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Willkommen zu meiner Debattenrundschau vom 22.07.2019!

Der Video-Künstler Arthur Jaffa, auf der diesjährigen Venedig-Biennale als bester Künstler ausgezeichnet, beschäftigt sich in seinen Arbeiten häufig mit Schwarzer Identität. Tobias Timm hat sich für die Zeit mit dem Künstler in Stockholm getroffen und mit ihm unter anderem über Blackness und Weißsein und deren Verhältnis zu sein künstlerischen Arbeit gesprochen. Gerade mit Hinblick auf die zahlreichen identitätspolitischen Debatten der Gegenwart ein sehr aufschlussreiches und differenziertes Interview. Dringende Empfehlung!

Der Vizepräsident des New Yorker Whitney Museums steht seit einigen Monaten in der Kritik. Aktivistinnen und Aktivisten fordern seinen Rücktritt mit der Begründung, er sei Eigentümer von Safariland, eines Herstellers für Kampfausrüstung, und sei deshalb moralisch untragbar für das Museum und dessen Mission. Die Whitney-Biennale, eine der meistbeachteten Ausstellungen für junge, zeitgenössische Kunst in den USA, stand von Anfang an unter dem Schatten der Affäre. Nun haben acht KünstlerInnen ihre Arbeiten zurückgezogen (Stand: 22.07.2019 16.00 Uhr), nachdem Hannah Black, Ciarán Finlayson und Tobi Haslett einen Essay mit dem Titel „The Tear Gas Biennial“ auf Artforum.com veröffentlicht und die teilnehmenden KünstlerInnen eindringlich zum Boykott der Ausstellung aufgerufen hatten. Ausführlichere Infos zum Thema findet man in Zachary Smalls Artikel für Hyperallergic.com.

Dagrun Hintze ist Autorin sowie Theatermacherin und dabei besonders auf partizipative Projekte spezialisiert, welche „echte Menschen“ ohne Schauspielausbildung direkt mit einbeziehen. In einem Artikel für Zeit Online beschreibt sie die aus ihrer Sicht positiven als auch die negativen Seiten partizipativer Kultur-Arbeit. Auslöser für jene Reflexion sei ein Essay des Autors Milo Rau gewesen, in dem er gegen eben jene Form der Arbeit polemisiere, so die Autorin. Sie schreibt: „Der Kern seiner in dem Essay formulierten Kritik ist der Vorwurf, Partizipation finde allein um der Partizipation willen statt, würde Menschen die Illusion von Teilhabe vorgaukeln und sie auf diese Weise ruhigstellen.“ Ihre eigene Skepsis beschreibt sie folgendermaßen: „Kulturschaffende spüren heute die Erwartung, sich ein Demokratie förderndes Projekt nach dem anderen auszudenken. Wo Politik längst aufgehört hat, die Bürger zu erreichen, sollen sie es jetzt nämlich richten. Mit öffentlichen Geldern ausgestattet, nutzen sie ihr künstlerisches Handwerkszeug inzwischen an den entlegensten Orten der Republik für die Inszenierung von Teilhabe. Damit Leute, um die sich sonst keiner kümmert, das Gefühl bekommen, sie würden gehört. Und ja, dabei lassen wir uns immer wieder auch benutzen, als Feigenblatt, als Ausrede, vielleicht als letzte Hoffnung, und gehen Kompromisse mit der Verlogenheit ein.“ Sie glaube dennoch an die positive Kraft des partizipativen Theaters, auch wenn die Veränderungen, die von ihm ausgingen, eher kleinteilig und persönlich seien.

Die Karikaturistin der feministischen Zeitschrift „Emma“, Franziska Becker, wurde vor wenigen Wochen für ihr Lebenswerk geehrt. In den Sozialen Medien regte sich bald Widerstand gegen die Auszeichnung Beckers: sie reproduziere in vielen ihrer Karikaturen antimuslimische Klischees, was prinzipiell abzulehnen sei. Sibel Schick kritisiert in ihrem Gastbeitrag für Spiegel Online die Zeichnungen und Aussagen Beckers zu Kopftuchträgerinnen als Diskriminierung einer sowieso schon gesellschaftlich marginalisierten Gruppe. Auch wenn die Karikaturistin den Vorwurf des Rassismus weit von sich weise, seien ihre Äußerungen dennoch rassistisch, so Schick: „Ein Mensch kann sich rassistisch äußern, auch wenn er kein Rassist ist. Diskriminierung geschieht sogar öfter unabsichtlich und unreflektiert als mit Intention. Es ist die Verantwortung eines jeden Menschen, seine Handlungen in seinem Machtbereich zu reflektieren.“

In einem umfangreichen Essay für republik.ch beschreibt Jörg Heiser die immer intensiver werdende Auseinandersetzung des Kunstbetriebs mit der Herkunft jener finanziellen Mittel, welche für dessen Aufrechterhaltung notwendig sind. Die hohen ethischen und moralischen Maßstäbe, die an die Kunst und eben auch an den sie umkreisenden Betrieb angelegt werden, stehen häufig in eklatantem Widerspruch zum Geschäftsgebaren derjenigen, welche Kunst kaufen oder Institutionen finanziell unterstützen. Seit einiger Zeit häuft sich die Zahl der prominenten Stimmen, welche diese Doppelmoral nicht mehr länger hinnehmen wollen. Anhand einiger Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit und einer kunsthistorischen Einordnung der künstlerischen Protest-Aktionen versucht Heiser die aktuellen Entwicklungen einzuordnen.

Über die Gefahren einer „sich verselbstständigende[n] Identitätspolitik“ für den Kunstbetrieb schreibt Raimar Stange in einem Artikel für die TAZ. Stange beginnt mit einer Anekdote über einen Zwischenfall während einer Podiumsdiskussion zum Werk zweier Künstlerinnen, in deren Verlauf er den Begriff der „Relationalen Ästhetik“ ins Spiel gebracht habe „– ein wütender Aufschrei inklusive striktem Redeverbot folgte. Der kurzerhand zensierte Begriff ‚Relationale Ästhetik‘, der übrigens ausgerechnet eine interaktive Kunst des sozialen Miteinander beschreibt, stamme von einem Mann, von Nicolas Bourriaud nämlich. Daher dürfe der für die jüngere Kunstgeschichte durchaus zentrale Begriff nicht benutzt werden, um Kunst von Frauen zu analysieren.“ Ein neuer Essenzialismus habe Einzug gehalten in die Debatte um Kunst. Er reduziere Menschen „auf biologische Eigenschaften, hier auf das Geschlecht, und ignoriert so gleichzeitig weitere Bestimmungen seiner Existenz wie etwa Beruf, Klasse, Ausbildung und Alter konsequent.“ Anhand einiger prominenter Beispiele aus den letzten zwei Jahren versucht Stange zu belegen, wie sehr jenes Denken differenzierte Diskussionen unterbinde und damit der Kunst Schaden zufüge.

Das in Indonesien beheimatete Kollektiv ruangrupa wird die nächste Documenta leiten. Auf einer vom Goethe-Institut in Jakarta organisierten Veranstaltung haben Vertreter des Kollektiv nun ihre Pläne vorgestellt. Marco Stahlhut war für die FAZ vor Ort und gibt sich in seinem Bericht eher skeptisch – warum die Gruppe genau nominiert wurde, sei nicht zu erfahren gewesen. Einen genauen Plan habe ruangrupa noch nicht vorlegen können. Stahlhut konstatiert dass es weniger um „Fragen von Kunst und Ästhetik als um Politik und Visionen einer besseren Gesellschaft“ gehe. Das als vorbildlich gepriesene kollektive Arbeitsmodell der KünstlerInnen-Gruppe sei nicht ganz unkritisch zu bewerten, so der Autor: „Tatsächlich ist ruangrupa durchaus typisch für indonesische Künstlergemeinschaften, und zwar nicht zuletzt in zwei problematischen Aspekten: Erstens gibt es in den vielen Kunstkollektiven des Landes fast immer einen, zwei oder drei Männer, die das Sagen haben; so auch bei ruangrupa. Zweitens sind die verschiedenen Gruppen untereinander fast immer stark zerstritten. Wenn diese Situation ein Vorbild für die Gesamtgesellschaft sein sollte, dann für eine tribalistische Gesellschaft mit Alphamännchen an der Spitze.“

Vor einiger Zeit begannen Menschen auf Twitter damit, satirische Briefe im Stile Franz Josef Wagners zu schreiben. Jener ist Chefkolumnist der BILD-Zeitung und beglückt die Leserschaft von Montag bis Freitag mit seinen kurzen, manchmal wahnsinnig stumpfen Texten zum Zeitgeschehen.
Die TAZ war vor allem von den Briefen Nils Markwardts, dem Chefredakteur des Philosophie-Magazins, so begeistert, dass sie eine Auswahl veröffentlicht hat. Absolut verständlich, wie folgendes Beispiel zeigt: „Lieber Franz Kafka,
Sie bleiben im Bett, fühlen sich komisch. Für mich sind das Ausreden. Günter Netzer wechselte sich selbst ein, Schumi fuhr auch im Regen, alte Brötchen lassen sich wieder aufbacken. Denn der Sozialstaat ist keine Einbahnstraße.
Herzlichst
Ihr F. J. Wagner“

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