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Die Tresen-Kolumne: Riesen und Zwerge

Inzwischen haben die Nachbar_innen mit dem Klatschen um 21 Uhr aufgehört und der abgesperrte Spielplatz im Hof liegt auch nur mehr noch still und leer darnieder. Aus dem Versuch einer Anerkennungsgeste ist eben doch kein Ritual geworden, oder die Forderung der Pflegekräfte nach mehr Gehalt statt Applaus ist bei allen angekommen. Die Trompeten und Mini-Keyboards sind inzwischen, zumindest in Altona, wieder vom Balkon verbannt. Die Covid 19-Pandemie eignet sich eben doch nicht zum Sommermärchen. Ich bin so müde. Ausfallende oder pausierende Ausstellungsprojekte oder einfach lose Arbeitsgruppen, überall wird gerade hyperaktiv geschafft. Was zur Krise machen: Stellungnahmen, neue Formate, neue Kunst, neue Videos, neue Podcasts. Jede Stunde eine Konferenz und am Abend dann die Freunde zum Skypen treffen. Seit Tagen fühlt es sich an, als hätte jemand einen sehr engen Gürtel um meinen Kopf geschnallt und würde ab und an dagegen treten. Die Augen am Abend sind ganz rot. Könnte Corona sein, oder 18 Stunden vor dem Computer. Es ist schon merkwürdig, wie sich Zeit so schmerzhaft langsam und gleichzeitig so wahnsinnig schnell anfühlen kann. Die Sonne geht unter und ich habe vergessen, ob nicht eigentlich gestern ist oder doch letzte Woche. Alles zerkocht zu einem Zeitbrei müder Hyperaktivität. Jetzt, wo die Möglichkeiten ökonomischer Vergütung in der Kunst noch schlechter stehen als sonst, ist die einzige Reaktion, die mir und vielen Freund_innen einfällt, noch viel mehr von dieser Arbeit aus mir herauszupressen als sonst. Vielleicht ist es das Gefühl, an einem Scharnier in der Geschichte zu stehen. Wer jetzt schweigt oder keine Arbeit dazu macht, wird sich später ärgern, die Chance auf weltbewegtes im eigenen Portfolio verpasst zu haben. Nachhaltig verbrauche ich gerade die Reste alter Ideen. Kryptische und versteckte Ordner auf vergessenen Festplatten, verkarstes Video- und Bilderzeug der alten Projektzerspanung, jetzt, zu Pellets gepresst, befeuern sie den Notkunstkessel. Ohne Draußen wird mir bald das Material ausgehen. Die eigene Zurichtung als ständiger Mikrothinktank im Auftrag der kreativen Innovation. Ein Roter Riese vielleicht, bevor er für immer zum Weißen Zwerg zusammenschrumpft: Alt, dicht und mit abnehmender Strahlkraft, kollabiert durch die eigene Gravitation.

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