Hanne Loreck during the symposium at the Extended Library, HFBK Hamburg, 2026; Photo: Maximilian Glas
Die Kunst des Verflechtens
Die Kunst des Verflechtens
Hanne Loreck, die zum Sommersemester 2004 auf die Professur für Kunst und Kulturwissenschaften mit besonderem Schwerpunkt auf Gender Studies an die HFBK Hamburg berufen wurde, ist im Verlauf der letzten 20 Jahre zu einer prägenden Mit- und Vordenkerin, essentiellen Gesprächspartnerin und zentralen Bezugsperson für zahlreiche Künstler*innen, Kolleg*innen und Studierende geworden. Anlässlich ihrer Emeritierung versammelte das Symposium Texturen, organisiert von Prof. Dr. Astrid Mania (Professorin für Kunstkritik und Kunstgeschichte der Moderne) und Prof. Dr. Bettina Uppenkamp (Professorin für Kunstgeschichte), neun kunsttheoretische, sprach-philosophische, künstlerisch-forschende, poetisch-politische und performative Positionen. In Korrespondenz zu Lorecks Werk und Wirken 1 öffnete das vielstimmige Programm einen Denkraum, in dem Linien und Figuren ihrer Arbeit aufgenommen wurden, sich verschoben und auf die Zukunft hin fortschrieben. Dabei bot das Leitmotiv der Texturen vielfältige Möglichkeiten, je eigene künstlerische Wissens- und Praxisformen mittels unterschiedlicher Materialien, Methoden und Stimmen zu entfalten. Alle Beiträge teilten ein Interesse am Pluralen und Unabgeschlossenen, an Übergängen, Doppeldeutigkeiten und paradoxen Konstellationen. Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit erschienen nicht als stabile Gegensätze, sondern als Effekte von Medien, Blickregimen, Machtverhältnissen und Imaginationen. Text und Sprache als Gewebe begriffen, das durch ein ständiges Flechten entsteht und sich darin selbst bearbeitet, grundierte die Beiträge ebenso wie deren differente Texturen die Kraft der Strukturierung mit dem Affekt der Berührung verbanden.
Mit Blick auf Hanne Lorecks „Kunst des Metaphernflechtens“, als einer eigensinnigen Form kunst- und kulturwissenschaftlicher Denk- und Sprachpraxis, eröffnete Susanne von Falkenhausen den Denkraum methodisch und thematisch. In ihrem Streifzug durch Lorecks Texte zu Textil, Gewebe, Malerei, Skulptur, Film, Camouflage sowie Interpiktorialität zeigte sie diese inhärente Metaphern als ebenso präzise wie bewegliche und darin erkenntnisstiftende Denkfiguren auf. In dem sie unterschiedliche Fäden, Kontexte, Begriffe und Wahrnehmungsweisen miteinander verschränkt, ohne sie auf eindeutige Bedeutungen festzulegen, unterlaufe sie normierende Positionen, Binaritäten und feststehende kunsthistorische Kategorien. Nach von Falkenhausen entfalten Lorecks Texte ein Verfahren, in dem Präzision und Offenheit, analytische Schärfe und metaphorische Beweglichkeit zusammenkommen: als unabschließbare, zugleich genaue Praxis, die Bilder, Begriffe und politische Dimensionen in ein vielschichtiges Verhältnis setzt.
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Gegen positivistische Vorstellungen von Neutralität, Transparenz und stabiler Sprache setzte Samo Tomšič mit seinem psychoanalytisch-sprachphilosophischen Plädoyer „Wortspiel als Methode“ auf ein Verständnis von Theorie als dynamischer, spekulativer und materiell gebundener Praxis des „Durcharbeitens“. Mit Lacans Topologie der Knoten verwies er auf eine spezifische Auffassung sprachlicher Materialität, in der Sprache Körper und Lust untrennbar ineinander verschlungen seien. So bestehe „Sprache nicht einfach aus diskreten Zeichen oder linearen Verkettungen, sondern aus einer bestimmten Textur von Verbindungen, Überlagerungen und Umschlingungen […] – ein symbolischer Organismus, der sich sozusagen in und zwischen den sprechenden Körpern webt.“
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Ein fortwährendes Verweben im „Schreiben als einer Form des Respondierens – als Antwort auf Vergangenes, den Austausch mit Gegenwärtigem und Fortschreibungen in die Zukunft“ stellte Jana Pfort mit ihrem Vortrag „Mysterien des Übergangs“ zur Diskussion. Mit Schreiben als Passage im erweiterten Wortsinn von passer „übergehen, passieren“ verstanden, skizzierte sie mit Helene Cixous, Jacques Derrida, Eva Meyer, Catherine Malabou, Elisabeth Schäfer und Bettine Menke im „Schallraum alles Gesagten, Zitierten und Weitergesagten“2 ein Denken des Textes als offenes, zirkulierendes Gefüge ohne eindeutigen Anfang und ohne festes Ende, in dem Autor*innenschaft nicht eindeutig zu lokalisieren ist.
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Auch Eske Schlüters entwarf mit der freien indirekten Rede als einer Erzähltechnik, in der Sprecher*innen zeitweise in die Rollen und Sprachen Anderer eintauchen, das Bild einer Autor*in, die weder in der einen noch in der anderen Rede zu finden sei, sondern in deren Montage. Ausgehend von Ludwig Wittgensteins Satz „Alles kann ein Bild von allem sein“3 diskursivierte sie in ihrer polyphonen Lesung unter anderem mit René Magrittes Ceci n’est pas une pipe und philosophischen-bildtheoretischen Stimmen zu Abbild, Urbild und Repräsentation Ähnlichkeit als unscharfe, kontextabhängige und imaginativ wirksame Figur: Mit „Ähnlichkeit als Möglichkeit, Gleiches im Anderen und Anderes im Gleichen zu sehen“, würden Bilder nicht allein durch das bestimmt, was sie darstellen, sondern durch Beziehungen, Übergänge und mögliche Bedeutungen, die sie hervorbringen.
Eine performative Wende nahm das Symposium mit der fiktiven Suche „Living in the End of Times with a Mask: A Radioactive Image Reel“ von Ulrike Gerhardt und Vanessa Gravenor, die als Kulturagentinnen eines „Ministeriums für kulturelle Imagination und Maskenspiel“ nach Hanne Loreck suchten. War ihr Verschwinden ein „Opting Out of Art“, Tarnung, geisterhafte Präsenz oder Hinwendung zu versehrten Landschaften? Im Dialog mit Lorecks Arbeiten zu Spiegeln, Optiken und Bildlichkeit führte die spekulative Suche von Begegnungen im Baltikum über textile und pflanzliche Praktiken, Gespensterfiguren, Camouflage und militärische Altlasten bis in den Wald als Ort vielschichtiger Übertragungen. Bilder fungierten nicht als Beweismittel, sondern als handlungsmächtige Medien zwischen Sichtbarkeit, Unsichtbarkeit, Kontamination und Verwandlung. Schließlich wurde eine Filmrolle gefunden, die mit an Hanne adressierten Reels einiger Promovend*innen selbst zu sprechen begann.
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Sarah Lehnerers gelesene Passagen aus ihrem Day Book4 verzweigten sich als deutungsoffene Gespinste von Beobachtungen im Studio, zu Tauben als nicht-menschlichen Mitbewohnerinnen, zu Donna Haraways Begriff der „response-ability“, zu Mary Shelley, Moyra Davey und Fragen nach Verantwortung gegenüber geschaffenen Wesen bis hin zu feministischen Genealogien des Lernens, Lesens und Begehrens. Mittels einer Art Journaling-Prinzip Studiobeobachtungen mit feministischen Stimmen und kunsttheoretischen Bezügen miteinander verwebend, geriet mit dem Begriff des „Affidamento“ schließlich eine feministische Praxis des Anvertrauens zur zentralen Figur, die Freundschaft, Differenz, Fürsorge und kollektives Denken miteinander verbindet.[„15/07/20241 (Affidamento Retrograde). Für Jackie Grassmann und Luzie Meyer ( Luzie, die uns den Begriff des „Affidamento“ in den Raum stellte).“, in: Lehnerer, Day Book, o.P.]
Mit der mal Giovanni Mario Cologna, mal Chronos genannten Figur als literarische Verkörperung von Ungewissheit, sprachlicher Vielheit und historischer Vermittlung gerieten in Eran Schaerfs Lesung „Kombination mit Schaitaan“5 die fortlaufende Verwandlung, das Wandern durch Zeiten und Räume, Quellen und Formen zum roten Faden des Erzählens: „Mit derselben Leichtigkeit, mit der er Gesichtsausdruck und Bewegungen wechselt, geht er auch von einer Sprache in eine andere über, vermischt und entleiht Worte, ja ganze Sätze, aus der einen oder anderen Sprache. Ein wissensdurstiger Geist, erfüllt von einer einzigen, aber großen und selbstlosen Leidenschaft, derjenigen, nicht in das menschliche Schicksal einzudringen, sondern in das Schicksal menschlicher Gedanken, einerlei, wo sie auftreten und in welche Richtung sie führen. Lässt er sich von einem Gedanken führen, dann mindestens in zwei Richtungen. […] Gewiss mit ungewissem Ausgang.“
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In Judith Raums „Stoffbesprechung: Zu Otti Bergers Stoffen für die Architektur der Moderne“ griffen sinnliche Affizierung und wissenschaftliche Recherche wechselwirkend ineinander. Sie verband Gewebe, Archivalien und Bildmaterial zu einer Untersuchung von Macht, kreativer Arbeit, Geschlecht und Marginalisierung. Sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Recherche traf auf die Frage nach den Bedingungen künstlerischer Prozesse. Im Ineinander von Performance Lecture, Installation, historischer Forschung und ästhetischer Reflexion blieb die Grenze zwischen wissenschaftlichem Arbeiten, Wissensvermittlung und autonomer künstlerischer Erzählform produktiv offen. Fiktionalisierung, Affekt, Material, Raum und Geste traten so als Erkenntnisformen hervor.
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Zum Abschluss verhandelte Vera Tollmann in ihrem Vortrag „Vom (Un-)Sichtbaren. Dual Use, situierte Ästhetiken und mimetische Verfahren“ Camouflage als ästhetisches, politisches und medientechnologisches Verfahren im dialogischen Pingpong mit Lorecks Forschungen zu Mimikry, Mimese, Mode und Geschlecht.6 Ausgehend von Gianna Surangkanjanajais verschiebbarer, mit Schnee-Camouflage tapezierter Wand im Haus am Waldsee zeige sich, wie Tarnung vom jeweiligen Wahrnehmungs- und Repräsentationsmedium abhängt. Indem gegenwärtig nicht mehr primär das menschliche Auge Adressat der Täuschung sei, sondern Drohnenkameras, Satellitenbilder, Infrarotsensoren, Radarsignale und KI-gestützte Bilderkennung, erscheinen Tarnmuster als aufschlussreiche Zeichen für veränderte Regime des Sehens, die es weiter zu erforschen und diskutieren gelte. Das abschließende Spiel von Erscheinen und Verbergen in einem Instagram-Meme von Siegfried & Joy 7 stand sinnbildlich für eine Verabschiedung ohne Abschied: kurz hinter einem glänzenden Tuch abzutauchen, sodass alle gespannt warten, was als Nächstes sichtbar wird.
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So gestaltete sich das Symposium Texturen als ein transdisziplinäres polyphones Gespräch, das Hanne Lorecks Werk nicht bilanzierte, sondern nach Nahtstellen, Verwobenheiten und Ausfransungen suchte und es so in Bewegung hielt. Zugleich würdigte das Symposium eine feministische, differenztheoretische und politisch wache Praxis, die Eindeutigkeitszwänge und die Macht von Blickordnungen befragt. Vor allem machte es die Textur eines gemeinsamen Denkens erfahrbar: ein Gewebe aus Stimmen, Bildern, Materialien und Beziehungen, das keinen endgültigen Abschluss sucht, sondern offen bleibt für unvorhersehbare Anschlüsse.
- Unter den vielfältigen Aspekten von Hanne Lorecks Wirken als Professorin (seit 2004), Vizepräsidentin (2005–2019), Forscherin und Autorin (http://www.hanneloreck.de/publikationen.htm) hob Martin Köttering in der Begrüßung die „Künstlerische Forschung als Erkenntnisinstrument von eigenem Recht“ als markante Schnittstelle hervor, deren Praktiken, Artikulations- und Verfahrensweisen Hanne Loreck als Mitbegründerin der künstlerisch-wissenschaftlichen Promotionsmöglichkeit (Dr. phil. in artibus seit 2008), des Graduiertenkollegs Ästhetiken des Virtuellen (2015–2018) sowie der Einführung des Promotionsstudiengangs PhD in Art Practice in 2025 an der HFBK maßgeblich mitgestalte. ↩
- Bettine Menke, „Respondance: Das der Rede eingeschriebene Andere, die Echoräume der Rede“, in: Veronika Darian, Micha Braun, Jeanne Bindernagel u. a. (Hrsg.), Die Praxis der/des Echo. Vom Widerhall in den Künsten, dem Theater und der Geschichte, Open Access Publikation zum wissenschaftlich-künstlerischen Symposium, Leipzig 2013, 7. ↩
- Dieser Satz ist zugleich der Titel ihrer künstlerisch-wissenschaftlichen Dissertation: Eske Schlüters, Alles kann ein Bild von allem sein, Wien: Passagen Verlag 2021 ↩
- Sarah Lehnerer, Day Book, 2025, Verlag?. Das Day Book entstand parallel zu ihrer Dissertation Writing as Artistic Practice an der HFBK Hamburg 2025 ↩
- Mit Zitaten aus Ivo Andrić, Wesire und Konsuln, aus dem Serbokroatischen von Hans Thurn, München: Carl Hanser Verlag, 1961; Audienz beim Wesir, Ost-Berlin: Aufbauverlag, 1961; Bosnian Story, übersetzt von Kennenth Johnstone. London: Lincolns-Prager, 1958. Guido Snel, “Levantinizing the Balkans: Outlines for a Literary Geography of Encounters”, Arcadia 2020, 55(1) ↩
- Hanne Loreck, „Gewebe und Textil als Material, Machart, Modell und Metapher“, in: Sabeth Buchmann, Rike Frank (Hrsg.), Textile Theorien der Moderne. Alois Riegl in der Kunstkritik, Berlin: b_books 2015, 77–106; dies., „Camouflage‐Mode und Geschlecht“, in: Kunst‐Forschung‐Geschlecht. Gender in der Populärkultur, Wien 2012; dies. „Mimikry, Mimese und Camouflage: biologische, ästhetische und technisch‐militärische Praktiken der Tarnung um 1900“, in: Anne‐Rose Meyer / Sabine Sielke (Hrsg.), Verschleierungstaktiken. Strategien von eingeschränkter Sichtbarkeit, Tarnung und Täuschung in Natur und Kultur, Frankfurt am Main u.a .: Peter Lang Verlag 2011, 159‐184. Alle Texte auf: http://www.hanneloreck.de/publikationen.htm ↩
- https://www.instagram.com/reel/DWqQSJsiATq/?igsh=MTYxY2I1cWc1bm9pNg%3D%3D (zuletzt aufgerufen: 26.7.26) ↩