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You Can Win If You Want

Unter dem Titel „Beruf Kunsthistoriker_in“ laden Frank Schmitz und Christina Kuhli in diesem Sommersemester ans Kunstgeschichtliche Institut ein, um Studierenden eine grobe Vorstellung ihrer Beschäftigungsmöglichkeiten nach dem Abschluss zu vermitteln. Neben den naheliegenden Optionen wie dem Ausstellungswesen, der Denkmalpflege und dem Kunsthandel sind auch Vertreter_innen des Journalismus, des Kulturtourismus und des Wissenschaftsmanagements vertreten.

Am 19. Juni waren Dr. Karsten Müller, der Leiter des Ernst Barlach Museums, sowie Angelika Müller von Studiosus Reisen zu Gast. Karsten Müller berichtet von seiner speziellen Situation in einem privat finanzierten Museum tätig zu sein und lässt dabei die öffentlichen Institutionen als Arbeitgeber blass aussehen: Kein Druck von der Kulturbehörde bezüglich Besucher_innenzahlen, keine Abhängigkeit von Drittmitteln, kein ständiger Legitimations- und High-Performancestress – und dazu ein Arbeitsplatz im wohl schönsten Park Hamburgs inklusive. Zwar ist das schwerfällige Erbe Barlachs nicht immer leicht zu handhaben (er gehört zu den 37 Unterzeichner_innen des von Goebbels verfassten „Aufruf der Kulturschaffenden“, in dem sich auch Künstler wie Ludwig Mies van der Rohe und Emil Nolde zu Hitler bekannten), gleichzeitig aber auch ein inhaltlicher Dreh- und Angelpunkt, an dem Müller sich immer wieder neu abarbeiten kann. Das funktioniert nicht zuletzt aufgrund der kuratorischen Freiheit, mit der Müller sein Programm gestalten kann. Auch, wenn wir uns diese Auseinandersetzung noch etwas kritischer und subversiver wünschen würden (insbesondere der starke Überhang weißer männlicher Künstler im Programm sollte dringend überdacht werden), ist der Reiz dieser Konstellation durchaus nachvollziehbar.

Was allerdings zu kurz kommt in Karsten Müllers Schilderung, ist die Tatsache, dass auch dieses Museum trotz allen inhaltlichen Spielraums und finanzieller Unabhängigkeit in einen von patriarchalen Dogmen durchzogenen Kontext eingebettet ist. Die konkreten Privilegien, aufgrund derer Dr. Müller überhaupt diese Position inne hat, werden nicht thematisiert und reflektiert. Ist er in einem Akademiker_innen-Elternhaus aufgewachsen? Wie groß war seine finanzielle Belastung während des Studiums? Wie sehr wurde er als einer der wenigen männlichen Studenten der Kunstgeschichte von seinen damaligen Professor_innen gefördert? Wie viele unbezahlte Praktika haben es ihm ermöglicht, die notwendige Qualifikation für seine Position zu erreichen? Die Antworten auf diese Fragen könnten Aufschluss geben über den eigentlichen Punkt, den die Besucher_innen dieser Ringvorlesung beschäftigt, nämlich: welche klassistischen, sexistischen und rassistischen Verhältnisse muss ein_e Student_in heute bewältigen, um morgen die Nachfolger_in von Karsten Müller zu sein?

Die Lebensrealität, die im Anschluss von Frau Angelika Müller (nein, die beiden Vortragenden haben bis auf ihren Nachnamen nichts miteinander zu tun) geschildert wird, macht da leider etwas weniger Mut: als Reiseführer_in von Studienreisen selbst die Welt sehen, das klingt im ersten Moment nicht schlecht. Dahinter verbirgt sich jedoch ein Knochenjob, der mit einer ungeheuren Menge an notwendigen Qualifikationen verbunden ist: Fremdsprachen auf „native“-Niveau, tiefere Einblicke in die Alltagskultur des jeweiligen Reiseziels (um das gewisse „insider-feeling“ für die Reisegruppe zu gewährleisten), allerlei soziale Kompetenzen sowie – selbstredend – Hochschulabschluss. Das Programm ist allerdings festgelegt und muss (aus rechtlichen Gründen, klar) rigide eingehalten werden. Eine Anfänger_in wird mit einer Pauschale von 150 € pro Tag vergütet. Das bedeutet: Um auf ein Bruttogehalt von 30.000 €/ Jahr zu kommen (was immer noch weit unter dem Durchschnitt der Berufseinsteiger_innen mit BA-Abschluss in Deutschland liegt) müssten die Reiseführer_innen 200 Tage im Jahr unterwegs sein. Dabei stehen die Reiseleiter_innen in keinem Angestelltenverhältnis, das heißt sie sind nicht kranken-, sozial- oder rentenversichert. Auch hier offenbart sich also der inhärente Elitismus des Kunstgeschichte-Studiums: mehr als ein Nebenverdienst gut verheirateter Frauen kann die Tätigkeit der Studienreisenführer_in jedenfalls nicht sein. (Und dass eine kritische Einordnung der Reproduktion neokolonialer Strukturen durch die Tourismusindustrie sowie der Exotisierung „fremder“ Kulturen bei dem Lob auf das Format Studienreise vollkommen ausbleibt, verwundert da auch nicht weiter.)

Welche Schlüsse ziehen wir also daraus? Dass es grundsätzlich empfehlenswert ist, sich vom Kunstgeschichtestudium (und vermutlich allen Humanwissenschaften) fern zu halten? Nein. Wir stehen hinter der inhaltlichen und methodischen Relevanz unseres Fachs und der Geisteswissenschaften insgesamt. Wichtig ist jedoch, aus dieser man-muss-es-nur-fest-genug-wollen-Rhetorik auszusteigen und nicht unentwegt den Mythos zu beschwören, dass das einzige, was zähle, die eigene „Passion“ für das Fach sei. Auch wenn das viele Kunsthistoriker_innen gerne glauben möchten – die Kunstgeschichte schwebt nicht im luftleeren Raum, genauso wenig wie die Kunst selbst. Die altbekannte Strategie, konkrete soziale, ökonomische und politische Kontexte zu verschleiern, um billige Arbeitskräfte mit Konkurrenzkämpfen untereinander in Schach zu halten, geht sowohl an den Universitäten als auch in Museen, Galerien und Auktionshäusern hervorragend auf. „Wenn ihr eurer Passion, eurer Berufung nachgehen wollt, bewerbt euch auf ein Volontariat in Museum, bei dem ihr dann zwei Jahre lang für 1000,- € im Monat schuften könnt (aber erst mit Doktortitel bitte).“ Und hat man es dann endlich auf die eine unbefristete Stelle geschafft, plappert man brav das tausendmal Gehörte nach: „Ich war eben begeistert genug.“ (Und dazu gerne auch abwechselnd: „Ich habe mich noch nie diskriminiert gefühlt. Vielleicht weil ich zu hart arbeite, als dass noch jemand an mein Geschlecht denkt.“ beziehungsweise „Hätte es eine besserqualifizierte Bewerberin gegeben, hätte sie den Job bestimmt bekommen, stand ja auch so in der Ausschreibung. Es hat sich eben Qualität statt Quote durchgesetzt.“) Wo sind die Stimmen, die sagen: „Meine Eltern waren reich genug, mich bis Ende 30 mitzufinanzieren“ oder „meine Partner_in war supportive genug, den Großteil der Miete zu zahlen“ oder „ich bin weiß genug, um als Intellektuelle_r gesehen zu werden“ oder „ich bin männlich genug, damit das, was ich sage, auch gehört wird“?

Für die Ringvorlesung „Beruf Kunsthistoriker_in“ gibt es ein Bedürfnis – sonst wäre der Seminarraum an diesem heißen Mittwochabend nicht gefüllt gewesen. Allerdings kann sie nur der Anfang sein von einer tiefergreifenden Überlegung, wie die Geisteswissenschaften mit ihren katastrophalen Berufsaussichten umzugehen hat. Vielleicht kann das auch ein Anfang sein, um eine ganze Reihe von Problemen innerhalb des Wissenschaftsbetriebs selbst zu lösen. Denn auch hier hinterlässt die Logik des „Alles oder Nichts“ – die erste unbefristete Stelle in der Academia ist im Normalfall die Professur – tiefe Spuren in den Biografien derer, die es nicht auf die Professur schaffen oder auch schlichtweg keine Lust darauf haben, aber auch in Professorien, die vor allem aus guten Budgetverhandler_innen mit starken Ellbogen bestehen. Das wiederum tut auch der Forschung nicht gut.

Jahresausstellung 2021: Studio Konzeptionelles Design (Prof. Ralph Sommer)

Jahresausstellung 2021: Studio Konzeptionelles Design (Prof. Ralph Sommer)

Annual Exhibition 2022 at the HFBK

After last year's digital edition, the 2022 annual exhibition at the HFBK Hamburg will once again take place with an audience. From 11-13 February, students from all departments will present their artistic work in the building at Lerchenfeld, Wartenau 15 and the newly opened Atelierhaus.

Annette Wehrmann, photography from the series Blumensprengungen, 1991-95; photo: Ort des Gegen e.V., VG-Bild Kunst Bonn

Annette Wehrmann, photography from the series Blumensprengungen, 1991-95; photo: Ort des Gegen e.V., VG-Bild Kunst Bonn

Conference: Counter-Monuments and Para-Monuments.

The international conference at HFBK Hamburg on December 2-4, 2021 – jointly conceived by Nora Sternfeld and Michaela Melián –, is dedicated to the history of artistic counter-monuments and forms of protest, discusses aesthetics of memory and historical manifestations in public space, and asks about para-monuments for the present.

23 Fragen des Institutional Questionaire, grafisch umgesetzt von Ran Altamirano auf den Türgläsern der HFBK Hamburg zur Jahresausstellung 2021; photo: Charlotte Spiegelfeld

23 Fragen des Institutional Questionaire, grafisch umgesetzt von Ran Altamirano auf den Türgläsern der HFBK Hamburg zur Jahresausstellung 2021; photo: Charlotte Spiegelfeld

Diversity

Who speaks? Who paints which motif? Who is shown, who is not? Questions of identity politics play an important role in art and thus also at the HFBK Hamburg. In the current issue, the university's own Lerchenfeld magazine highlights university structures as well as student initiatives that deal with diversity and identity.

Grafik: Tim Ballaschke

Grafik: Tim Ballaschke

Start of semester

After three semesters of hybrid teaching under pandemic conditions, we are finally about to start another semester of presence. We welcome all new students and teachers at the HFBK Hamburg and cordially invite you to the opening of the academic year 2020/21, which this year will be accompanied by a guest lecture by ruangrupa.

Graphic design: Sam Kim, picture in the background: Sofia Mascate, photo: Marie-Theres Böhmker

Graphic design: Sam Kim, picture in the background: Sofia Mascate, photo: Marie-Theres Böhmker

Graduate Show 2021: All Good Things Come to an End

From September 24 to 26, the more than 150 Bachelor's and Master's graduates of the class of 2020/21 will present their final projects as part of the Graduate Show at the HFBK Hamburg. We would like to thank all visitors and participants.

photo: Klaus Frahm

photo: Klaus Frahm

Summer Break

The HFBK Hamburg is in the lecture-free period, many students and teachers are on summer vacation, art institutions have summer break. This is a good opportunity to read and see a variety of things:

ASA Open Studio 2019, Karolinenstraße 2a, Haus 5; photo: Matthew Muir

ASA Open Studio 2019, Karolinenstraße 2a, Haus 5; photo: Matthew Muir

Live und in Farbe: die ASA Open Studios im Juni 2021

Since 2010, the HFBK has organised the international exchange programme Art School Alliance. It enables HFBK students to spend a semester abroad at renowned partner universities and, vice versa, invites international art students to the HFBK. At the end of their stay in Hamburg, the students exhibit their work in the Open Studios in Karolinenstraße, which are now open again to the art-interested public.

Studiengruppe Prof. Dr. Anja Steidinger, Was animiert uns?, 2021, Mediathek der HFBK Hamburg, Filmstill

Studiengruppe Prof. Dr. Anja Steidinger, Was animiert uns?, 2021, Mediathek der HFBK Hamburg, Filmstill

Unlearning: Wartenau Assemblies

The art education professors Nora Sternfeld and Anja Steidinger initiated the format "Wartenau Assemblies". It oscillates between art, education, research and activism. Complementing this open space for action, there is now a dedicated website that accompanies the discourses, conversations and events.

Ausstellungsansicht "Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg; photo: Maximilian Schwarzmann

Ausstellungsansicht "Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg; photo: Maximilian Schwarzmann

School of No Consequences

Everyone is talking about consequences: The consequences of climate change, the Corona pandemic or digitalization. Friedrich von Borries (professor of design theory), on the other hand, is dedicated to consequence-free design. In “School of No Consequences. Exercises for a New Life” at the Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, he links collection objects with a "self-learning room" set up especially for the exhibition in such a way that a new perspective on "sustainability" emerges and supposedly universally valid ideas of a "proper life" are questioned.

Annual Exhibition 2021 at the HFBK

Annual exhibition a bit different: From February 12- 14, 2021 students at the Hamburg University of Fine Arts, together with their professors, had developed a variety of presentations on different communication channels. The formats ranged from streamed live performances to video programs, radio broadcasts, a telephone hotline, online conferences, and a web store for editions. In addition, isolated interventions could be discovered in the outdoor space of the HFBK and in the city.

Public Information Day 2021

How do I become an art student? How does the application process work? Can I also study to become a teacher at the HFBK? These and other questions about studying art were answered by professors, students and staff at the HFBK during the Public Information Day on February 13, 2021. In addition, there will be an appointment specifically for English-speaking prospective students on February 23 at 2 pm.

Katja Pilipenko

Katja Pilipenko

Semestereröffnung und Hiscox-Preisverleihung 2020

On the evening of November 4, the HFBK celebrated the opening of the academic year 2020/21 as well as the awarding of the Hiscox Art Prize in a livestream - offline with enough distance and yet together online.

Exhibition Transparencies with works by Elena Crijnen, Annika Faescke, Svenja Frank, Francis Kussatz, Anne Meerpohl, Elisa Nessler, Julia Nordholz, Florentine Pahl, Cristina Rüesch, Janka Schubert, Wiebke Schwarzhans, Rosa Thiemer, Lea van Hall. Organized by Prof. Verena Issel and Fabian Hesse; photo: Screenshot

Exhibition Transparencies with works by Elena Crijnen, Annika Faescke, Svenja Frank, Francis Kussatz, Anne Meerpohl, Elisa Nessler, Julia Nordholz, Florentine Pahl, Cristina Rüesch, Janka Schubert, Wiebke Schwarzhans, Rosa Thiemer, Lea van Hall. Organized by Prof. Verena Issel and Fabian Hesse; photo: Screenshot

Teaching Art Online at the HFBK

How the university brings together its artistic interdisciplinary study structure with digital formats and their possibilities.

Alltagsrealität oder Klischee?; photo: Tim Albrecht

Alltagsrealität oder Klischee?; photo: Tim Albrecht

HFBK Graduate Survey

Studying art - and what comes next? The clichéd images stand their ground: Those who have studied art either become taxi drivers, work in a bar or marry rich. But only very few people could really live from art – especially in times of global crises. The HFBK Hamburg wanted to know more about this and commissioned the Faculty of Economics and Social Sciences at the University of Hamburg to conduct a broad-based survey of its graduates from the last 15 years.

Ausstellung Social Design, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Teilansicht; photo: MKG Hamburg

Ausstellung Social Design, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Teilansicht; photo: MKG Hamburg

How political is Social Design?

Social Design, as its own claim is often formulated, wants to address social grievances and ideally change them. Therefore, it sees itself as critical of society – and at the same time optimizes the existing. So what is the political dimension of Social Design – is it a motor for change or does it contribute to stabilizing and normalizing existing injustices?