Das Buch Gestaltung und Gleichschritt. Die Geschichte der Hochschule für bildende Künste Hamburg im Nationalsozialismus von Alina Laura Just liegt freigestellt vor einem hellgrauen Hintergrund. Das türkisfarbene Cover zeigt den Titel in dunkler Schrift sowie eine historische Abbildung zweier uniformierter Figuren. Das Buch wirft einen dezenten Schatten und ist frontal fotografiert.

Alina Laura Just, Gestaltung und Gleichschritt. Die Geschichte der Hochschule für bildende Künste Hamburg im Nationalsozialismus, Forum Zeitgeschichte, Band 34, Metropol Verlag, Berlin, 2026; Coverabbildung

Kunstausbildung im Dienst der Ideologie

Im Spätsommer 2023 trat die HFBK Hamburg mit dem Wunsch an die Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH) heran, eine wissenschaftliche Studie zur Geschichte der HFBK-Vorgängerorganisation im Nationalsozialismus zu erarbeiten. Beim damaligen FZH-Direktor Prof. Dr. Thomas Großbölting traf der Wunsch auf offene Ohren, würde sich eine solche Studie doch nahtlos in die Erforschung verschiedener kultureller Institutionen Hamburgs und der Kulturpolitik in der NS-Zeit durch die FZH einfügen und um wichtige Perspektiven erweitern. Die Forschungsstelle beauftragte die im Themenfeld ausgewiesene Historikerin Dr. Alina Laura Just mit dem Forschungsvorhaben, deren Studie im Juni 2026 in der FZH-Reihe Forum Zeitgeschichte im Metropol Verlag erschienen ist.

Sabine Boshamer: Ihnen war es wichtig, den Untersuchungszeitraum nicht auf die zwölf Jahre NS-Diktatur zu beschränken, sondern die zeitliche Rahmung für die Studie mit 1928 bis 1955 sehr viel weiter zu fassen. Welche Überlegungen haben Sie dazu bewogen?

Alina Laura Just: Das nationalsozialistische Regime und seine faschistische Ideologie waren 1933 nicht einfach über Nacht plötzlich da, sondern hatten die Demokratie schon lange vor 1933 infiltriert. Die Vorgeschichte ist wichtig, wenn wir verstehen wollen, warum die Machtübertragung an die Nationalsozialisten erfolgte. Michael Wildt hat dies in seinem Buch Zerborstene Zeit eindrücklich nachvollzogen 1 . In der zeithistorischen Forschung ist es inzwischen allgemein üblich, den Nationalsozialismus in längerer Linie zu hinterfragen, auch über den Systemwechsel 1945 hinweg, der ebenfalls gradueller verlief, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Dies gilt auch für die Kunstausbildung am Lerchenfeld: Durch die Ausdehnung des Untersuchungszeitraums konnte ich erstens die institutionseigenen Spezifika und Anpassungsprozesse herausarbeiten, was wichtig war für den Vergleich mit anderen Institutionengeschichten im Nationalsozialismus. Zweitens konnten nur so die NS-Kontinuitäten an der Vorgängerinstitution der HFBK und in der hamburgischen Kulturlandschaft insgesamt nach 1945 mitbeleuchtet werden. Viele Vorgänge liefen über die Systembrüche hinweg, weshalb das Jahr 1933 ebenso wenig einen Bruch darstellt wie das Jahr 1945.

Sabine Boshamer: Können Sie solche fließenden Übergänge über die Systembrüche hinweg für das Lerchenfeld konkretisieren?

Alina Laura Just: Ja, denn es gab auch vor 1933 einflussreiche Beschäftigte am Lerchenfeld, die bereits Mitglieder der NSDAP waren. Dazu zählten der Dozent Heinrich Ludwig Meyer und der Verwaltungsleiter Richard Schrader. Bei solchen frühen Parteieintritten gehen wir von einer deutlich höheren persönlichen Übereinstimmung mit dem politischen Programm aus als nach 1933, denn nach der NS-Machtübernahme baute sich ein größerer sozialer Druck zum Anschluss an die herrschende Mehrheit auf und es gab außerdem keine Parteienvielfalt mehr. Nachdem die NSDAP die Macht in Hamburg und im Reich erhalten hatte, gehörten die „alten Parteigenossen“ Schrader und Meyer zum Kern einer nationalsozialistischen Gruppe am Lerchenfeld, die gegen weniger regimekonforme Kollegen intrigierte und die „Gleichschaltung“ der Institution bewusst vorantrieb. Auch das Kriegsende und die Befreiung von der NS-Herrschaft 1945 bedeuteten an der Landeskunstschule, wie die HFBK-Vorgängerinstitution ab 1945 wieder hieß, keinen klaren Bruch mit der bis dato herrschenden Ideologie. Mit dem Verwaltungsleiter Peter Wörmke übernahm am Lerchenfeld jemand die Geschäfte, der unter Hitlers Chefideologen Alfred Rosenberg mitverantwortlich für den Raub von Kulturgütern im besetzten Frankreich und Belgien war. Auch Wörmkes Nachfolger Konrad Tegtmeier kann als Profiteur des NS-Regimes gelten. Später kamen mit den Kunsthistorikern Werner Haftmann und Hans-Werner von Oppen Männer an die HFBK, die für Kriegsverbrechen und die systematischen Entlassungen Andersdenkender im „Dritten Reich“ verantwortlich zeichneten. Diese wichtigen Nachwirkungen des NS-Regimes aufzuzeigen, war mir nur möglich, indem ich über das Jahr 1945 hinaus geforscht habe.

Sabine Boshamer: Wirkte sich dies auf das institutionelle Selbstverständnis aus?

Alina Laura Just: Der institutionenspezifische Wandel, den ich angesprochen habe und der der andere Grund für die Ausdehnung des Untersuchungszeitraums war, betrifft die Erhebung zur Hochschule für bildende Künste Hamburg. Erst seit 1955 ist die HFBK tatsächlich eine Hochschule. Doch der Einsatz Angehöriger der Schule für diese Statusumwandlung begann schon in den späten 1920er Jahren. Schuldirektor Richard Meyer versuchte, den Senat von den Vorteilen einer Hamburger Hochschule für künstlerische Gestaltung zu überzeugen. Dieser institutionelle Selbstfindungsprozess entwickelte sich ganz unabhängig vom Nationalsozialismus. Zugleich fand es seinen Niederschlag in der nominellen Umbenennung zur Hansischen Hochschule für bildende Künste im Dezember 1933.⁠ ⁠Diese Umbenennung erfolgte aus Gründen der Konkurrenz mit der Kunsthochschule in Bremen, änderte am bisherigen Status der Schule rechtlich aber erst einmal nichts.

Sabine Boshamer: Mit Blick auf die von Berlin ausgehende nationalsozialistische Kulturpolitik: Gibt es Spezifika, die das Kulturleben in Hamburg ausmachten?

Alina Laura Just: Insgesamt muss man sagen, dass das Regime in Hamburg keinesfalls milder oder toleranter regierte als anderswo im Reich. Die sprichwörtliche Hamburger Weltoffenheit war im Nationalsozialismus eindeutig mehr Mythos als Realität – übrigens ein Mythos, den die Nationalsozialisten gern selbst kolportierten. Gezielt bewarben sie das Ausgehviertel St. Pauli als „Schaufenster zur Welt“ und nutzten bekanntlich auch die Olympischen Spiele 1936 zur Selbstinszenierung als international und weltoffen. Grundsätzlich wurde die vom Reich vorgegebene Struktur für Kunst und Kulturpolitik in Hamburg ebenso umgesetzt wie überall im Land: Es fanden sich hier entsprechende Ableger und Landesabteilungen der Einrichtungen auf Reichsebene: die Reichskulturkammer, die vom Reichspropagandaamt gesteuert wurde, das Reichsministerium für Wissenschaft und Bildung sowie der Kampfbund für deutsche Kultur waren die drei wichtigsten. Sie beeinflussten über ihre Hamburger Vertretungen wesentlich die kulturpolitischen Entscheidungen in der Hansestadt und strukturierten den Kulturbereich komplett im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie um.

Sabine Boshamer: Welche Rolle spielte in diesem Feld die damalige Landeskunstschule (1928), respektive Hansische Hochschule für bildende Künste (ab 1933)?

Alina Laura Just: Ein Bereich, der in dieser Hinsicht am Lerchenfeld besonders hervortrat, war die Abteilung Baukunst. Der nationalsozialistische Schulleiter Paul Fliether arbeitete mit Hitlers Sonderbeauftragtem Konstanty Gutschow daran, die Hansische Hochschule für bildende Künste zu einer Denkfabrik für Stadtentwicklung und Architektur im Dienst des NS-Staats umzubauen. Adolf Hitler hatte Hamburg zu einer seiner fünf „Führerstädte“ im Reich erkoren, der Architekt Gutschow sollte den baulichen Masterplan dafür entwerfen – und als Kaderschmiede dafür war die Hansische Hochschule für bildende Künste vorgesehen2 . Der Kriegsverlauf hat dieses Vorhaben dann vereitelt. Daneben gab es die für Hamburg seit den 1920-iger Jahren äußerst populären experimentellen Künstlerfeste. Das waren aus der freien Kunstszene heraus organisierte öffentliche Kostümfeste zur Karnevalszeit, die es zwar auch in anderen Städten wie München gab, aber eben auch in Hamburg: Im „Gleichschaltungsprozess“ der Nationalsozialisten bildeten sie keine Ausnahme. Die NS-Kulturfunktionäre nutzten die Beliebtheit und das moderne Image dieser Feste und passten sie den neuen ideologischen Vorgaben nach 1933 an. Expressionistische und dadaistische Inhalte wurden gegen volkstümlich-niederdeutsche ersetzt, die Urheber*innen politischer Kritik oder grenzüberschreitender Aktzeichnungen als „unsittlich“ diffamiert und verfolgt. Am Lerchenfeld betraf das beispielsweise den Grafiker und Maler Willi Titze oder den Bildhauer Richard Luksch. Beide waren maßgeblich an dem besonders gesellschaftskritischen Künstlerfest Krawall im All von 1932 beteiligt, bei dem unter anderem eine Hitlerkarikatur gezeigt wurde – und beide wurden genau aus diesem Grund 1934 entlassen.

Sabine Boshamer: Gab es Widerständige an der Landeskunstschule, die nach dem Systemwechsel dort noch in einer handelnden Position waren?

Alina Laura Just: Kaum, denn alle augenscheinlichen Nonkonformisten erhielten sehr schnell mit der NS-Machtübernahme ihre Entlassung und die Leitungsebene wurde ausgetauscht. Der jüdische Lehrende Friedrich Adler wurde aus antisemitischen Gründen ebenfalls sofort entlassen. Wie viele andere Orte der Kunstausbildung partizipierte das Lerchenfeld zwar an den Moderneströmungen wie Expressionismus und Bauhaus, die über einzelne Lehrende dort vermittelt und von Schüler*innen aufgegriffen wurden und in deren künstlerischen Lebensläufen weiterwirkten. Die Protagonist*innen genau dieser Strömungen unter den Lehrenden wurden direkt von zwei Entlassungswellen quasi mit Ansage erfasst. Danach gab es am Lerchenfeld keine künstlerische oder persönliche Vielfalt mehr jenseits der NS-ideologischen Vorgaben. Es gibt keine Hinweise darauf, dass sich unter den Beschäftigten irgendeine konzertierte Gegenwehr gebildet hätte. Stattdessen passten sich künstlerisches Personal ebenso wie die Angestellten in der Verwaltung und die Arbeiter*innen den neuen Verhältnissen mehrheitlich an und stützten dadurch das Regime.

Sabine Boshamer: Und wie stand es um die Gruppe der Studierenden?

Alina Laura Just: Bei den Studierenden mag es anders ausgesehen haben, vielleicht gab es unter ihnen mehr Eigensinn. Aber die Quellenlage für einen entsprechenden Nachweis ist dünn. Nur in Einzelfällen sind kritische Interventionen belegt wie die von Charlotte Heile oder Hermann Degkwitz. Unter den Studierenden scheint sich die Mehrheit gleichfalls an die nationalsozialistischen Herrschenden angepasst zu haben; viele waren sogar in den NS-Studierendenbünden organisiert und Parteimitglieder.

Sabine Boshamer: In der Untersuchung fokussieren Sie wiederholt auf „Kipppunkte“, die Sie als verdichtete Momente des Wandels umschreiben. Welches konkrete Ereignis konnten Sie als solchen Kipppunkt am Lerchenfeld identifizieren und welche Auswirkungen hatte er auf die Hochschule?

Alina Laura Just: Als Kipppunkt der Institution auf ihrem Weg in die Diktatur habe ich den Ausgang des Disziplinarverfahrens gegen Hermann Maetzig im Sommer 1934 ausgemacht. Maetzig war der von der NS-Schulbehörde anstelle des reformfreudigen Max Sauerlandt eingesetzte, vermeintlich linientreue Direktor ab April 1933.⁠ ⁠Er zählte aber nicht zu den „alten Parteigenossen“, war vielmehr gar kein Parteigenosse, sondern gehörte zur liberalen Mitte, die sich als unpolitisch verstand. Was ihn aus Sicht des nationalsozialistischen Senats für das Leitungsamt dennoch zunächst qualifizierte, war seine bereits langjährige Zugehörigkeit zum Lehrkörper am Lerchenfeld und außerdem sein besonders guter persönlicher Draht zum neuen Bürgermeister Carl Vincent Krogmann. Insofern war Hermann Maetzig in der Untersuchung eine außerordentlich interessante Person: seine Position und sein Handeln waren ambivalent, augenscheinlich ordnete er sich keiner Seite explizit zu, sondern versuchte einen Mittelweg auszuloten und verstrickte sich dabei unweigerlich in Widersprüche. Leitend für ihn scheint der eigene Machtzuwachs gewesen zu sein. Um seine eigene neue Führungsposition zu stärken, stimmte er den unrechtmäßigen Entlassungen der ins Visier geratenen Kollegen freimütig zu. Aber er arbeitete nicht mit den ideologischen Radikalen an der Schule zusammen und versuchte auch, Freiräume an der Schule zu erhalten und diese nur äußerlich ans Regime anzupassen. Es ist spekulativ, ob sich mit so einem sehr situativ agierenden Pragmatiker an der Schule vielleicht mehr Handlungsspielräume in der Diktatur erhalten lassen können. Aber Hermann Maetzig wurde wegen seiner zu geringen Übereinstimmung mit dem System 1934 entlassen. Dieser Moment wurde meines Erachtens zum Kipppunkt, denn nun folgte der SS-Mann und nationalsozialistische Hardliner Paul Fliether. Die Freiheit zur Gestaltung wurde damit massiv eingeschränkt und der Gleichschritt setzte sich endgültig durch.

Sabine Boshamer: In Ihrer Arbeit beziehen Sie sich auf das Konzept der „Bystander Society“ von Mary Fulbrook. Was hat es damit auf sich?

Alina Laura Just: Wenn wir den Begriff wörtlich nehmen, geht es um „Dabeistehende“, also um bei einem Ereignis auf unterschiedliche Weise „Dabeigewesene“. Mary Fulbrook wendet ihn auf die deutsche Mehrheitsgesellschaft in der NS-Diktatur an und bezeichnet damit jene, die einem Unrecht beigewohnt haben oder indirekt darin involviert waren, ohne es selbst initiiert oder federführend ausgeführt zu haben. Der Begriff eignet sich daher gut, um all jene verschiedenen Grade der Konformität und Verstrickung zu fassen, die das Handeln der durchschnittlichen Mehrheit der Bevölkerung im NS kennzeichnete. Denn das Bild war nicht schwarz-weiß, es gab nicht nur verbrecherische NS-Täter*innen auf der einen und Widerständige oder zu Opfern gemachte Personen auf der anderen Seite. Dazwischen arrangierte sich die große Mehrheit der Gesellschaft jeden Tag neu in einem persönlichen Für und Wider, in kleinen Momenten des Mitmachens oder Verweigerns, des Wegsehens, Hinschauens und neu Stellungbeziehens.

Sabine Boshamer: Können Sie an einem prägnanten Beispiel darlegen, wie man sich diese „Bystander“ am Lerchenfeld vorstellen muss?

Alina Laura Just: Der Dozent Carl Schröder kann beispielweise als „Bystander“ gelten. Er trat während der gesamten NS-Zeit nicht sonderlich in Erscheinung, zählte definitiv nicht nur NS-Gruppe an der Hochschule und war auch kein Mitglied der NSDAP. Er assoziierte sich also nicht aktiv mit dem Regime. Aber er unternahm auch nichts dagegen, sondern verrichtete geflissentlich weiter seine Arbeit, selbst als das Kollegium aufgefordert wurde, alle jüdischen Studierenden beim Namen zu nennen. Carl Schröder sammelte die Unterschriften und Namen in dieser Sache. Er arbeitete der Diskriminierung und möglichen gewaltsamen Handlungen gegen jüdische Studierende damit aktiv zu. Bemerkenswert erschienen mir auch die Reaktionen der entlassenen Lehrenden Alfred Ehrhardt, Karl Schneider und Karl Lang. Im Moment ihrer Entlassung im April 1933 zählten sie eigentlich zu den sogenannten „Opfern“ des Regimes: Sie sind zu Schaden gekommen, die nationalsozialistische Schulbehörde hat ihnen Unrecht getan, indem sie sie aus politischen Gründen entließ. Durch ihre nun folgenden Handlungen aber wurden sie auch zu „Bystandern“, denn sie machten sich im Moment, als sie an den Pranger gestellt wurden, mit den Tätern gemein, indem sie beteuerten „weder Jude noch Marxist“ zu sein, sich aktiv NS-Organisationen anschlossen oder ihre angeblich innerste völkisch-nationale Gesinnung offenlegten. Damit übernahmen sie die ideologischen Urteilskategorien des Regimes und verfestigten diese eben dadurch. Dass selbst unter solchem Druck auch anderes Handeln noch möglich war, zeigt übrigens die Reaktion des ebenfalls entlassenen Fritz Schleifers, der mutig an den Senator schrieb: „Es bleibt für uns lediglich […] Charakter zu bewahren und zu hoffen, dass Wahrheit und Gerechtigkeit einmal wieder eine Rolle spielen werden.“

Sabine Boshamer: Völlig neu in den Blick kommt die Gruppe der Sportlehrer*innen: Welche Rolle spielten diese im Schulalltag in der NS-Zeit und wie kam der Sport überhaupt ans Lerchenfeld?

Alina Laura Just: Es gab auch vor 1933 schon Sportkurse am Lerchenfeld, aber diese waren eher freiwilliger und sporadischer Art. Mit ihrem Machtantritt erhoben die Nationalsozialisten körperliche Ertüchtigung und Disziplin zu einem gesellschaftlichen Ideal und werteten deshalb auch das Sportfach an allen Schulen auf, selbst an den Kunsthochschulen. Das stand im Zeichen des in der Diktatur allgemein verordneten Kulturwandels hin zu einer Militarisierung der Gesellschaft und Mobilmachung für einen künftigen Krieg. Angeboten wurden vier Stunden pro Woche. Der Unterricht fand für Frauen und Männer getrennt statt. Während die Lehrerin für die Frauen zwar Parteimitglied war, sich politisch aber ansonsten nicht weiter hervortat, radikalisierten sich die Sportlehrer für die Männer mit dem Regime. Vom Lerchenfeld aus ging einer (Paul Brumm) zur Waffen-SS, und zwar zu einer Division, die heute als eine der verbrecherischsten überhaupt gilt, ein weiterer (Gerhard Hoins) ging zum SD der SS und war 1941 der mörderischen Einsatzgruppe C in der besetzten Ukraine zugeordnet und ein dritter (Max Dürrwitz) meldete sich freiwillig für den Schuldienst im besetzten Polen, wodurch er der rassistischen Germanisierungspolitik dort zwangsläufig zuarbeitete.

Sabine Boshamer: Neben den Täter*innen stehen die zu Opfern gemachten Personen. Welche Formen der Ausgrenzung haben Lehrende wie Studierende an der damaligen Hansische Hochschule für bildende Künste erfahren und aus welchem Grund? Wie sahen ihre jeweiligen Lebenswege im NS-Regime aus?

Alina Laura Just: Zu nennen sind zunächst die besagten Entlassungen von Max Sauerlandt, Friedrich Adler, Karl Schneider, Fritz Schleifer, Alfred Ehrhardt, Karl Lang, Hermann Maetzig, Willi Titze und Richard Luksch. Wir müssen bedenken, was diese Entlassung persönlich bedeuten konnte. Das war nicht einfach nur ein formaler Vorgang ohne Konsequenz. Für Friedrich Adler begann damit der Weg in die Isolation, Verfolgung und Deportation, der mit seiner Ermordung in Auschwitz endete. Fritz Schleifer und Willi Titze kämpften jahrelang mit aus der Entlassung heraus entstehenden wirtschaftlichen Problemen und konnten den Bruch in ihren Karrieren nie wieder ganz ausgleichen. Der Kunstschmied Friedrich Sprenger, der viele Jahre am Lerchenfeld unterrichtete, wurde nach jahrelanger Drangsalierung durch den nationalsozialistischen Schuldirektor Paul Fliether in den Zwangsruhestand geschickt, weil er sich politischen Aufträgen entzog. Sein Kollege Hugo Meier-Thur wurde über lange Zeit von der Gestapo scharf beobachtet und schließlich in der Haft in Fuhlsbüttel ermordet. Auch die Studierenden Charlotte Heile und Hermann Degkwitz wurden wegen NS-kritischer Äußerungen von der Gestapo verhört und verhaftet. Sie überlebten aber. Mit Sicherheit gab es gerade in der Studierendenschaft weitere Fälle der Ausgrenzung aus politischen und vor allem auch aus antisemitischen Gründen. Systematisch waren diese mit den vorliegenden Quellen nicht zu erfassen. Es sind aber vereinzelte Äußerungen über Diskriminierung durch Lehrende gegen jüdische Studierende überliefert, die diese zum Austritt aus dem Studium zwangen, etwa von Paul Herz und Jakob Wechsler. Und wir haben den Beleg, dass die Studentin Anna Plaut infolge des Aufrufs zur Denunziation von jüdischen Studierenden in den Klassen namentlich genannt wurde.

Sabine Boshamer: Auf welche Fragen haben Sie während Ihrer Recherchen keine Antwort gefunden? Können Sie Forschungsdesiderate und gegebenenfalls die Ursachen hierfür benennen?

Alina Laura Just: Gern hätte ich die Studierenden noch umfassender und systematischer in meine Untersuchung einbezogen. Dies war jedoch aufgrund der schwierigen Quellenlage nicht möglich. Zwar sind die Studierendenakten sämtlich erhalten, aber sie sind für den Zeitraum 1903 bis 1945 zusammengefasst abgelegt, und dazu in alphabetischer Reihenfolge. Man kann also einzelne Namen gut recherchieren, jedoch nicht gezielt nach Zeitabschnitten, wie speziell den NS-Jahren, suchen. Der gesamte Bestand müsste digital erfasst werden, um solche Recherchen zu ermöglichen. Das überstieg aber die Möglichkeiten in dieser Untersuchung bei Weitem. So blieb es vorerst bei Stichproben und Zufallstreffern. Mit der aktuellen Archiv-Präsentation Von Bruchstücken und Leerstellen: Studierende am Lerchenfeld 193345 zwischen Verfolgung, Anpassung und Täter*innenschaft in den Magazinräumen der HFBK-Bibliothek ist ein guter Impuls gesetzt. Ich hoffe, dass hiervon ausgehend weitergeforscht werden wird, am besten unter Beteiligung heutiger Studierender an der HFBK!

Dr. Alina Laura Just ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg und Autorin der Studie Gestaltung und Gleichschritt. Die Geschichte der Hochschule für bildende Künste Hamburg im Nationalsozialismus“

Sabine Boshamer ist die persönliche Referentin des Präsidenten und Pressesprecherin der HFBK Hamburg.

Die Präsentation „Von Bruchstücken und Leerstellen: Studierende am Lerchenfeld 193345 zwischen Verfolgung, Anpassung und Täter*innenschaft“ in den Magazinräumen der HFBK-Bibliothek ist noch bis Ende Juli zu besichtigen. (Öffnungszeiten: Mo–Do, 10:0020:00 Uhr, Freitag 10:0018:00 Uhr)

  1. Michael Wildt, Zerborstene Zeit. Deutsche Geschichte 1918 bis 1945, C. H. Beck Verlag, München 2022
  2. Alina Just im Gespräch mit Alexander Kraus: „Blaupause der ‚Musterstadt‘. Peter Kollers Vortrag an der Hansischen Hochschule für bildende Künste am 6.⁠ ⁠November 1940“, in: Das Archiv. Zeitung für Wolfsburger Stadtgeschichte, Jg. 10 (2025), Nr. 34, S. 911, https://www.wolfsburg.de/kultur/geschichte/izs/izs-aktuelles/das-archiv (zuletzt aufgerufen 30.6.2026)
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