. Außerdem, wenn wir uns umschauen, alles ist von jemandem gestaltet und jede Idee beginnt erst im Kopf und nimmt durch das Papier erst Form an. Diese Verbindung von Denken, Fühlen und Gestalten interessiert mich sehr und das macht den Ort der HFBK für mich so spannend. Ich wünsche mir Räume, in denen laut gedacht werden darf. In denen Schreiben, künstlerisches Arbeiten und persönliche Reflexionsprozesse sich begegnen können. Vielleicht entstehen Formate, in denen kreative Prozesse zugleich Ausdruck und Verarbeitung sind.
Anne Meerpohl: Mit welchen Anliegen können Studierende zu dir kommen und was passiert in deiner Beratung?
Lima Sayed: Mit meiner Beratung biete ich eine niedrigschwellige, vertrauliche Anlaufstelle für Studierende und Mitarbeitende an. Es geht nicht um Therapie, sondern um Orientierung, Klärung, Unterstützung. Die Anliegen sind ziemlich vielfältig, zum Beispiel fühlen sich Studierende manchmal isoliert oder hoffnungslos, haben Zweifel am eigenen künstlerischen Weg, ob ihre Kunst Berechtigung hat. Oder auch ganz praktische Fragen wie zur Organisierung und Strukturierung von Arbeitsprozessen oder bei Konflikten, Prüfungsängsten. Es gibt ganz unterschiedliche Herausforderungen, die im Laufe des Studiums auftreten können. In meiner Erstberatung höre ich ihnen erstmal zu und gebe ihnen einen Raum. Mir ist wichtig, nicht nur auf Defizite zu schauen, sondern Ressourcen zu stärken. Jede Person, die zu mir kommt, hat bereits zahlreiche Herausforderungen bewältigt, oft ohne es selbst wahrzunehmen. Ich finde es unter anderem interessant, dass der künstlerische Beruf immer wieder mit mentalen Krisen in Verbindung gebracht wird und das überkommene Bild des „leidenden“ Künstler*innengenies immer noch Bestand hat. Dann wäre ja die spannende Frage, warum entscheiden sich so viele für dieses Leben? Ich möchte meinen Beitrag dazu leisten, dass künstlerisches Arbeiten auch gesellschaftlich unterstützt wird, sich Stereotype um diesen Beruf ändern und unsere Gesellschaft nicht hinterfragt, ob Kunst überhaupt eine Berechtigung hat. Kunst war schon immer da, sie ist älter als viele Erfindungen der Menschheitsgeschichte und mit ihrem Potenzial möchte ich die Studierenden stärken.