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Kolumne von stringfigures

Gunda ist 69 und stirbt bald an einem Gehirntumor. Sie ist eine tolle Tante. Ich habe fünf Tanten und vier Onkels mütterlicherseits. Bei Gunda durfte man immer alles. In ihrer Toilette roch es nach Cornflakes, sie hatte Katzen und ich durfte beim Essen spielen und sowieso durfte ich essen, was ich will. Ihre Kinder, meine Cousins machten auch was sie wollten. Gundas erstes Restaurant wurde angezündet. Zum weichen Pelz hieß es. Kann mich kaum dran erinnern, außer, dass es an der Promenade war. Vater war sich sicher: das war die Mafia. Mafia war ohnehin sein Lieblingswort. Er blinzelte mich dann immer verschwörerisch an und nickte mir, sich selbst zustimmend in seinem Alltagsrassismus, zu. Bei Gunda fühlte er sich nicht so wohl. Meine Mutter auch nicht, glaube ich. Zu viel Anarchie. Meine Oma lebte irgendwann auch bei Gunda und so fuhr ich jeden Sommer hin. Erst in ihr riesiges Haus, später in ihr Hotel. Alle wohnten da, in der Traube. Zur roten Traube. Im Hof war die Waschküche, wo ich meiner Oma immer beim Bügeln half. Ich bügelte zig Seersuckerhotelzimmerkopfkissenbezüge. Es roch herrlich warm, duftig nach Oma und Waschküche. Ihre schwarze Katze schlich um unsere Beine. Ich wohnte bei meiner Oma im Hotelzimmer in ihrem Doppelbett mit bunten Seersuckerbettbezügen. Am Kopfende standen zehn verschiedene Bilderrahmen in 10x15cm. Jeder Rahmen umfasste eins ihrer zehn Kinder, chronologisch, bei der heiligen Erstkommunion. Fast am Ende stand irgendwo meine Mutter. Auch sonst gab es keine freie Fläche im Zimmer. Alles war Einbaubett, Einbauschrank, Sofa, Fernseher und Bilderrahmen mit Familienmitgliedern, meine Tanten, Onkels, meine Cousins und Cousinen, Großtanten, noch in Russland, später in Deutschland, überall.

Jeden Morgen ging ich mit Oma Frühstücken. Hotelfrühstück. Ehrlich. Diverse Konfitüre Minis aus der Plastikpackung, Käsescheiben, spröde Brötchen und Kakao am rustikalen Holztisch. Umgeben von gedruckten Gemälden die ich kaum erinnere. Ich glaube aber, es waren viele Trauben, Weinkönig:innen und Winzer:innen zu sehen. Ich war immer früh wach. Meine Cousin schliefen oft bis Mittags. Gunda hatte immer zu tun, saß am Personaltisch im Restaurant und überall lagen Zettel, Rechnungen, Papierkrams halt. Sie trank Rotwein, hatte eine Rotweinnase und war immer immer nett, herzlich und abwesend, irgendwie. Ich liebte sie.

Mit Oma ging ich dann zu ihrem jüngsten Sohn, der ein paar Straßen weiter lebte. Wir weckten ihn ewiglang, weil das Methadon ihn so schläfrig machte. Damit er nicht mit angezündeter Kippe wieder einschlief mussten wir immer warten, bis er wirklich aufgestanden war. Dann Kirche, Kerzen anzünden, Lotto spielen, Eis essen. Die Eisdiele war mindestens so groß wie die Kirche. Es gab tausend Sorten. Ich nahm die Sorte Rocher. Mein Cousin übrigens auch. Er sprach es aber immer so aus, dass ich wütend wurde. Er sprach es betont italienisch aus und ich fand es unmöglich, konnte es ihm aber nicht sagen. Jetzt würde ich ihn und seine Brüder gern öfter sehen. Sie wohnen weit weg und diese riesige Familie liegt zwischen uns. Diese Familie ist so groß und so mystisch, dass meine Gedanken, wenn ich an sie denke, versumpfen.

Wenn wir dann zurück ins Hotel kamen, gab es Mittag. Ich konnte mir einfach was aus der Küche holen. Manchmal kochte meine Oma in einem enorm großen Kochtopf russische Teigkartoffelgerichte, manchmal aß ich Brötchen mit einem Suppenteller voller Salatsoße. Nachmittags hing ich mit ein paar Kids aus dem Städtchen rum. Ich glaube in den einen war ich verliebt. Ich wusste es nicht, wir trafen uns über Jahre immer wieder im Sommer und neulich, als ich mit meinem großen Cousin telefoniert hatte sagte er: klar, in Toni warst du verliebt, Toni in dich - alle wussten es außer euch beiden, die ihr auf dem Skateboard rumgefahren seid. Ich musste lachen und war glücklich über die Vorstellung, dass alle was über einen wissen, was man selbst nicht schnallt, was einen aber glücklich gemacht hat.

Oma hatte immer eine Kamera dabei. Eine Knipskamera mit Blitzautomatik. Sie fotografierte alles und ließ sich auch gern fotografieren. Sie winkte dann immer in die Kamera wie Queen Elisabeth. Es gibt viele Gruppenfotos mit diversen Anordnungen der Cousins, Cousinen, Tanten und Onkels, je nachdem wer wo war, und alle stehen aufgereiht, winken bestenfalls. All diese Fotos sind nun in mindestens fünfzig Einsteckfotoalben unterschiedlicher Größen und Farben bei Tante Heidrun auf dem Dachboden.

Die rote Traube ist auch abgebrannt.

Gunda ist alkoholkrank gewesen. Sie litt unter Diabetes, Depressionen und stirbt jetzt also an einem Hirntumor.

Gunda hat später als Altenpflegerin und im Hospiz gearbeitet, hat über hundert Menschen beim Sterben begleitet. Für mich ist sie ein kleines Wunder.

All diese Menschen sind kleine Wunder. Ich frage mich, was da passiert zwischen Kindheit und Erwachsensein. Warum fühle ich mich nicht erwachsen? Warum sind Erwachsene für mich die, die schon damals alt aussahen, dabei waren sie so alt wie ich jetzt und sind jetzt entweder tot oder in Rente und tragen diese Blusen aus Damenboutiquen und essen zu viel Braten und Kuchen und sehen von weitem alle so verdammt gleich aus und wenn man hinschaut, sich erinnert oder nachfragt, sind da so viele Leben. So viele Geschichten. So viel Liebe.

„Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.“
Wünschelrute, Eichendoff, 1835

Annette Wehrmann, photography from the series Blumensprengungen, 1991-95; Foto: Ort des Gegen e.V.

Conference: Counter-Monuments and Para-Monuments

The international conference at HFBK Hamburg on December 2-4, 2021 – jointly conceived by Nora Sternfeld and Michaela Melián –, is dedicated to the history of artistic counter-monuments and forms of protest, discusses aesthetics of memory and historical manifestations in public space, and asks about para-monuments for the present.

23 Fragen des Institutional Questionaire, grafisch umgesetzt von Ran Altamirano auf den Türgläsern der HFBK Hamburg zur Jahresausstellung 2021; Foto: Charlotte Spiegelfeld

Diversity

Wer spricht? Wer malt welches Motiv? Wer wird gezeigt, wer nicht? Identitätspolitische Fragen spielen in der Kunst und damit auch an der HFBK Hamburg eine wichtige Rolle. Das hochschuleigene Lerchenfeld-Magazin beleuchtet in der aktuellen Ausgabe Hochschulstrukturen sowie Studierendeninitiativen, die sich mit Diversität und Identität befassen.

Grafik: Tim Ballaschke

Semesterstart

Nach drei Semestern Hybrid-Lehre unter Pandemiebedingungen steht nun endlich wieder ein Präsenz-Semester bevor. Wir begrüßen alle neuen Studierenden und Lehrenden an der HFBK Hamburg und laden herzlich zur Eröffnung des akademischen Jahres 2020/21 ein, die in diesem Jahr von einem Gastvortrag von ruangrupa begleitet wird.

Grafik: Sam Kim, Bild im Hintergrund: Sofia Mascate, Foto: Marie-Theres Böhmker

Graduate Show 2021: All Good Things Come to an End

Vom 24. bis 26. September präsentierten die mehr als 150 Bachelor- und Master-Absolvent*innen des Jahrgangs 2020/21 ihre Abschlussarbeiten im Rahmen der Graduate Show in der HFBK Hamburg. Wir bedanken uns bei allen Besucher*innen und Beteiligten.

Foto: Klaus Frahm

Summer Break

Die HFBK Hamburg befindet sich in der vorlesungsfreien Zeit, viele Studierende und Lehrende sind im Sommerurlaub, Kunstinstitutionen haben Sommerpause. Eine gute Gelegenheit zum vielfältigen Nach-Lesen und -Sehen:

ASA Open Studio 2019, Karolinenstraße 2a, Haus 5; Foto: Matthew Muir

Live und in Farbe: die ASA Open Studios im Juni 2021

Seit 2010 organisiert die HFBK das internationale Austauschprogramm Art School Alliance. Es ermöglicht HFBK-Studierenden ein Auslandssemester an renommierten Partnerhochschulen und lädt vice versa internationale Kunststudierende an die HFBK ein. Zum Ende ihres Hamburg-Aufenthalts stellen die Studierenden in den Open Studios in der Karolinenstraße aus, die nun auch wieder für das kunstinteressierte Publikum geöffnet sind.

Studiengruppe Prof. Dr. Anja Steidinger, Was animiert uns?, 2021, Mediathek der HFBK Hamburg, Filmstill

Vermitteln und Verlernen: Wartenau Versammlungen

Die Kunstpädagogik Professorinnen Nora Sternfeld und Anja Steidinger haben das Format „Wartenau Versammlungen“ initiiert. Es oszilliert zwischen Kunst, Bildung, Forschung und Aktivismus. Ergänzend zu diesem offenen Handlungsraum gibt es nun auch eine eigene Website, die die Diskurse, Gespräche und Veranstaltungen begleitet.

Ausstellungsansicht "Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg; Foto: Maximilian Schwarzmann

Schule der Folgenlosigkeit

Alle reden über Folgen: Die Folgen des Klimawandels, der Corona-Pandemie oder der Digitalisierung. Friedrich von Borries (Professor für Designtheorie) dagegen widmet sich der Folgenlosigkeit. In der "Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg verknüpft er Sammlungsobjekte mit einem eigens für die Ausstellung eingerichteten „Selbstlernraum“ so, dass eine neue Perspektive auf „Nachhaltigkeit“ entsteht und vermeintlich allgemeingültige Vorstellungen eines „richtigen Lebens“ hinterfragt werden.

Jahresausstellung 2021 der HFBK Hamburg

Jahresausstellung einmal anders: Vom 12.-14. Februar 2021 hatten die Studierenden der Hochschule für bildende Künste Hamburg dafür gemeinsam mit ihren Professor*innen eine Vielzahl von Präsentationsmöglichkeiten auf unterschiedlichen Kommunikationskanälen erschlossen. Die Formate reichten von gestreamten Live-Performances über Videoprogramme, Radiosendungen, eine Telefonhotline, Online-Konferenzen bis hin zu einem Webshop für Editionen. Darüber hinaus waren vereinzelte Interventionen im Außenraum der HFBK und in der Stadt zu entdecken.

Studieninformationstag 2021

Wie werde ich Kunststudent*in? Wie funktioniert das Bewerbungsverfahren? Kann ich an der HFBK auch auf Lehramt studieren? Diese und weitere Fragen rund um das Kunststudium beantworteten Professor*innen, Studierende und Mitarbeiter*innen der HFBK im Rahmen des Studieninformationstages am 13. Februar 2021. Zusätzlich findet am 23. Februar um 14 Uhr ein Termin speziell für englischsprachige Studieninteressierte statt.

Katja Pilipenko

Semestereröffnung und Hiscox-Preisverleihung 2020

Am Abend des 4. Novembers feierte die HFBK die Eröffnung des akademischen Jahres 2020/21 sowie die Verleihung des Hiscox-Kunstpreises im Livestream – offline mit genug Abstand und dennoch gemeinsam online.

Ausstellung Transparencies mit Arbeiten von Elena Crijnen, Annika Faescke, Svenja Frank, Francis Kussatz, Anne Meerpohl, Elisa Nessler, Julia Nordholz, Florentine Pahl, Cristina Rüesch, Janka Schubert, Wiebke Schwarzhans, Rosa Thiemer, Lea van Hall. Betreut von Prof. Verena Issel und Fabian Hesse; Foto: Screenshot

Digitale Lehre an der HFBK

Wie die Hochschule die Besonderheiten der künstlerischen Lehre mit den Möglichkeiten des Digitalen verbindet.

Alltagsrealität oder Klischee?; Foto: Tim Albrecht

Absolvent*innenstudie der HFBK

Kunst studieren – und was kommt danach? Die Klischeebilder halten sich standhaft: Wer Kunst studiert hat, wird entweder Taxifahrer, arbeitet in einer Bar oder heiratet reich. Aber wirklich von der Kunst leben könnten nur die wenigsten – erst Recht in Zeiten globaler Krisen. Die HFBK Hamburg wollte es genauer wissen und hat bei der Fakultät der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg eine breit angelegte Befragung ihrer Absolventinnen und Absolventen der letzten 15 Jahre in Auftrag gegeben.

Ausstellung Social Design, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Teilansicht; Foto: MKG Hamburg

Wie politisch ist Social Design?

Social Design, so der oft formulierte eigene Anspruch, will gesellschaftliche Missstände thematisieren und im Idealfall verändern. Deshalb versteht es sich als gesellschaftskritisch – und optimiert gleichzeitig das Bestehende. Was also ist die politische Dimension von Social Design – ist es Motor zur Veränderung oder trägt es zur Stabilisierung und Normalisierung bestehender Ungerechtigkeiten bei?