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Vor mir der Süden: Pepe Danquart auf Reportage-Reise durch Italien

Ein Text von Jenni Zylka

In seinem neuen Film re-inszeniert der HFBK-Filmprofessor Pepe Danquart eine Reportage-Reise durch Italien nach, die Pier Paolo Pasolini 1959 unternahm. Manchmal verliert der Film seine Spur, doch er zeigt, dass Pasolini vieles vorausahnte.

Will man nach Italien? In das Land wo, laut Goethe, die Zitronen blühen? Wo sie jedoch auch, laut Heinz Erhardt, sauer wurden, weil Gott ihnen eine neue Farbe und Größe verweigerte? („,Daraus kann nichts werden! Ihr müsst so bleiben! Ich bedauer!‘ Da wurden die Zitronen sauer... “) Und wo 1975 die Leiche Pier Paolo Pasolinis am Strand von Ostia lag?

1959 fuhr der Künstler mit seinem Fiat 1100 im Auftrag einer Illustrierten die italienische Küste ab, von Ventimiglia im Norden über Saubadia und Neapel, bis hin zur Stiefelspitze und nach Palermo, und an der Adria wieder hoch. Die Lange Straße aus Sand: Italien zwischen Armut und Dolce Vita heißt das Reisetagebuch, in dem Pasolini seine Eindrücke, Gedanken und Erinnerungen verzeichnete.

Damals sah der nachdenkliche Autor und Regisseur, was mit dem Land geschehen würde, schien den wirtschaftlichen Abstieg, den Massentourismus, die mit den Migrationsbewegungen aus afrikanischen Ländern entstehende Situation vorauszuahnen. Und dennoch wollten Reisende dorthin – zumindest war das seit den 60er Jahren immer so, bis kurz vor der Krise, als das Land im Jahr 2019 über 130 Millionen Tourist*innen begrüßte, davon zwölf Millionen Deutsche.

Regisseur Pepe Danquart, hat die Reise Pasolinis 1960 Jahre nach ihm wiederholt, stilecht im Fiat 1100, aber diesmal mit Filmkamera. Vor mir der Süden ist also die aus einer Urlaubslaune heraus geplante Dokumentation einer Dokumentation, ein Hybrid aus Danquarts eigenen Ideen, Blicken und Regieentscheidungen, und der von Pasolini und der geographischen Form Italiens vorbestimmten Route. Und gleichzeitig das Dokument einer für immer vergangenen Zeit – denn Italien, seine Bewohner*innen und der Tourismus wurden durch Corona kurz darauf schwer gezeichnet.

Die noch nicht zu erahnende Pandemie mit ihren verheerenden Folgen lässt den Film somit vom ersten Augenblick an veraltet wirken, verstärkt dabei aber auch die Sehnsucht nach diesem mythischen Ort, der vor der Pandemie bereits zerrissen, kaputt und ausgeblutet wirkt. Doch das ist bekanntlich nichts gegen das, was folgte: Die Strandbilder aus den ersten Minuten des Films mit müden, aber vertraut eng nebeneinander liegenden Tourist*innen, Ramschverkäufern und einem abgekämpften, gerade noch existenten Straßenleben dokumentieren somit nicht nur wirtschaftliche Probleme, sondern auch den Einschnitt. Hier war zwar bei Danquarts Besuch wenig in Ordnung – aber mehr als jetzt.

In seinem – abgesehen von der Reihenfolge der Küstenorte – fast erratischen Reisefilm verzichtet der Regisseur auf dokumentarische Ordnungsversuche wie Karten zur Orientierung, Inserts mit Namen von Interviewpartner*innen, erklärende Off-Texte. Zwar liest Ulrich Tukur im Off Passagen aus Pasolinis Buch, die dessen blumige und dennoch akkurate Sprache wiedergeben, doch sie sind knapp bemessen und wirken, wie nach Laune eingestreut. Immer wieder gibt Danquart dagegen zufälligen Begegnungen Raum, lässt Ladenbesitzer*innen stolz und stumm vor ihren kleinen Straßenshops posieren, einen afrikanischen Migranten, der eine Schneiderei eröffnete, von seinem Leben erzählen, filmt verlassene Orte, Brücken, Brücken, Brücken, Viadukte – und an touristischen Hotspots einen nicht endenden Strom von Menschen mit Bäuchen, Basecaps und Turnschuhen, die jegliche historische oder ästhetische Regung im Keim ersticken. Mit ihnen und den bunten Bussen, die sie bis 2019 alljährlich ausspuckten, ist es schon lange nicht mehr möglich, einen „schönen“ Film über dieses schöne Land zu machen. Eine Szene, in der ein beleibter Mann sich inmitten von weiteren Besucher*innen auf eine enge Fußgängerbrücke drängt, auf der seine ebenso beleibte Frau gerade ein Handyfoto macht, scheint symptomatisch: „Herrlich“, sagt der Tourist angesichts der unter den Massen kaum zu erkennenden malerischen Umgebung. Das wäre sie tatsächlich – allerdings nur ohne ihn. Dass Danquart erwartbare, affirmative Prospekt-Bilder gar nicht erst sucht, ist somit folgerichtig.

Italiens Dilemma, das jetzt in der Vergangenheit liegt und von einem weiteren, viel größeren beerbt wurde, arbeitet der Film auch anhand von Gesprächen ab: „Zu einem bestimmten Zeitpunkt haben wir uns den Sand hierher geholt, dafür haben wir teuer bezahlt“, gibt ein Mann am aufgeschütteten Strand von Jesolo zu. Ein alter Caprifischer, der dabei behände seine Netze flickt, erzählt vom Plastikmüll im Meer, und von der Unmöglichkeit, vom Fischfang zu leben. Ein Kalabrier bemängelt die nicht vorhandene medizinische Versorgung, die es gefährlich für Tourist*innen macht – und das angesichts einer nahenden medizinischen Katastrophe, von der der Gesprächspartner noch nichts weiß. „Wir atmen nur durch die Erinnerung“, sagt ein Venezianer, „denn alles andere erstickt einen.“ Die 75. Mostra, die Internationalen Filmfestspiele von Venedig, fängt Danquart mit drei Bildern ein – Massen von Menschen vor Absperrungen. Die Visconti-Schauspielerin Adriana Asti, die Pasolini auch bei seiner eigenen Reise 1959 traf, erzählt vor Danquarts Kamera von Pasolinis Verhältnis zu Afrika, und davon, dass die Süditaliener einst „Afrikaner“ genannt wurden – doch jetzt seien ja echte da. Und „die haben es nicht leicht“, sagt sie. Einer von ihnen erzählt von der Überfahrt mit dem Schlauchboot und von den Libyschen Küstenwache.

Immer wieder lässt Danquart dabei den roten Faden des Films, die Annäherung an Pasolini, bewusst oder unbewusst aus der Hand gleiten, hält die von Tukur gelesenen Originaltexte kurz, schneidet das erste Foto des Künstlers erst in die 20. Minute, arbeitet sehr wenige Originalbilder von Gesprächen mit Pasolini ein, und zeigt, vielleicht aus Rechtegründen, vielleicht aus Gusto, keinen einzigen Filmausschnitt. Doch das Werk des Mannes komplett zu ignorieren, jenes Künstlers, der der Anlass für diesen Film und auch der Grund für Danquarts Interesse an ihm ist, macht Vor mir der Süden unter dem Strich unrund. Denn so geht dem Spurensucher Pasolini selbst verloren. Übrig bleiben dennoch eindrückliche Bilder, Empathie, und das Gefühl von einer verschwundenen Welt: Schon Pasolini hatte sie nicht mehr gefunden.

Jenni Zylka ist Schriftstellerin, freie Journalistin, Filmkritikerin und Moderatorin. Sie lebt in Berlin. Dieser Text erschien zuerst im Lerchenfeld Magazin #56.

Vor mir der Süden, 2020, 117 Min., Buch und Regie: Pepe Danquart; Regieassistenz: Nadja Röggla; Produzenten: Susa Kusche, Pepe Danquart; Koproduzenten: Wilfried Gufler, Thomas Menghin; Kamera: Thomas Eirich-Schneider; Kameraassistenz: Mattia Ottaviani; Montage; Andrew Bird, Gregor Bartsch; Musik: Amiina; Abspannsong: Etta Scollo; Ton: Martin Fliri; Sounddesign: Clemens Endress; Mischtonmeister: Adrian Baumeister; Redaktion: Timo Großpietsch (NDR), Jens Stubenrauch (RBB), Dagmar Mielke (arte); Verleih: Neue Visionen Filmverleih, Thorsten Frese

Grafik: Sam Kim, Bild im Hintergrund: Sofia Mascate, Foto: Marie-Theres Böhmker

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Foto: Klaus Frahm

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Alle reden über Folgen: Die Folgen des Klimawandels, der Corona-Pandemie oder der Digitalisierung. Friedrich von Borries (Professor für Designtheorie) dagegen widmet sich der Folgenlosigkeit. In der "Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg verknüpft er Sammlungsobjekte mit einem eigens für die Ausstellung eingerichteten „Selbstlernraum“ so, dass eine neue Perspektive auf „Nachhaltigkeit“ entsteht und vermeintlich allgemeingültige Vorstellungen eines „richtigen Lebens“ hinterfragt werden.

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Wie werde ich Kunststudent*in? Wie funktioniert das Bewerbungsverfahren? Kann ich an der HFBK auch auf Lehramt studieren? Diese und weitere Fragen rund um das Kunststudium beantworteten Professor*innen, Studierende und Mitarbeiter*innen der HFBK im Rahmen des Studieninformationstages am 13. Februar 2021. Zusätzlich findet am 23. Februar um 14 Uhr ein Termin speziell für englischsprachige Studieninteressierte statt.

Katja Pilipenko

Semestereröffnung und Hiscox-Preisverleihung 2020

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Social Design, so der oft formulierte eigene Anspruch, will gesellschaftliche Missstände thematisieren und im Idealfall verändern. Deshalb versteht es sich als gesellschaftskritisch – und optimiert gleichzeitig das Bestehende. Was also ist die politische Dimension von Social Design – ist es Motor zur Veränderung oder trägt es zur Stabilisierung und Normalisierung bestehender Ungerechtigkeiten bei?