Neugestaltung des Ramazan-Avcı-Platzes durch Johannes Kuhn, Thies Warnke, Dennis Nedbal und Irini Schwab, Öffentliche Gestaltungsberatung St. Pauli, 2025; Foto: Kayoung Kim
Parteiisch für wen?
Parteiisch für wen?
Felix Kosok: Ihr wurdet als Öffentliche Gestaltungsberatung von Friedrich von Borries angefragt, unter anderem einen Entwurf für Wahlkreisbüros von Bundestagsabgeordneten der CDU zu entwickeln. Diese Einladung habt ihr abgelehnt und dabei auch inhaltliche Gründe angeführt. Die interessieren mich besonders: Was war euer Einwand?
Jesko Fezer: Wir haben die Anfrage ausgiebig diskutiert. Seit 15 Jahren bieten wir mit der Öffentlichen Gestaltungsberatung einmal pro Woche eine Sprechstunde in St. Pauli an. Wir setzen uns parteiisch für die Anliegen von Menschen ein, die kein Geld für Gestaltung haben, die in bestimmten Notlagen sind oder sich sozial und politisch engagieren. Wir fragen uns bei jedem Projekt konkret: Wer ist eigentlich bedürftig, wer hat keinen Zugang zur Gestaltungsmacht? Und: Für und mit wem wollen wir auch arbeiten? Bei CDU oder SPD traf das beides nur bedingt zu.
Marlen Kaufmann: Üblicherweise gehen wir bei der Projektarbeit von konkreten gesellschaftlichen Betroffenheiten aus. Gemeinsam mit den Anfragenden versuchen wir zunächst zu verstehen, worin das eigentliche Problem besteht, bevor wir gestalterische Lösungsansätze entwickeln. Die Anfrage für das Wahlkreisbüro kam jedoch aus einem institutionellen Kontext heraus: ein finanziell abgesicherter Rahmen, ein Museum als Institution, Menschen, die dort professionell tätig sind. Das erzeugt ein anderes Spannungsfeld als jenes, in dem wir sonst arbeiten – eines, in das sich unser Ansatz der Gestaltungsberatung nicht ohne weiteres übertragen lässt
Friedrich von Borries: Ich finde es völlig okay, dass das Studio Experimentelles Design beziehungsweise die Öffentliche Gestaltungsberatung die Anfrage abgelehnt hat. Ich finde es aber wichtig, sichtbar zu machen, dass Projekte innerhalb der HFBK Hamburg kontrovers diskutiert werden. Dass es nicht diesen hochschulinternen Hurra-Patriotismus gibt im Sinne von „Super, da machen wir jetzt alle mit“, sondern dass es auch Positionen geben muss, die sagen: Da fühlen wir uns nicht wohl, aus diesen und jenen Gründen. Meine Anfrage fiel in die Zeit, als die CDU-Bundestagsfraktion unter Friedrich Merz mit der AfD zusammen abgestimmt hat. Da kann es echte politische Vorbehalte geben, das Wahlkreisbüro eines CDU-Abgeordneten zugänglicher zu machen, selbst wenn ein Wahlkreisbüro an sich natürlich eine spannende Gestaltungsaufgabe ist. Die Kernfrage lautet: Ist man parteiisch für Demokratie, oder für bestimmte Akteur*innen innerhalb der Demokratie? Das ist das Dilemma.
Felix Kosok: Matthias Wagner K, der Direktor des Museum Angewandte Kunst und Leiter der Bewerbung um den Titel World Design Capital 2026, zieht immer das Beispiel Frankreich heran. Im Grafikdesign ist dort klar getrennt: Entweder man macht Design für kulturelle Institutionen und Zivilgesellschaft oder man macht Werbung. Inwieweit kann affirmatives Design von Institutionen absorbiert und funktionalisiert werden? Und bedarf es deshalb eines Designs, das als Störung in bestehende Systeme eingreift?
Bela Dizdar: Ich würde diese Trennung zwischen außerinstitutioneller und institutioneller Praxis nicht so eindeutig ziehen. Unsere Arbeit entsteht zwar aus der Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Akteur*innen und konkreten gesellschaftlichen Problemlagen heraus, schließt institutionelle Kontexte aber keineswegs aus. Es gibt durchaus Projekte, in denen wir direkt mit politischen Gremien oder innerhalb kommunaler Strukturen gearbeitet haben – etwa im Austausch mit dem Stadtrat. Wir lehnen Institutionsarbeit also nicht grundsätzlich ab. Entscheidend ist für uns vielmehr, dass die Zusammenarbeit von den Betroffenen und ihrem Alltag ausgeht. Von dort aus bewegen wir uns, wenn es notwendig wird, auch in bürokratische oder institutionelle Räume hinein.
Marlen Kaufmann: Der Unterschied zu Redesigning Democratic Representation liegt vielleicht in der Bewegungsrichtung. Friedrich setzt unmittelbar bei der zu verändernden Institution an. Wir beginnen dagegen meist auf einer niedrigschwelligen lokalen gesellschaftlichen Ebene und arbeiten uns – wenn es das Projekt erfordert – in institutionelle Zusammenhänge hinein. Ein Beispiel dafür ist das Projekt zum Gedenkort für Ramazan Avci 1 in Hamburg. Es begann mit einem konkreten gesellschaftlichen Anliegen Betroffener, erforderte für die Umsetzung aber schließlich die Zusammenarbeit mit zahlreichen Institutionen. Diese institutionelle Ebene ist bei uns jedoch nicht Ausgangspunkt der Arbeit, sondern ergibt sich erst im Prozess.
Neugestaltung des Ramazan-Avcı-Platzes durch Johannes Kuhn, Thies Warnke, Dennis Nedbal und Irini Schwab, Öffentliche Gestaltungsberatung St. Pauli, 2025; Foto: Kayoung Kim
Jesko Fezer: So gesehen baut unser parteiisches Design auf einem Demokratieverständnis auf, das von unten wächst: Demokratie konstituiert sich in lokalen Erfahrungsräumen, Handlungsmöglichkeiten und Ermächtigungsmomenten. Unsere Frage war daher zunächst: Können wir parteiisch für lokale Demokratie sein, für den Aushandlungsraum, der im und um ein Wahlkreisbüro herum bestehen könnte? Kann man das Wahlkreisbüro als einen Ort denken, den die Nachbarschaft beanspruchen und beleben kann, mit beispielsweise Veranstaltungsformaten zu Mietpreispolitik oder Verkehrswende? Wir haben das in unserer Diskussion konkret durchgespielt: nicht parteiisch für Parteien zu sein, sondern für diejenigen, die aus dem Stadtteil heraus Begegnungsräume brauchen. Dabei war es schwierig, die große institutionelle Parteienlogik mit der Idee von konkreten Anliegen und Defiziten auszugehen, zusammenzubringen. Friedrichs Ansatz setzt stattdessen auf die Intervention in institutionelle Rahmen, wodurch diese flexibel genug werden, damit Politik überhaupt erst möglich wird. Es gibt gemeinsame Schnittpunkte, aber jeder Ansatz hat einen völlig anderen Aufschlag.
Friedrich von Borries: Den mikropolitischen Ansatz der Öffentlichen Gestaltungsberatung finde ich super – in unserem Forschungsprojekt gehen wir die Sache zunächst systemischer an. Ganz unparteiisch sind wir dabei aber auch nicht: Wir wollten keine AfD-Abgeordneten begleiten, und unsere Schmerzgrenze verlief auch innerhalb der CDU. Dass Design mikropolitisch wie emanzipatorisch wirksam sein kann, zeigt ihr als Öffentliche Gestaltungsberatung seit vielen Jahren. Aber der Erfolg der AfD ist ja auch ein Designprodukt, vom Logo bis zur Social-Media-Nutzung. Leider äußerst erfolgreich. Kann Design nun auch für etwas so Unemotionales oder Abstraktes, wie die repräsentative Demokratie mit ihren Verfahren, ihren Prozentzahlen und ihren Kompromissen dazu beitragen, dass man sich mit ihr wieder mehr und vor allem positiver identifiziert? Das war mein Impetus. So sehr ich die Absage verstehen kann: Enttäuscht war ich trotzdem.
Felix Kosok: Parteiisches Design würde sagen: Wenn ich für eine Sache gestalte, mache ich mich mit ihr gemein. Politisches Design hingegen könnte bedeuten, innerhalb eines bestehenden Systems gestalterische Irritationen zu erzeugen. Nur weil ich mich mit repräsentativer Demokratie beschäftige, muss ich nicht zwangsläufig bereits politisch Partei ergreifen.
Irini Schwab: Das Politische an unserer Praxis liegt für mich darin, dass Design zu einem Werkzeug werden kann, mit dem Menschen gemeinsam Handlungsmacht entwickeln. Wir arbeiten mit Betroffenen in der Weise zusammen, dass Formen der Selbstermächtigung entstehen können. Dabei gestalten wir nicht stellvertretend für andere, sondern gemeinsam mit ihnen. Im besten Fall entsteht daraus ein kollektiver Prozess, in dem Design weniger Dienstleistung als vielmehr gemeinsames Werkzeug ist.
Jesko Fezer: Wir hatten Lust, bei dem Projekt dabei zu sein, und haben lange diskutiert, wie wir die Anfrage erweitern könnten. Aber ganz praktisch und das war der aufrichtige Grund der Absage: Wir waren kurz vor einer Exkursion nach Batman in die Türkei für ein Projekt mit einem kurdischen Bergdorf. Danach öffneten wir die Gestaltungsberatung für den Sommer im Nachbarschaftstreff Mikropol in Hamburg-Rothenburgsort. Uns fehlten schlicht die Ressourcen, die Diskussion über ein alternatives Vorgehen zu führen, die wir wichtig gefunden hätten. Deshalb mussten wir ehrlicherweise absagen.
Friedrich von Borries: Was ich an eurem Ansatz manchmal beneide, ist die unmittelbare Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Ihr erlebt direkt, dass Gestaltung etwas bewirken kann: Jemand freut sich über einen Stuhl, eine Bank oder einen Regenschutz. In unserem Forschungsprojekt dagegen gibt es ein großes Frustrationspotenzial. Oft bewegt sich nichts, politische Akteur*innen steigen vielleicht kurz ein und ziehen sich dann wieder zurück. Das kann sehr erschöpfend sein, weil man gegen abstrakte Systeme arbeitet, in denen kaum greifbar ist, wer eigentlich Entscheidungen treffen kann oder will.
Irini Schwab: Ja, manchmal ist es tatsächlich „nur“ der Stuhl – und auch das kann ein wichtiges Learning sein. Gleichzeitig gibt es bei uns Projekte, die sich über Jahre entwickeln, in den öffentlichen Raum hineinwirken und dort reale Veränderungen anstoßen. Spätestens dann kommt auch die Politik ins Spiel. Der Unterschied ist, dass dieser Moment bei uns eher am Ende des Prozesses steht. Das kann auch frustrierend sein. Dann sitzt man plötzlich im Regionalausschuss und hofft, dass am Ende nur die AfD gegen die Umsetzung des Projekts stimmt.
Felix Kosok: Was ermöglicht euch, parteiisch und ohne vorab definierte Ziele zu arbeiten? Ist das nicht auch ein Privileg der Kunsthochschule? Vielleicht können wir das im Kontext des Forschungsprojektes auch an einem konkreten Objekt festmachen: Begleitend zur Bundestagswahl 2025 hat das Projekt Redesigning Democratic Representation einen Wettbewerb zur Neugestaltung der Wahlurne durchgeführt. Kann ein solches Re-Design das System des Wählens anstoßen oder bleibt es nur ein neu gestaltetes Objekt?
Redesign of Ramazan Avcı Square by Studio Experimental Design, December 2025; photo: Kayoung Kim
Jesko Fezer: Für mich lag die eigentliche Bedeutung des Wettbewerbs weniger in den gestalteten Objekten selbst als in dem Diskurs, den er ausgelöst hat. Die Wahlurne war letztlich eine primär symbolische Intervention. Nicht ihre konkrete Gestaltung verändert das Verständnis davon, dass sich etwas ändern kann und soll, sondern der Eingriff in das gesellschaftliche Gespräch darüber. Das ist für mich eine andere Ebene von Gestaltung als jene, auf der wir als Öffentliche Gestaltungsberatung normalerweise arbeiten.
Friedrich von Borries: Da stimme ich dir grundsätzlich zu. Gleichzeitig glaube ich, dass es zwei Ebenen gibt. Die eine hat tatsächlich sehr gut funktioniert: Design wurde genutzt, um politische Inhalte und Fragen sichtbar zu machen. Aber daneben gibt es eine zweite, sehr konkrete Ebene. Wenn Menschen immer wieder erleben, dass sie in maroden Schulen wählen gehen und ihre Stimme symbolisch in einen Mülleimer werfen, dann zeigt sich darin auch der Zustand öffentlicher Infrastruktur. Wenn wir Vertrauen in demokratische Systeme stärken wollen, reicht eine symbolische Intervention allein nicht aus. Dann geht es auch darum, öffentliche Räume und Situationen tatsächlich anders zu gestalten. Und an diesem Punkt treffen sich unsere Ansätze vielleicht wieder.
Felix Kosok: Schön, dass ihr hier wieder zusammenkommt. Beide Projekte handeln ja auch nicht im Sinne einer Auftragsarbeit. Was wäre also für euch, ein Erfolgszeichen von Redesigning Democratic Representation?
Friedrich von Borries: Ich wehre mich gegen diesen Evaluationsanspruch. Für ein Forschungsprojekt an der Kunsthochschule fände ich es fatal, vorher Evaluierungsmaßstäbe festzulegen. Vorab zu sagen, diese Ziele müssen erreicht sein, damit es erfolgreich war, halte ich für grundlegend falsch. Den Mut zu haben zu sagen: Wir gehen ergebnisoffen, neugierig und gestaltend auf den Weg, das ist das, was die Kunsthochschule als Ort erst ermöglicht. Was wir dabei mitnehmen, ist das Lernen selbst. Das verändert die Arbeit aller, die daran beteiligt sind. Wir haben natürlich auch Erfolgserlebnisse: Alle drei Abgeordneten, die wir begleiten, lassen sich wirklich bei ihrer parlamentarischen Arbeit beobachten. Für uns bleiben keine Zugänge versperrt.
Felix Kosok: Genau darin liegt vielleicht das Potenzial solcher kleinen gestalterischen Eingriffe: Durch eine gezielte Setzung kann Irritation entstehen, die wiederum ein Nachdenken auslöst. Und genau das ist eine besondere Stärke der Kunsthochschule – dass sie Räume schafft, in denen solche Formen des Experimentierens möglich sind.
Irini Schwab: Diese Frage nach der besonderen Rolle der Kunsthochschule beschäftigt mich gerade auch sehr. Deshalb würde ich sie gerne an dich zurückgeben, Felix: Wie würdest du diese spezifische Rolle beschreiben?
Felix Kosok: Die Kunst- und Gestaltungshochschule ist ein Zwischenraum, der darin besteht, in konkreten gesellschaftlichen Widersprüchen zu intervenieren und gleichzeitig autonom, forschend und experimentierend vorzugehen. Da ergeben sich Fragestellungen, die man in der Berufspraxis nicht stellen würde. Ihr seid nie wieder so frei wie im Kunst- und Designstudium – nutzt das!
Jesko Fezer: Kunst und Gestaltung eröffnen aber auch prinzipiell und über das Studium hinaus einen anderen Zugang zur Wirklichkeit als viele andere Disziplinen. Sie ermöglichen es, Dinge infrage zu stellen, Situationen praktisch zu erproben und experimentell neue Möglichkeiten sichtbar zu machen. Genau darin liegt eine zentrale Aufgabe von Gestaltung. Und das ist ehrlich gesagt oft auch das Aufregendste daran.
Irini Schwab: Manchmal denke ich, dass sich Menschen aus der Politikwissenschaft theoretisch präziser ausdrücken können. Gleichzeitig entsteht durch die praktische Arbeit im Design ein eigener Erfahrungsschatz, den man in solche Diskussionen einbringen kann. Gerade in festgefahrenen Situationen können gestalterische Interventionen etwas in Bewegung bringen, wenn theoretische Beschreibungen einer Krise allein nicht mehr weiterführen.
Friedrich von Borries: Das wäre genau der Hauptunterschied: Wir sind nicht beschreibend, sondern verändernd. Das unterscheidet uns von den wissenschaftlichen Disziplinen. Sie diagnostizieren lediglich die Krise. Für uns fängt es genau dort erst an.
Jesko Fezer: Sozialwissenschaften und bestimmte technisch angewandte Disziplinen beispielsweise haben auch eine Umsetzungsorientierung, aber auf einer anderen systemischen Ebene. Wir können da direkter und entspannter reingehen, weil wir den Freiraum haben zu sagen: Das würden wir gerne so mal ausprobieren. Und damit auch viel mehr Fehler machen. Das ist ein gestalterisches Privileg.
Felix Kosok: Dieser spezifische Freiraum beschreibt auch gut den Anlass für dieses Gespräch: der Freiraum mitzumachen; aber auch der Freiraum, nein zu sagen. Das ist ein Freiraum, den die Kunsthochschule bietet. Und damit ließe sich auch dieses Nicht-Streitgespräch zusammenfassen.
- Am 21. Dezember 1985 wurde der damals 26 Jahre alte Ramazan Avcı auf dem Heimweg zu seiner schwangeren Verlobten nahe der S-Bahnstation Landwehr in Hohenfelde von Neonazis überfallen und brutal angegriffen. Er verstarb wenige Tage später, an Heiligabend, im Krankenhaus. Zum 40. Jahrestag seines Mordes 2025 wurde der Ramazan-Avcı-Platz von Studierenden der Klasse Experimentelles Design der HFBK Hamburg neu gestaltet. In der Neugestaltung ist dieser Platz mehr als ein Gedenkort. Er ist ein lebendiges Denkmal, das die Kontinuität rassistischer Gewalt sichtbar macht und gleichzeitig auch einen Raum für persönliche Trauer schafft. ↩