de en

Die Tresen-Kolumne: Man stellt sich nicht einfach vor, man wird aufgerufen.

Man stellt sich nicht einfach vor, man wird aufgerufen.

Der Winter ist da. In meiner Nachtspeicherofenwohnung kriecht der Frost die Wände hoch und härtet die trocknenden T-Shirts auf dem Wäscheständer zu kalten Brettern aus. Wenn ich schnell los muss und mir ein frisches Shirt aus dem Fach nehme, steht es die erste halbe Stunde wie ein Dreieck von meinem Körper ab. Eine allmorgendliche Bauhausperformance, bis die Abwärme meines Körpers es so in etwa dem Rest angeglichen hat. Die erträumte Förderabsage ist tatsächlich wahr geworden. Sie kam allerdings nicht mit einem Boten, sondern per E-Mail. „Aufgrund der großen Nachfrage mussten wir uns auf die förderungswürdigen Anträge konzentrieren“. Absagetautologien: Wir haben nur die Sachen gefördert, die wir fördern wollten. I can see that. Ich habe aber, anders als in meinem Traum, dann nicht alle meine Arbeiten gelöscht. Irgendwie wird es schon weitergehen. Förderanträge oder Bewerbungen für Stipendien sind schrecklich. Aber: Sie sind einer der wenigen Momente für Künstler_innen, aus der gewaltsamen Passivität des Geschäfts auszubrechen. Man schickt aktiv sein Zeug zur Institution X. Ausstellungen laufen da ja anders. Man wartet auf Anrufe und E-Mails, hofft dass befreundete Künstler_innen an einen denken im Gespräch mit Kurator_in Y. In der Galerie, in der ich arbeite, kommen immer wieder E-Mails, in denen Künstler_innen ihre Arbeiten vorstellen. Ich kenne keine Galerie, die so schon einmal Ausstellungsbeteiligungen vergeben hat. Man antwortet dann so in etwa: „Vielen Dank für ihre Nachricht, leider sind wir dieses Jahr schon voll und ihre Arbeiten passen nicht in das Programm der Galerie“. Das stimmt zwar wirklich oft, aber selbst wenn nicht: Der Vorgang der Entdeckung ist eines der wichtigsten Distinktionsmerkmale des Kuratorischen. Man stellt sich nicht einfach vor, man wird aufgerufen. Um so befreiender fand ich die Nachricht eines mir unbekannten Künstlers*, die ich letzte Woche im Postfach der Galerie fand: „Das sind meine neuen Arbeiten, sie kosten 2.000 Euro und damit ich genug Geld verdiene, wäre es gut, wenn sie davon mindestens zwei im Monat verkaufen würden.“ Ich hätte die Person gerne umarmt für die Frechheit, einfach ihre Bedürfnisse auf den Verhandlungstisch zu legen. Künstler_innen erscheinen nicht aus dem Nichts, gut gekleidet und belesen, fünfmal im Jahr auf Ausstellungseröffnungen. Für all die Tage dazwischen brauchen sie, wie andere Menschen auch, ein bisschen Cash für Schinkenbrote, Mietzahlungen, Material, Urlaub, Bücher und die neue Kollektion von COS. Wer hätte das gedacht.

https://rhizome.hfbk.net/p/126521