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_stringfigures@rhizome.hfbk.net's Public Feed: Kind Gerechtigkeit kann es do...

Kind

Gerechtigkeit kann es doch vielleicht gar nicht geben. Eine Dame auf dem Fußweg hätte gern eine gerechte Strafe für mich, weil ich diesen mit dem Fahrrad benutze obgleich die Straße eine Baustelle ist. Ein Nachbar hat mit einem Bolzenschneider das Dreirad beiseite geräumt und mit dem zerschnittenen Schloss im Hinterhof versteckt. Es stand ihm im Weg, er musste los. Ein Typ hat mich betrunken umarmt und ich habe ihm gesagt, er soll das lassen woraufhin er sagte: aber du siehst doch schön aus. Eine Frau wollte nicht, dass ich Müll in ihren Hausmüll schmeiße. Eine Frau bei Ebay Kleinanzeigen findet es unmöglich, dass ich nachfrage, ob ich etwas günstiger kaufen kann. Eine Verwandte will, dass eine Ungerechtigkeit von früher heute von anderen Menschen beglichen wird. Einer nennt mich Hure, weil ich wieder auf dem Fußweg war. Eine weiße, deutsche Frau ärgert sich bei einer Lesung aus „Eure Heimat ist unser Albtraum“, dass sie „weiße Deutsche“ genannt wird. Leute wählen AfD. Leute sind sauer, weil andere Leute auch die Straßen benutzen, für die sie Steuern zahlen. Leute wollen sich nicht mit Themen befassen, die ungemütlich sind, sie wollen sich nicht in Frage stellen. Sie wollen das Andere in Frage stellen und zwar nur das Andere. Dann wollen sie das Andere dafür zuständig machen, dass sie mit einem emotionalen oder materiellen Sachverhalt nicht einverstanden sind.

Pauschalisierend: wenn die Reichen sich sogar ungerecht behandelt fühlen, wenn die Privilegierten sich ungerecht behandelt fühlen. Wie soll man ihnen begreiflich machen, was man selbst meint, wenn man gleiches Recht für alle fordert? Gerechtigkeit ist

dem geltenden Recht entsprechend, gemäß; nach bestehenden Gesetzen handelnd, urteilend “ein gerechter Richter”

dem [allgemeinen] Empfinden von Gerechtigkeit, Wertmaßstäben entsprechend, gemäß; begründet, gerechtfertigt"eine gerechte Verteilung, Sache"

bestimmten Ansprüchen, Gegebenheiten angepasst, genügend, entsprechend"eine jeder Witterung gerechte Kleidung"

BIBLISCH (von Menschen) Gott gehorsam, fromm; trotz Sünden von Gott akzeptiert

BIBLISCH (von Gott) die Menschen trotz Sünde akzeptierend, gnädig, barmherzig"der gerechte Gott"

Igitt.

Ich laufe gerne naiv durch die Welt. Manchmal ärgere ich mich auch über Leute. Ich handele impulsiv und muss mich oft entschuldigen. Und trotzdem mag ich es, naiv zu sein, immer wieder zu versuchen, Kind zu sein und große Augen zu machen. Ich will mich wundern. Ich will dabei Verantwortung übernehmen. Ich glaube, dass das beides möglich ist. Naiv sein, staunen und dennoch akut Verantwortung übernehmen. Vielleicht ist das auch eine Aufgabe der Kunst. Sich wundern, über den Glanz und den Abgrund und die Dinge beim Namen nennen. So heißt auch das neue Buch von Rebecca Solnit. „Das Benennen ist der erste Schritt des Befreiungsprozesses. […] Etwas offen zu benennen, bedeutet, das aufzudecken, was brutal oder korrupt sein mag - oder auch wichtig und möglich. Wer die Welt verändern will, muss auch die Begriffe und die Art, wie eine Geschichte erzählt wird, verändern, muss neue Namen, Formulierungen und Redewendungen finden und populär machen.“ (Solnit: Die Dinge beim Namen nennen, S.8)

„Dem nordkalifornischen Stamm der Pomo zufolge entstand die Welt aus der Achselschmiere des Schöpfers, die dieser zu einer Kugel rollte. Und nach den Maidu, die hauptsächlich in den Bergen der Sierra Nevada leben, entstand sie aus dem Dreck unter den Krallen einer Schildkröte, den diese am Grund der Ursuppe zusammen gekratzt hatte. […] Wenn das Perfekte der Feind des Guten ist, dann ist das Unvollkommene vielleicht sein Freund.“ (edb. S.19)

Eine andere Erzählung muss erfunden werden. Neues Denken muss sich etablieren. Wir müssen durcheinander kommen und verwirrt werden. Wir müssen durch die Welt irren und neue Worte und Bilder suchen. Und alles, was sich dann etabliert hat muss wieder dekonstruiert werden.

Sand
Sandsturm
Sandkasten
Sandkuchen
Kuchen
Brot
Sicherheit
Fetisch
Bauen / Zerstören
Angst
Zweifel
Kind haben
Kind sein
Kind verstehen
Kind kontrollieren
Kind suchen
Apokalypse (immer wieder)
Überleben
Träumen

…, wenn man aber ein Kind hat und selber kein Kind mehr sein kann (in viele Situationen) - Schlafen gehen, Jacke anziehen, Regeln aufstellen…, wenn man dann manchmal komische Kontrolle ausübt, Macht über dieses Wesen hat … und wenn man das Kind in sich und das Kind in seinem eigenen Kind sucht und vielleicht nicht findet. Das macht mir Angst. Angst ist kein guter Begleiter sagt man. Ich finde schon. Angst ist ein guter Antrieb, man kann beispielsweise in sie hineinrennen oder vor ihr weglaufen.

“Chaos und Ordnung spielen dann auch wieder eine Rolle bei Angst, Zweifel, Apokalypse und Sicherheit. Ich verbinde Chaos nicht unbedingt mit Angst und Zweifel. Obwohl, doch, mit Zweifel schon. Auf jeden Fall aber mit einer gestörten Ordnung, aber diese Ordnung ist nicht unbedingt ein erstrebenswerter Zustand. Weil z.B. gesellschaftlich gesetzt / einer Norm folgend oder weil die vermeintliche Unordnung auf irgendeine Weise mit Stigmata versehen ist. Angst, Psychosen, Zweifel als Störfaktor im Alltag z.B., aber ja nur, weil die Mehrheit im Alltag da draußen einen funktionierenden Alltag ohne Störfaktoren anstrebt oder zumindest versucht, diesen Schein aufrecht zu halten. Muss auch an die Vorgärten mit den zurechtgeschnittenen Zierbüschen denken.” schreibt mir Lara neulich.

„Und anstatt die Komödie als eine Arte Gegen-Entität im Verhältnis zur Angst zu betrachten, könnte man sie vielleicht genau als eine künstlerische Fertigkeit oder Technik des Austarierens von Angst definieren […]“ (Alenka Zupančič: Eichhörnchen für die Nüsse, in: Neue Rundschau, Heft 4, 124. Jahrgang. FFM 2013. Seite 189. Ebd.)

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