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Willkommen zu meiner Debattenrundschau vom 22.04.2019!

Eine Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin beschäftigt sich mit der Rolle und dem Selbstverständnis des Malers Emil Nolde während des Nationalsozialismus. Man müsse Nolde nun definitiv einen Nazi nennen, so Till Briegleb in seinem Artikel zur Ausstellung in der Süddeutschen Zeitung. Die Schau und die sie begleitende doppelbändige Publikation zeichneten das Bild eines überzeugten Antisemiten und geschickten Opportunisten, welcher nach dem Ende des Dritten Reichs seine eigene Biografie reinwusch und schließlich bis “ins Zentrum der Macht” vorstieß, “spätestens als Kanzler Helmut Schmidt sein Bonner Büro in ein ‘Nolde-Zimmer’ mit Leihgaben aus Seebüll verwandelte”, so Briegleb. “Eine Tradition, die Angela Merkel fortsetzte, bis zu dem Tag, als die Kuratoren dieser Nolde-Ausstellung von ihr das Bild ‘Brecher’, das in ihren Arbeitsräumen hing, ausleihen wollten, um die Stellung Noldes zur Politik zu illustrieren.”

René Scheu hat für die NZZ ein langes Interview mit dem renommierten Historiker Niall Ferguson geführt, der viele Jahre an diversen Eliteuniversitäten im Großbritannien und den USA geforscht und unterrichtet hat. Ferguson sorgt sich um die Debattenkultur im universitären Betrieb – Studenten hätten Angst vor der Auseinandersetzung mit Ideen, die ihren eigenen Idealen widersprechen würden. In den letzten dreißig Jahren habe ein fundamentaler Wandel stattgefunden: “Ich muss es so direkt wie simpel sagen: Die Linken haben die Macht übernommen. Und sie, die sich in der Theorie für die Inklusion starkmachen, haben in der Praxis alle Andersdenkenden konsequent exkludiert. […] In den 1980er Jahren hiess das: Vielfalt an Ideen, Positionen, Zugängen. Heute heisst es: Diversität von Hautfarben, Geschlecht, sexuellen Präferenzen. Die neue Diversität ist das Gegenteil von echter Vielfalt.” Darauf angesprochen, wen er für diese Entwicklung verantwortlich mache, antwortet Ferguson: “Der Professor als Aktivist ist ein Vorbild, das sich durchgesetzt hat. Die Linke hat den ökonomischen Kampf in den 1980er Jahren verloren – und das wurde nach dem Fall der Mauer umso offensichtlicher. Aber was lange verborgen blieb, war die Tatsache, dass die Linke schon damals sehr erfolgreich einen kulturellen Kampf gegen das Establishment führte. Unterstützung dafür fand sie in der Frankfurter Schule, in Michel Foucault und der French Theory – und irgendwann wurden die Jammer- oder Beschwerdestudien als Disziplin erfunden.” Die von ihm beobachteten Entwicklungen seien keine Revolution von unten gewesen, sondern eine von oben: “Es war die Revolution von Vertretern der Minderheiten und jener, die sie – aus Überzeugung oder Feigheit – anwaltschaftlich mittrugen. Und was in der akademischen Welt in den letzten dreissig Jahren stattgefunden hat, vollzieht sich nun in den staatlichen Verwaltungen und zunehmend auch in den börsenkotierten Unternehmungen.” Er teile nicht aus, weil er im skizzierten Kulturkampf auf der Verliererseite stehe. Was ihm wirklich Sorgen mache, sei “die Verarmung des intellektuellen Diskurses. Nicht mehr die Geschichte der Eliten war seit den 1980er Jahren von Interesse, sondern nur noch die Geschichte der Unterdrückten oder jener, die sich selber dazu stilisierten. Und die neuen Akademiker verfolgten – machtpolitisch klug und sehr erfolgreich – ihren Eigennutz und ihre Karriere konsequent. Wer sich weiterhin für die Geschichte des Kanons interessierte, wurde ausgebootet.” Tatsächlich lohnt sich die Lektüre des gesamten Interviews, lassen sich doch die meisten der diskutierten Fragen direkt auf den Kunstkontext beziehen. Die von Ferguson beklagte “Verarmung des intellektuellen Diskurses” findet ihre Entsprechung in der Sorge, die künstlerische Freiheit könnte von Fragen nach Moral und Gerechtigkeit ausgehöhlt und eingeschränkt werden.

Die #Metoo Debatte hat längst auch den Bereich der Klassischen Musik und die Oper erreicht, wie Jan Brachmann in seinem Kommentar für die FAZ schreibt. Die moralische Erhabenheit jener Zweige der Hochkultur sei schon immer eine Fiktion gewesen, so der Autor. Neu sei, dass dies nicht mehr länger hingenommen werde. Dadurch ergebe sich auch ein ganz praktisches, weil finanzielles Problem, so Brachmann: “[So] braucht fatalerweise gerade die ‘Klassik’ den Glanz, das Charisma, den Schein der Integrität, weil genau darauf ihre gesellschaftliche Akzeptanz beruht in Zeiten ökonomischer Verteilungskämpfe und massendemokratisch neu auszuhandelnder Repräsentationsansprüche. Die ‘Klassik’ mit ihren Orchestern und Opernhäusern verschlingt den Großteil öffentlicher Gelder, die insgesamt für Kultur ausgegeben werden. Der finanzielle Anteil übersteigt den Bevölkerungsanteil derer, die sich mit dieser Musik beschäftigen, um ein Vielfaches. Auch deshalb ist der moralische Druck auf allgemeinmenschliche Verbindlichkeit, auf eine Vorbildfunktion der vermeintlich funktionslosen, autonomen Kunst so groß. An der gesellschaftlichen Akzeptanz hängt ihr ökonomisches Überleben.”

Wie vor kurzem bekannt wurde, ermittelten thüringische Behörden seit November 2017 gegen die KünstlerInnen- und AktivistInnengruppe Zentrum für Politische Schönheit wegen des Verdachts auf Bildung einer kriminellen Vereinigung. Auslöser war die Installation eines Stelenfeldes vor dem Privathaus des AfD-Politikers Björn Höcke. Inzwischen ist das Verfahren eingestellt. Wie die Zeit berichtete, hatte der ermittelnde Staatsanwalt der AfD Anfang April 2018 30€ gespendet und sei für seine Milde gegenüber rechten Straftätern bekannt gewesen.
Erstaunlich und besorgniserregend sei das Instrumentarium, mit dem die Ermittlungsbehörden gegen die Gruppen vorgehen konnten, so Christine Käppeler in ihrem Artikel zum Fall, welchen der Freitag veröffentlichte: “Telefonüberwachung, Verkehrsdatenerhebung, Online-Durchsuchung mit Staatstrojanern, Abhören inner- und außerhalb der Wohnung. Das mögliche Strafmaß: fünf Jahre Haft.” Wer jetzt argumentiere, die bekannt gewordenen Ermittlungen und deren Einstellung würden dem Zentrum für Politische Schönheit perfekt in die Hände spielen, der verkenne die extreme Übermacht der staatlichen Institutionen. Der Dramaturg Carl Hegemann sieht in der aktuellen Haftbarmachung von Kunst auch eine Schuld bei den Künstlerinnen und Künstlern selbst. Käppeler zitiert ihn mit folgenden Worten: “‘Die Künstlerinnen und Künstler unterwerfen sich den Sachzwängen. Sie legitimieren ihre Kunst nicht mehr ästhetisch, sondern moralisch, politisch oder ökonomisch.’ Die Kunst und das Theater versuchten, ein nützlicher Teil der Gesellschaft zu werden – und nähmen dafür in Kauf, auf die Grenzenlosigkeit der Kunstfreiheit zu verzichten. ‘In dem Moment ist es eine Aktion wie jede politische Aktion’, sagt Hegemann. ‘Man muss sie nicht mehr schützen.’”

Bento.de, die Bild-Zeitung für liberale Jungakademiker aus dem Spiegel-Verlag, hat eine Analyse eines Wahlplakats der AfD veröffentlicht, mit welchem die Partei in den Europawahlkampf zieht. Darauf ist eine historische Malerei zu sehen, welche wiederum eine Sklavenmarkt-Szene abbildet. Zu sehen sind einige arabisch aussehende Männer in einer architektonisch entsprechenden Kulisse, die um eine nackte, hellhäutige Frau zu feilschen scheinen. Darüber die Textzeile: “Damit aus Europa kein ‘Eurabien’ wird!” Die Szene habe es so wahrscheinlich nie gegeben, so Autor Fabian Goldmann. Das Gemälde sei ein Produkt des “Orientalismus”, einer Fantasie-Version des Orients aus europäischer Perspektive sozusagen. Dessen Popularität gegen Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts habe zu einem völlig verzerrten Bild der arabischen Welt beigetragen, welches heute noch nachwirke.

Slavojv Zizek, Philosophie-Popstar und Marxist, trat kürzlich in einer groß angekündigten, öffentlichen Debatte gegen Jordan Peterson an, seines Zeichens Psychologie-Professor an der Universität Toronto und seit einigen Jahren reichweitenstarker YouTuber und Autor mit tendenziell libertär-konservativem Argumentationsspektrum.
Ich will hier nur kurz auf zwei besonders bemerkenswerte Kommentare zur Diskussion hinweisen, welche die Ereignisse des Abends beinahe vollständig unterschiedlich bewerten: Auf der einen Seite der Artikel von Arno Frank auf Spiegel Online, auf der anderen Seite Judith Basads Text für die NZZ.

“Wenn die Grenzen des Anstands und die Tabus heute eine angeblich politisch korrekte linke Elite diktiert, dann kommt die punky Provokation eben von rechts” - diese These versucht Klaus Walter in einem Artikel für das Magazin Konkret zu belegen. “Gegen Tugendterror, Genderwahn und Sprachpolizei helfen Grenzüberschreitung, Tabubruch, Transgression”, so der Autor. Anhand zahlreicher Beispiele aus dem popkulturellen und politischen Bereich erläutert er, wie die Neue Rechte bzw. die Alt Right mit ehemals linken Kulturtechniken seine Anhänger mobilisiert im Kampf gegen eine angebliche Diktatur des Politisch Korrekten.

Eine schöne Polemik gegen das Manifest wider den “Gender-Unfug” des Vereins Deutsche Sprache hat Leo Fischer verfasst, ebenfalls wieder bei Konkret nachzulesen.

“The Shed” heißt das neue Kulturzentrum in New York, welches Anfang April eröffnet wurde. Es liegt in den Hudson Yards, einem neuen, vor allem mit Luxusimmobilien gepflasterten Stadtteil an der Westseite Manhattans. Trotz seiner Lage soll sich sein Programm an alle New Yorker wenden, also auch an finanziell weniger Privilegierte. Christian Zaschke hat sich für die Süddeutsche Zeitung mit Programmdirektor Alex Poots getroffen und mit ihm über die Konzeption des Kulturzentrums gesprochen.

CJ Hendry ist Künstlerin und hat es vor allem durch Instagram zu einiger Berühmtheit gebracht. Ihre fotorealistischen Zeichnungen vertreibt sie selbst, ohne mit Galerien oder Kunsthandelsplattformen zusammenzuarbeiten. Paddy Johnson versucht in ihrem Artikel für den Observer herauszufinden, wie Hendrys Erfolg zustande kam und wie sich die Struktur ihres Marktes von der des klassischen Kunsthandels unterscheidet. Die Preise ihrer Arbeiten seien nicht durch die üblichen Narrative gedeckt, welche normalerweise Vertrauen herstellen sollen, sondern vor allem durch ihren Celebrity-Status, also ihr Branding, so eine im Artikel geäußerte These. Die künstlerischen Qualitäten würden hier als Maßstab eher in den Hintergrund rücken. Die Autorin bemerkt: “Increasingly, though, the art world has embraced the aura of celebrity rather than rejected it. Over the course of the last decade, Pace launched show of Cindy-Sherman inspired photographs by Actor James Franco; Gagosian regularly displays Rauschenberg rip-offs by film director Harmony Korine; Galleries at Art Basel frequently showcase amateurish paintings by Actor Sylvester Stallone.”

Als vor Kurzem mit gewaltigem Brimborium das erste Foto eines Schwarzen Loches veröffentlicht wurde, musste ich sofort an eine künstlerische Arbeit denken, so grotesk unproportional erschien mir das bildnerische Ergebnis im Verhältnis zu dem Aufwand, der getrieben wurde, um es herzustellen. (Mir fiel dazu Manzonis “Sockel der Welt” als künstlerisches Gegenstück ein.) Oder wie es Frédéric Schwilden in seinem Kommentar für die Welt ausdrückt: “Und ich warte die ganze Zeit darauf, dass irgendwo bekannt gegeben wird, dass das Ganze ein Gag von Jan Böhmermann war oder die Guerilla-Werbekampagne für einen Film mit Eddie Murphy als verrücktem Wissenschaftler.”

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