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A person stands with a bicycle on a narrow forest path surrounded by tall trees and dense green vegetation. The soft light and grainy image texture create a calm, slightly melancholic atmosphere.

Angela Schanelec, Meine Frau weint, 2026; Filmstill © Blue Monticola Film

Wörter im Raum

Das Leben ist eine Baustelle. So hieß 1997 ein Film von Wolfgang Becker, bei dem Tom Tykwer am Drehbuch mitgearbeitet hatte. Der Titel hat sich längst selbstständig gemacht, ist zu einem geflügelten Wort geworden, man denkt dabei an Berlin nach der Wende, an Improvisation und Neubeginn, und an ein Happy End für ein unkonventionelles Paar. Der neue Film von Angela Schanelec wirkt in mancherlei Hinsicht wie eine Antwort auf den populären Vorgänger. Oder aber man könnte, mit einer Entlehnung von dem Schriftsteller Peter Handke, der Bücher wie Versuch über die Jukebox oder Versuch über den stillen Ort geschrieben hat, von einem Versuch über die Baustelle sprechen. In der ersten Szene betritt ein groß gewachsener Mann einen Raum, in dem ein Stuhl steht, und in dem eine Frau eben noch ein Blatt an die Wand gehängt hat – ein Werk, wenn man genau hinsieht, von Louise Bourgeois. Es handelt sich, wie aus dem Dialog allmählich klar wird, um ein Büro, von dem man auf eine Großbaustelle blicken kann – und von dem aus die Arbeit koordiniert wird. Doch für den Moment ist die Kamera auf den Mann gerichtet, die beiden Frauen hinter ihrem Schreibtisch bleiben im Off, sie sind anfangs nur zu hören. Diese drei Menschen, von denen wir bald oder schließlich erfahren, dass sie Thomas, Karen und Andrée heißen, gehören gemeinsam in einen Arbeitszusammenhang, teilen aber auch Persönliches. Allmählich wird klarer, dass das eine der Fragen ist, der Angela Schanelec mit ihrer Erzählung nachgeht: Können Menschen, die miteinander arbeiten, einander auch mögen? Einander vertrauen? Thomas wird schließlich zu seiner Frau gerufen, die er auf einer Parkbank in der Stadt vorfindet. Sie weint. Der Titel geht um ein Wort über eine einfache Prädikation, einen Aussagesatz, in seiner schlichtesten Form, hinaus: Eine Frau weint. Meine Frau weint. Das besitzanzeigende Fürwort, wie es das Deutsche so unnachahmlich definiert, gibt uns zu verstehen, dass der Film von Angela Schanelec (auch) der Film von Thomas ist. Er erfährt, dass Carla einen Unfall hatte. Die näheren Umstände bleiben noch offen, sie werden erst später benannt. Von allen Filmen von Angela Schanelec legt dieser eines ihrer Grundprinzipien am deutlichsten offen: Der Aussagesatz in seiner Verbindung von Subjekt und Prädikat und allenfalls noch ein, zwei Umständen gibt in ihren Filmen den Duktus vor. Das gilt für die Dialoge und für die Montage gleichermaßen. Der Text von Meine Frau weint enthält einige markante Beispiele für diese Sprache einer einfachen Faktizität: „Mein Kopf platzt“ (Thomas, nachdem seine Frau Carla ihm sehr präzise klargemacht hat, was sie bei einem Tanzkurs alles erlebt und gefühlt und wahrgenommen hat). „Ich habe gerne Sex“ (Carla in einem zwanglosen Gespräch mit einer Kollegin während eines Gangs durch einen Park). „Wir brauchen nicht viel“ (Karen, die von einem Zwist mit ihrem Freund Valentin erzählt, der wie sie auf der Baustelle arbeitet). „Mein Freund ist groß“ (Carlas Kollegin Claudia in der schon erwähnten Szene im Park). Und schließlich einer der kürzesten dieser Sätze: „Er ist tot.“ Hier schiebt die Schauspielerin Agathe Bonitzer, deren Muttersprache Französisch ist, ein kurzes „Ja“ hinterher, als könnte sie die Lakonik der drei Worte nicht ganz aushalten. Carla hat offensichtlich einen dramatischen Unfall überlebt, spricht davon aber mit einer Beiläufigkeit, die erkennen lässt, dass sie auch in ihrem Verhältnis zu den Worten erschüttert ist. Denn im Auto hatte sie eine beinahe als mystisch zu charakterisierende andere Erfahrung mit Sprache gemacht: „Die Wörter erfüllten den ganzen Raum zwischen uns“. Sie, die davor noch gemeint hatte, dass sie „eigentlich nichts weiß über mein Leben“, wurde bei dieser Fahrt mit einem Mann, der ihr beim Tanzen fremdvertraut wurde, in einen anderen Zustand versetzt: „Als wäre es möglich, alles zu sagen, und alles hätte Sinn“. Im Kino gilt es eher als ein Kompliment, wenn man von einer Regisseurin sagt: Sie macht immer wieder den gleichen Film.

Bei Angela Schanelec bekommt dieser Gedanke philosophische Tiefe. Schon zwischen Music (2023) und Meine Frau weint (2025) gibt es zahlreiche motivische Bezüge, in beiden Fällen ist ein Unfall ein wichtiges Moment, in beiden Fällen sind Fahrräder ein sehr wichtiges Requisit, in beiden Fällen ist Musik, wenn auch karg eingesetzt, ein strukturierendes Element. Der „gleiche“ Film, den Schanelec seit Anfang der neunziger Jahre bearbeitet, basiert darauf, dass das Leben aus Wiederholungen und Routinen besteht, die aber jederzeit „traumhaft“ werden können – wie in ihrem Film Der traumhafte Weg aus dem Jahr 2014, der in einem vergleichbaren Stadt-Land spielt, in einem leicht mysteriösen Übergang zwischen einer vertrauten und einer unvertrauten Welt. In Meine Frau weint sieht man Carla einmal in einer Gegend mit dem Fahrrad, in der eine Autobahn mit ihren vielen Fahrspuren (und mit ihrem Verkehrslärm) alles dominiert. Der einfache Aussagesatz ist auch das Prinzip des Spiels der Darsteller*innen in Meine Frau weint: Sie sprechen ihre Sätze ohne Drama im Tonfall, sie konstatieren eher, als dass sie nach expressiven Ausdrucksmöglichkeiten suchen. Sie werden mit einem Sprechen zur Figur einer Reflexivität, die aus sich wieder hinausführt: Wenn jede Silbe des Gesagten hoch bewusst (man könnte auch sagen: literarisch) gesprochen wird, steht am anderen Ende eine Einfachheit und Klarheit, die schönen Körpern zu eigen ist, wie Claudia sie beim Handball sieht, und wie sie eine Prämisse des Kinos von Angela Schanelec ausmachen: schöne Körper in dem gesamten Reichtum, den dieses Wort „schön“ im Verlauf der ästhetischen Theorie gewonnen hat, nicht zuletzt durch eine Verbindung mit dem zwanglos geordneten Spiel seit den Überlegungen von Schiller. In einer Schlüsselszene von Meine Frau weint kommt Vieles noch einmal zusammen, wie insgesamt der ganze Film weniger linear erzählt als szenisch ineinander geschoben wirkt: Carla kommt in ein Haus, das zur Hälfte (hier taucht dieses Motiv wieder auf) eine Baustelle ist: Hier wird wohl gerade renoviert. Sie braucht Hilfe, wird auf ein Sofa gelegt, und schläft ein, umgeben von einer Gruppe von Menschen in einer Anordnung, die an Kompositionstechniken der Malerei denken lässt. Ein langer Monolog von Thomas über seine Beziehung zu Carla geht schließlich in ein Musikstück über: Zu Leonard Cohens Lover Lover Lover tanzen die Menschen auf einer Terrasse, auch Thomas schließlich, der von sich früher noch gesagt hatte, er wäre kein guter Tänzer. Meine Frau weint ist in vielerlei Hinsicht eine Summe von Angela Schanelecs Werken: überreich in seinen Motiven, in seinen Implikationen, in seiner Gedankenarbeit. Dass schließlich auch noch ein Schriftsteller namens Laszlo eine wichtige Rolle spielt, der in einer Laubhütte im Wald mit seinem Sohn David im Hintergrund an einem Sprachkunstwerk arbeitet, ist ein Ausweis des gesamtkunsthaften Anspruchs, den Schanelec letztlich stellen kann: Ihr Kino zwischen Sprache, Körper, Bild, Musik und Seele arbeitet an einer neuen Universalpoesie.

Angela Schanelec, Meine Frau weint, 93 Minuten, Deutschland / Frankreich, 2026.⁠ ⁠Ab den 11.⁠ ⁠Juni in den deutschen Kinos.

Bert Rebhandl ist freier Journalist, Autor und Übersetzer, lebt in Berlin. Er schreibt Filmkritiken für die FAZ und ist Mitherausgeber der Zeitschrift CARGO (www.cargo-film.de). Mehr Informationen unter: www.BRO198.net

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