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Close-up of two Petri dishes containing differently colored mold and material samples, drawings of organic structures, and cross-shaped objects, with a black cable running across them.

Redesign of the Federal Cross of Merit by designers Anna Rosinke and Maciej Chmara (Vienna/Berlin), Eubiom (detail), 2026; photo: Rosinke/Chmara

Adler, Orden, Wahlurne

Adler, Orden, Wahlurne

Die Gegenwart wird von vielen als eine permanente Abfolge und Verschränkung von Krisen wahrgenommen: Klimawandel, Instabilitäten im Finanzsektor, Migrationsbewegungen, Pandemien, Terrorismus, Kriege und ein erstarkender politischer Extremismus prägen das Bild. Während die einen um den Bestand der liberalen Demokratie fürchten, haben sich andere bereits von ihr verabschiedet und suchen Zuflucht in autoritären Versprechen. Auch die repräsentative Demokratie steckt also tief in der Krise. In dieser Situation liegt es nahe – und viele Theoretiker*innen unterschiedlicher Strömungen tun dies –, das politische System als Ganzes infrage zu stellen. Kann eine liberale, auf Konsens ausgerichtete Demokratie die globalen Herausforderungen der Gegenwart überhaupt bewältigen? Muss nicht erst der globalisierte Kapitalismus überwunden werden? Und welche neue Erzählung kann nach dem verblassten Wohlstandsversprechen der Nachkriegsmoderne die Menschen heute noch vereinen.

Wie wird Design politisch?

Ein Blick in die Geschichte der Gestaltungsdisziplinen zeigt, dass in Krisenzeiten oft große Entwürfe entstanden sind. Design und Architektur wurden genutzt, um Gesellschaftsentwürfe vorstellbar und damit verhandelbar zu machen. Während autoritäre Akteur*innen diese Strategie nach wie vor nutzen, um politische Dominanz durch eine monumentale Formensprache (wie mit dem „Arc de Trump“ oder dem neuen Ballsaal für 1000 Gäste am Weißen Haus) auszudrücken, wählen progressiv orientierte Menschen inzwischen meist einen anderen Weg. Vor dem Hintergrund des Scheiterns der großen Utopien setzen sie auf Mikro-Utopie: kleine, alltägliche Praktiken des Gelingens, die sich der herrschenden systemischen Logik entziehen und als Prototypen einer besseren Zukunft fungieren sollen. Mit dem Projekt Re-De-Re schlagen wir methodisch einen dritten Weg ein, der auf den ersten Blick wenig spektakulär erscheint: Wir entwerfen weder eine große Vision, noch beschränken wir uns auf mikropolitische Nischen. Stattdessen setzen wir auf – zunächst systemstabilisierend erscheinende – inkrementelle Interventionen.

Adler, Orden, Wahlurne

Bestehendes durch gezielte Eingriffe besser zu machen, ist eine im Design und der Architektur tief verwurzelte Strategie. Für Re-De-Re bedeutet das ganz konkret, dass wir uns einiger Objekten exemplarisch annehmen, die unsere Demokratie repräsentieren, uns aber auch aus der Zeit gefallen und dysfunktional erscheinen. Unser Lieblingsbeispiel ist die Wahlurne. In vielen deutschen Kommunen ist man daran gewöhnt, den Stimmzettel in eine umfunktionierte Mülltonne zu werfen. Das ist zwar pragmatisch (billig! zuverlässig! groß!), aber offenkundig wird dieser äußerliche Rahmen nicht der Würde des demokratischen Wahlaktes gerecht. Warum also hier nicht über eine Alternative nachdenken? Auch das deutsche Wappentier verdient ein Update. Muss das Zeichen, an dem wir den Staat als Organisator unseres Gemeinwesens erkennen, zwingend ein Adler sein? Schließlich ist der Adler ein Raubvogel, der historisch für Dominanz und Gewalt steht. Diese Ikonographie wurzelt in vordemokratischen Gesellschaften und spiegelt kaum wider, wer wir heute sein wollen. Ähnliches gilt für das Bundesverdienstkreuz. Mit dieser Auszeichnung ehrt der Staat – also „wir“ – insbesondere zivilgesellschaftliches Engagement. Aber warum geschieht dies in Form eines Ordens, dessen Gestaltung sowohl in christlicher Ikonographie als auch in militärischen Traditionen verhaftet ist? Wir suchen deshalb nach Ausdrucksformen, die unserem pluralistischen Selbstverständnis besser entsprechen.

Forschende Gestaltung und gestaltende Forschung

Nun könnte man einwenden, dass es angesichts globaler Krisen und der wachsenden Bedrohung durch den Rechtspopulismus nicht angemessen, ja, geradezu albern ist, über Äußerlichkeiten wie Wahlurnen, Bundesadler oder das Bundesverdienstkreuz nachzudenken. Aber Re-De-Re ist nicht nur ein Gestaltungsprojekt, sondern auch ein Forschungsprojekt. Kern der Forschung ist nicht nur die Repräsentation im Großen, sondern auch im Kleinen. Um herauszufinden, wie diese verbessert werden kann, beobachten wir Politiker*innen in ihrem Alltag. Dabei lenkt die Designforschung unseren Blick auf das Sinnliche, Stoffliche und Materielle, und die Politikwissenschaft auf das Unsichtbare, nicht Messbare, wie Macht und Einfluss. Unser politisches System ist abstrakt und unnahbar, und so erscheinen vielen Menschen auch die Politiker*innen, die in diesem System handeln. Was ist ihre Rolle? Repräsentieren sie den Staat oder vertreten sie das Volk? Indem wir ihr Handeln aus der Perspektive der Gestaltung beschreiben, rücken wir wieder das – unter allen systemischen Deformationen vorhandene – Menschlich-Sinnliche in den Blick und reflektieren so auch die Macht des Einzelnen. In diesem Prozess kommt den gestalteten Objekten, den Entwürfen für Adler, Orden und Wahlurne, eine besondere Bedeutung zu. Sie sind die Schnittstelle zwischen Abgeordneten, den Forschenden (dem Re-De-Re-Team) und der Öffentlichkeit, die sich am diskursiven Gestaltungsprozess beteiligt. So entsteht ein Kreislauf, in dem die Beobachtung den Entwurf informiert und der Entwurf die Beobachtung, ein wissenschaftlich-gestalterischer Forschungsprozess. Indem wir Entwürfe in den Raum stellen, provozieren wir Fragen an die politische Praxis. Dadurch machen wir das System nahbar – und was nahbar ist, wird als veränderbar wahrgenommen.

Aus der Krisen-Gewohnheit ausbrechen

Re-De-Re will die sinnliche Wahrnehmung in einem zunehmend technokratisch erlebten politischen Prozess stärken. Dabei nutzen wir die analytischen, diskursiven und imaginativen Kompetenzen von Gestaltung, kombiniert mit den Methoden der Sozialwissenschaft. Ein Schlüssel zur Weiterentwicklung der liberalen Demokratie liegt nach unserer Überzeugung darin, ihre (scheinbaren) Selbstverständlichkeiten wieder – durch Design – sichtbar und verhandelbar zu machen. Anhand greifbarer Beispiele (Adler, Orden, Wahlurne) wollen wir aus der zur Gewohnheit gewordenen Krise ausbrechen und zeigen: Der Staat sind wir alle. Wir haben es in der Hand, ihn so zu gestalten, dass jede Stimme gehört wird – im Interesse aller.

Dr. Friedrich von Borries ist Professor für Designtheorie an der HFBK Hamburg.

Dr. Sven Siefken ist Professor für Politikwissenschaft an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung in Deutschland.

Re-De-Re ist ein Projekt der HFBK Hamburg und der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung, gefördert durch die VolkswagenStiftung.

Adler, Orden, Wahlurne. Redesigning Democratic Representation
Rozbeh Asmani, Maciej Chmara & Anna Rosinke, Esra Gülmen, Jianping He, Nadine Kolodziey, Ingo Offermanns u.⁠ ⁠a.
28.8.202621.2.2027
Museum für Angewandte Kunst, Frankfurt/M.
https://www.museumangewandtekunst.de/

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