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Abstract cut-out metal shapes mounted on a wall, depicting stylized figures facing each other and holding an elongated object between them.

Carolina Lehan, Stille Post, 2026, installation view Kunsthaus Hamburg (detail); photo: Sarah Thielsen

What to see

Ulla von Brandenburg im Ernst Barlach Haus, Hamburg

Vorhang auf, Manege frei: Schüttelt Schattendramen aus dem Ärmel nennt Ulla von Brandenburg (HFBK-Absolventin 2004) ihre aktuelle Ausstellung im Ernst Barlach Haus, und wie oft lädt die Künstlerin hier wieder in eine kulissenhafte Rauminstallation ein, aus bunten Stoffbahnen und Vorhängen geschaffen, die Bilder enthüllen und Ausstellungsräume in Bühnen verwandeln. Ausgangspunkt ihrer Ausstellung ist ein fünfmonatiger Stipendiumsaufenthalt in Kyoto, während dessen die Künstlerin tief in die japanische Kultur eintauchen konnte. Anknüpfungspunkte gab es genug: Wo etwa die japanischen Rollbilder der Kakemono ihre Entsprechung in Brandenburgs typischen Stoffbahnen finden, konnte sie verschiedene Traditionen des Puppen- und Figurentheaters sowie Färbetechniken kennenlernen und für ihr Werk fruchtbar machen. Eine Serie von traditionell mit Wachs und Reispaste gefärbten Kakemonos zeigen eingangs faszinierend-psychedelische Farbverläufe, auf denen sich wie in so vielen Bildern der Schau suggestive Formen ausbreiten, teils seltsame Gestalten tummeln. Denn auch eine Schar von Yōkai folgte Brandenburg aus Japan – freundliche Geister oder bösartige Dämonen des Volksglaubens, die nun in der Ausstellung frech von Bildern grinsen oder stumm über Stoffbahnen huschen. Aber noch tiefer steigt Brandenburg in die japanische Ästhetik ein, wenn sie auf Tanizaki Jun՚ichiro verweist, der 1933 die Grundzüge einer japanischen Sehkultur beschrieb: „Wir sind der Meinung,“, schrieb er, „Schönheit sei nicht in den Objekten selber zu suchen, sondern im Helldunkel, im Schattenspiel, das sich zwischen Objekten entfaltet.“ Eine schöne Entsprechung zu Brandenburgs Praxis, die uns in so ein Zwischenreich holt, wo die Phantasie blüht. Und wo die Trennlinie zwischen den Sphären des Diesseits und der Geisterwelt durchlässig wird wie ein Vorhang. (Raphael Dillhof)

Ulla von Brandenburg: Schüttelt Schattendramen aus dem Ärmel, 22.2.-7.6.2026, Ernst Barlach Haus

Julia Schulze Darup in der Galerie Bittel von Jenisch, Hamburg

Knubbelige, organische Gewächse aus matten und glänzenden Oberflächen bewohnen den Galerieraum in der Admiralitätsstraße. Geradezu angelehnt an die Jahreszeit widmet sich die Einzelausstellung Eins zu Eins von Julia Schulze Darup (Master-Abschluss 2018 bei Prof. Andreas Slominski) einer Auswahl hybrider Arbeiten aus Keramik und Textil, die mysteriös an der Wand oder von der Decke hängen und an Knospen oder wachsende Gebilde denken lassen. Wie ein Kokon hängt ein Objekt wartend herab, als würde gleich etwas zu schlüpfen beginnen und sich aus der Verpuppung in das nächste Stadium der Metamorphose begeben. Und doch wendet sich die Formsprache Darups abstrakter Objekte von etwas Animalischem ab und erkundet pflanzliche Ausstülpungen, vielleicht die ästhetische Verwandtschaft eines Kokons zu einer Schote. Auch letztere haben die Eigenschaften einer Hülle, eines Schutzmantels, bevor ein Transformationsprozess eintritt. Die äußere Schale behütet ihr Inneres, welches weich und ruhig hausen darf, bis es geerntet oder neu ausgesät wird. Dabei perfektioniert die Künstlerin das Spannungsfeld des zunächst nachgiebigen, formbaren Materials Ton, das im festen Zustand zur Keramik wird, mit den textilen Formen, die sich durch diese erstarrten Hüllen hindurchwinden. In ihrer Fülle werden sie vom weichen zum harten Material, eine Art Wechselspiel und Austausch ihrer gegenseitigen Beschaffenheiten. Eine Wandarbeit wirkt dadurch wie eine Knolle, ein Speicherorgan von Pflanzen, welches ebenfalls zum Schutz vor Einflüssen dient und sich vor allem in der Erde verortet, versteckt im kalten Boden auf seinen Einsatz wartet. Julia Schulze Darup bezieht sich in den Arbeiten der Ausstellung offenbar auf die ästhetische Übertragung genetischer Forschung, der Frage noch der Weitergabe von Erbinformationen und ihren Mutationen. Dabei bedient sie sich naturwissenschaftlichen Diagrammen und Zeichnungen als Ausgangspunkt, die in einzelnen Elementen wie keramischen Spiralen oder Einkerbungen, die an ebensolche Visualisierungen wie beispielsweise die Doppelhelix erinnern, auseinanderseziert wieder auftauchen. Sogar die Keramikobjekte sind mit Fäden durchzogen, wie vernäht, als würden konträre Materialitäten durch den Stich der Nadel oder einer Bordüre aus Polsternägeln zusammengehalten und die Naht ausgebessert, verstärkt und letztendlich gekreuzt werden. (Anne Meerpohl)

Julia Schulze Darup, Eins zu Eins, 20.2.-25.4.2026, Galerie Bittel von Jenisch, Hamburg

Michaela Melián in der Overbeck-Gesellschaft, Lübeck

Mit langem Widerhall breiten sich die Eröffnungsreden durch das weitläufige, weißgekalkte Kirchenschiff von St. Petri aus, reflektieren von den Wänden, zwischen schlanken Pfeilern, die den Blick in die Höhe ins Gewölbe ziehen. Ein passender Ort für eine Ausstellung namens Echo, die Michaela Melián (bis 2023 Professorin für Zeitbezogene Medien an der HFBK Hamburg) in der Overbeck-Gesellschaft präsentiert, passend auch, weil es gerade der Schall, der Klang Medium und Thema ist, um das Meliáns Kunst oft kreist. Es ist das Echo der Geschichte, dem die Künstlerin nachspürt. Sie hat minimalistische Motive auf Stoffbahnen gedruckt, die sie zwischen die Pfeiler hängt: ein Stück blauer Himmel, ein Ziergitter, Ornamentbänder mit rankenden Pflanzenmotiven, Muster aus christlicher Symbolik und der Geschichte der Stadt, die sich ähnlich wie ein Echo durch den Raum ziehen, ihn rhythmisieren. Während aus mehreren Lautsprechern leise, getragene Töne dringen, dreht sich in der Mitte des Saals eine mit Marmormuster überzogene Sitzskulptur, auf der sich Besucher*innen wie ein langsames Karussell drehen. Eine poetische Meditation über den Nachhall des Früher im Heute. In einem zweiten Standort im Pavillon der Overbeck-Gesellschaft wird Melián konkreter: Hier steht die Geschichte von Julia Mann im Mittelpunkt, der Mutter der beiden berühmten Schriftsteller Thomas und Heinrich Mann und damit Ahnin einer der wichtigsten Familien der Hansestadt. Da sie als Tochter eines nach Brasilien ausgewanderten Farmers auf der Großplantage ihres Vaters aufwuchs, sind es hier schematische Darstellungen von Zuckerrohr und Kaffeepflanzen, die Melián auf Stoffbahnen druckt. Rohstoffe, die Lübecks Reichtum mitbegründet und die auf kolonialer Ausbeutung beruhen. Auch hier ziehen sich die leisen Töne durch den Raum, dringen aus Skulpturen in Muschelform. Ausgangspunkt für diese Komposition ist ein Lied, das Julia Mann als Kind oft von einer Sklavin vorgesungen wurde, die sie betreute. Ein klagendes Echo der Vergangenheit, deren tragische Töne oft leise sind. Melián zeigt, dass man sie hören kann, wenn man will. (Raphael Dillhof)

Michaela Melián, Echo, 22.2.-29.3.2026, Overbeck-Gesellschaft und St. Petri zu Lübeck

Carolina Lehan im Kunsthaus Hamburg

For the Time Being – die titelgebenden Worte für Carolina Lehans (Master-Abschluss 2025 bei Prof. Andreas Slominski) Installation im Kunsthaus Hamburg entfalten eine Zeitlichkeit, die sich durch Referenzen und Geschichten erschließt. Geschriebenes, Geflüstertes und Spekulatives durchzieht nicht nur das Werk Lehans, sondern auch die Ausstellungsserie Stille Post. An geschwungene Linien aus Aluminium sind zwei ineinander übergehende Figuren montiert, die das zentrale Element der Wandinstallation bilden. Wie ein übergroßer Schlüsselanhänger hängen sie an einer Form, die an abstrakte Handschrift und Amors Pfeile erinnert.1 Sie entzieht sich dem Leserlichen zugunsten eines Schwellenzustands, der sich in den Hybridfiguren fortschreibt. Ihre Umrisse lassen tier-menschliche Züge erkennen: Die vogelhafte linke Figur greift mit ihren Händen eine Flöte, die sie zum Mund führt. Die andere Figur ist ihr zugewandt, doch statt Beinen mündet ihr Torso in einen fischartigen Schwanz, den sie in die Höhe streckt. Beide Körper sind in der Komposition und Ästhetik miteinander verschmolzen: als hybrides Wesen, mythischer Archetyp, als Liebespaar. Lehan nimmt in der Installation Bezug auf antike Darstellungen der Sirene, die in vogelähnlicher Gestalt die Meeresküsten bewohnte. Erst im Mittelalter wandelte sich der Darstellungstypus zunehmend zu einer Meerjungfrau, und damit auch die projizierte Konstruktion von Weiblichkeit: Das einst furchteinflößende Hybridwesen, das dem Mythos nach mit seinem Gesang männliche Seefahrer in den Tod lockte, wird in der lieblichen oder gar verführerischen Gestalt der Meerjungfrau erotisiert. In For the Time Being werden die beiden Figuren als Gefährtinnen inszeniert und historische Vorstellungen zusammengeführt. Mit der Darstellung der intimen Beziehung bricht Lehan mit tradierten Codes und zeigt ein Gegennarrativ von weiblicher und queerer Gemeinschaft und Liebe, die zumeist von Marginalisierungen und Repressionen betroffen sind und unsichtbar bleiben. Ein roter Kussmund – ein Zitat aus einem Liebesbrief aus dem Jahr 1943 – hebt sich deutlich vom glatten Metall der Sirene ab und öffnet innerhalb der künstlerischen Arbeit eine zusätzliche zeitliche Dimension, auf die weitere Elemente im Raum Bezug nehmen. Bei einem Besuch im Jüdischen Museum Berlin stieß die Künstlerin auf einen Brief der jüdischen Frau Felice Schragenheim, den sie an ihre Partnerin Elisabeth Wust richtete. Das Liebesgelübde gibt Einblicke in eine Beziehung, die durch soziopolitische und historische Bedingungen von Verfolgung und Unterdrückung bestimmt war. Die ehemals private Nachricht, ein Ausdruck queerer Resilienz und Sichtbarkeit im Nationalsozialismus, wird ein öffentlich zugängliches Zeugnis. Lehan hingegen verzichtet auf diese intime Perspektive zugunsten einer abstrahierten Ästhetik. Sie zeigt in For the Time Being jene Verbindungslinien, die sich durch das Variieren und Zusammenführen von politischen, mythischen und poetischen Geschichten und Figuren gegen hegemoniale und tradierte Geschichten richten und den Blick auf queere Beziehungsweisen erweitern. Bis auf Weiteres, Felice –die Abschiedsworte von Felice Schragenheim ziehen sich durch die Installation wie eine geflüsterte, bewusst unbestimmt gelassene Nachricht und erschließen das Format der Ausstellungsserie Stille Post für neue Deutungen. Die seit 2024 bestehende Serie greift den Gedanken des Einladens und Zu-Gast-Seins spielerisch auf, indem die ausstellenden Künstler*innen die nachfolgende Person selbst aussuchen; so folgt Lehan auf die Präsentation Cho Aris. Das Abgeben der Kuration wird zum experimentellen Konzept, das auf nicht-institutionalisierten Netzwerken basiert und persönliche wie lokale Situierungen insbesondere von jüngeren Kunstschaffenden thematisiert. Lehan zeigt exemplarisch, dass Geschichten, ob leise bewahrt oder laut erzählt, neu imaginiert, mit unerwarteten Verbindungen und möglichen Zukünften verwoben werden können. Das Kunsthaus Hamburg ist dabei ein Ort des Transits, an dem man gespannt sein darf, wer als Nächstes kommt. (Carina Engelke)

Carolina Lehan, Stille Post – For the Time Being, 5.2.–3.5.2026, Kunsthaus Hamburg

Raphael Dillhof (*1989) studierte Kunstgeschichte in Wien und ist Redakteur von art – Das Kunstmagazin.

Carina Engelke ist Kunsthistorikerin und derzeit wissenschaftliche Volontärin an der Kunsthalle Bremen. Zuvor war sie Stipendiatin der Liebelt-Stiftung sowie kuratorische Mitarbeiterin im Freiraum des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg, einem Projektraum für künstlerischen und soziokulturellen Dialog und Diskurs. In ihrer Promotion an der Universität Hamburg untersucht sie (Re-)Produktionsweisen und künstlerische Strategien von Arbeit in der Gegenwartskunst.

Anne Meerpohl ist kuratorische Assistenz im ICAT der HFBK Hamburg.

  1. Carolina Lehan in einem Interview mit der Autorin am 22.02.2026.
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