Eine gerahmte Farbfotografie hängt an einer weißen Ausstellungswand. Das Bild zeigt eine Person in dunkler Kleidung vor einem nächtlichen oder schwach beleuchteten Hintergrund. Warmes Licht fällt auf das Gesicht, während geometrische Strukturen und Reflexionen im Hintergrund eine atmosphärische, nachdenkliche Stimmung erzeugen.

Tobias Zielony, Overshoot, Ausstellungsansicht Produzentengalerie Hamburg, 2026 © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Courtesy: Produzentengalerie Hamburg, Foto: Helge Mundt

Critics' Picks

Tobias Zielony in der Produzentengalerie, Hamburg

Massive, monumentale Betonbauten aus gestaffelten geometrischen Formen ragen in den neapolitanischen Nachthimmel. Die Fotografien und Videoaufnahmen von Tobias Zielony stammen aus seinem Aufenthalt in Neapel im Jahr 2024. Overshoot dreht sich um die Betrachtung zweier architektonischer Entwürfe des acht Jahre zuvor verstorbenen Architekten Aldo Loris Rossi. Der eine ist das heute leerstehende „Casa del Portuale“ am Hafen, ursprünglich als Zentrum für dessen Infrastruktur konzipiert. Es basierte auf der Idee einer stationären Arbeiterschaft im Hafen, die sich während der Fertigstellung bereits in der Auflösung befand. Der zweite ist seine als Rondell angelegte Wohnsiedlung „Piazza Grande“ aus dem Jahr 1979. Overshoot strukturiert sich entlang von vier Blickachsen: das Visionierte, das Abgehängte, das Gelebte und das Folgende. Ausgangspunkt dieser Perspektiven sind die architektonischen Entwürfe Aldo Loris Rossis und ihre angelegte Utopie. Seine Vision bestand darin, Wohnen, Leben und Arbeit innerhalb eines geschlossenen Systems zu organisieren. So sind in der „Piazza Grande“ um einen großen kreisförmigen Innenhof kleinere Grünflächen und ein Sportrasen angesiedelt: eine Struktur, die suggeriert, alles zu enthalten, was zum Leben gebraucht wird. Vertikale Türme, komplexe Geometrien und das In-sich-Abgeschlossene erzeugen das Bild eines Bunkers oder einer Raumstation. Wie eine geometrisch organisierte Megastruktur sollte die Architektur den Alltag der dort Lebenden vorgeben. Seine Bauten vereinen eine halb erfüllte Utopie mit sich im Wandel befindenden sozialen und wirtschaftlichen Realitäten. Während das “Casa del Portuale” von den Veränderungen der Arbeitswelt überholt wurde und heute leer steht, wird die Piazza Grande weiterhin belebt und umfunktioniert. Obwohl es nach den Bedürfnissen der Menschen gebaut wurde, wirken sie in dem System wie Fremdkörper. In einer Architektur, die selbst Visionen entwirft und diese räumlich erzwingt, wirken beiläufige Bewegungen wie etwas Unvorhergesehenes. Den architektonischen Visionen stehen Aufnahmen aus dem Innenraum einer Wohnung gegenüber, deren Einrichtung Spuren einer Serienkulisse trägt: auffällige grafische Tapeten, marmorierte Böden, inszenierte Oberflächen. Beide Systeme – Architektur und Serie – entwerfen inszenierte Lebensformen: Rossi durch ein gebautes Raumprogramm, die Serie durch Bilder und Narrative. Zielonys Blick bewegt sich zwischen beiden Ordnungen. Er folgt stellenweise der architektonischen Vision und den räumlichen Strukturen. Gleichzeitig richtet er sich immer wieder auf die dort lebenden Menschen und Oberflächen, die von der Witterung gezeichnet sind. In der filmischen Arbeit wechseln längere Kamerafahrten mit statischen Einzelaufnahmen, aufgebrochen durch kurze, fragmentierte Sequenzen. Ein stotterndes Folgen, ein Hinterherlaufen; eine Bewegung wie Nachbilder, die die zeitliche Verschiebung zwischen architektonischer Vision und gelebter Realität sichtbar macht. (Katrin Krumm)

Tobias Zielony, Overshoot, Produzentengalerie Hamburg, 22.5. – 10.7.2026

Daniel Hopp im Kunsthaus Hamburg

Ein riesiger Bauzaun hat den großen Ausstellungssaal des Hamburger Kunsthauses in kleinere Räume gliedert. Diese aufwändige und stimmungsvolle Ausstellungsarchitektur für Daniel Hopps (Master-Abschluss 2020 bei Prof. Jeanne Faust) erste institutionelle Einzelausstellung war passend gewählt. Denn sie erinnerte stark an die umzäunte Wiese nur wenige hundert Meter vom Museum entfernt, auf der sich das Drob Inn, eine Beratungsstelle für suchtkranke Menschen, befindet. Menschen, die in unserer Gesellschaft unsichtbar und ungewollt sind, in dieser Ausstellung aber die Hauptrolle spielten. Hauptrolle ist dabei ganz im wörtlichen Sinne gemeint: Denn Hopp hatte in Zusammenarbeit mit von Sucht und Obdachlosigkeit betroffenen Menschen in Hamburg, Berlin und München biographisch inspirierte Filmszenen erarbeitet und gedreht. Der daraus entstandene Film, sowie Videomaterial aus dem Proben- und Arbeitsprozess waren auf Bildschirmen zu sehen, die an dem Bauzaun befestigt waren. Es sind teils erschütternde Geschichten, die die Teilnehmenden in Interviews und bei den Proben erzählen, von familiären Problemen, psychischer Erkrankung und Gewalt. Hopp fragt nach einzelnen Szenen oder filmischen Bildern, die ihr Leben visualisieren: Menschen werden hin- und hergerissen von einer Menge, sind in einer innigen Umarmung, zwei Menschen sitzen auf einem Stuhl. Zusammengenommen und angereichert mit einem Meta-Narrativ über einen Kunstraub ergibt sich ein atmosphärisch dichter Film. Dass Hopp dabei nie ins Exploitative rutscht, mit Humor und gezielt eingesetzten filmischen Mitteln immer wieder eine zweite Ebene in die persönlichen Geschichten einzieht, ist die große Stärke des Projekts. Ork-Kostüme oder Tarantino-Klischees mit Wasserpistole eröffnen im Spiel vielleicht auch neue Perspektiven auf das eigene Schicksal. Fictional Healing war dann auch der bewusst gewählte Ausstellungstitel. Ob das Schauspielen therapeutisch sein kann, bleibt offen. Aber sicherlich hilft es gegen die Unsichtbarkeit. (Raphael Dillhof)

Daniel Hopp, Fictional Healing, Kunsthaus Hamburg, 28.3. – 24.5.26

Juan Ricaurte-Riveros im Kunstverein Harburger Bahnhof

„Du willst die ganze Geschichte hören? Also gut: Alles fing an mit der Gier“ sind die ersten Worte, die in Juan Ricaurte-Riveros‘ (Master-Abschluss 2023 bei Prof. Thomas Demand) Videoinstallation aus dem Off erklangen. Damit war das Thema gesetzt, welches der Künstler in seiner ersten Einzelausstellung im Kunstverein Harburger Bahnhof beackerte, nämlich das ganze Ausmaß menschlicher Habgier, wie auch schon der Titel Plata o Plombo andeutete: „Silber oder Kugeln“ war einst das erpresserische Motto des kolumbianischen Drogenbosses Pablo Escobar, der damit seine Opfer vor die Wahl zwischen Schmiergeld oder Tod stellte. Im übertragenen Sinn ist es aber als Grundprinzip jeder Ausbeutung lesbar, von der spanischen Kolonialisierung der „neuen Welt“ bis zum räuberischen Kapitalismus unserer Zeit.

Das Video selbst ist eine Art Prosagedicht, eine Stream-of-Consciousness-Erzählung oder vielmehr: ein Gebet. Denn auf der Bildebene kreist die Kamera um eine Muttergottes des Geldes, die inmitten einer Wiese aus Plastikblumen steht. Mit einer überdimensionalen Krone aus Spielgeld und goldener Rettungsdecke als behelfsmäßigem Umhang, lauscht sie still weinend mit erhabenem Blick den Beschwörungen der Stimmen aus dem Off, die abwechselnd in Spanisch und Englisch über Reichtum und Armut sprechen, über Wünsche und Träume, über seltene Erden, Zuckerrohr und Kokain. Es ist ein hypnotisches Video, das die Betrachtenden tief in ihren Bann zog. Auch die starke Inszenierung trug dazu bei: Rund um die Leinwand bedeckte Erde den Boden, darauf lag eine zerfetzte Rettungsdecke – der Umhang der Madonna – deren Teile zu Schmetterlingen gefaltet sind. Im Schein des Videos glitzerten sie traurig vor sich hin. Daneben lag die Krone aus Geld im Staub. Eine postapokalyptische, düstere Landschaft: Ist hier die Gier endlich überwunden? Oder hat sie endgültig gewonnen – und dabei die ganze Welt mit sich gerissen? (Raphael Dillhof)

Juan Ricaurte-Riveros, Ag⁴⁷ õ Pb⁸² • Silver or Lead, Kunstverein Harburger Bahnhof, 21.3. – 7.6.2026

When Music Becomes Form im ICAT der HFBK Hamburg

Der Ton macht nicht immer die Musik. Dass sie als Kunstform auch stillere Wege einschlagen und über andere, nicht zwangsläufig akustische Sinneseindrücke und mittels vieler Formen in unser Inneres dringen, uns physisch wie emotional bewegen kann, zeigte die Gruppenausstellung When Music Becomes Form im ICAT der HFBK Hamburg. Zwar bot sich bereits beim Eintreten ein Tablet als Jukebox an, bei der man einige Songs von HFBK-nahen Künstler*innen über Lautsprecher ausspielen konnte, doch zielten die restlichen Werke eher auf subtilere Arten der Formgewinnung von Musik – gerade, wenn es nicht um deren Hörbarkeit, sondern Sichtbarwerdung ging, wie etwa auf Jorinde Voigts drei großformatigen Zeichnungen 2 Horizonte (Belgien I, III, IV) aus 2010/11.⁠ ⁠Da bewegen sich feine Notationen aus bunten Linien über das Papier, wirken wie poetische und zugleich wissenschaftliche Darstellungen von Ländern oder Kontinenten. Um sie herum liegen Pfeile, suggerieren Rotation und evozieren damit die für den Menschen nicht direkt hörbare Bewegung tektonischer Platten. Was hier also eigentlich in Bewegung gerät und den Ton angibt, ist die eigene Imagination. Ähnlich geht auch Siri Hammarén (HFBK-Studentin im Schwerpunkt Bildhauerei und Film) mit ihrem Film Hands at Work (2026) vor, bei dem die Kamera den Händen eines Dirigenten folgt. Obwohl alles auf stumm geschaltet ist, kann seine Performance ein Orchesterstück erzeugen: in der Vorstellung der Betrachtenden. Wie vielfältig und dynamisch die künstlerische Transformation von Musik sein kann, zeigten in der Schau zudem die Klangkästen von Tintin Patrone (Diplom 2011 in Zeitbezogenen Medien bei Prof. Matti Braun) die Malerei von Ronja Zschoche (Bachelor of Fine Arts 2016 bei Prof. Anselm Reyle) und Studierende der Klassen Bühnenraum der HFBK Hamburg und Multimedia-Komposition der HfMT Hamburg, die gegen Ende der Laufzeit den Ausstellungsraum unter dem Motto Alone Together übernahmen und neue Arbeiten beisteuerten. Den Schlussakkord setzte die Schau dabei ganz individuell: mit dem Potenzial, in den Köpfen der Besuchenden noch lange nachzuhallen. (Philipp Müller)

When Music Becomes Form, Siri Hammarén, Tintin Patrone, Jorinde Voigt, Ronja Zschoche, Studierende der Klasse Bühnenraum (HFBK) und der Klasse Multimedia-Komposition (HfMT), ICAT der HFBK Hamburg, 2.4. – 3.5.2026

Magdalena Los und Pablo Schlumberger im Drawing Room, Hamburg

Wenn Magdalena Los (Master-Abschluss 2018 bei Prof. Jutta Koether) und Pablo Schlumberger (Master-Abschluss 2028 bei Prof. Andreas Slominski) gemeinsam ausstellen, dann sind es Kooperationen, die eine spezifische Autor*innenschaft für die einzelnen Arbeiten nicht erkennen lassen – für Eingeweihte wohl aber Einflüsse aus den jeweiligen individuellen Praxen. Duett komplett ist ein erneuter Auftritt der beiden als Duo, ein abenteuerliches und tragikomisches Potpourri, das kein ein harmonisches Duett sein will. Als wiederkehrendes, gemaltes Motiv taucht die berühmte Schlussszene aus Modern Times von Charlie Chaplin, in der die beiden Hauptfiguren, der Tramp (Chaplin selbst) und die heimatlose junge Frau (Paulette Godard) Hand in Hand dem Horizont entgegen gehen in vier Variationen in der Ausstellung auf. Modern Times sei nicht nur die Kritik an Industrialisierung, Rationalisierung und Klassenverhältnissen, „sondern“ so die Künstler*innen „die Beharrlichkeit einer Beziehung, die unter diesen Bedingungen eigentlich keinen Platz hat. Das Paar besitzt nichts, hat weder einen festen Ort, noch einen Plan. Der Schluss verspricht nicht unbedingt ein Happy End, sondern nur ein gemeinsames Weitergehen Die Figuren sind gewissermaßen unzureichend für die Welt, in der sie leben, und bleiben trotzdem handlungsfähig.“ Bewegung und damit auch Taktung, etwa durch Musik spielt eine zentrale Rolle in der Ausstellung. Und Figuren, die dem Paar aus Modern Times in seinem romantischen Trotz sehr ähneln, bevölkern sie. Bei den Skizzen und Skulpturen von Pferden schließlich eine ausdrückliche Bewegung des Widerstands eingefangen, denn ein ausschlagendes Pferd verweigert sich, entzieht sich der Kontrolle und durchbricht einen erwarteten Ablauf. Solche Überraschungsmomente des Ausbruchs erzeugen Los und Schlumberger häufig durch die Bearbeitung gefundener Materialien, von denen viele in die Ausstellung Einzug gehalten haben – wie etwa Notenblätter historischer Schlager. Auch das Motiv aus Modern Times ist kein unmittelbares Filmzitat, sondern stammt von einem Bierdeckel der gleichnamigen Bar in Düsseldorf, wo die beiden inzwischen leben. Und die wohl rätselhafteste Darstellung eines Paares in der Ausstellung, betitelt Cremst du mir die Ellenbogen ein? ist quasi Fundstück. Diese Szene, mit der sich Fürsorge, Banalität, Intimität, Absurdität, Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse verbinden lassen, haben die Künstler*innen tatsächlich in einem Park beobachtet. (Julia Mummenhoff)

Magdalena Los & Pablo Schlumberger, Duett Komplett, Drawing Room, Hamburg, 24.3. – 24.4.2026

Noémi Barbaglia in der Galerie der Wassermühle Trittau

Lange, dünne Lamellen hängen von der Decke, ohne den grauen Betonboden des Ausstellungsraums zu berühren. Durch die zartgrünen, fast durchsichtigen Vorhänge schimmert das Tageslicht, während das Dahinter schemenhaft flimmert. Mit dieser räumlichen Setzung verwandelt die Künstlerin Noémi Barbaglia (Master-Abschluss 2022 bei Prof. Andreas Slominski) sich ein Alltagsobjekt an, das als Trennkörper zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren agiert. Die zwölf Meter lange Skulptur „Shift“ ist eine Replik eines Lamellenvorhangs, wie er insbesondere in Büro- und Gewerbelandschaften der 1990er Jahre allgegenwärtig war. Material und Technik sind bei Barbaglia zentrale Bedeutungsträger. Sie arbeitet mit meterlangem, weichem Glasfaserstoff, der durch die Reaktion mit Epoxidharz zu einer festen Form erstarrt. Der Übergang von weich zu hart markiert den Versuch, Flüchtigkeit zu fixieren, ohne ihre Beweglichkeit vollständig aufzuheben. Dieses Spiel sieht man auch in den Vorhängen. Sie lassen Licht hindurch und können zugleich den Blick versperren. Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit erscheinen hier nicht als Gegensätze, sondern als wechselseitige Bedingungen. Das Sehen wird zu einem Prozess des Verschiebens, Freigebens und Verbergens. Die plastischen Hüllen wirken wie materielle Spuren dieser Bewegung. Fast wie Fossilien zeugen die Skulpturen von vergangenen Zuständen als haptische Überreste. In diesem Sinne lassen sich die Arbeiten auch durch den Resonanzbegriff des Soziologen Hartmut Rosa lesen. Für Rosa entsteht Weltbeziehung dort, wo Mensch und Umwelt einander antworten. Resonanz bezeichnet kein Verschmelzen, sondern ein wechselseitiges Berührtwerden. Barbaglias Skulpturen scheinen genau in diesem Zwischenraum zu operieren: Sie halten nicht einfach Formen fest, sondern machen Beziehungen sichtbar. Die Lamellen trennen Raum und verbinden ihn zugleich; sie reagieren auf Licht, Architektur und Bewegung der Besucher*innen. So entsteht eine Installation, die weniger als abgeschlossenes Objekt erscheint denn als sensibles Gefüge von Relationen – ein Echo auf die Welt, das weder verstummt noch sich vollständig greifen lässt. (Theresa Weise)

Noémi Barbaglia, Shift, Galerie der Wassermühle Trittau, 18.4. – 17.5.2026

Helen Hu und Katsuhiko Matsubara in der Galerie Von Wegen, Hamburg

Das Levantehaus in Hamburg eingangs der Mönckebergstraße bildet ein Stück Stadtgeschichte: einst als Kontorhaus errichtet, ist es seit Beginn an mit Handel und Warenverkehr verknüpft. Mit Levante (Osten, Morgenland) hat es zunächst nur seinen ersten Mieter gemein: der Deutschen Levante-Linie AG, einer Hamburger Reederei, die im Mittelmeer mit Seehandel tätig war. Inzwischen beherbergt das Gebäude diverse kleine mit Luxusartikeln bestückten Boutiquen, die am Beispiel des Teeladen „Compagnie Coloniale“ noch sehr direkt an die Verknüpfung Hamburgs mit Kolonialismus, Handel und Waren erinnern. Eingereiht in diese Schaufenster findet sich eine klassische Galerieausstellung in den Räumen der Galerie Von Wegen. Beim Versuch die warenförmige Inszenierung auszublenden und näherer Betrachtung haben die Malereien von Helen Hu (Master-Abschluss 2025 bei Prof. Anselm Reyle) und Katsuhiko Matsubara (Bachelor-Abschluss 2021 bei Prof. Anselm Reyle) allerdings auch das Potential ihre eigene Sprache losgelöst ihrer Umgebung zu Wort kommen zu lassen. Im Schein des installierten Spotlights öffnen sich die Bildwelten Katsuhiko Matsubaras einer intrinsischen Auseinandersetzung der Malerei: dem Licht. Zahlreiche Farbschichten erkunden in ihren hellen Bildwelten abstrakte Landschaften, die zu Flimmern scheinen, fluide wirken und imaginäre Biotope andeuten. Pastelle Flieder, Orange und Grüntöne lassen auf die tragende Rolle des Weißanteils sowohl im Vorder- als auch Hintergrund deuten – als würden die biomorphen Formen sich in die Gesso Schicht hineinlehnen und mit ihr verschmelzen. Davor tanzen und flirren weiße Schlieren und deuten Nebel oder feine Bänder prasselnden Regens an. Jedes Bild scheint einen von natürlichem Licht durchfluteten Organismus darzustellen, der das Kunstwerk als ökologischen Raum zwischen reflexiver Ästhetisierung und Abstraktion wahrnimmt. Entgegen der vollflächigen und vielgeschichteten Malereien Matsubaras breiten sich freie, unbehandelte Flächen über Helen Hus Gemälde aus. Sie werden gebrochen von breiten Pinselstrichen, wässrigen Farbflächen und Linien, die sich ganz der Komposition des Bildes widmen. Es sind unterschiedlich kodierte Farbauftragungsweisen, dichte Schichten, Streifen oder eben nahezu transparente Gewächse, die sich in den Hintergrund des Bildes verlaufen und in einen Dialog über Fläche und Zeichen treten. Sie verhandeln miteinander, scheinen unterschiedliche visuelle Sprachen zu sprechen. Als Referenz zu Hus mehrsprachlicher Sozialisierung verbindet sie malerische Elemente mit nahezu semantischen Methoden: so wird die unterschiedliche Haptik der Farbaufträge zu linguistischen Mitteln auf der Leinwand. Sie treffen ebenfalls in Form von abstrakten Landschaften aufeinander und entziehen sich einer eindeutigen Kodierung. So treibt der Titel der Ausstellung in Form von Sprechwolken, Lichtern und abstrakten Bewegungen vor dem inneren Auge vorüber. Ein Blick in ein erdachtes Außen, der jedoch nicht vollends vom Kontext der merkantilen Umgebung abschweifen kann. (Anne Meerpohl)

Helen Hu, Katsuhiko Matsubara, Shifting Light, Passing Cloud, Galerie Von Wegen, Hamburg, 17.4. – 6.6.2026

It’s Never Love, It’s Always Work, HFBK boutique & Satellit Pop-Up-Space

Stolz steht sie vor dem monumentalen Bau, Arme in die Hüfte gestemmt, breites Lächeln, mit Blick in die Kamera, zentral im Motiv. In den 1960er Jahren kam sie als griechische Gastarbeiterin nach Deutschland, das Foto zeigt eine Aufnahme aus einer Reise in die USA, im Hintergrund das Lincoln Memorial. Zu erkennen ist es an seinen Kolumnen, die sich rechts und links von ihr zu den Bildrändern aufstellen. Das neoklassistische Gebäude folgt dem Vorbild des Parthenon in Athen. Big Dream (2026) basiert auf einem Familienfoto aus Leonidas Kosmidis Familienarchiv. Vor dem Motiv sind linierte Karteikärtchen: “Ich passe mich an. Substantiv: Anpassung”. Eine Sprache zu lernen fungiert als Bewegung der Aneignung hin zu Familie und Herkunft. In der stolzen Geste vor dem Lincoln Memorial wird diese Bewegung als körperlicher Moment von Zugehörigkeit sichtbar.Migration, Krieg, Rassismus und Identität sind Wortcontainer, die in It’s Never Love, It’s Always Work durch Beziehungen Form finden. Begleitet durch Özlem Altın erzählt die Ausstellung Geschichten aus dem Blickwinkel von Beziehungen. Wie ein Verb, das diese formt, materialisieren sich in den Arbeiten aktive Aussagen zur Produktion dieser Verbindungen und ihren Gesten. Fragmented Body(2026) von Vixtoria Salomonsen und Orest Mazurkevyvh zeigt Mazurkevyvhs gerundeten Rücken, die Schultern eingezogen, die Haare auf den Körper fallend. Sechs winzige Rosendornen verlaufen entlang des Nackens. Das Motiv ist zweifach durchzogen, aufgeteilt in 54 Keramikfliesen; stellenweise fehlen Motivdetails, überlagert durch weiße Schlieren. Ein dünner Holzrahmen hält die Fragmente zusammen. Die 54 Fliesen wurden im ukrainischen Lwiw produziert, welche im russischen Angriffskrieg auf die Ukraine wiederholt Ziel schwerer Luftangriffe und Explosionen. Die Arbeit bezeugt verschiedenes: Sie dokumentiert einen Heimatverlust, die Verarbeitung dessen innerhalb einer romantischen Beziehung und den Umgang mit der Verantwortung, wenn Umstände zu einem Ungleichgewicht führen. Es ist ein vorsichtiger, zarter und respektvoller Vorschlag der materiellen Zusammenführung, wenn das physische “Zurückkehren” verwehrt bleibt. Mit Scharnieren versehene Holzpaneele trennen die beiden Ausstellungsräume eingangs der Mönckebergstraße wie Paravents. Fotografie, Skulptur, Installation und Filmarbeiten umkreisen das Individuelle, insbesondere die Wiederaneignung der eigenen Geschichte und die Reflexion darüber, aber auch das Kollektive und Erzählungen der anderen. Die Paravents tragen Arbeiten, sind aber auch Sinnbild des Körpers als Ort der Austragung: als (physische) Arbeitskraft, als bewegtes oder sich bewegendes Subjekt, in familiären oder romantischen Beziehungen, zwischen Staaten und Identität. (Katrin Krumm)

It’s Never Love, It’s Always Work: Omid Arabbay, Carmine Auricchio, Khingwei Bai, Ruth Brauchle, Andy Chen, Florian Gatzweiler, Sergej Hufnagel, Lio Kappel, Pikhān Khu, Leonidas Kosmidis, Qing Lan, Emma Maiwald, Moses Omeogo, Yoav Perry, Vixtoria Salomonsen, Vladislav Sili, Aimilia A. Theofilopoulos, Sude Nur Tosun, Marcela Vetter, Oksana Yushko, HFBK boutique & Satellit Pop-Up-Space, 5.6. – 12.7.2026

Raphael Dillhof studierte Kunstgeschichte in Wien und ist Redakteur von art – Das Kunstmagazin.

Katrin Krumm ist freie Autorin in Hamburg.

Anne Meerpohl ist kuratorische Assistenz im ICAT der HFBK Hamburg und Teil der Redaktion des Lerchenfeld-Magazins.

Theresa Weise ist Kunsthistorikerin, Autorin und Kuratorin. Sie schreibt unter anderem für die taz, DIE ZEIT und Arts of the Working Class. Derzeit ist sie am Städel Museum in Frankfurt/M. tätig.

Julia Mummenhoff ist seit 2009 an der HFBK Hamburg als Redakteurin und Autorin für Publikationen zuständig sowie seit 2014 für das Hochschularchiv.

Philipp Müller studierte Kunstgeschichte in Heidelberg und Hamburg. Er leitet die Ressorts Museum und Kunst für das Stadtmagazin SZENE Hamburg.

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