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Le Monde Problématique: Debattenrundschau vom 20. Januar

Wie Antidiskriminierungsbemühungen im Kunstbetrieb zu neuen Formen von Diskriminierung führen können, versucht Larissa Kikol in der Zeit zu erörtern. Als ein konkretes Beispiel dienen ihr die Erfahrungen der Künstlerin Burcu Bilgic. Diese sei „[…] zu einer Ausstellung eingeladen [worden], in der ausschließlich Werke von immigrierten Frauen aus benachteiligten Ländern gezeigt werden sollten. ‚Der Kurator kannte meine Arbeit überhaupt nicht‘, erzählt Bilgic, ‚er wählte mich nur aus, weil ich eine Frau und Türkin bin.‘ […] Immer wieder stößt Bilgic auf Kuratoren, für die vor allem die Identität der Künstler zählt. ‚Viele erwarten von mir, dass ich eine gewisse türkische Realität dokumentiere.‘ Hingegen sei eine Malerei, ob abstrakt oder surreal, die sich von allen Herkunftsfragen löst, nicht gefragt. ‚Für mich aber bedeutet künstlerische Freiheit, dass ich als Türkin keine politische Kunst machen muss!‘, erklärt Bilgic, die Landschafts- und Architekturszenerien entwirft.“

Das „Hinterfragen“ bzw das „Aufbrechen von Normen“ ist in der zeitgenössischen Kunst ein klassischer Topos. Müsste man sich darauf einigen, was die Hauptaufgaben von Gegenwartskunst sein sollten, so wäre jener sicher ganz oben auf der Liste zu finden. Entsprechend interessant ist in diesem Kontext ein Artikel zur schwedischen „Normkritik“, welchen Thomas Steinfeld für die Süddeutsche Zeitung verfasst hat. In vielen staatlichen und auch privaten Institutionen werde Normkritik angewandt, um diskriminierende und ausschließende Strukturen zu identifizieren und diese in einem weiteren Schritt inklusiver zu gestalten, so der Autor. Er belegt dies mit einigen Beispielen aus dem schulischen und künstlerischen Bereich. Die theoretischen Grundlagen dieser Praxis sieht Steinfeld bei Michel Foucault, Judith Butler und der „Queer Theory“, vertreten vor allem von Eve Kosofsky Sedgwick. Der Autor kritisiert an der Normkritik vor allem deren Blindheit gegenüber ihrer eigenen Ambivalenzen: „Von einer rechtsphilosophischen Tradition im Umgang mit Normen, von der Dialektik zwischen Norm und Ausnahme etwa, will man in Schweden offenbar nichts wissen. […] Auch dabei fragt es sich, ob es denn möglich sei, zwischen ‚ausgrenzenden‘ und ‚inkludierenden‘ Normen zu unterschieden, da Normen in der Regel beides sind: einschließend und ausschließend, trennend und einend zugleich.“ So werde die Normkritik selbst zur Norm, so die Warnung des Verfassers: „Die Normkritik hat die Macht und setzt die Norm - die nun wiederum nicht kritisiert werden soll. Eine solche Normkritik kann also letztlich nur eine Aufforderung zur ‚Jagd‘ sein: Fort mit allem, fordert sie, was eine Norm im verpönten Sinn verkörpert, und das heißt: etwas anderes als ‚unsere‘ Norm. Unter dem Vorwand der Humanität wird also das Gegenteil des Beanspruchten durchgesetzt: nicht nur das Aussortieren des Abweichenden, sondern auch die Banalisierung des Komplexen.“

Was „woke“ Sein bedeutet, was die Gefahren dieser Haltung seien und warum deren konservative Gegenspieler es sich zu einfach machten, darüber hat Simon M. Ingold einen Text für die NZZ geschrieben. Als „woke“ würden sich Anhänger einer neuen, gesteigerten Form der Political Correctness bezeichnen: „[…] eine von «awake» abgeleitete Wortkreation, die eine höhere Form von Bewusstsein in Bezug auf den prekären Zustand der Welt unterstellt.“ Ingold umschreibt die Konsequenzen für den öffentlichen Diskurs mit dramatischen Worten: „Die geballte anonyme Mehrheit, angeführt von Influencern und der Twitterati-Klasse, hat das erste und letzte Wort und verschiebt laufend den Rahmen dessen, was in ihre binäre Weltsicht passt. Wer es wagt, dem moralischen Konsens zu widersprechen, wird zum Paria erklärt. Die etablierten Medien tragen diesen Zustand im Wesentlichen mit, indem sie die Denkschablonen übernehmen. In diesem verhärteten Umfeld, das keine Zwischentöne und keine Ironie kennt, regiert die Willkür.“ Es folgen weitere, aus der Sicht des Autors problematische, Konsequenzen von Wokeness. Sie sei auch ein Symptom einer „Reputationsökonomie“, deren Kennzeichen es sei „[…] das eigene Image – gemessen an Likes, Mentions und sonstigen Formen digitaler und sozialer Anerkennung – um jeden Preis zu maximieren.“ Der Autor kritisiert allerdings auch manche Argumente der Wokeness-Kritiker als Scheinargumente. „Die Frage nach den wirklichen Motiven der Wokeness-Gegner muss deshalb erlaubt sein: Geht es ihnen um eine Versachlichung der Debatte oder letztlich eben doch nur um den Erhalt des Status quo?“ Er plädiert für eine Debattenkultur „[…] jenseits von vorsätzlicher Ignoranz, Respektlosigkeit und oberflächlicher Etikettierung […]: einen unvoreingenommenen, sachbezogenen Diskurs, in dem das bessere Argument neidlos gewinnt.“ Da könnte sich der Herr auch mal an die eigene Nase fassen …

Alice Hasters hat für den Deutschlandfunk eine Art Einführung in das Problem des strukturellen Rassismus verfasst. Dabei greift die Autorin des Buches „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen. Aber wissen sollten.“ auf zahlreiche persönliche Erlebnisse zurück, welche von ihr exemplarisch analysiert werden. In der Einleitung ihres Beitrags schreibt sie: „Weiße sind es, die von der Konstruktion der Rassifizierung bis heute profitieren. Und sie waren es auch, die sich das alles ausgedacht haben. Doch ein Gespräch darüber zu führen, ist ihnen oft so unangenehm, dass sie unterschiedlichste Methoden anwenden, um es zu umgehen: zum Beispiel mit dem Verweis auf ein anderes Problem, mit einem emotionalen Ausbruch oder schlicht mit Ignoranz. Was machen solche Reaktionen mit denen, die von Rassismus betroffen sind? Und wie schafft man es, darüber hinwegzukommen?“

In seinem aktuellen Beitrag für Halle4, dem Online-Magazin des Hamburger Ausstellungshauses Deichtorhallen, beschäftigt sich Wolfgang Ullrich mit der aus seiner Sicht zunehmenden Verwischung zwischen high und low im Kunstbetrieb. Das breite, nichtprofessionelle Publikum habe durch die Sozialen Medien eine immer stärkere Stimme, welche innerhalb des Betriebs zunehmend ernst genommen werde. Followerzahlen seinen zu einer neuen, legitimen Währung geworden, so Ullrich, und verweist auf Künstler wie Banksy und KAWS, die online über eine riesige, globale Fan-Gemeinde verfügten: „In den Sozialen Medien werden neue Hierarchien etabliert, neue Sichtweisen und Kriterien eingeübt – und wandern schließlich über sie hinaus in die etablierten Institutionen des Kunstbetriebs.“ Die Kunstwelt könnte sich in Zukunft strukturell dem Literaturbetrieb annähern, so eine These Ullrichs: „[…] Bekanntlich beschädigt es die Hochliteratur ja auch nicht, dass sie in denselben Buchhandlungen verkauft wird wie triviale, kitschige und reißerische Bücher.“

Johannes Bendzulla

Annette Wehrmann, photography from the series Blumensprengungen, 1991-95; Foto: Ort des Gegen e.V.

Conference: Counter-Monuments and Para-Monuments

The international conference at HFBK Hamburg on December 2-4, 2021 – jointly conceived by Nora Sternfeld and Michaela Melián –, is dedicated to the history of artistic counter-monuments and forms of protest, discusses aesthetics of memory and historical manifestations in public space, and asks about para-monuments for the present.

23 Fragen des Institutional Questionaire, grafisch umgesetzt von Ran Altamirano auf den Türgläsern der HFBK Hamburg zur Jahresausstellung 2021; Foto: Charlotte Spiegelfeld

Diversity

Wer spricht? Wer malt welches Motiv? Wer wird gezeigt, wer nicht? Identitätspolitische Fragen spielen in der Kunst und damit auch an der HFBK Hamburg eine wichtige Rolle. Das hochschuleigene Lerchenfeld-Magazin beleuchtet in der aktuellen Ausgabe Hochschulstrukturen sowie Studierendeninitiativen, die sich mit Diversität und Identität befassen.

Grafik: Tim Ballaschke

Semesterstart

Nach drei Semestern Hybrid-Lehre unter Pandemiebedingungen steht nun endlich wieder ein Präsenz-Semester bevor. Wir begrüßen alle neuen Studierenden und Lehrenden an der HFBK Hamburg und laden herzlich zur Eröffnung des akademischen Jahres 2020/21 ein, die in diesem Jahr von einem Gastvortrag von ruangrupa begleitet wird.

Grafik: Sam Kim, Bild im Hintergrund: Sofia Mascate, Foto: Marie-Theres Böhmker

Graduate Show 2021: All Good Things Come to an End

Vom 24. bis 26. September präsentierten die mehr als 150 Bachelor- und Master-Absolvent*innen des Jahrgangs 2020/21 ihre Abschlussarbeiten im Rahmen der Graduate Show in der HFBK Hamburg. Wir bedanken uns bei allen Besucher*innen und Beteiligten.

Foto: Klaus Frahm

Summer Break

Die HFBK Hamburg befindet sich in der vorlesungsfreien Zeit, viele Studierende und Lehrende sind im Sommerurlaub, Kunstinstitutionen haben Sommerpause. Eine gute Gelegenheit zum vielfältigen Nach-Lesen und -Sehen:

ASA Open Studio 2019, Karolinenstraße 2a, Haus 5; Foto: Matthew Muir

Live und in Farbe: die ASA Open Studios im Juni 2021

Seit 2010 organisiert die HFBK das internationale Austauschprogramm Art School Alliance. Es ermöglicht HFBK-Studierenden ein Auslandssemester an renommierten Partnerhochschulen und lädt vice versa internationale Kunststudierende an die HFBK ein. Zum Ende ihres Hamburg-Aufenthalts stellen die Studierenden in den Open Studios in der Karolinenstraße aus, die nun auch wieder für das kunstinteressierte Publikum geöffnet sind.

Studiengruppe Prof. Dr. Anja Steidinger, Was animiert uns?, 2021, Mediathek der HFBK Hamburg, Filmstill

Vermitteln und Verlernen: Wartenau Versammlungen

Die Kunstpädagogik Professorinnen Nora Sternfeld und Anja Steidinger haben das Format „Wartenau Versammlungen“ initiiert. Es oszilliert zwischen Kunst, Bildung, Forschung und Aktivismus. Ergänzend zu diesem offenen Handlungsraum gibt es nun auch eine eigene Website, die die Diskurse, Gespräche und Veranstaltungen begleitet.

Ausstellungsansicht "Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg; Foto: Maximilian Schwarzmann

Schule der Folgenlosigkeit

Alle reden über Folgen: Die Folgen des Klimawandels, der Corona-Pandemie oder der Digitalisierung. Friedrich von Borries (Professor für Designtheorie) dagegen widmet sich der Folgenlosigkeit. In der "Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg verknüpft er Sammlungsobjekte mit einem eigens für die Ausstellung eingerichteten „Selbstlernraum“ so, dass eine neue Perspektive auf „Nachhaltigkeit“ entsteht und vermeintlich allgemeingültige Vorstellungen eines „richtigen Lebens“ hinterfragt werden.

Jahresausstellung 2021 der HFBK Hamburg

Jahresausstellung einmal anders: Vom 12.-14. Februar 2021 hatten die Studierenden der Hochschule für bildende Künste Hamburg dafür gemeinsam mit ihren Professor*innen eine Vielzahl von Präsentationsmöglichkeiten auf unterschiedlichen Kommunikationskanälen erschlossen. Die Formate reichten von gestreamten Live-Performances über Videoprogramme, Radiosendungen, eine Telefonhotline, Online-Konferenzen bis hin zu einem Webshop für Editionen. Darüber hinaus waren vereinzelte Interventionen im Außenraum der HFBK und in der Stadt zu entdecken.

Studieninformationstag 2021

Wie werde ich Kunststudent*in? Wie funktioniert das Bewerbungsverfahren? Kann ich an der HFBK auch auf Lehramt studieren? Diese und weitere Fragen rund um das Kunststudium beantworteten Professor*innen, Studierende und Mitarbeiter*innen der HFBK im Rahmen des Studieninformationstages am 13. Februar 2021. Zusätzlich findet am 23. Februar um 14 Uhr ein Termin speziell für englischsprachige Studieninteressierte statt.

Katja Pilipenko

Semestereröffnung und Hiscox-Preisverleihung 2020

Am Abend des 4. Novembers feierte die HFBK die Eröffnung des akademischen Jahres 2020/21 sowie die Verleihung des Hiscox-Kunstpreises im Livestream – offline mit genug Abstand und dennoch gemeinsam online.

Ausstellung Transparencies mit Arbeiten von Elena Crijnen, Annika Faescke, Svenja Frank, Francis Kussatz, Anne Meerpohl, Elisa Nessler, Julia Nordholz, Florentine Pahl, Cristina Rüesch, Janka Schubert, Wiebke Schwarzhans, Rosa Thiemer, Lea van Hall. Betreut von Prof. Verena Issel und Fabian Hesse; Foto: Screenshot

Digitale Lehre an der HFBK

Wie die Hochschule die Besonderheiten der künstlerischen Lehre mit den Möglichkeiten des Digitalen verbindet.

Alltagsrealität oder Klischee?; Foto: Tim Albrecht

Absolvent*innenstudie der HFBK

Kunst studieren – und was kommt danach? Die Klischeebilder halten sich standhaft: Wer Kunst studiert hat, wird entweder Taxifahrer, arbeitet in einer Bar oder heiratet reich. Aber wirklich von der Kunst leben könnten nur die wenigsten – erst Recht in Zeiten globaler Krisen. Die HFBK Hamburg wollte es genauer wissen und hat bei der Fakultät der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg eine breit angelegte Befragung ihrer Absolventinnen und Absolventen der letzten 15 Jahre in Auftrag gegeben.

Ausstellung Social Design, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Teilansicht; Foto: MKG Hamburg

Wie politisch ist Social Design?

Social Design, so der oft formulierte eigene Anspruch, will gesellschaftliche Missstände thematisieren und im Idealfall verändern. Deshalb versteht es sich als gesellschaftskritisch – und optimiert gleichzeitig das Bestehende. Was also ist die politische Dimension von Social Design – ist es Motor zur Veränderung oder trägt es zur Stabilisierung und Normalisierung bestehender Ungerechtigkeiten bei?