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AMBIANCE OF AMBIVALENCE

Eben habe ich mich ins Bett gelegt, weil ich richtig schlimm müde bin. Dann musste ich aber wieder aufstehen um im dunklen Wohnzimmer doch noch was aufzuschreiben. Heute war ich bei einem Vortrag von Heidi Salaverria. Titel: The Beauty of doubting.

Ich wurde neulich erst wieder auf sie aufmerksam als ich im Katalog der Ausstellung “sexed power” (2018, mom art space in Hamburg) las. Dann fiel mir ihr Vortrag im Rahmen von „Hypercultural Passengers“ ein, an den ich mich gut erinnern kann. Fazit war: die deutsche Marschmusik prägt das deutsche Empfinden und ein Schwarz-Weiß-Denken, wohingegen die Musikrichtung, von der sie sprach, eine Zwischenphase generiert, die sich auch in der Lebenshaltung abzeichnet. Ein Grauwert. Ein Zweifel.

Heute ging es wieder um den Zweifel. Heidi Salaverria trug ihr Anliegen anhand einiger Zeichnungen vor. Sie erinnerten mich an meine Skizzen, die ich während der Schulzeit zu Mitose und Meiose gemacht habe und die mich seither begleiten. Ich war überraschend gut in Biologie. Ich empfand die Anspannung, die Zeitspanne bevor / nachdem die Zelle sich geteilt hatte, als Anspannung, die ‚alles‘ betrifft.

Heidi Salaverrias Vortrag war Arbeit. Sie arbeitet beim Vortragen, ich arbeitete beim Zuhören. Ich versuchte mitzudenken, mitzuschreiben, mitzuzeichnen, mitzukommen und zu übertragen. Zwischendurch war ich tief berührt und den Tränen nahe. Man könnte meinen, das wäre gefühlsduselig, aber es war einfach wichtig. Und gut.

Ausgangspunkt war ein Auftritt von Helene Fischer, in dem sie Michael Jacksons ‚Thriller‘ singt: https://www.youtube.com/watch?v=lfK-xivXGkE

(Habe aber auch noch dieses Video gefunden:
https://www.youtube.com/watch?v=NVBODbY_FS0
wenn man alle Assoziationen laufen lässt, wird es schmerzhaft.)

Helene Fischer ist wirklich ein großes Faszinosum für mich. Es gab neulich einen Beitrag auf Deutschlandfunk

https://www.deutschlandfunkkultur.de/musik-die-wir-verdient-haben-helene-fischer-seismograph-der.3682.de.html?dram:article_id=437775

und die Musik, die wir verdienen. War gut. Ich plädiere immer wieder dafür „Atemlos durch die Nacht“ gut zu finden, es zu fühlen und zu verstehen. Dabei stoße ich oft auf Unverständnis. Aber AMBIANCE OF AMBIVALENCE MUSS SEIN. Einst, Silvester 2017 schätze ich, war ich auf einer großartigen Party bei einer Freundin. Es kam nur wahnsinnig gute Musik, dazwischen 80er Hits. Dann habe ich heimlich Helene Fischer eingelegt und war einigermaßen betrunken, so dass ich über mich hinauswuchs und auf der Fensterbank zu diesem Lied tanzte. Ich war selbst überrascht. Wer nun aber denkt, das sei Ironie gewesen, liegt falsch. Es war etwas anderes, das ich noch nicht verstehe, aber ambivalentes Ambiente mag es treffen. Kraft spüren. Wow.

Aber ich schweife ab. Oder auch nicht. Heidi Salaverria beschrieb also ihren MOMENT, als sie das Video mit Helene Fischer in der Weihnachtszeit sah und wie „jeglicher Gedanke daran abperlte“. Es war der Inbegriff von (Selbst-)Sicherheit, identitärem Verhalten und dem, was sie im Laufe ihres Vortrages als CERTAINTY bezeichnete. Sie beschrieb Scham, Subjektbildung, oceanic feelings vor der Subjektbildung und die Limits of NO – die Autoritäten, die das Subjekt mit einer impermeablen Zelle umhüllen.

Denn sie bezog sich, glaube ich, auf Kant oder Hegel und das Schöne und das Angenehme und dass das Schöne etwas ist, das man unbedingt fühlt und teilen möchte. Zwingend. Auch wenn das Gegenüber dann sagt: och nö, nicht so mein Ding. Dann kam das Hegel-Hollywood-Model und noch viele gute Zeichnungen und ihr wesentlicher Punkt: how can the new stay mysterious without making someone angry (z.B. die „identitäre Bewegung“ und all die anderen Schisser)? How can old and new fall in love? Wie kann man dem Diktat der Sicherheit entfliehen?

DOUBT

The Beauty of Doubting!
Zweifel sind antiautoritär.
Zweifel enables you.
Zweifel entthront Autoritäten.

„becoming flüssig“

Zweifel als Antriebsstoff. Verzweifeln.

(Ich fahre demnächst mit meinem Vater nach Ägypten. Warum ist hier hinfällig - familiy affairs. Aber man kann das eigentlich nicht bringen. Marsa Alam war früher ein Fischerdorf und ist heute ein Touristenparadies /-hölle. Man kann hier das spätkoloniale, sich gegenseitig bedingende Spektakel von Tourismus, ästhetischer Entwicklung durch Erinnerung, Klimawandel, Sehnsucht und Wirtschaft, „white gaze“ (in „Blicke“ von Hengameh Yaghoobifarah, in „Eure Heimat ist unser Alptraum“, 2019) beobachten. Und / oder mitmachen. Ich mache da also bald mit. Ich verzweifle an meiner Entscheidung. Ich erzähle das sehr vielen Leuten. Jede*r reagiert anders. Aber niemand sagt: eh, das geht nicht. Fahr da nicht hin. Und ich fahre also hin. Und forsche im Urlaub.

Ich dort. Ist das ok? Bedürfnis / Erinnerung / Traum von Exotik - geht nicht mehr klar.

Erinnerung des Mythischen - geht zurück auf meine ersten beiden Reisen (alles Projektion) – Fotos Wiederholung ist nicht möglich Aber Ausschau halten. Die unendliche Geschichte.

„Doubting is always ambivalent – in between suffering and pleasure, in between undefined impulses and defined thoughts.“ („The Beauty of Doubting - Political Reflections on a Rebellious Feeling“, Reader, Heidi Salaverria, 2019)

https://rhizome.hfbk.net/p/167862