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Die Tresen-Kolumne: Polynationalismus

Polynationalismus

Bald ist Europawahl und der Instagram Feed meiner Peers ist voll mit beseeltem polynationalen Taumel. Wir sind Europa, Worldheadquarter der Menschenrechte und der Freiheit und wir, also Europa, dürfen uns nicht kaputt machen lassen von der überall aufkeimenden Alt-Right und ihrem Begriff des Ethnopluralismus.

Dieser Begriff klingt sehr viel schöner als die alten rechten Parolen, wie z.B. „Deutschland den Deutschen“ etc., meint aber eigentlich das Gleiche. Die Überlegenheitserzählung der eigenen sogenannten und so imaginierten Rasse ist dabei ein bisschen in den Hintergrund getreten, denn, und das ist natürlich auch Europa: Die Rechten sind durch die EU inzwischen auch auf transnationaler Ebene vernetzt und es geht jetzt eher darum, dass schon irgendwie alle Kulturen ihre Berechtigung haben, allerdings nur, wenn sie sich nicht vermischen, denn dann gehen sie kaputt. Warum auch immer eigentlich. So weit so fadenscheinig und bescheuert.

Meine Eltern rufen mich an: Ich dürfe nicht vergessen Briefwahl zu machen, denn Europa sei der einzige Garant für den Frieden in Europa. Mit Europa meinen sie die EU, denn Europa, so heißt einfach der Kontinent, den kann man nicht wählen. Ich sage ihnen, dass ich das schon gemacht habe, und dass Wolfgang Tillmans das auch immer sagt, und der ja ein Neoliberaler und somit dem Status Quo verpflichtet sei und sie sollen sich keine Sorgen machen. Ich sage ihnen auch, dass ich diese Friedenserzählung zum Kotzen finde, denn die Konflikte und die Toten sind einfach nur ausgelagert worden, outgesourced, an die Grenzen und Anrainerstaaten. Ich sage ihnen, dass die EU auch ein neokonservatives, klassistisches und rassistisches Projekt ist und tagtäglich verantwortlich für unzählige Tote, und ebendiese EU das bislang auch ganz ohne die offen Rechten geschafft hat. Und ich sage ihnen, dass der Nationalismus, vor dem sie so viel Angst haben, sich einfach übersetzt hat in dieses schreckliche und vor allem zynische Wir-sind-Europa-Gehabe und die Pullis und die Fahnen, und dass das ähnlich ausgrenzend sei, überzeichnend und kulturchauvinistisch, wie der ganz normale Patriotismus, der davor schon so schrecklich war. Ich sage ihnen, dass ich natürlich auch nicht will, dass die europäische Rechte noch mehr Landgewinne in Europa erzielt und ja, ich will auch nicht zurück zu einem Europa der Nationalstaaten. (Eigentlich ist es ja noch ein Europa der Nationalstaaten). Und deshalb hab ich gewählt und deshalb müssen sie sich keine Sorgen machen und ich sage ihnen, dass ich trotzdem keine Hoffnung habe in dieses Projekt, denn die Akkumulation von Kapital, auch als gemeinsames, geht halt nicht ohne Opfer. Sie sagen dann, was ich denn dann vorschlage, anders zu machen. Den Trick kenne ich schon, denn meine Antwort ist dabei nicht wirklich wichtig. Die Welt sei ja nunmal so wie sie eben ist. Meine Eltern sagen dann, sie haben schlimme Jahre erlebt, direkt nach dem Krieg als Kinder 46/47, und dass sie froh sind, dass wir genug zu essen haben und ich jetzt nicht, eingezogen, an irgendeiner Front in Frankreich sitze.

„Mmmh, ja, stimmt“ sage ich dann, und frage, ob der Apfelbaum im Garten eigentlich schon blüht.

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