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Schlüssel und Schwelle, Brücke und Riss

Zum Begriff der Kunstvermittlung gehört seine Widersprüchlichkeit. Über das Produktive dieser Ambivalenz, die sich nicht zuletzt in der Silbe „Ver“-steckt.

„Das Gewohnte gerät ins Rutschen, wird verhandelbar. Das ist anstrengend – so wie interessante Kunst – mitunter“[1]


„Was heißt hier Vermittlung?“, fragt der Kunstpädagoge Alexander Henschel in seinem informierten und informativen Buch und geht dieser Frage mit beeindruckender Tiefe nach. So widmet sich seine Untersuchung dem Begriff von der Antike bis in die Gegenwart, nicht um ihn zu erklären, sondern um ihn zu verstehen und für die Diskurse und Praxen der Kunstvermittlung kritisch produktiv zu machen. Bei der Lektüre erscheint der Begriff der Vermittlung in vielen Facetten und Bedeutungen im Deutschen. Die umfassende Auseinandersetzung mit sozialhistorischen und philosophischen Begriffsgeschichten gibt oft erhellende, zuweilen erstaunliche Einblicke. So lernen wir, dass seine Konnotationen immer schon Trennung und Versöhnung zugleich bedeuteten und, dass der Vermittlung aus beiden Gründen misstraut wurde. Henschel spricht von „uneinholbarer Ambivalenz“ zwischen „Brücke und Riss“.[2]

In dieser Ambivalenz liegt eine trennende Kraft, ein Moment der Störung und Erschütterung, die von Autor*innen wie Eva Sturm, Carmen Mörsch und Karin Schneider seit den 1990er Jahren immer wieder betont und produktiv gemacht wurde. Kunstvermittlung schien uns – denn ich zähle mich auch dazu – ein widerständiges Versprechen zu bergen. Eva Sturm schrieb in den 2000er Jahren explizit von „Kunstvermittlung und Widerstand“[3]. Das ambivalente, kaum übersetzbare Wort der Vermittlung kam uns dabei gewissermaßen gerade recht. Denn es sagte anderes, mehr, widersprüchlicheres als bl0ß „Übermittlung“ oder „Wissenstransfer“. Es sprach eben auch die Trennung mit.

Wir wollten uns der Kunst als das stellen, was uns bewegen könnte[4] und zwar so, dass wir dabei auseinandergenommen werden würden[5], dass wir Affekten begegnen würden, die Effekte auf hegemoniale Gewohnheiten haben könnten, dass wir Brüchen und Widersprüchen begegnen würden, die die Machtverhältnisse in den Blick geraten lassen würden. Und wir dachten, dass dabei, gerade weil Kunstvermittlung nie alleine, sondern immer gemeinsam geschieht, Verhältnisse verschoben werden und andere Horizonte entstehen könnten.

Und auch wenn wir[6] institutionalisiert wurden, oder sogar Institutionalisierung suchten, war da eben immerhin diese Vorsilbe „ver-“, die auf eine Krise verwies, auf etwas, das bei der Institutionalisierung, bei der Verbindung verschoben wird – so wie in verlieben oder verlernen. Das „ver-“ schien also ein Verhältnis zu verrücken, oder es zumindest verschiebbar zu machen. Und es schien auch eine Krise in der Sprache zwischen den Worten und den Dingen zu markieren – so wie in versprechen oder versagen. Weil wir in der Kunstvermittlung einerseits mehr sehen, wenn wir mehr wissen und weil wir andererseits, während wir das tun, doch immer an dem, was wir sehen, vorbei sprechen. Vermittlung ist insofern immer, wenn sie Schlüssel ist, auch Schwelle[7].

Nachdem seither – mit der zunehmen Institutionalisierung der Kunstvermittlung und der Ökonomisierung der Bildung im Allgemeinen – vieles von diesem Versprechen gebrochen scheint, nachdem sie diszipliniert und/oder finanzialisiert wurde, stellt sich die Frage nach der Kunstvermittlung im 21. Jahrhundert etwas anders[8]. Heute scheint die „kritische Kunstvermittlung“ in vielen Institutionen angekommen, die zugleich immer prekärere Stellen schaffen. Der Widerspruch zwischen kritischen Diskursen und unkritischen Bedingungen scheint zunehmend konstitutiv geworden und hat die Effektivität widerständiger Ansätze stillgestellt. Ganz in diesem Sinne sind Forderungen nach „Zugang“, „Schwellenabbau“ und „Inklusion“ zu Förderkriterien geworden. Aber dies sind sehr oft eben nur scheinbare Errungenschaften, denn nicht selten bleiben die Machtverhältnisse dabei unangetastet, die ökonomischen Bedingungen und die bürgerlichen Strukturen intakt. Gerade deshalb ist die Frage nach der Emanzipation in der Vermittlung nicht nur eine Frage des Abbaus von Schwellen.

Und vor diesem Hintergrund soll mit der Vermittlung als verlernen hier noch einmal ein Plädoyer für die Trennung vorgenommen werden – für die Trennung von den selbstverständlich gewordenen Machtverhältnissen und für die Imagination anderer Verhältnisse[9]. Ganz in diesem Sinne schrieb Antonio Gramsci: „die Außenwelt, die allgemeinen Verhältnisse zu verändern, heißt sich selbst zu potenzieren, sich selbst zu entwickeln.“[10] Der Horizont der Gleichheit und der Freiheit unterscheiden sich von jenem der Barrierefreiheit dadurch, dass es nicht bloß um die Administration des „Zugangs“ geht, sondern darum, die Strukturen zu verändern. Vermittlung wäre in diesem radikaldemokratischen Sinne Trennung als Bildung.

[1] Carmen Mörsch und Eva Sturm, Vorwort, in: Alexander Henschel, Was heißt hier Vermittlung. Kunstvermittlung und ihr umstrittener Begriff, Wien 2020, S. 8f.

[2] Alexander Henschel, Was heißt hier Vermittlung. Kunstvermittlung und ihr umstrittener Begriff, Wien 2020, S. 23.

[3] Eva Sturm, „Kunstvermittlung und Widerstand“, in: Josef Seiter (Hg.): Auf dem Weg. Von der Museumspädagogik zur Kunst- und Kulturvermittlung, Wien 2003, S. 44-63.

[4] Anja Steidinger, Was animiert uns? Seminar an der HFBK Hamburg, Wintersemester 2020/2021.

[5] So beginnt Irit Rogoff ihren Text „What is a theorist?“ mit den Worten „A theorist is one who has been undone by theory“. Irit Rogoff, „What is a Theorist?”, in: Katharyna Sykord et al. (Hg.), Was ist ein Künstler?, München 2004.

[6] Ich spreche hier auch von einem „Wir“ weil ich seit Mitte der 1990er Jahre in unterschiedlichen kollaborativen und kollektiven Arbeits- und Diskurskontexten mit vielen Kolleg*nnen, Freund*innen, Studierenden, Lehrenden und Fragestellenden über Vermittlung nachdenke. Meine Erfahrungen lassen sich daher nur in einem „Wir“ ausdrücken. Möglicherweise hat dies damit zu tun, dass sich ein kritischer Kunstvermittlungsdiskurs gerade gegen die Vereinzelung und den Konkurrenzdruck in einem prekären Feld entwickelt hat.

[7] Michel Foucault, „Die Schwelle und der Schlüssel“, in: ders., Raymond Roussel, Frankfurt am Main 1989, S. 7-18.

[8] Ayşe Güleç, Carina Herring, Gila Kolb, Nora Sternfeld, Julia Stolba (Hg.), vermittlung vermitteln. Fragen, Forderungen und Versuchsanordnungen von Kunstvermittler*innen im 21. Jahrhundert, Berlin 2020.

[9] „Wie können wir uns etwas zeigen, das es noch nicht gibt?“ Ein Gespräch zwischen Ayşe Güleç, Gila Kolb und Nora Sternfeld über Kunstvermittlung und Aktivismus, in: ebd., S. 18-23.

[10] Antonio Gramsci, Erziehung und Bildung, Andreas Merkens (Hg.), Hamburg 2004, S. 49.

23 Fragen des Institutional Questionaire, grafisch umgesetzt von Ran Altamirano auf den Türgläsern der HFBK Hamburg zur Jahresausstellung 2021; photo: Charlotte Spiegelfeld

Diversity

Who speaks? Who paints which motif? Who is shown, who is not? Questions of identity politics play an important role in art and thus also at the HFBK Hamburg. In the current issue, the university's own Lerchenfeld magazine highlights university structures as well as student initiatives that deal with diversity and identity.

Grafik: Tim Ballaschke

Start of semester

After three semesters of hybrid teaching under pandemic conditions, we are finally about to start another semester of presence. We welcome all new students and teachers at the HFBK Hamburg and cordially invite you to the opening of the academic year 2020/21, which this year will be accompanied by a guest lecture by ruangrupa.

Graphic design: Sam Kim, picture in the background: Sofia Mascate, photo: Marie-Theres Böhmker

Graduate Show 2021: All Good Things Come to an End

From September 24 to 26, the more than 150 Bachelor's and Master's graduates of the class of 2020/21 will present their final projects as part of the Graduate Show at the HFBK Hamburg. We would like to thank all visitors and participants.

photo: Klaus Frahm

Summer Break

The HFBK Hamburg is in the lecture-free period, many students and teachers are on summer vacation, art institutions have summer break. This is a good opportunity to read and see a variety of things:

ASA Open Studio 2019, Karolinenstraße 2a, Haus 5; photo: Matthew Muir

Live und in Farbe: die ASA Open Studios im Juni 2021

Since 2010, the HFBK has organised the international exchange programme Art School Alliance. It enables HFBK students to spend a semester abroad at renowned partner universities and, vice versa, invites international art students to the HFBK. At the end of their stay in Hamburg, the students exhibit their work in the Open Studios in Karolinenstraße, which are now open again to the art-interested public.

Studiengruppe Prof. Dr. Anja Steidinger, Was animiert uns?, 2021, Mediathek der HFBK Hamburg, Filmstill

Unlearning: Wartenau Assemblies

The art education professors Nora Sternfeld and Anja Steidinger initiated the format "Wartenau Assemblies". It oscillates between art, education, research and activism. Complementing this open space for action, there is now a dedicated website that accompanies the discourses, conversations and events.

Ausstellungsansicht "Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg; photo: Maximilian Schwarzmann

School of No Consequences

Everyone is talking about consequences: The consequences of climate change, the Corona pandemic or digitalization. Friedrich von Borries (professor of design theory), on the other hand, is dedicated to consequence-free design. In “School of No Consequences. Exercises for a New Life” at the Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, he links collection objects with a "self-learning room" set up especially for the exhibition in such a way that a new perspective on "sustainability" emerges and supposedly universally valid ideas of a "proper life" are questioned.

Annual Exhibition 2021 at the HFBK

Annual exhibition a bit different: From February 12- 14, 2021 students at the Hamburg University of Fine Arts, together with their professors, had developed a variety of presentations on different communication channels. The formats ranged from streamed live performances to video programs, radio broadcasts, a telephone hotline, online conferences, and a web store for editions. In addition, isolated interventions could be discovered in the outdoor space of the HFBK and in the city.

Public Information Day 2021

How do I become an art student? How does the application process work? Can I also study to become a teacher at the HFBK? These and other questions about studying art were answered by professors, students and staff at the HFBK during the Public Information Day on February 13, 2021. In addition, there will be an appointment specifically for English-speaking prospective students on February 23 at 2 pm.

Katja Pilipenko

Semestereröffnung und Hiscox-Preisverleihung 2020

On the evening of November 4, the HFBK celebrated the opening of the academic year 2020/21 as well as the awarding of the Hiscox Art Prize in a livestream - offline with enough distance and yet together online.

Exhibition Transparencies with works by Elena Crijnen, Annika Faescke, Svenja Frank, Francis Kussatz, Anne Meerpohl, Elisa Nessler, Julia Nordholz, Florentine Pahl, Cristina Rüesch, Janka Schubert, Wiebke Schwarzhans, Rosa Thiemer, Lea van Hall. Organized by Prof. Verena Issel and Fabian Hesse; photo: Screenshot

Teaching Art Online at the HFBK

How the university brings together its artistic interdisciplinary study structure with digital formats and their possibilities.

Alltagsrealität oder Klischee?; photo: Tim Albrecht

HFBK Graduate Survey

Studying art - and what comes next? The clichéd images stand their ground: Those who have studied art either become taxi drivers, work in a bar or marry rich. But only very few people could really live from art – especially in times of global crises. The HFBK Hamburg wanted to know more about this and commissioned the Faculty of Economics and Social Sciences at the University of Hamburg to conduct a broad-based survey of its graduates from the last 15 years.

Ausstellung Social Design, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Teilansicht; photo: MKG Hamburg

How political is Social Design?

Social Design, as its own claim is often formulated, wants to address social grievances and ideally change them. Therefore, it sees itself as critical of society – and at the same time optimizes the existing. So what is the political dimension of Social Design – is it a motor for change or does it contribute to stabilizing and normalizing existing injustices?