Yalda Afsah, PAN, 2026, installation view Kunsthaus Hamburg, VG Bild-Kunst, Bonn 2026; photo: Fred Dott
Wie sich Wirklichkeiten konstruieren
Wie sich Wirklichkeiten konstruieren
Maurin Dietrich: Wir sprechen in einem historisch heißen Sommer miteinander. Hitze ist dabei, zur Denkfigur unserer Gegenwart zu werden; Hitze als Klimakatastrophe, als Abwärme der Rechenzentren und als Zustand des Politischen. Hito Steyerl hat das in ihrem Buch Medium Hot. Bilder in Zeiten der Hitze beschrieben; Die Bildproduktion der KI läuft auf Energie, die irgendwo herkommen muss. Aus billigem Strom, am Rand von Konfliktzonen, schlecht bezahlte Arbeit, am Ende zahlt die Erde. Hitze ist dort etwas, das abgewälzt wird, und Menschen trifft, die es sich nicht aussuchen können. Dein Film HEAT (2026) dreht diese Richtung um. Dort suchen Menschen den Zustand von Hitze. Du hast als Ort für deinen neuen Film das Taiwanesische Feuerwerksfestival Handan gewählt und richtest dort die Kamera auf eine ekstatische Zeremonie zwischen Mutprobe und spiritueller Reinigung, in der sich hunderte von jungen Männern explodierenden Feuerwerkskörpern aussetzen. In HEAT wird Hitze nicht nur erlitten, sondern von Menschen aufgesucht. Was hat dich an diesem choreographierten Ritual und Hitze bzw. dem Element Feuer interessiert?
Yalda Afsah: Mich zieht die Arbeit mit den Elementen als Grundlage an, weil Feuer, Wasser oder Luft ganz essentiell zu unserem Leben gehören. Für unser Leben absolut notwendig sind. Spannend wird es für mich in der Kombination mit Riten, die selbst eine Art von Transformation erfahren haben. Beim Handan-Festival ist das genau so: Den Gott gibt es schon sehr lange, das Ritual in dieser Form aber erst seit etwa 50 Jahren — die Feuerwerkskörper kommen erst seitdem zum Einsatz. Handan steht für Segen und Reichtum im kommenden Jahr, und der Sage nach hasst er die Kälte. Um ihn so lange wie möglich bei sich zu halten, muss man eine möglichst erhitzte Umgebung herstellen. Dieser Gedanke interessiert mich sehr und da trifft er sich auch mit deinen Gedanken: Was ist das Nebenprodukt, was ist Abfall? Hier wird es ganz konkret sichtbar: aus den Explosionen entstehen Milliarden von Papierschnipseln, Abfall, Überschuss. Ein riesiges Konfetti, das den Boden bedeckt und, weil es knallrot ist, etwas Gewaltvolles, fast Blutartiges bekommt. Interessant finde ich dabei auch die Doppeldeutigkeit des Bildes: Bevor es zu Boden fällt, füllt es für einen Moment den gesamten Bildraum, schwebt wie rote Flocken durch die Luft — und offenbart darin noch einmal ein ganz anderes Bild.
Maurin Dietrich: Deine Werkreihe geht von den Elementen als Grundlage aller Dinge aus: Feuer, Erde und Kosmos sind realisiert, Luft und Wasser stehen noch aus. Das ist eine vormoderne Ordnung; ein Wissenssystem, das die moderne Wissenschaft abgelöst hat und das trotzdem weiter zu bestehen scheint. Woher kommt bei dir diese Konzentration auf die Elemente?
Yalda Afsah: Im Vordergrund stehen bei mir eigentlich immer Mikrokosmosen: Rituale, kleine Gemeinschaften, der Fokus auf Gruppen von Menschen und zwar immer im Verhältnis zu etwas. Bei der Serie davor waren das Mensch-Tier-Beziehungen, also Tiere, die in einem Verhältnis zu einem Menschen oder einer Gruppe von Menschen standen. Jetzt hat mich gereizt, dieses Verhältnis auf die Natur zu übertragen, genauer: auf einzelne Elemente aus der Natur. Denn fast jedes Ritual steht in einem Bezug zu etwas. Feuerrituale gibt es weltweit, Wasserrituale ebenso, und auch die Luft wird gewürdigt und heilig gesprochen. Das ist sehr tief in den Gesellschaften verankert, schon immer, weil diese Elemente für unser Leben schlicht essentiell sind. Daher kam der Grundgedanke: Die Elemente bilden ein denkbar einfaches Raster, das es mir ermöglicht, in jedem Projekt ein spezifisches Thema vertieft zu untersuchen – etwa Gewalt oder das Einssein mit der Natur. Dabei entwickelt jede Arbeit ihren eigenen Zugang und ihre eigene Form.
Maurin Dietrich: Was interessiert dich daran, in solche Mikrokosmen und hochspezifischen Szenen einzutauchen, denen du dich durch teils langwierige Recherchen und Kontaktaufnahmen näherst? Es handelt sich um hyperlokale Zusammenkünfte – und doch lassen sich gerade im scheinbar Kleinsten Parallelen zu größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen erkennen. In sehr intimen zwischenmenschlichen Momenten spiegelt sich die Welt im Großen.
Yalda Afsah: Diese Gemeinschaften haben eine große Zusammengehörigkeit in einem sehr speziellen Kontext und sie stellen die Praxis, das Ritual selbst, nach außen nicht infrage. Es hat etwas tief Verankertes, lange Beständiges. Und genau das lässt sich übertragen auf das, was in unserer Welt passiert und was wir für alltäglich und normal halten. Im Mikrokosmos wird das einfach viel deutlicher. Bei der Mensch-Tier-Beziehung war das Tier eine Art Spiegel; was sich darin über den Menschen zeigt, ist viel unmittelbarer, als wenn man Mensch und Mensch nebeneinanderstellt. Es geht also darum, einen anderen Blick einzunehmen. Deshalb arbeite ich auch so viel mit Auslassung: Man kennt den Kontext vielleicht gar nicht, und erst dadurch kann man als Betrachter*in überhaupt eine andere Position einnehmen. Eine kleine Verschiebung hilft, oder eine Irritation über den Sound. Und im Lauf des Films wechselt diese Position noch einmal, sodass man am Ende vielleicht auch sich selbst hinterfragt.
Maurin Dietrich: Deine inhaltliche Auseinandersetzung gilt einem Normalitätsbegriff: dem, was als Wahrheit oder Wirklichkeit angenommen und innerhalb bestimmter Gemeinschaften überhaupt nicht mehr infrage gestellt wird. Und genau diese Frage verhandelst du auch auf formaler Ebene. Die Kuratorin Amy Jones hat dies in einem kürzlich erschienenen Text über deine Arbeit treffend beschrieben: Du interessierst dich weniger für Wahrheit an sich als für die Frage, wie Wahrheit erzählerisch konstruiert und die Illusion von Wirklichkeit filmisch erzeugt wird. Auf diese Weise verschränken sich in deinen Arbeiten Inhalt und Form auf produktive Weise. Zum Schluss noch eine Frage zu unseren Sehgewohnheiten im Kontext unserer Zeit. Videos erreichen uns heute im Drei-Sekunden-Loop in endlos beschleunigten Scroll-Momenten und dahinter steht die Idee absoluter Erklärbarkeit: Man muss sofort verstehen, worum es geht, sonst bleibt man nicht hängen. Ausstellungsräume funktionieren anders und Bewegtbilder der Videoinstallationen geben ihnen noch einmal eine eigene Zeitlichkeit. Deine Arbeiten darin zu situieren heißt, dass du die Betrachtenden bittest oder auch dazu zwingst, Zeit mit einer Arbeit zu verbringen. Zum einen, indem du Bild und Sound extrem verlangsamst und zum anderen, indem du mit Auslassungen arbeitest. Kannst du zu diesen Techniken der Verlangsamung und der Auslassungen noch mehr sagen?
Yalda Afsah: Meine Bildsprache setzt den Bildern, die sonst in den Medien produziert werden, bewusst etwas entgegen. Das liegt auch daran, dass ich häufig sehr nah an Details herangehe – oder bestimmte Dinge gerade nicht zeige. Das Framing spielt bei mir eine große Rolle: was im Bildraum tatsächlich sichtbar ist. Und auch wenn dort etwas ganz Langsames passiert, passiert über die Zeit doch einiges. Selbst minimale Bewegungsabläufe sind sehr genau ausgewählt. Wenn man sich darauf einlässt, werden dadurch bestimmte Dinge überhaupt erst sichtbar. Das ist natürlich eine Aufforderung zum Verweilen – keine Arbeit, die sich schnell konsumieren lässt, denn sie entfaltet sich erst nach und nach. Die Narration ist sehr lose, aber sie ist vorhanden und wird kontinuierlich aufgebaut: vom anfänglichen Nichtwissen darüber, wo man sich befindet, über immer mehr Kontext und Informationen bis zu dem Punkt, an dem man sich ein eigenes Bild von der Situation machen kann. Und die Arbeit ist gleichzeitig so angelegt, dass man umso mehr von ihr bekommt, je länger man bleibt.