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stringfigures@rhizome.hfbk.net: Versuch

Versuch

Während meines Studiums machten wir mal einen Klassenausflug in eine Ausstellung in Hamburg. Nach der Ausstellung wollten wir uns alle voneinander verabschieden, doch kurz bevor es dazu kam muss ich etwas gesagt haben, was meine Kommilitonin sehr getroffen hat. Ich weiß nicht mehr, was ich sagte, aber es hatte damit zu tun, dass ich meine Meinung kund tat. Es ging in die Richtung, dass Akademikerkinder und „rich kids“ wie man in meinen diffusen Kreisen zu sagen pflegte, es deutlich einfacher haben als Arbeiterkinder. Ich sagte das wahrscheinlich in der naiven Grundannahme, ich umgebe mich nur mit sogenannten Arbeiterkindern, die es ebenso „schwer“ haben wie ich. Sie war verdammt sauer und konfrontierte mich damit, dass sie es auch nicht so leicht hatte, nur weil ihr Vater Professor war. Ich war durcheinander, wollte ihr gar nicht weh tun, wollte eigentlich gar nichts laut sagen, was irgendwen verletzt. Passiert mir trotzdem ständig. So standen wir voreinander. Ich konnte irgendwie nicht nachgeben und sagen: ach so schlimm ist es nicht. Es gibt diese gläserne Wand nicht. Alle gleich. Sie konnte auch nicht sagen: hey stimmt, ich kann immer nach Kohle fragen, meine Eltern haben mir bei meinen Hausaufgaben geholfen und wir waren manchmal im Theater. Wir sind nicht einen Schritt aufeinander zu gegangen. Standen voreinander. Ich war den Tränen nahe und irgendwas stand da noch zwischen uns. Ich weiß es bis heute nicht. Ich habe ihr eine Mail geschrieben, dass ich ihr nicht weh tun wollte. Sie schrieb „Ja, ach schon ok.“ Wir sind bis heute nett zueinander. Wir können uns sehen, uns freuen und sagen, hey schön dich zu sehen und ich meine es auch, aber ein echter Dialog kommt nicht zustande.

Wir hätten es auch in einem ruhigen Gespräch miteinander erörtern können. Wir hätten uns zuhören können und hätten dann Privilegien und Biografisches erkannt und formuliert, hätten es differenziert und subjektiv ausklingen lassen. Ging nicht. War nicht so. Immer wieder fällt mir unser Gespräch ein.

Die Künstlerin Nina Wiesnagrotzki erstellte 2011 eine Arbeit indem sie 100 Umfragebögen an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg verteilte. Sie stellte grundlegende Fragen über den sozialen Hintergrund. Diese Daten wertete sie mit den Softwareprogrammen Power Point und Excel aus. Die Ergebnisse wurden in Diagrammen vor Sonnenuntergangslandschaften präsentiert, in Bilderrahmen aus Haushalten von Lehrern und Ärzten. Die meisten Künstler*innen hatten studierte, verheiratete Eltern mit einem Durchschnittseinkommen von 2500€ pro Person. Ich mochte die Arbeit, sie ist charmant und reflektiert gewesen.

Gestern schaute ich 3/4 des Films „I, Tonya“, eine Filmbiografie über die ehemalige Eiskunstläuferin Tonya Harding, die aus schwierigen Verhältnissen kam, wie man zu sagen pflegt. Abgesehen davon, dass die Story spannend ist, mag ich die Szenen sehr, in denen Tonya sich nach den Wettbewerben an die Jury wendet. Sie fragt nach, was sie falsch gemacht habe. Sie wäre doch ebenso gut wie die Konkurrenz. Später läuft sie einem Juror bis ins Parkhaus nach und fragt ihn: hey, was fehlt mir? Er antwortet ihr, dass es nicht ums Schlittschuhlaufen gehe. Es ginge um ihre Vorbildfunktion für die amerkanische Gesellschaft, sie brauche Eleganz, eine intakte Familie. M und ich sahen uns an und dachten das gleiche, nichts Neues, aber für uns immer wieder sichtbar: es ist überall so. Du musst den Code kennen, du musst das nötige Umfeld mitbringen, du musst deiner Selbst bewusst sein, du musst eine Show machen. Wow. Das gilt für die Architektur ebenso wie für die Kunstszene, etc. pp. Und wenn du nicht weißt wie es geht, wie man sich auf einer Vernissage verhält, wie man sich unterhält, wie man sich sophisticated gibt und wie du dein Umfeld einnimmst, dann ist das eigentliche Interesse, das eigentliche Sujet nicht relevant. Aber es ist ja nie nur das eigentliche Sujet. Es ist immer ein Netz.

„Das Ende von Eddy“ beschreibt autobiografisch die Kindheit und Jugendjahre des Autoren Éduard Louis. Geboren ist er 1992 in Frankreich als Eddy Bellegueule. Schon früh entdeckt er seine Homosexualität - doch auch seine Familie und sein Umfeld entdecken es. Er wird verspottet, geschlagen und missbraucht und schreibt darüber in seinem Roman.

Mohamed Amjahid schreibt in „Unter Weißen“ darüber, was es heißt, privilegiert zu sein. Ich bin privilegierter als viele andere unserer Gesellschaft, studiert, weiß und so. Aber dennoch spüre ich sehr genau, wenn andere noch weiter oben stehen in der Privilegiertenpyramide. Überall gibt es Anregungen zu diesem Thema, dann spüre ich, wie wütend ich bin, aber dann doch Hemmungen, Scham, Fragen

1.) ich will nicht über meine Familie sprechen.
1a) ich will alles erzählen.
2.) darf ich das?
3.) ich schäme mich.
4.) ist doch gar nicht so schlimm.
5.) Wir waren doch immer im Urlaub und so.
6.) Ich will kein Mitleid.
7.) Ich will eine Stimme.
8.) Wer hat eine Stimme verdient?

Und dann frage ich mich, ob es besser gewesen wäre, wenn die Dinge anders lägen. Ob es ein „besser als“ geben kann. Ob ich mir eine gerechtere Gesellschaft vorstellen kann. Ja, kann ich. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wie ich es hätte „besser“ haben sollen. Mit mehr Geld? Mit hörenden Eltern? Mit einer psychisch stabileren Großfamilie? Ohne Drogen? Ohne Alkohl? Ohne Fehler?

Dann fehlen mir die Worte, dann mache ich was mit Bildern und Objekten und Worten und finde, dass es das für den Moment doch schon trifft.

Annette Wehrmann, photography from the series Blumensprengungen, 1991-95; Foto: Ort des Gegen e.V.

Conference: Counter-Monuments and Para-Monuments

The international conference at HFBK Hamburg on December 2-4, 2021 – jointly conceived by Nora Sternfeld and Michaela Melián –, is dedicated to the history of artistic counter-monuments and forms of protest, discusses aesthetics of memory and historical manifestations in public space, and asks about para-monuments for the present.

23 Fragen des Institutional Questionaire, grafisch umgesetzt von Ran Altamirano auf den Türgläsern der HFBK Hamburg zur Jahresausstellung 2021; Foto: Charlotte Spiegelfeld

Diversity

Wer spricht? Wer malt welches Motiv? Wer wird gezeigt, wer nicht? Identitätspolitische Fragen spielen in der Kunst und damit auch an der HFBK Hamburg eine wichtige Rolle. Das hochschuleigene Lerchenfeld-Magazin beleuchtet in der aktuellen Ausgabe Hochschulstrukturen sowie Studierendeninitiativen, die sich mit Diversität und Identität befassen.

Grafik: Tim Ballaschke

Semesterstart

Nach drei Semestern Hybrid-Lehre unter Pandemiebedingungen steht nun endlich wieder ein Präsenz-Semester bevor. Wir begrüßen alle neuen Studierenden und Lehrenden an der HFBK Hamburg und laden herzlich zur Eröffnung des akademischen Jahres 2020/21 ein, die in diesem Jahr von einem Gastvortrag von ruangrupa begleitet wird.

Grafik: Sam Kim, Bild im Hintergrund: Sofia Mascate, Foto: Marie-Theres Böhmker

Graduate Show 2021: All Good Things Come to an End

Vom 24. bis 26. September präsentierten die mehr als 150 Bachelor- und Master-Absolvent*innen des Jahrgangs 2020/21 ihre Abschlussarbeiten im Rahmen der Graduate Show in der HFBK Hamburg. Wir bedanken uns bei allen Besucher*innen und Beteiligten.

Foto: Klaus Frahm

Summer Break

Die HFBK Hamburg befindet sich in der vorlesungsfreien Zeit, viele Studierende und Lehrende sind im Sommerurlaub, Kunstinstitutionen haben Sommerpause. Eine gute Gelegenheit zum vielfältigen Nach-Lesen und -Sehen:

ASA Open Studio 2019, Karolinenstraße 2a, Haus 5; Foto: Matthew Muir

Live und in Farbe: die ASA Open Studios im Juni 2021

Seit 2010 organisiert die HFBK das internationale Austauschprogramm Art School Alliance. Es ermöglicht HFBK-Studierenden ein Auslandssemester an renommierten Partnerhochschulen und lädt vice versa internationale Kunststudierende an die HFBK ein. Zum Ende ihres Hamburg-Aufenthalts stellen die Studierenden in den Open Studios in der Karolinenstraße aus, die nun auch wieder für das kunstinteressierte Publikum geöffnet sind.

Studiengruppe Prof. Dr. Anja Steidinger, Was animiert uns?, 2021, Mediathek der HFBK Hamburg, Filmstill

Vermitteln und Verlernen: Wartenau Versammlungen

Die Kunstpädagogik Professorinnen Nora Sternfeld und Anja Steidinger haben das Format „Wartenau Versammlungen“ initiiert. Es oszilliert zwischen Kunst, Bildung, Forschung und Aktivismus. Ergänzend zu diesem offenen Handlungsraum gibt es nun auch eine eigene Website, die die Diskurse, Gespräche und Veranstaltungen begleitet.

Ausstellungsansicht "Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg; Foto: Maximilian Schwarzmann

Schule der Folgenlosigkeit

Alle reden über Folgen: Die Folgen des Klimawandels, der Corona-Pandemie oder der Digitalisierung. Friedrich von Borries (Professor für Designtheorie) dagegen widmet sich der Folgenlosigkeit. In der "Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg verknüpft er Sammlungsobjekte mit einem eigens für die Ausstellung eingerichteten „Selbstlernraum“ so, dass eine neue Perspektive auf „Nachhaltigkeit“ entsteht und vermeintlich allgemeingültige Vorstellungen eines „richtigen Lebens“ hinterfragt werden.

Jahresausstellung 2021 der HFBK Hamburg

Jahresausstellung einmal anders: Vom 12.-14. Februar 2021 hatten die Studierenden der Hochschule für bildende Künste Hamburg dafür gemeinsam mit ihren Professor*innen eine Vielzahl von Präsentationsmöglichkeiten auf unterschiedlichen Kommunikationskanälen erschlossen. Die Formate reichten von gestreamten Live-Performances über Videoprogramme, Radiosendungen, eine Telefonhotline, Online-Konferenzen bis hin zu einem Webshop für Editionen. Darüber hinaus waren vereinzelte Interventionen im Außenraum der HFBK und in der Stadt zu entdecken.

Studieninformationstag 2021

Wie werde ich Kunststudent*in? Wie funktioniert das Bewerbungsverfahren? Kann ich an der HFBK auch auf Lehramt studieren? Diese und weitere Fragen rund um das Kunststudium beantworteten Professor*innen, Studierende und Mitarbeiter*innen der HFBK im Rahmen des Studieninformationstages am 13. Februar 2021. Zusätzlich findet am 23. Februar um 14 Uhr ein Termin speziell für englischsprachige Studieninteressierte statt.

Katja Pilipenko

Semestereröffnung und Hiscox-Preisverleihung 2020

Am Abend des 4. Novembers feierte die HFBK die Eröffnung des akademischen Jahres 2020/21 sowie die Verleihung des Hiscox-Kunstpreises im Livestream – offline mit genug Abstand und dennoch gemeinsam online.

Ausstellung Transparencies mit Arbeiten von Elena Crijnen, Annika Faescke, Svenja Frank, Francis Kussatz, Anne Meerpohl, Elisa Nessler, Julia Nordholz, Florentine Pahl, Cristina Rüesch, Janka Schubert, Wiebke Schwarzhans, Rosa Thiemer, Lea van Hall. Betreut von Prof. Verena Issel und Fabian Hesse; Foto: Screenshot

Digitale Lehre an der HFBK

Wie die Hochschule die Besonderheiten der künstlerischen Lehre mit den Möglichkeiten des Digitalen verbindet.

Alltagsrealität oder Klischee?; Foto: Tim Albrecht

Absolvent*innenstudie der HFBK

Kunst studieren – und was kommt danach? Die Klischeebilder halten sich standhaft: Wer Kunst studiert hat, wird entweder Taxifahrer, arbeitet in einer Bar oder heiratet reich. Aber wirklich von der Kunst leben könnten nur die wenigsten – erst Recht in Zeiten globaler Krisen. Die HFBK Hamburg wollte es genauer wissen und hat bei der Fakultät der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg eine breit angelegte Befragung ihrer Absolventinnen und Absolventen der letzten 15 Jahre in Auftrag gegeben.

Ausstellung Social Design, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Teilansicht; Foto: MKG Hamburg

Wie politisch ist Social Design?

Social Design, so der oft formulierte eigene Anspruch, will gesellschaftliche Missstände thematisieren und im Idealfall verändern. Deshalb versteht es sich als gesellschaftskritisch – und optimiert gleichzeitig das Bestehende. Was also ist die politische Dimension von Social Design – ist es Motor zur Veränderung oder trägt es zur Stabilisierung und Normalisierung bestehender Ungerechtigkeiten bei?