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Lerchenfeld #54: Unmute Yourself!

Bedeutet künstlerische Lehre über Konferenztools die Rückkehr zum Frontalunterricht? Oder eröffnet die die digitale Lehre auch neue Wege der Kommunikation? Eine teilnehmende Beobachtung in Ausschnitten

– Text von Julia Mummenhoff

Mittwoch, 6. Mai 2020, ab 10 Uhr: In ihrem Konferenzraum auf Jitsi treffe ich als erstes eine Klasse, die es vermutlich etwas leichter hat, mit der gegebenen Situation umzugehen, weil sie sich auch inhaltlich im Digitalen bewegt. Zu Beginn der Sitzung probiert die Klasse für Digitale Grafik von Prof. Christoph Knoth und Prof. Konrad Renner ein neues Tool aus und die gesamte Klasse zieht für zehn Minuten auf spatial.chat um. Der Ausflug fühlt sich wie die große Pause auf einem Schulhof an, denn anders als bei den Kacheln der anderen Online-Tools kann man hier das eigene Kamera-Bild als Punkt frei über die ganze Bildschirmfläche bewegen, Grüppchen bilden und zwischen diesen wechseln. Ganz wie im richtigen Leben nimmt man am Gespräch der Gruppe teil, bei der man jeweils steht. Zurück im Konferenzraum sind alle von dem Experiment angetan, es gibt sicherlich Veranstaltungsformate, für die diese Oberfläche geeignet ist. In der ersten von drei digitalen Präsentationen geht es dann um eine neue Website, die von einer Studentin für das Studio Experimentelles Design und deren für Juni geplantes öffentliches Festival in Kooperation mit dem Kunstgewerbemuseum Berlin gestaltet wird. Eigentlich sollte das Studio für drei Wochen in den Innenhof des Museums umziehen, um angesichts einer radikal veränderten globalen Arbeitswelt neue solidarische Formen der Zusammenarbeit zur Diskussion zu stellen. Das Thema Arbeit visualisiert der Entwurf durch seitlich verschiebbare Columns, die den Eindruck von einem „Schichtplan“ erwecken, in den die einzelnen Veranstaltungen, die nun alle online stattfinden müssen, eingetragen sind. Was für ein Gefühl sollen die Nutzer*innen haben, wenn sie die Seite sehen? Lässt sich die beabsichtigte Stimmung „Nüchterne Recherche“ nicht auch doch etwas auflockern? Bisher verwendet die Seite auffällig viele typografische Formate, ist das gut so? Ein Student findet, dass der Look sehr an eine Literatur-Seite erinnert. Ist noch Zeit, etwas mehr zu Schichtplänen zu recherchieren, um die Gestaltung zu präzisieren? Es ist offenbar sehr gut möglich, im Digitalen über digitale Objekte zu sprechen, wie auch die anschließenden Präsentationen zeigen. Nach einer Pause ist ab 13 Uhr der Designer und Kurator Prem Krishnamurthy aus Berlin virtuell zu Gast. Es ist die Auftakt-Sitzung des HOOU-Projekts Commune, das er mit der Klasse plant. Da es dabei um die Erforschung von Gemeinschaftsbildung in digitalen Räumen geht, macht Krishnamurthy gleich die aktuell zusammengekommene Gruppe zum Thema, anhand von Übungen, die seine Lebensgefährtin Emily Smith, Professorin für Kommunikationsdesign an der University of Applied Siences Europe in Berlin entwickelt hat. Zu „normalen“ Zeiten hätten diese Experimente vielleicht ein wenig über-pädagogisch gewirkt, jetzt vermitteln sie, wie es auch im Digitalen gelingen kann, ein Bewusstsein für körperliche Präsenz zu erzeugen. Krishnamurthy berichtet von seiner für Ende März geplanten Gruppenausstellung Polymorph!, die er in eine Online-Veranstaltungsreihe mit sechs sonntäglichen Live-Shows mit Tanz, Performances und Karaoke umwandeln musste, und er zeigt einen kurzen Ausschnitt der Aufzeichnung. Es folgt ein Brainstorming, bei dem alle Teilnehmer*innen Fragen und Erwartungen bezüglich des Projekts formulieren. Die Chatleiste füllt sich. Es sind aber auch alle aufgefordert, zwei Minuten lang auf Papier zu schreiben und dabei das Mikrophon anzustellen, damit das Stiftkratzen und Papierrascheln kollektiv zu hören ist. Ab Juni soll es eine wöchentliche Online-Talkshow mit Gästen geben, für die eine eigene Videokonferenz-Umgebung geschaffen werden muss. Das wird die Gruppe in den nächsten Wochen beschäftigen. In einer ersten Phase untersucht Commune gesellschaftliche Strukturen wie auch technische Bedürfnisse der neuen temporären Gemeinschaften im Digitalen. Dazu werden Expert*innen aus den Bereichen Interface-Design, System- und Spieltheorie, Informatik und Kunst zu Wort kommen, woraus auch praktische Lösungen wie Tools und Interfaces hervorgehen könnten. Sich in der digitalen Lehre auf einer Metaebene zu bewegen scheint gut zu funktionieren und könnte fruchtbar sein.

Aber wie sieht es beispielsweise im Studienschwerpunkt Film aus, wenn man nicht gemeinsam in einem Vorführraum sitzen kann? Die Studierenden der Grundklasse Film von Prof. Bernd Schoch tauschen bei ihrem Treffen erst einmal Erfahrungen aus. Eine Studentin hat eine krisenbedingte Rückfahrt im überfüllten Zug als verstörend erlebt. Das Online-Konferenzsystem BigBlueButton kommt durch die große Teilnehmer*innenzahl ins Stocken. Aber man kann den Chat nutzen, um Wichtiges hervorzuheben. Bernd Schoch postet einen Link zu einem Gespräch zwischen Theodor W. Adorno und Elias Canetti von 1962, über dessen 1960 erschienenes Hauptwerk Masse und Macht, in dem es um die „Entladung in der Masse“, um Klassenfragen und Themen geht, die jetzt in der Krise aktuell werden. Doch das ist für später, zum Nachhören, allein. Die Klasse schaut sich nun gleichzeitig den Kurzfilm Black and White Trypps Number Three (2007) von Ben Russell auf Vimeo an, der bei einem Konzert der Band Lightning Bolt auf Rhode Island gedreht wurde. Zwölf Minuten lang sieht man schwitzende Jugendliche in extatischer Umklammerung wie ein Bild aus längst vergangenen Zeiten. Das gleichzeitige Filmeschauen scheint ein geeigneter Ersatz für das gemeinsame Filme Schauen zu sein, aber das Sprechen über die Filme wird deutlich erschwert, wenn aus Rücksicht auf den Stream kaum jemand per Kamera zu sehen ist.

Der Donnerstag, 7. Mai, beginnt um 10 Uhr mit einem kurzen Blick in die offene Gesprächsrunde zur Kritik und Praxis des Designs der Gegenwart bei Prof. Jesko Fezer. Gemeinsam wird ein Text von Maurizio Lazzarato aus Paolo Virno/Michael Hardy, Radical Thought in Italy. A Potential Politics gelesen. Er ist über BigBlueButton eingeblendet, Begriffe und Passagen, über die gesprochen wird, werden mit dem Stift angestrichen, das Gespräch ist präzise und punktgenau und dient der Vorbereitung des Festivals im Kunstgewerbemuseum Berlin, das nun ein Online-Festival werden muss. Um 13 Uhr trifft sich das Studio Experimentelles Design von Jesko Fezer zur Öffentlichen Gestaltungsberatung, einer allgemein zugänglichen Design-Beratung in Alltagsfragen mit Sitz in den Räumen der Gemeinwesenarbeit (GWA) in Hamburg-St. Pauli. Aus der wöchentlichen Sprechstunde ist eine Online-Sprechstunde geworden, immer mittwochs von 18 bis 20 Uhr. Bis jetzt hat es noch keine Anfragen gegeben, was sich aber noch während des Seminars ändern wird. Anhand von Entwurfszeichnungen geht die Gruppe ein aktuell laufendes ÖGB-Projekt durch: ein mobiles Veranstaltungszelt für die Initiative Hummustopia. Das Gespräch konzentriert sich auf handwerkliche Probleme: Der Außenring der geplanten kreisrunden Form hat einen zu großen Radius, um noch auf das Fahrrad zu passen. Also den Rest der Konstruktion vom Dach abkoppeln? Was passiert bei Regen? Es werden verschiedene Dachformen diskutiert und parallel recherchiert. Es sei auf jeden Fall wichtig, bald zu einem Modell zu kommen, rät Jesko Fezer, um technische Fragen konkreter erörtern zu können. Anhand des ÖGB-Online-Tools wird der Stand weiterer laufender Projekte besprochen. Mit der Kirchengemeinde in Hamburg-Winterhude, die per E-Mail Kontakt zur ÖGB aufgenommen hat, soll eine Telefonkonferenz verabredet werden, um zu prüfen, ob aus der Anfrage ein Projekt werden kann. Das Treffen endet pünktlich.

Um 15:30 Uhr beginnt das Treffen der Bildhauerei-Klasse von Prof. Martin Boyce, die, so könnte man zumindest vermuten, in einer virtuellen Umgebung vor der größten Herausforderung steht. Deshalb arbeiten die Studierenden in diesem Semester ausschließlich mit Maquettes, also maßstabsgetreuen Modellen von Objekten und Skulpturen. Diese können in Form von Fotos oder Zeichnungen in Beziehung zu Architektur und Natur gesetzt werden und so lässt sich über Materialien, Proportionen und Wechselbeziehungen sprechen, es braucht eigentlich nur ein wenig mehr Vorstellungskraft als sonst. Es ist viel von Räumen die Rede, beispielsweise einem leer stehenden Gebäude, das einer der Studierenden bei einem Spaziergang entdeckt hat. Das könnte mit dem gemeinsamen Semesterprojekt, The Appartment, zu tun haben. Angelehnt an die experimentelle Prosa und Lyrik des französischen Schriftstellers und Filmemachers Georges Perec (1936-1982), sind alle aufgefordert, über subjektiv bedeutsame Räume zu schreiben, Perecs Methoden folgend. Diese Texte werden nach einem nicht festgelegten System per Post innerhalb der Klasse weitergeschickt, in anderen Medien weitergeführt und beständig erweitert. Auch der digitale Speicher-Ordner der Klasse füllt sich beständig mit Texten.

Am Freitag, 8. Mai, 11 Uhr ist der nigerianische Kurator Azu Nwagbogu aus Lagos in der Vorlesungsreihe „Global Turns“ von Clémentine Deliss, Gastprofessorin im Studienschwerpunkt Theorie in Geschichte zugeschaltet. Azu Nwagbogu, Gründer und Direktor des LagosPhoto Festival sowie der African Artists’ Foundation (AAF) und Kurator von Ausstellungen wie Tear my Bra, eine Ausstellung, die die Einflüsse der nigerianischen Filmindustrie Nollywoods auf die afrikanische Fotografie zeigt und die im Rahmen von Les Rencontres d’Arles in Frankreich 2016 zu sehen war, gibt auf seinem geteilten Bildschirm einen intensiven Einblick in das Feld der zeitgenössischen künstlerischen Fotografie Afrikas und ihrer international bekannten Protagonist*innen. Mit ihrer Entwicklung ist die Entstehung neuer Sammlungen, Institutionen und Museen verbunden, die einen postkolonialen Perspektivwechsel formulieren. Dafür steht auch das jüngste Projekt von Azu Nwagbogu und der AFF, Rapid Response Restitution. Im Rahmen von LagosPhoto 2020 soll das bisher größte Online-Heimatmuseum entstehen. In einem Open Call auf der Website des Festivals wird die gesamte Bevölkerung aufgerufen, häusliche und volkskundliche Objekte aus der eigenen Umgebung zu dokumentieren, zum Beispiel mit einer einfachen Handykamera. Es sei das richtige Projekt, in diesen „covidianischen Zeiten“, so Azu Nwagbogu. Fazit dieses Vormittags: Eine virtuelle Konferenz, bei der alle Teilnehmer*innen gleichermaßen zugeschaltet sind, ist ein gutes Format, um über Global Turns zu sprechen.

Montag, 13. Mai, 13 Uhr: Das Seminar „Öffentliche Plätze in Hamburg“ von Prof. Dr. Bettina Uppenkamp hätte in Form von Ortsbegehungen im Stadtraum stattgefunden. Nun mussten sich die Studierenden bei der Vorbereitung ihrer Referate neue Präsentationsformen auf BigBlueButton überlegen. Über mit dem Handy gefilmte Begehungen, live eingesprochene Aktualisierungen, Google Maps, oder eingeblendete historische Fotos gelingt es, den Gänsemarkt oder den Neuen Pferdemarkt entsprechend den im Seminar festgelegten Kriterien auf seine Morphologie oder sein Potenzial als künstlerischer Ort zu erforschen. Ihre Vorlesung „Fragment und Ausschnitt. Überlegungen zur Archäologie moderner Bildformen hält Bettina Uppenkamp zurzeit jeden Donnerstag im leeren Hörsaal im Hauptgebäude im Lerchenfeld. Die Vorträge werden aufgezeichnet und nach und nach passwortgeschützt in der HFBK-Mediathek veröffentlicht. Dort erreichen sie deutlich mehr Studierende als sonst, wie die dreistellige Anzahl der Aufrufe zeigt. Die Beschäftigung mit fragmentarischen Formen, die erst in der Moderne künstlerisch vollwertig werden, deren Wurzeln aber in die Antike, oder auf den Reliquienkult zurückreicht, scheint in eine Zeit zu passen, in der man seine Mitmenschen oft auch nur ausschnitthaft sehen kann.

Dienstag, 14. Mai, 20 Uhr: Beim Arbeitsgruppen-Treffen der Klasse von Jeanne Faust, Professorin für Zeitbezogene Medien, zeigt sich, dass es kleine Gruppen sehr viel leichter haben auf BigBlueButton. Inklusive der Professorin sind alle mit Kameras und Mikrofonen zugeschaltet, Abendstimmung breitet sich auf den Kacheln aus, die dazu animiert, die eigene Deckenbeleuchtung im Büro auszuschalten, was sich insgesamt gesprächsfördernd auswirkt. Die Teilnehmer*innen sind „die Neuen“, die traditionell für die ganze Klasse eine Präsentation vorbereiten, in diesem Fall zum Thema Körper/Raum/Schnitt/Geräusch anhand des Spielfilms A Hen in The Wind von Yasujiro Ozu (1948) und eines Films von John Cage und Merce Cunningham bei einem Konzert in Hamburg. Im Gespräch werden Aspekte wie Rauminszenierung, Schnitttechnik oder Repetition erörtert, die sich gerade durch die Gegensätzlichkeit der Filme gut herausarbeiten lassen. Es entsteht eine vorläufige Themenliste für die Präsentation, die aber sicher noch bei weiteren Treffen bearbeitet wird. Einstimmig wird entschieden, dass auch die weiteren Treffen im virtuellen Klassenraum stattfinden sollen, weil dann gleichzeitig verschiedene Präsentationsformen ausprobiert werden können.

Am Freitag, den 15. Mai um 10 Uhr geht es abschließend um die große Frage, wie man im virtuellen Raum über das Schreiben sprechen kann? Das Seminar „Wissenschaftliches Schreiben“ ist nicht das einzige Schreib-Format, das Astrid Mania, Professorin für Grundlagen/Orientierung im Studienschwerpunkt Theorie und Geschichte, anbietet. Schon seit Beginn der Krise läuft ihre Podcast-Serie An artwork a day, an der sich viele Studierende beteiligen. Im Seminar dürfen alle Teilnehmer*innen, die das möchten, einen eigenen Text zur Diskussion stellen, der dann über BigBlueButton geteilt und laut vorgelesen wird. Nacheinander sind dies heute eine Bildbeschreibung und der schriftliche Entwurf eines Bühnenbild-Konzeptes. Nach den typischen anfänglichen Schwierigkeiten entspinnt sich ein Gespräch über Textstrukturen, Stilfragen, formale Aspekte oder die wichtige Frage der Zielgruppe. Mit einer konstanten Anzahl von 30 hat das Seminar weitaus mehr Teilnehmer*innen, als im analogen Raum, weshalb gemeinsam überlegt wird, ob digitale Formate nicht Vorteile haben, die zumindest in Teilen für eine Beibehaltung nach der Krise sprechen. Mindestens einen gibt es, wie der Blick in viele Küchen und WG-Zimmer bestätigt: Rauchen während einer Lehrveranstaltung ist gar kein Problem…

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The HFBK’s traditional annual exhibition („Jahresausstellung“) opens in February every year. For three days the students – from first-years to post-graduates – present a broad spectrum of their current work and projects from all the different departments. All classrooms, studios and halls in the building are used. Interested visitors are cordially invited to gain an impression of the art currently being created at the HFBK.