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3 Notizen zu: "Backdrop", Gerrit Frohne-Brinkmann, HafenCity

1 Ganz heimlich, still und leise hat der öffentliche Raum Hamburgs vor wenigen Tagen ein neues Kunstwerk dazugewonnen. Heimlich aber nicht nur wegen der Corona-bedingten Undercover-"Eröffnung", die ohne viel Publikum auskommen musste; auch der Aufstellungsort der Installation verlangt einiges an Insiderwissen: "Backdrop" von Gerrit Frohne-Brinkmann, das jüngste Projekt im Zuge des Imagine-the-City-Projekts der HafenCity Kuratorin Ellen Blumenstein, ziert nämlich orginellerweise nicht etwa stolz eine Büroturm-Plaza, sondern versteckt sich zwei Etagen unter der Erde, in einer Tiefgarage.

2 Steigt man nun also die Treppen in die kühle Unterwelt der Glas- und Betonszenerie der HafenCity hinunter, so bewegt man sich gleichzeitig Millionen von Jahren in die Vergangenheit dieses Stadtteils. Denn "Backdrop" ist ein liebevoll gestaltetes Airbrush-Mural einer phantastisch-prähistorischen Unterwasserwelt, mit Anemonen, gepanzerten Krebsen, Tentakeltieren und vielen vielen Algen. Wie eine übergroße Lehrtafel aus dem Biologieunterricht verweist der bemalte Paravent also hier, metertief unter der Erde, auf das war vorher hier war, lange vor dem Auftauchen des Menschen. War das hier also Meeresgrund, vor 300 Millionen Jahren? Hat man bei der Ausgrabung wirklich solche Fossilien gefunden?

3 Aber wer Frohne-Brinkmann kennt, der weiß dass es hier nicht einfach um den simplen Verweis auf einen friedlich-blubbernden Idealzustand geht, gar um das Ausspielen von Kultur gegen Natur. Denn der Künstler, bekannt als Freund von Fake-Kulissen und Filmrequisiten, als fasziniert von Dioramen und Showeffekten, scheint hier im Backstage-Bereich der HafenCity vielmehr einen Kommentar zur kulissenhaften Welt über der Erde zu schaffen. Wird nicht gerade in der HafenCity mit den alten Hafenkränen stets die eigene Geschichte betont? Sind hier nicht Meeresmotive in Namen und Architektur allgegenwärtig, um den Stadtteil zu vermarkten? Gerade diese Schraube dreht Frohne-Brinkmann mit seiner präzisen Setzung auf clever Art und Weise durch. Wobei auch die zivilisationskritische Lesart auch unbeabsichtigt durchaus zur aktuellen Lage passt: Zwischen Corona und Klimawandel ist der blubbernde Idealzustand ohne den Menschen vielleicht ja näher, als man denkt.

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