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Die Tresen-Kolumne: Standesdünkel

Ich wollte eigentlich heute nicht am Schreibtisch sitzen und schreiben. Ich hatte mir den Tag als Archivtag vorgenommen, Bilder beschriften, zuordnen, abgleichen. In meinem Arbeitskämmerlein saß aber schon ein Elektriker*, der große Bündel orange-farbene Kabel durch die Wand in den Nebenraum stopfte. „Ich wollte hier heute arbeiten“ kam etwas dünn aus meinem Mund. Der Elektriker zerschneidet die Isolation, orange-farbene Krümel fallen zwischen seine Beine: „Mmh“. „Wie lange brauchst du wohl heute noch?“ „Joa, heute noch.“ Ich habe selber lange auf Baustellen gearbeitet und erwarte generell von anderen Menschen keinen besonders respektvollen Umgang mit mir. Als Kind wurde ich immer generisch als Mädchen angesprochen, ich hatte längere blonde Haare und trug die Kleidung meiner Schwestern auf. Ich widersprach nie, sondern holte mir die Scheibe Leerdammer von der Verkäuferin* ab. In der Weihnachtszeit wird am Tisch der Familie immer erzählt, dass ich bei diesen Leerdammerscheiben immer nur die Löcher mochte - ich mochte halt einfach keinen Leerdammer, aber geschenkten Käse hatte man in einem Haushalt von Nachkriegseltern dankend aufzuessen. Auf der Baustelle war ich dann lange einfach nur „Kleiner Pisser“. Das ließ sich gut brüllen und ich legte keinen Einspruch ein. Ich musste ein bisschen Patte machen. Das Bafög-Amt hatte meinen Antrag zurückgesendet mit dem Kommentar, ich hätte meinen Namen falsch geschrieben. Neuer Versuch, der selber Name, wieder zurück: diesmal fehlte laut Amt nur noch mein Schwerbehindertenausweis. Ich ließ es also bleiben und suchte mir einen Job im Trockenbau, das ist ziemlich weit unten in der Baustellenhierarchie, das können nämlich alle – stimmt by the way gar nicht. Mein Vater war sauer. Er war selbst früher Maurer und hat dann am Abend Abi nachgemacht und studiert. Er war also sauer, dass ich so weit unten auf der Bausstellenhierarchie stand, denn als Maurer verabscheute er Trockenbau und er war sauer, dass ich wieder mit den Händen arbeitete, obwohl er doch studiert hatte, um uns eine akademische Ausbildung zu ermöglichen. Doppelter Standesdünkel. Eine Wand wird im märkischen - oder im Kreuzverband gemauert, alles andere ist Mist. Wir verabscheuten die Leute, die ihr Material im Baumarkt kauften, wir verabscheuten die sogenannten Ein-Mann Platten, so schmale Gipsplatten, die es bei Obi gab. Eine Wand aus Ein-Mann Platten sieht schnell aus wie eine Ziehharmonika - überall Spachtelgräben. Da muss dann zwangsläufig Tapete drauf und Tapete, das wussten wir bereits als Kunststudierende, ist scheiße. Eine richtige Gipsplatte ist 125x200 cm, die Wand dann doppelt beplankt mit Bewährungsfugen, alles andere ist Mist – doppelter Standesdünkel. Auch dem Elektriker* von heute morgen unterstelle ich Standesdünkel. Das kenne ich schon, wenn man sich als Künstler_in oder Wissenschaftler_in outet. Leute, die nichts richtiges arbeiten oder deren Arbeit unsichtbar ist, die nicht den Strom von Raum A in den Raum B leiten, so dass da jetzt Licht oder Internet oder Warmwasser ankommt. Bilder sortieren kann man schließlich immer machen, auch wenn das sicher ein schönes Hobby ist.

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Wie die Hochschule die Besonderheiten der künstlerischen Lehre mit den Möglichkeiten des Digitalen verbindet.

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Kunst studieren – und was kommt danach? Die Klischeebilder halten sich standhaft: Wer Kunst studiert hat, wird entweder Taxifahrer, arbeitet in einer Bar oder heiratet reich. Aber wirklich von der Kunst leben könnten nur die wenigsten – erst Recht in Zeiten globaler Krisen. Die HFBK Hamburg wollte es genauer wissen und hat bei der Fakultät der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg eine breit angelegte Befragung ihrer Absolventinnen und Absolventen der letzten 15 Jahre in Auftrag gegeben.

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Zur Jahresausstellung der HFBK Hamburg präsentieren rund 800 Studierende drei Tage lang ein breites Spektrum künstlerischer Arbeiten: von Film und Fotografie über Performance, Skulptur und Malerei bis hin zu Raum- und Soundinstallationen sowie Designentwürfen. Besucherinnen und Besucher sind herzlich eingeladen, sich ein Bild von den aktuellen Produktionen der Hochschule.

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Social Design, so der oft formulierte eigene Anspruch, will gesellschaftliche Missstände thematisieren und im Idealfall verändern. Deshalb versteht es sich als gesellschaftskritisch – und optimiert gleichzeitig das Bestehende. Was also ist die politische Dimension von Social Design – ist es Motor zur Veränderung oder trägt es zur Stabilisierung und Normalisierung bestehender Ungerechtigkeiten bei?