Beate Anspach, Hans-Jochen Waitz, Luise Nagel und Swaantje Benson (v. l.) beim Interview; Foto: Tim Albrecht
Ein Raum zum Arbeiten, Denken und Bleiben
Ein Raum zum Arbeiten, Denken und Bleiben
Beate Anspach: Herr Waitz, Sie stellen uns diese Räume überhaupt erst zur Verfügung. Warum ist Ihnen die Förderung junger Künstler*innen ein Anliegen?
Hans-Jochen Waitz: Wenn man an Kunst denkt, denkt man immer auch an junge Künstlerinnen. Und für mich ist die HFBK Hamburg eine Institution, die weit über eine gewöhnliche Kunsthochschule hinausgeht. Dass ich diese Gebäude gekauft habe, hängt ja auch damit zusammen, dass ich mich für die Künstler*innen engagieren wollte, die hier lebten und arbeiteten. Wir haben darauf geachtet, dass hier weiterhin Künstler*innen wohnen, Galerien eröffnen und sich kunstnahe Gewerbe ansiedeln – zum Beispiel Buchgestalter*innen und andere, die im Umfeld der Kunst tätig sind. So sollte hier ein lebendiges Zentrum entstehen. Und in diesem Zusammenhang steht die HFBK Hamburg natürlich sehr weit oben auf meiner Liste.
Beate Anspach: Mit dem Ausstellungsprogramm und dem Atelierstipendium entsteht nun ein Ort zwischen Hochschule und professionellem Kunstbetrieb, zwischen künstlerischer Produktion und öffentlicher Präsentation. Welche Erwartungen oder Wünsche verbinden Sie mit diesem neuen Raum?
Hans-Jochen Waitz: Ich wünsche mir, dass die HFBK Hamburg dadurch noch stärker ins Blickfeld der Menschen rückt, die sich für Kunst interessieren. Am Lerchenfeld hat die Hochschule natürlich ein sehr schönes Gebäude, und auch die Veranstaltungen dort sind ausgesprochen gut. Aber man muss eben gezielt dorthin fahren. Hier sind wir näher am Zentrum. Die Galerien sind bereits da – und ich finde es nur folgerichtig, dass nun auch die Hochschule hinzukommt.
Beate Anspach: Das ist eine gute Überleitung: Liebe Luise Nagel, was zeichnet die Admiralitätsstraße als Galerienstandort aus?
Luise Nagel: Vor allem, dass wir uns gegenseitig stärken. Wir treten hier gemeinsam auf – als Einzelkämpfer*innen an unterschiedlichen Adressen wäre es deutlich schwieriger. Gerade bei den gemeinsamen Eröffnungen spürt man, wie viel das ausmacht. Die Admiralitätsstraße ist inzwischen ein etablierter Standort für Kunst. Hinzu kommt, dass hier auch Künstler*innen ihre Ateliers haben. Einige der Künstler*innen, mit denen wir zusammenarbeiten, sind im Laufe der Jahre hierhergezogen. Das macht den Ort für uns besonders wertvoll: Wenn Kurator*innen oder Sammler*innen zu Besuch sind, können wir mit ihnen direkt in die Ateliers gehen. Gleichzeitig bleibt man hier, fast wie auf einem kleinen Dorfplatz, gut informiert und in engem Austausch. Wir organisieren Transporte gemeinsam und unterstützen uns gegenseitig. Darin liegt für mich auch eine Art gelebte Utopie in der Stadt. Es ist schließlich keine Selbstverständlichkeit, dass sich in einer so zentralen Lage zwischen Neuem Wall und Speicherstadt künstlerisch-kreative Berufe halten können – und dass es einen Mäzen gibt, der all das ermöglicht. Das findet man nicht so oft.
Luise Nagel und Swaantje Benson (v. l.); Foto: Tim Albrecht
Beate Anspach: Sie haben bereits erwähnt, dass die Produzentengalerie mit einigen Absolvent*innen der HFBK zusammenarbeitet – zunächst natürlich, weil Sie die künstlerischen Positionen interessant finden. Zugleich bedeutet diese Zusammenarbeit aber auch eine langfristige Stärkung des Kunststandorts Hamburg. Spielt dieser Aspekt für die Galerie eine Rolle, oder ist das eher ein Effekt, der sich daraus ergibt?
Luise Nagel: Wir diskutieren innerhalb der Partner*innen immer wieder, ob ein so deutlicher Fokus auf Absolvent*innen der HFBK Hamburg dem Galerieprofil guttut oder ob wir uns nicht stärker an anderen Orten umsehen sollten. Man könnte uns Reisefaulheit unterstellen. Aber ich würde es genau andersherum betrachten: Es ist ein großes Glück und ein enormer Vorteil, dass wir mit der HFBK eine so gute Kunsthochschule in der Stadt haben. Wir können die Entwicklung der Studierenden von einem sehr frühen Zeitpunkt an verfolgen, ohne gleich auf sie zugehen und sagen zu müssen: Kommt, arbeitet mit uns. Stattdessen kann man sich über einen längeren Zeitraum kennenlernen, unterschiedliche Arbeiten sehen und beobachten, wie jemand Ausstellungen konzipiert, über die eigene Arbeit spricht und mit welcher Ernsthaftigkeit die künstlerische Praxis verfolgt wird. Das ist ein absoluter Standortvorteil. Inzwischen kommen Galerist*innen aus ganz Deutschland und aus dem Ausland zu den Rundgängen der HFBK. Wir haben ihnen gegenüber den Vorteil, dass wir die Studierenden über einen längeren Zeitraum begleiten können, miteinander bekannt gemacht werden und ihre Arbeiten auch in den zahlreichen Off-Spaces der Stadt sehen. Wenn die HFBK nicht so gut wäre, würden wir uns selbstverständlich anderswo umsehen. Aber solange es dort Künstler*innen gibt, deren Arbeiten uns wirklich interessieren und in unser Programm passen, ist dieser Fokus für uns nur folgerichtig. Dabei geht es auch um Verbindungen zwischen unterschiedlichen Generationen: von Olaf Metzel bis Noémi Barbaglia oder von Astrid Klein bis Prateek Vijan. Ihre Arbeiten sind sehr verschieden, finden innerhalb des Galerieprogramms aber dennoch zu einer gemeinsamen Sprache. Genau deshalb funktioniert es. Natürlich besuchen wir auch andere Kunsthochschulen und Ausstellungen an anderen Orten. Was ich an den Gesprächen mit den Studierenden der HFBK besonders schätze, ist, dass es dabei meist nicht nur um Worthülsen oder leere Behauptungen geht. Hinter dem, was sie sagen, steht etwas. Man merkt, dass sie eine ausgesprochen gute Schule des Sehens durchlaufen. Gerade bei denjenigen, die stärker bildhauerisch arbeiten, zeigt sich eine große Sicherheit im Umgang mit dem Raum: Wie konzipiere ich eine Ausstellung? Wie platziere ich meine Arbeiten? Wo kann ich etwas zurücknehmen, anstatt es in den Vordergrund zu drängen? Die administrativen Dinge können wir anschließend gemeinsam lernen: Wie schreibt man eine Rechnung oder einen Lieferschein? Das lässt sich alles vermitteln. Das Wichtigste ist zunächst, dass sich eine Arbeit im Raum behaupten kann, ohne bloß eine leere Hülle zu sein.
Mark Morris, The Trust in Others & the Lack of Faith in Me, 2026, Installationsansicht Graduate Show, Foto: Trent Crawford
Beate Anspach: Mit NOVA entsteht nun mitten in diesem Galerienquartier ein neuer Ort, dessen Ausstellungen parallel zu den Galerierundgängen eröffnen werden. Was wünschen Sie sich von dieser neuen Nachbarschaft – für die bestehenden Galerien, für den Austausch und für das Netzwerk, das Sie gerade so anschaulich beschrieben haben?
Luise Nagel: Zunächst einmal freue ich mich sehr darüber, dass drei Künstler*innen über einen längeren Zeitraum einen Atelierplatz erhalten und dadurch vielleicht nicht sofort aus Hamburg abwandern. Denn genau das ist eines der großen Probleme des Kunststandorts: Die Stadt investiert viel in die Förderung junger Künstler*innen – etwa durch Arbeitsstipendien und Programme wie Neue Kunst in Hamburg. Nach dem Studium fehlen jedoch häufig attraktive Perspektiven, sodass viele von ihnen die Stadt wieder verlassen. Deshalb freue ich mich zunächst einmal, dass drei so großartige Künstler*innen nun die Möglichkeit haben, ein Jahr lang hier zu arbeiten. Natürlich ist es schön, sie in der Stadt zu halten und zugleich die Verbindung zur HFBK zu stärken. Im Vordergrund sollte aber stehen, dass die Stipendiat*innen frei arbeiten können – ohne unmittelbare Zielvorgabe und ohne eine konkrete Aufgabe erfüllen zu müssen.
Beate Anspach: Gemeinsam mit Martin Köttering und den Mit-Jurorinnen Karin Günther (Direktorin der Galerie Karin Günter) und Ana Siler (ehemalige Direktorin der Galerie Sfeir-Semler und seit Juli Leiterin des Ausstellungsmanagement an den Deichtorhallen Hamburg) haben Sie in der vergangenen Woche die Stipendiat*innen ausgewählt. Nach welchen Kriterien sind Sie dabei vorgegangen? Was war Ihnen besonders wichtig?
Luise Nagel: Es sind 30 Bewerbungen eingegangen, die in ihrer Bandbreite sehr unterschiedlich und wirklich beeindruckend waren. Natürlich bringt jedes Jurymitglied eine eigene Perspektive mit, setzt andere Schwerpunkte und achtet auf unterschiedliche Aspekte. Am Anfang saßen wir vor all diesen Bewerbungen und fragten uns: Wie sollen wir daraus eine Auswahl treffen? Umso erstaunlicher fand ich, wie schnell wir uns letztlich auf die ausgewählten Master-Absolvent*innen Mark Morris (Zeitbezogene Medien bei Prof. Simon Denny), Nima Latifi (Film bei Prof. Omer Fast) und Pia Pospischil (Zeitbezogene Medien bei Prof. Simon Denny) einigen konnten. Ausschlaggebend waren allein die künstlerischen Positionen und die Qualität der Arbeiten. Eine solche Entscheidung ausschließlich auf Grundlage von Portfolios zu treffen, ist nicht einfach. Aber im gemeinsamen Gespräch kristallisierten sich bestimmte Positionen sehr deutlich heraus. Trotz unserer unterschiedlichen Perspektiven waren wir uns am Ende erstaunlich einig.
Pia Pospischil, Help PLA, 2026; Foto: Pia Pospischil
Beate Anspach: Swaantje, warum braucht es zusätzlich zu den bestehenden Ausstellungsmöglichkeiten der HFBK Hamburg jetzt noch einen Ort wie NOVA?
Swaantje Benson: NOVA gibt uns die Möglichkeit, noch stärker in die Stadt hineinzuwirken. Unsere bisherigen Ausstellungsräume befinden sich in Mundsburg und liegen damit für viele nicht unbedingt auf dem Weg. Hier sind wir nun sehr zentral und unmittelbar in einem etablierten Kunstumfeld präsent. Mit der HFBK boutique am MediaMarkt in der Mönckebergstraße haben wir zwar bereits einen innerstädtischen Standort, bewegen uns dort aber in einem vollkommen anderen Umfeld, in dem wir uns stark behaupten müssen. Hier befinden wir uns dagegen in einem Kontext, der unserer Arbeit und unseren Anliegen sehr viel mehr entspricht. Deshalb sind wir ausgesprochen glücklich, diesen Standort nutzen zu können – zum einen für die drei Stipendiat*innen, die hier in den Ateliers arbeiten werden, zum anderen für die geplanten Ausstellungen. Mit NOVA können wir die HFBK und ihre künstlerischen Positionen noch stärker im Zentrum der Stadt sichtbar machen.
Beate Anspach: Du verantwortest seit 2019 das Professionalisierungsprogramm an der HFBK Hamburg und entwickelst in diesem Rahmen zahlreiche Angebote für Studierende und Alumni, die den Übergang von der Hochschule in eine selbstständige künstlerische Praxis begleiten. Wo kann eine Kunsthochschule über den Studienabschluss hinaus sinnvoll Verantwortung übernehmen – und wo liegen die Grenzen dieser Verantwortung? Ist NOVA ein Modell dafür, wie eine solche Unterstützung aussehen kann?
Swaantje Benson: Ja, auf jeden Fall. Unsere Möglichkeiten liegen zunächst darin, zu beraten und Orientierung zu geben – auch bei ganz praktischen Fragen: Wie schreibe ich eine Rechnung? Was muss ich bei der Steuererklärung beachten? Wie komme ich in die Künstlersozialkasse? Es ist wichtig, eine Anlaufstelle zu bieten und mit unterschiedlichen Hilfestellungen den Übergang aus dem Studium zu erleichtern. Denn wenn nach dem Abschluss die Ateliers in der Hochschule geräumt werden müssen, stellt sich ganz konkret die Frage: wohin? In Hamburg gibt es durchaus Unterstützung, etwa durch die Hamburg Kreativ Gesellschaft oder durch Programme wie Neue Ateliers für die Kunst. Trotzdem befinden sich diese Räume nicht immer in einem so förderlichen Umfeld wie hier. Oft liegen sie weit außerhalb oder sind nur eingeschränkt nutzbar. Ein bezahlbares Atelier zu finden, bleibt ein riesiges Problem. Hinzu kommt der Wechsel vom Studierendenstatus in eine hybride, freie Erwerbssituation. Plötzlich muss man die Krankenversicherung finanzieren, versucht vielleicht, in die Künstlersozialkasse aufgenommen zu werden, und muss den Nebenjob ausweiten, weil viele Vergünstigungen wegfallen. Der Ernst des Lebens beginnt: Man muss seinen Lebensunterhalt verdienen und will gleichzeitig weiter Kunst machen. In dieser Situation ist ein Atelier eine enorme Unterstützung – ein Raum, in dem man denken, arbeiten und einfach sein kann. Es bedeutet auch, den privaten Wohnraum verlassen zu können, in dem künstlerisches Arbeiten zwar vielleicht möglich ist, aber unter ganz anderen Bedingungen stattfindet. Darin kann unsere Stärke als Hochschule liegen.
Luise Nagel: Neben der Möglichkeit, vorübergehend einen Atelierplatz oder ein Gebäude nutzen zu können, braucht diese Stadt vor allem langfristige Perspektiven. Künstler*innen benötigen Zeit und Ruhe. Mir wird immer wieder erzählt, dass es mehrere Monate dauert, bis man wirklich in einem neuen Atelier angekommen ist – nicht nur räumlich, sondern auch mental. Man muss sich einrichten, sich sortieren und den Kopf freibekommen, bevor man wieder konzentriert arbeiten kann. Dann ist das Stipendium oder die Zwischennutzung aber häufig schon fast vorbei.
Nima Latifi, Where Butterflies Sleep, 2026, 93 Min.; Filmstill
Beate Anspach: Vielleicht noch eine letzte Frage: Neben dem Stipendienprogramm soll es regelmäßig Ausstellungen geben, in denen renommierte Professor*innen und Künstler*innen der Hochschule gemeinsam mit Studierenden und Alumni ausstellen. Welche Möglichkeiten bietet dieses Modell, und was erhoffen wir uns davon?
Swaantje Benson: Von diesen generationsübergreifenden Konstellationen können natürlich wichtige Impulse ausgehen – von den Lehrenden zu den Studierenden, aber ebenso in die andere Richtung. Für alle Beteiligten eröffnet die gemeinsame Arbeit an einer Ausstellung neue Perspektiven und Formen des Austauschs. Zugleich bringen wir auf diese Weise künstlerische Positionen der HFBK mitten ins Zentrum der Stadt und unmittelbar in das Herz der Admiralitätsstraße. Da die Ausstellungen parallel zu den Galerierundgängen eröffnen sollen, hoffen wir, auch das Publikum zu erreichen, das hier bereits unterwegs ist. Umgekehrt können die Ausstellungen bei NOVA Studierende und ein jüngeres Publikum in die benachbarten Galerien führen – vielleicht zunächst angezogen von der eigenen Peergroup, die hier ausstellt. So kann eine Durchmischung des Publikums entstehen, von der sowohl die Galerien als auch wir profitieren. Einen solchen Austausch herzustellen, ist sonst gar nicht so einfach.