THOMAS DEMAND. Räume, die von gestern träumen, Ausstellungsansicht, 2026, MAK Contemporary © kunst-dokumentation.com/MAK
Spielräume und Bildsedimente
In seiner aktuellen Einzelausstellung Räume, die von gestern träumen im MAK Contemporary in Wien richtet Thomas Demand (Professor für Bildhauerei an der HFBK Hamburg) seinen fotografischen Blick auf historische Modelle von Bühnenbildern, die er aus dem Fundus des Theatermuseums Wien, des Nouveau Musée National de Monaco und des Deutschen Theatermuseums München ans Licht geholt hat. Sie reichen dabei von der tiefenillusionistisch gestaffelten Kulissenanordnung des Spätbarock über die oft düstere Naturmystik der romantischen Prospektmalerei bis zum atmosphärisch suggestiven Theaterraum mit Abstraktionstendenz um 1900.
THOMAS DEMAND. Räume, die von gestern träumen, Ausstellungsansicht, 2026, MAK Contemporary © kunst-dokumentation.com/MAK
Wichtiger als Stilvielfalt dürfte Thomas Demand bei der Auswahl dieser Bühnenmodelle ihre titelgebende Gemeinsamkeit gewesen sein. Sie wurden alle für Musik-, Sprech- und Tanztheaterstücke mit historisierenden Stoffen konzipiert und imaginierten, unabhängig von ihrer eigenen Epoche, jeweils ein Gestern. In diesen zeitlichen Versatz taucht der Künstler mit einem Periskop ein, genauer gesagt mit einem Sondenobjektiv, das es ihm erlaubt, die verkleinerten Guckkastenbühnen aus dem Inneren ihrer Konstruktion zu erkunden. Ihre illusionistischen Schichtungen nimmt Demand dabei in bis zu neunzig Einzelfotografien und in aller Schärfe in den Blick, um sie dann zu je einem großformatigen fotografischen Palimpsest zu kollabieren.
Unter den rund 25 Schichtbildern der Ausstellung, die zwischen konstruierter Nahansicht und landschaftlichem Weitblick changieren, findet sich etwa eine dichtgestaffelte Gebirgslandschaft aus Kulissenentwürfen zu Guillaume Tell, der letzten Oper von Gioachino Rossini, die 1829 uraufgeführt wurde, aber im frühen 14. Jahrhundert spielt. Zu Richard Wagners Tannhäuser aus dem Jahr 1845, dessen Sängerkrieg um das Jahr 1200 angesiedelt ist, gibt eine schablonenhafte Vegetation den Blick auf die Weite des gemalten Bühnenprospekts frei. Über sichtbare Einzeichnungen und Schnittkanten bleibt dabei stets die Materialität der Modellkulissen präsent, was den abstrakteren Schichten der Fotokompositionen, ähnlich dem Faux terrain der klassischen Panorama-Rundmalerei, eine immersive Räumlichkeit einhaucht.
THOMAS DEMAND. Räume, die von gestern träumen, v.l.n.r.: Thomas Demand, L’Africaine XVII; L’Africaine XVI; Antonius und Cleopatra XIV, Ausstellungsansicht, 2026, MAK Contemporary © kunst-dokumentation.com/MAK
Zu Giacomo Meyerbeers romantischer Grand Opéra L’Africaine, die das Publikum seit 1865 an die afrikanische Ostküste des 15. Jahrhunderts entführt, lässt Thomas Demand überhaupt die Modellkonstruktion das Bild dominieren. In einer schwankenden Collage aus periskopischen Auf- und Untersichten reanimiert der Künstler die alternde Schiffsmaquette zum zentralen Akt einer Schiffsmeuterei bei hohem Seegang. Gleichzeitig evozieren die geknoteten Fäden und zerfallenden Stofffetzchen, Platzhalter für schwere Schiffstaue und mächtige Segel, auch die Seilzüge des Schnürbodens mit seinen beweglichen Stoffkulissen, die Mechaniken des Sinnesverzauberung. „Drum schonet mir an diesem Tag Prospekte nicht und nicht Maschinen!“, lässt Johann Wolfgang von Goethe 1808 den Theaterdirektor im Vorspiel zu Faust I appellieren, „Gebraucht das groß‘ und kleine Himmelslicht“.
Das Periskop kann im schachtelgroßen Bühnenbildmodell auch auf die Sichthöhe der imaginären Darsteller*innen längst verflogener Szenen abgesenkt werden, wie Thomas Demand im Künstlergespräch zur Eröffnung seines neuen Werkzyklus im MAK erläuterte. Damit ist auch eine kommunikative Funktion dieser selten erhalten gebliebenen Entwurfsmodelle angesprochen, an denen sich neben planerischen Voransichten des Dekors auch szenische Abläufe erörtern ließen. Die visuellen Nachinszenierungen an Werkmodellen der Vorinszenierung lässt Demands aktuelle Fotografien selbst zu epistemischen Verwandlungsräumen zwischen den Zeiten werden, die nicht allein von gestern träumen. Ihre Imaginationen von Zeit und Raum überlagern sich vielmehr sowohl materiell als auch ideell, wodurch sie in einer poetischen Schwebe gehalten werden.
Seine künstlerische Praxis beruht konsequent auf Übersetzungsvorgängen zwischen Modell und Fotografie, was ihn in den 1990er Jahren schlagartig bekannt machte. So hat Thomas Demand ikonische Presse- und Tatortbilder räumlich in Karton- und Papiermodellen nachgebaut, allerdings ohne ihre historischen Akteure. Aus der originalen Kameraperspektive wurden diese maßstabsgetreuen Raumrekonstruktionen wiederum abfotografiert und anschließend zerstört. Demand nimmt den Umweg über das abstrakte und transiente Modell, um kollektive Gedächtnisbilder vor den Vorhang zu holen und ihre Träger*innen vor die Frage der historischen Zeugenschaft von zirkulierenden fotografischen Bildern zu stellen.
THOMAS DEMAND. Räume, die von gestern träumen, Ausstellungsansicht, 2026, MAK Contemporary © kunst-dokumentation.com/MAK
Die Räume, die von gestern träumen folgen keiner klassischen Kameraperspektive mehr, die in Imitation des menschlichen Sehens einen Aug- und damit Identifikationspunkt anbieten würde. Vielmehr kompilieren sie multiple Perspektiven versetzter, periskopischer Bildschichten; es sind „Blicke von Nirgendwo“, wie sie Jan von Brevern 2011 für die frühe Panoramafotografie der Alpen beschrieben hat, mit der man geologisch-chronologische Schichtungen im Bild fassbar machen wollte. Demands in diesem Sinne panoramische Fotografie zeigt, dass sich Bilder selbst in Schichten aus Erinnerung, Mythos und Vorstellungskraft zu sedimentieren und in immer neuen Topografien aufzufalten vermögen.
THOMAS DEMAND. Räume, die von gestern träumen, Thomas Demand, Fundusmodell, 2026, MAK Schausammlung Barock, Rokoko, Klassizismus, Ausstellungsansicht, 2026 © kunst-dokumentation.com/MAK
Seine aktuelle Ausstellung bettet er in ein raumgreifendes, grottenartiges Panorama ein, das jene unterirdischen Salzstöcke evoziert, in denen wertvolle fotografische Sammlungen zur Konservierung eingelagert werden. Die Anspielung auf eine zukünftige Sedimentation auch der eigenen Bilder erfolgt dabei mit einem Augenzwinkern, ist die Grotte doch eine Fototapete, die bloß zerknülltes Papier zeigt. In dieser stringenten Kontextualisierung hat der Künstler seinen neuen Werkzyklus gewissermaßen selbst kuratiert – nicht zuletzt mit der Fotoarbeit Fundusmodell, mit der er die gegenüberliegende Dauerausstellung des MAK inkubiert. Ihre Platzierung zwischen Interieurs aus Barock, Rokoko und Klassizismus lässt diese selbst wie Kulissen aus dem großen Theaterfundus entsteigen, womit Demand sie in den Bann der illusionistischen Spielräume seiner eigenen Ausstellung zieht.
Parallel zu seiner Einzelausstellung kuratierte er die inhaltlich wie räumlich höchst präzise choreografierte Gruppenausstellung Passants parmi les pierres. 27 künstlerische Positionen entfalten sich in den weitläufigen Räumlichkeiten des Kunstraums fjk 3. Den titelgebenden Passant*innen begegnet man dabei in den medialen Räumen der Fotografie, des Films und auch der Skulptur. Als wiederkehrendes Motiv schauen sie dort wiederum auf gebaute Räume, auf fiktive Architekturen und wirkliche Kulissen, wobei sie der Kamera oft den Rücken zuwenden. In seiner Eröffnungsrede machte Demand auf ihre Rolle als Identifikationsfiguren aufmerksam, wie sie in den Landschaftsgemälden des Romantikers Caspar David Friedrich auftraten. Bereits zu dessen Zeit standen Rückenfiguren für eine reflektive Betrachtung des Bildraums, in den sie nicht ohne Weiteres eintreten konnten.
Wie bei seiner eigenen Kunst ist auch in Demands kuratorischer Auswahl nichts, wie es scheint. Sie wurde durch ein Geschenk seines HFBK-Kollegen Omer Fast (Professor für Film) angestoßen: eine irritierende Farbfotografie, auf der eine lachende Häftlingsgruppe vor den Baracken eines Konzentrationslagers zu sehen ist. Ihr digitaler Zeitstempel weist sie als Schnappschuss aus dem Jahr 1993 aus, in dem Statist*innen in einer Drehpause auf dem nachgebauten Filmset zu Schindlers Liste posieren. Ebendiese Sprünge zwischen historischem Ereignis, medialer Inszenierung und unserer Erinnerungskultur kennzeichnen auch die weiteren künstlerischen Beiträge der Ausstellung, unter anderem von Sibylle Bergemann, Martin Boyce, David Claerbout, Tacita Dean, Omer Fast, Jens Franke, Fischli & Weiss, Yoshinori Mizutani, Thomas Struth, Jeff Wall und Carrie Mae Weems. In einem Polaroid von Haris Epaminonda dominieren die erwähnten Rückenfiguren, Passant*innen in Freizeitkleidung, deren abgewendete Blicke den Steinen eines Kulissenbergs gelten, der ein Stück echte Bergkulisse freigibt – wirklich?
Anstelle von Wandtexten ziehen assoziative Prosaminiaturen des österreichischen Schriftstellers Clemens J. Setz auf freistehenden, an botanische Gärten erinnernden Schildern eine weitere fiktive Ebene in den Ausstellungsraum ein. Dieser könnte für den klugen und poetischen Parcours von Thomas Demand idealer nicht sein, bewegt man sich doch durch einen ehemaligen Schauraum für Baukeramik-Modelle, deren historische Muster noch die Fassade und eine Decke zieren. Demand möchte seine aktuelle kuratorische Arbeit als ein von seiner Kunst völlig getrenntes Projekt verstanden wissen. Dass sich dieses dennoch entlang seiner eigenen künstlerischen Blickachsen und Engführungen entfaltet, ist nicht das geringste Verdienst des Künstler-Kurators.