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Translucent turquoise sculpture made of layered material, forming a ring-like geometric shape that spans several steps in a paved public square.

Mark Morris, The Chain Reaction, Installation view of Fire, exhibition by the Hamburg City Curator, St. Nikolai Memorial, 2026; photo: Daria Kulnina.

From the Cosmos to the Commons: Fire

From the Cosmos to the Commons: Fire

Wir leben gefühlt in einer vor-apokalyptischen Zeit: der Begriff „Brandmauer“ zur Abgrenzung gegen den rasant zunehmendem Rechtsruck hat in jüngsten politischen Debatten eine neue Brisanz erreicht – bröckelt sie, oder ist sie vielleicht schon gefallen? Gleichzeitig erreichten die Temperaturen im Juni in Deutschland und Europa mit über 40 Grad neue Rekorde, während außerhalb der sich weiter verhärtenden „Festung Europa“ Kriege wüten, Städte und Landstriche in Schutt und Asche liegen. Die Apokalypse, in ihrem etymologischen Ursprung vom griechischen Apokalypsis (ἀποκάλυψις), was etwa „Enthüllung” oder „Aufdeckung” bedeutet, ist demnach kein fernes Ereignis mehr, sondern für viele Menschen bereits ein andauernder Zustand.

15 internationale wie Hamburger Künstler*innen waren eingeladen, sich mit Thema und Ort der Ausstellung auseinanderzusetzen. Die Nikolaikirche in Hamburg brannte zweimal: während des Großen Brand von 1842, und ein zweites Mal 1943, als eine Serie alliierter Luftangriffe unter dem Codenamen „Operation Gomorrha“ einen Feuersturm von verheerendem Ausmaß entfachten, der große Teile Hamburgs zerstörte und 34.000 Menschen das Leben kostete. Die bis auf den Glockenturm abgebrannte Kirche ist heute ein Mahnmal, das die Umstände der Zerstörung sowie das menschenverachtende Vorgehen der NS-Diktatur im Rahmen einer Dauerausstellung dokumentiert.

Im Außenraum des Mahnmals St. Nikolai verweisen plakatierte Poster mit 12 (von insgesamt 104) Motiven aus Annette Kelms (HFBK-Alumna) Arbeit Die Bücher (201921) auf ein weiteres Feuer – das der Bücherverbrennungen, die 1933 in ganz Deutschland stattfanden. Für ihre Serie, die sich in der Sammlung der Hamburger Kunsthalle befindet und dort aktuell auch im Original zu sehen ist, fotografierte die Künstlerin die Einbände von Büchern, die während des Nationalsozialismus als „undeutsch” galten und daraufhin verboten und vernichtet wurden. Die Cover der Mitte bis Ende der 1920er Jahre erschienen Werke, darunter Helene Stöckers Liebe, gestaltet von John Heartfield, Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz, sowie Werke zu Frauenrechten, Homosexualität oder Pazifismus, zeugen von einer künstlerischen und literarischen Vielfalt, die nur wenig später ein jähes Ende fand. Die Konfrontation mit der zeitlichen Parallele wirft die berechtigte Frage auf, wie kurz wir tatsächlich vor einer Wiederholung von 1933 stehen.

In den neogotischen Fensterrahmen der Apsis von St Nikolai erinnert Neda Saeedi an die einstigen Buntglasfenster, die unter anderem Szenen der Apokalypse aus der Offenbarung des Johannes darstellten. Vanished Topographies (2026) besteht aus farbigen Glasfragmenten, die wie schwebend in den leeren Öffnungen installiert sind und deren abstrakt-konstruktivistisch anmutenden Formen den einstigen Wasserwegen nachempfunden sind, die ebenfalls durch den Krieg verschüttet wurden.

Seine künstlerische Recherche zum Thema „Feuer“ führte Mark Morris (aktueller Master-Absolvent der HFBK Hamburg bei Prof. Simon Denny) zur ambivalenten Figur Alfred Nobels. Der „Kaufmann des Todes“ ist der Erfinder und weltweite Verbreiter von Dynamit und heute vor allem als Stifter des Friedensnobelpreises bekannt. Nobel betrieb ab 1867 ein aus Hütten bestehendes Labor in Geesthacht bei Hamburg, wo frühe Versuche mit dem Sprengstoff stattfanden und wo am selben Ort während des Zweiten Weltkriegs eine Waffenfabrik und später ein inzwischen stillgelegtes Kernkraftwerk errichtet wurde. Nobels früheres Büro lag in direkter Nähe zum Mahnmal St. Nikolai. In seiner ortsspezifischen Arbeit The Chain Reaction (2026) verwendet Morris Glycerin – essentieller Bestandteil von Dynamit und Seife – um die Konturen einer nicht mehr vorhandenen Säule symbolisch wieder auferstehen zu lassen. In dem semitransparenten Material zeichnen sich überlagernde, farblich changierende Schichten wie Sedimente ab, die symbolisch für die von diversen Katastrophen gezeichnete Geschichte des Ortes stehen. Da Glycerin auf Witterung wie Hitze oder Regen reagiert und wiederum in die historischen Strukturen eindringt – was zwar dem künstlerischen Konzept entgegenkam, nicht jedoch der Denkmalpflege – musste die Skulptur von ihrem ursprünglichen Standort ins Innere des ehemaligen Weinkellers verlegt werden. Dort findet sich auch ihr Pendant aus Kieselgur, ein weiterer Bestandteil von Dynamit, gewonnen aus den Überresten fossiler Algen in der Elbregion, in dem der Künstler die Abfolge der industriellen Architekturen von Nobels Labor bis zur zukünftigen Nutzung nachzeichnet.

Lene Markusen (HFBK-Alumna und ehemalige Professorin) verbindet die global steigende Erderwärmung und überhitzte Debattenkultur unserer von Angst und Unsicherheit geprägten Zeit mit dem weiblichen Körper in den Wechseljahren. Ausgangspunkt ist die Skulptur Weiblicher Engel (1960/1972) der Hamburger Künstlerin Barbara Haeger (19192004) im Mahnmal St. Nikolai, in der diese ihre persönliches Erleben des Feuersturms von 1943 verarbeitete. In ihrem performancebasierten Video Cycle of Warmth (2026) interagiert Markusen durch Seile mit der in einer Außennische der Apsis platzierten Skulptur sowie mit der sie umgebenden Ruine und lässt weitere, im Hamburger Stadtraum verteilte Skulpturen Haegers als Zeichnungen in Form mobiler Pappaufsteller sichtbar werden, die in unterschiedlichen Gruppierungen ein rhizomatisches Geflecht von Beziehungen durch die Gedenkstätte bilden.

Dass Flexibilität eine wichtige Voraussetzung für eine Kunst ist, die sich hinaus in den öffentlichen Raum begibt, zeigten auch die Ergebnisse eines Workshops, den Anne Duk Hee Jordan, Professorin für Environmental Intervention an der HFBK Hamburg), mit ihrer Klasse im Rahmen der Ausstellung durchführte. Die Ergebnisse wurden am 4.⁠ ⁠Juli, ironischerweise bei strömendem Regen, in einer als performativer Parcours angelegten Pop-up-Ausstellung präsentiert. Die Auseinandersetzungen mit den Themen der Ausstellung aus einer umweltorientierten Perspektive und queeren Praxis führten zu durchaus poetischen Korrespondenzen: Cathrin Zumhasch und Bente Steffens setzten gebündeltes Sonnenlicht als Brennmaterial ein, charmant präsentiert vis-a-vis des Sonnenspiegels von Saodat Ismailova am Kirchturm von St. Nikolai. Merle Richter erzeugte mit einer bewegungsgetriebene Lungenflügel-Skulptur „Wind für neues Feuer“, Julia Quitmann schuf ein Weihwasserbecken aus biobasierten Materialien (Kieselerde und Glycerin) als Symbol unserer Abhängigkeit von Erdöl und Bahar Ensafi verarbeitete Wut, Feuer und Fett in einer Kochperformance, mit der die mehrstündige Präsentation trotz des Regens einen erwärmenden Abschluss fand.

Eva Scharrer ist Kunsthistorikerin, freie Autorin und Kuratorin und lebt in Berlin.

Stadtkuratorin Hamburg, From the Cosmos to the Commons: Fire, Annette Kelm, Lene Markusen, Mark Morris u.⁠ ⁠a., 21.6. – 21.9.2026, https://stadtkuratorin-hamburg.de

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