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Le Monde Problématique: Debattenrundschau vom 8. Juni

In einem längeren, auch hörbaren Essay für den Deutschlandfunk beschäftigt sich Barbara Sichtermann mit der Kategorie des Natürlichen bzw der Natur in feministischen Diskursen, und zwar von deren Anfängen bis in die Gegenwart hinein. Sie erläutert die vielen guten Gründe, die zur Ausklammerung der Natur aus den Diskussionen um Gleichberechtigung geführt haben, stellt aber auch dar, dass sie in einigen Konzepten doch unausgesprochen weiter existierte. Die vielen, noch immer existierenden Ungerechtigkeiten in den Geschlechterverhältnissen sollten nachdenklich machen, so Sichtermann. Die Kategorie der Natur sinnvoll in die feministische Theorie einzubetten sei eine echte Chance, deren Wirksamkeit zu erhöhen, so der Appell der Autorin.

In Ihrer Kolumne für die Neue Züricher Zeitung kritisiert Claudia Wirz den etatistischen Grundton der „postmodernen Frauenbewegung“, welcher sowohl bei der politischen Linken als bei Liberalen absoluter Konsens sei. Sie schreibt: „Man zelebriert zwar Diversity, praktiziert aber die Einheitsmeinung. Frauenquoten, mehr Subventionen für Kitas, Lohnkontrollen und Vaterschaftsurlaub – diesen Kanon der Staatseingriffe beherrschen Wirtschaftsfrauen genauso gut wie Gewerkschaftsfunktionärinnen. […] Dem linksfeministischen Etatismus ist es gelungen, die Inhalte der postmodernen Frauenbewegung weitgehend zu monopolisieren. Die politische Vielfalt in der organisierten Frauenpolitik verkümmert zusehends, ‚dissidente‘ Stimmen, die Lösungen lieber in der Eigeninitiative als im Staat suchen, werden zur Ausnahmeerscheinung. Das ist erstens ziemlich langweilig. Und zweitens eine schlechte Nachricht für eine lebendige Demokratie“, so die Auffassung Wirz‘.

Die extreme Spaltung der amerikanischen Gesellschaft sei nicht allein auf die polarisierende Politik ihres Präsidenten zurückzuführen, so Michael Sommer in seinem Essay, welches der Cicero vor wenigen Tagen veröffentlicht hat. Er gibt der linken Identitätspolitik eine Mitschuld an den politischen Verhältnissen: „Der Politikwissenschaftler Mark Lilla hat demonstriert, wie der identitätspolitische Empowerment-Furor Amerikas Linke gleich dreifach in die Aporie führt: erstens, weil das Einfordern von Minderheitenrechten mit geradezu religiöser Inbrunst von den realen sozialen und ökonomischen, die Gesellschaft durchziehenden Konfliktlinien ablenkt; zweitens, weil die Identitäten der neuen Stämme von LGBT, Muslimen, vor allem aber People of Color tatsächlich nur die Fremdzuschreibungen, Stereotype und Etikettierungen spiegeln, gegen die sie sich zu richten vorgeben; und drittens, weil die identitätspolitische Tribalisierung der Minderheiten einen identitätspolitischen Backlash der noch-Mehrheit provoziert: der weißen Mittelschicht also, die sich in ihren Vororten räumlich schon seit geraumer Zeit segregiert hat und die sich jetzt auch innerlich aus der Nation abmeldet.“ Donald Trump habe dann mit einer „Identitätspolitik von rechts“ reagiert. Sommer munkelt gegen Ende seines Beitrags, dass auch in Deutschland amerikanische Verhältnisse drohen könnten: „Denn auch bei uns versprüht die Identitätspolitik ihr ätzendes Gift“, so Sommers fetziger Schlusssatz.

Die Internet-Plattform Parteon bietet Kreativen die Möglichkeit, sich durch regelmäßige Mini-Überweisungen von Unterstützern finanzieren zu lassen. Sowohl die Kunstkritikerinnen von @thewhitepube als auch der Künstler Brad Troemel nutzen die Plattform, um nur zwei prominente Beispiele aus der zeitgenössischen Kunst zu nennen. Jack Conte, selbst Musiker und Videoproduzent, ist einer der Gründer und Chef von Patreon. Im Interview mit Christoph Koch, welches brand eins veröffentlicht hat, spricht er über die besonderen Chancen, welche seine Firma Kreativen unter den aktuellen Bedingungen biete. Das Modell von Patreon beschreibt er folgendermaßen: „Wir haben eine Lücke geschlossen: Früher gab es zum einen das Transaktionsmodell: Man kauft sich ein Buch oder eine Eintrittskarte. Und es gab das Prinzip Spende: Man warf dem Straßenkünstler eine Münze in den Hut. Patreon liegt dazwischen. Nehmen wir einen Podcaster, der jeden Monat vier Folgen veröffentlicht. Drei davon sind frei zugänglich, die vierte gibt es nur für Förderer. Es gibt Leute, die sich über die Gratisfolgen freuen und nichts bezahlen. Und es gibt welche, die nur deshalb zahlen, weil sie unbedingt die vierte Folge hören wollen. Es gibt aber auch eine Gruppe, die zahlt, weil sie den Podcast gut findet und weiß, dass er dauerhaft nur möglich ist, wenn es genügend Förderer gibt. Anders als bei einer Spende ist also durchaus Eigennutz der Unterstützer dabei. Aber es ist nicht der klassische Deal Geld gegen Ware.“

Bernhard Pirkl bespricht für jungle.world zwei aktuelle Dokumentarfilme, welche sich seiner Auffassung nach der Firgur des „Edgelords“ anzunähern versuchen, und zwar aus recht unterschiedlichen Richtungen. Ein Edgelord sei, so der Autor, ein „[…] habituelle[r] Provokateur, der sich gern nihilistisch äußert und dessen Habitat vor allem, aber eben nicht nur soziale Medien sind.“ Im Film „TFW No GF“ (The feeling when no girlfriend) gehe es um „[…] eine Generation von vornehmlich männlichen Mittzwanzigern, deren Existenz maßgeblich von Einsamkeit, Entfremdung und nicht zuletzt materieller Not gekennzeichnet ist“, so der Autor. „Die Regisseurin Alex Lee Moyer streut einige mehr oder weniger subtile Hinweise ein, die folgende Deutung nahelegen: In Ermangelung legitimer kultureller Kanäle, durch die sie ihrem Leiden Ausdruck verleihen könnten, bilden diese jungen Männer ihre eigene Subkultur, die in einer avantgardistischen Tradition steht, der Transgression schon immer das Mittel der Wahl war – mit Punk als nächstem, mittlerweile kanonisiertem Verwandten.“ Die zweite, von Pirkl besprochene Produktion ist ein Portrait des Künstlers Jordan Wolfson, dessen künstlerische Arbeit als auch dessen persönliche Äußerungen regelmäßig für Diskussionen sorgen würden (Nochmalige Empfehlung an dieser Stelle: „Jordan Wolfson’s Edgelord Art“, ein Portrait des Künstlers von Dana Goodyear für den New Yorker ). Die nihilistischen Überschreitungsstrategien der Edgelords hätten sich totgelaufen, so Pirkl: „Dass diese beiden Dokumentationen gleichzeitig erschienen sind, legt jedenfalls insgeheim Zeugnis ab von der Erschöpfung eines diffusen gegenhegemonialen Stils, der letztlich nicht recht weiß, was er will. Das Alte mag vielleicht sterben, aber das Neue nicht zur Welt kommen.“

Im österreichischen Skiort Ischgl haben sich zu Beginn der Corona-Pandemie vermutlich tausende UrlauberInnen infiziert und dem Ort so zu internationaler Berühmtheit verholfen. Der ganz in der Nähe geborene und aufgewachsene Fotograf Lois Hechenblaikner hat über zweieinhalb Jahrzehnte hinweg die Verwandlung des Ortes vom Bauerndorf hin zum Massenskiparadies dokumentiert und eine Auswahl seiner Fotografien in einem Buch veröffentlicht. Elmar Krekeler stellt das Buch und die Geschichte des Ortes in einem kurzen Beitrag für die Welt vor und zeigt außerdem einige Aufnahmen Hechenblaikners.

Zum Schluss sei noch auf zwei Interviews verwiesen, die eher Off Topic sind, aber dennoch sehr interessant. Beide wurden von brand eins veröffentlicht. Das erste hat Sarah Sommer mit dem ehemaligen Investmentbanker und jetzigen Ökonomieprofessor Christian Kreiß geführt. Er plädiert für eine Betriebswirtschaftslehre,welche sich vom Prinzip der (finanziellen) Gewinnmaximierung und der Orientierung am Aktionärswohl (Shareholder Value) verabschieden solle, weil sie für die Gesellschaft als ganzes mehr Schaden als Nutzen bringe. In seinem alten Job habe er irgendwann erkannt, welche zerstörerischen Kräfte dieses ökonomische Denken entwickele.

Im zweiten Interview beschreibt der Frühphaseninvestor Christian Meermann, nach welchen Kriterien sein Wagniskapitalfonds Cherry Ventures die Geschäftsmodelle von Startups evaluiert, um sich dann - möglicherweise - finanziell beteiligen zu können. Die Grundproblematik dabei beschreibt Meermann folgendermaßen: „Unser Job ist es, in einem Umfeld extrem großer Unsicherheit Entscheidungen zu treffen. Wenn wir in Firmen reingehen, gibt es ja oft nicht viel mehr als eine Idee, die Gründer in eine Powerpoint-Präsentation packen oder als erste Produktdemo vorzeigen, und ein Excel-Sheet, aus dem hervorgeht, wie wertvoll die Idee ist, sofern sie gut umgesetzt wird und zündet. Erst in späteren Runden gibt es Daten und Zahlen, die Investoren in die Entscheidungsfindung einbeziehen können.“

Johannes Bendzulla

Annette Wehrmann, photography from the series Blumensprengungen, 1991-95; Foto: Ort des Gegen e.V.

Conference: Counter-Monuments and Para-Monuments

The international conference at HFBK Hamburg on December 2-4, 2021 – jointly conceived by Nora Sternfeld and Michaela Melián –, is dedicated to the history of artistic counter-monuments and forms of protest, discusses aesthetics of memory and historical manifestations in public space, and asks about para-monuments for the present.

23 Fragen des Institutional Questionaire, grafisch umgesetzt von Ran Altamirano auf den Türgläsern der HFBK Hamburg zur Jahresausstellung 2021; Foto: Charlotte Spiegelfeld

Diversity

Wer spricht? Wer malt welches Motiv? Wer wird gezeigt, wer nicht? Identitätspolitische Fragen spielen in der Kunst und damit auch an der HFBK Hamburg eine wichtige Rolle. Das hochschuleigene Lerchenfeld-Magazin beleuchtet in der aktuellen Ausgabe Hochschulstrukturen sowie Studierendeninitiativen, die sich mit Diversität und Identität befassen.

Grafik: Tim Ballaschke

Semesterstart

Nach drei Semestern Hybrid-Lehre unter Pandemiebedingungen steht nun endlich wieder ein Präsenz-Semester bevor. Wir begrüßen alle neuen Studierenden und Lehrenden an der HFBK Hamburg und laden herzlich zur Eröffnung des akademischen Jahres 2020/21 ein, die in diesem Jahr von einem Gastvortrag von ruangrupa begleitet wird.

Grafik: Sam Kim, Bild im Hintergrund: Sofia Mascate, Foto: Marie-Theres Böhmker

Graduate Show 2021: All Good Things Come to an End

Vom 24. bis 26. September präsentierten die mehr als 150 Bachelor- und Master-Absolvent*innen des Jahrgangs 2020/21 ihre Abschlussarbeiten im Rahmen der Graduate Show in der HFBK Hamburg. Wir bedanken uns bei allen Besucher*innen und Beteiligten.

Foto: Klaus Frahm

Summer Break

Die HFBK Hamburg befindet sich in der vorlesungsfreien Zeit, viele Studierende und Lehrende sind im Sommerurlaub, Kunstinstitutionen haben Sommerpause. Eine gute Gelegenheit zum vielfältigen Nach-Lesen und -Sehen:

ASA Open Studio 2019, Karolinenstraße 2a, Haus 5; Foto: Matthew Muir

Live und in Farbe: die ASA Open Studios im Juni 2021

Seit 2010 organisiert die HFBK das internationale Austauschprogramm Art School Alliance. Es ermöglicht HFBK-Studierenden ein Auslandssemester an renommierten Partnerhochschulen und lädt vice versa internationale Kunststudierende an die HFBK ein. Zum Ende ihres Hamburg-Aufenthalts stellen die Studierenden in den Open Studios in der Karolinenstraße aus, die nun auch wieder für das kunstinteressierte Publikum geöffnet sind.

Studiengruppe Prof. Dr. Anja Steidinger, Was animiert uns?, 2021, Mediathek der HFBK Hamburg, Filmstill

Vermitteln und Verlernen: Wartenau Versammlungen

Die Kunstpädagogik Professorinnen Nora Sternfeld und Anja Steidinger haben das Format „Wartenau Versammlungen“ initiiert. Es oszilliert zwischen Kunst, Bildung, Forschung und Aktivismus. Ergänzend zu diesem offenen Handlungsraum gibt es nun auch eine eigene Website, die die Diskurse, Gespräche und Veranstaltungen begleitet.

Ausstellungsansicht "Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg; Foto: Maximilian Schwarzmann

Schule der Folgenlosigkeit

Alle reden über Folgen: Die Folgen des Klimawandels, der Corona-Pandemie oder der Digitalisierung. Friedrich von Borries (Professor für Designtheorie) dagegen widmet sich der Folgenlosigkeit. In der "Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg verknüpft er Sammlungsobjekte mit einem eigens für die Ausstellung eingerichteten „Selbstlernraum“ so, dass eine neue Perspektive auf „Nachhaltigkeit“ entsteht und vermeintlich allgemeingültige Vorstellungen eines „richtigen Lebens“ hinterfragt werden.

Jahresausstellung 2021 der HFBK Hamburg

Jahresausstellung einmal anders: Vom 12.-14. Februar 2021 hatten die Studierenden der Hochschule für bildende Künste Hamburg dafür gemeinsam mit ihren Professor*innen eine Vielzahl von Präsentationsmöglichkeiten auf unterschiedlichen Kommunikationskanälen erschlossen. Die Formate reichten von gestreamten Live-Performances über Videoprogramme, Radiosendungen, eine Telefonhotline, Online-Konferenzen bis hin zu einem Webshop für Editionen. Darüber hinaus waren vereinzelte Interventionen im Außenraum der HFBK und in der Stadt zu entdecken.

Studieninformationstag 2021

Wie werde ich Kunststudent*in? Wie funktioniert das Bewerbungsverfahren? Kann ich an der HFBK auch auf Lehramt studieren? Diese und weitere Fragen rund um das Kunststudium beantworteten Professor*innen, Studierende und Mitarbeiter*innen der HFBK im Rahmen des Studieninformationstages am 13. Februar 2021. Zusätzlich findet am 23. Februar um 14 Uhr ein Termin speziell für englischsprachige Studieninteressierte statt.

Katja Pilipenko

Semestereröffnung und Hiscox-Preisverleihung 2020

Am Abend des 4. Novembers feierte die HFBK die Eröffnung des akademischen Jahres 2020/21 sowie die Verleihung des Hiscox-Kunstpreises im Livestream – offline mit genug Abstand und dennoch gemeinsam online.

Ausstellung Transparencies mit Arbeiten von Elena Crijnen, Annika Faescke, Svenja Frank, Francis Kussatz, Anne Meerpohl, Elisa Nessler, Julia Nordholz, Florentine Pahl, Cristina Rüesch, Janka Schubert, Wiebke Schwarzhans, Rosa Thiemer, Lea van Hall. Betreut von Prof. Verena Issel und Fabian Hesse; Foto: Screenshot

Digitale Lehre an der HFBK

Wie die Hochschule die Besonderheiten der künstlerischen Lehre mit den Möglichkeiten des Digitalen verbindet.

Alltagsrealität oder Klischee?; Foto: Tim Albrecht

Absolvent*innenstudie der HFBK

Kunst studieren – und was kommt danach? Die Klischeebilder halten sich standhaft: Wer Kunst studiert hat, wird entweder Taxifahrer, arbeitet in einer Bar oder heiratet reich. Aber wirklich von der Kunst leben könnten nur die wenigsten – erst Recht in Zeiten globaler Krisen. Die HFBK Hamburg wollte es genauer wissen und hat bei der Fakultät der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg eine breit angelegte Befragung ihrer Absolventinnen und Absolventen der letzten 15 Jahre in Auftrag gegeben.

Ausstellung Social Design, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Teilansicht; Foto: MKG Hamburg

Wie politisch ist Social Design?

Social Design, so der oft formulierte eigene Anspruch, will gesellschaftliche Missstände thematisieren und im Idealfall verändern. Deshalb versteht es sich als gesellschaftskritisch – und optimiert gleichzeitig das Bestehende. Was also ist die politische Dimension von Social Design – ist es Motor zur Veränderung oder trägt es zur Stabilisierung und Normalisierung bestehender Ungerechtigkeiten bei?