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unmodern talking's: From Coast to Coast

Burcu Doğramacı sprach am 12.11. im Rahmen der aktuellen Ausstellung The Futureless Memory im Kunsthaus zu „Riss der Zeit – Künste im Exil und die Vergangenheit der Zukunft“. Wie sich im Titel – eine Entlehnung des Titels der Autobiografie der Wiener Schauspielerin und Autorin Hertha Pauli – schon andeutet, begreift Doğramacı das Exil nicht nur als ein räumliches, sondern auch ein zeitliches Phänomen. Das Exil befindet sich außerhalb des zeitlichen Kontinuums, es diktiert eine neue Zeitrechnung, in der sich das Empfinden von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft mal unendlich dehnt, mal in einem einzigen Moment verdichtet. Dieser „Riss der Zeit“ geht aber auch durch die (Kunst-)Geschichtsschreibung selbst, die nach wie vor als nationale Erzählung geschrieben wird und sich bekanntermaßen sowieso mit Gleichzeitigkeiten, Anachronismen und Parallelgeschichten schwertut. Was im Exil geschah, was dort erlebt, geschaffen und verloren wurde; das wird auch weiterhin wenn dann nur an den Außenrändern der Geschichtsschreibung aufgezeichnet.

In ihrer Forschung bemüht sich Doğramacı um eine Repräsentation eben dieser Fehlstellen und verlorenen Geschichten und damit auch der Lückenhaftigkeit nationaler (Kunst-)Geschichtsschreibung. Sie vollzieht in ihrem Vortrag die zentrifugale Dynamik der erzwungenen Emigration während der Zeit des Nationalsozialismus nach und fragt: Wer war wo zur selben Zeit? Am Schlüsseljahr 1938 entfaltet sie so ein Kaleidoskop der Gleichzeitigkeit in unterschiedlichsten Zeitzonen. 1938 lehrt und baut der Architekt Bruno Taut in Istanbul, 1938 bemüht sich der Bildhauer Jussuf Abbo um Portraitaufträge in London, 1938 versucht die Bauhauslehrerin und Textilkünstlerin Otti Berger vergeblich in London Fuß zu fassen, 1938 findet der Bildhauer De Fiori in San Paolo zu einer neuen Form, 1938 fotografiert Lotte Jacobi den ebenfalls exilierten Albert Einstein in seiner ikonischen Lederjacke in New York City, 1938 hält Edmund Engelmann den exakten Zustand des Wiener Büros Sigmund Freuds akribisch auf Fotografien fest, um seine spätere Rekonstruktion in London zu ermöglichen.

Es sind Geschichten von Unsichtbarkeit, Einsamkeit, Übersetzungsschwierigkeiten, Kompromissen, Verlusten, aber auch solche von neuen Allianzen und Communitys, komplexen Identitätskonstruktionen und Werkbegriffen. Je nach eigener Voraussetzungen – Gender, Profession, Netzwerk, Kapital, Professionalisierung – gestaltet sich der erzwungene Neuanfang mal einfacher, mal beschwerlicher bis unmöglich. All diese Biografien eint jedoch, dass sie durch die weltweite Versprengung aus dem Kontinuum der nationalen Kunstgeschichtsschreibung hinaus katapultiert wurden und aus der kollektiven Erinnerung gelöscht wurden. Diese Auslöschung schlägt sich nicht nur in ihrem zeitgenössischen Regime wieder – manifestiert durch Bücherverbrennungen, die Ausstellung „entartete Kunst“ oder Berufsverbote – sondern auch in der nachfolgenden Kartierung der Moderne. Eben jener Moderne unterstellt Burcu Doğramacı eine jahrzehntelange Amnesie, die ihre Beweise in vergessenen Oeuvres und bis heute ausstehenden institutionellen Rehabilitierung vieler exilierter Künstler:innen findet. Doğramacı plädiert daher nachdrücklich dafür – und lebt es in ihrer eigenen Forschungsarbeit vor – nicht länger in nationalen Beschreibungen zu verharren. Um die Geschichten jener, die gewaltvoll aus den Epizentren der Moderne verdrängt wurden, zu rekonstruieren, gilt es Fakten und Erzählungen zusammenzutragen und dabei auch die Autobiografien der Künstler:innen, so streitbar sie als Quelle auch sein mögen, ernst zunehmen. Selbstbeschreibungen aus dem Exil geben nicht nur Zeugnis ab über die Gründe und Umstände ihrer Dislokation, sondern verorten die Autor:innen auch explizit im Umfeld der Exilant:innen.

Doğramacı schlägt in ihrem Vortrag eine Herangehensweise an (Kunst-)Geschichtsschreibung vor, die nicht eine bestimmte Organisationseinheit – beispielsweise „die Nation“ – als die Absolute setzt. Im Zentrum ihrer Ausführungen steht die Einsicht, dass Geschichtsschreibung grundsätzlich fragmentarisch, eklektisch und eben auch ungerecht ist. Um jene Positionen, die aufgrund einer bis heute fortgeschriebenen, national orientierten und monoperspektivischen (Kunst-)Geschichtsschreibung durch das Raster fielen, in die kollektive Erinnerung zurückzuholen sind Anstrengungen und Commitments seitens der Institutionen gefragt – wir sind gespannt, was möglich ist.

Der Vortrag wurde hier aufgezeichnet.

Text: Magdalena Grüner und Nina Lucia Groß

Annette Wehrmann, photography from the series Blumensprengungen, 1991-95; Foto: Ort des Gegen e.V.

Conference: Counter-Monuments and Para-Monuments

The international conference at HFBK Hamburg on December 2-4, 2021 – jointly conceived by Nora Sternfeld and Michaela Melián –, is dedicated to the history of artistic counter-monuments and forms of protest, discusses aesthetics of memory and historical manifestations in public space, and asks about para-monuments for the present.

23 Fragen des Institutional Questionaire, grafisch umgesetzt von Ran Altamirano auf den Türgläsern der HFBK Hamburg zur Jahresausstellung 2021; Foto: Charlotte Spiegelfeld

Diversity

Wer spricht? Wer malt welches Motiv? Wer wird gezeigt, wer nicht? Identitätspolitische Fragen spielen in der Kunst und damit auch an der HFBK Hamburg eine wichtige Rolle. Das hochschuleigene Lerchenfeld-Magazin beleuchtet in der aktuellen Ausgabe Hochschulstrukturen sowie Studierendeninitiativen, die sich mit Diversität und Identität befassen.

Grafik: Tim Ballaschke

Semesterstart

Nach drei Semestern Hybrid-Lehre unter Pandemiebedingungen steht nun endlich wieder ein Präsenz-Semester bevor. Wir begrüßen alle neuen Studierenden und Lehrenden an der HFBK Hamburg und laden herzlich zur Eröffnung des akademischen Jahres 2020/21 ein, die in diesem Jahr von einem Gastvortrag von ruangrupa begleitet wird.

Grafik: Sam Kim, Bild im Hintergrund: Sofia Mascate, Foto: Marie-Theres Böhmker

Graduate Show 2021: All Good Things Come to an End

Vom 24. bis 26. September präsentierten die mehr als 150 Bachelor- und Master-Absolvent*innen des Jahrgangs 2020/21 ihre Abschlussarbeiten im Rahmen der Graduate Show in der HFBK Hamburg. Wir bedanken uns bei allen Besucher*innen und Beteiligten.

Foto: Klaus Frahm

Summer Break

Die HFBK Hamburg befindet sich in der vorlesungsfreien Zeit, viele Studierende und Lehrende sind im Sommerurlaub, Kunstinstitutionen haben Sommerpause. Eine gute Gelegenheit zum vielfältigen Nach-Lesen und -Sehen:

ASA Open Studio 2019, Karolinenstraße 2a, Haus 5; Foto: Matthew Muir

Live und in Farbe: die ASA Open Studios im Juni 2021

Seit 2010 organisiert die HFBK das internationale Austauschprogramm Art School Alliance. Es ermöglicht HFBK-Studierenden ein Auslandssemester an renommierten Partnerhochschulen und lädt vice versa internationale Kunststudierende an die HFBK ein. Zum Ende ihres Hamburg-Aufenthalts stellen die Studierenden in den Open Studios in der Karolinenstraße aus, die nun auch wieder für das kunstinteressierte Publikum geöffnet sind.

Studiengruppe Prof. Dr. Anja Steidinger, Was animiert uns?, 2021, Mediathek der HFBK Hamburg, Filmstill

Vermitteln und Verlernen: Wartenau Versammlungen

Die Kunstpädagogik Professorinnen Nora Sternfeld und Anja Steidinger haben das Format „Wartenau Versammlungen“ initiiert. Es oszilliert zwischen Kunst, Bildung, Forschung und Aktivismus. Ergänzend zu diesem offenen Handlungsraum gibt es nun auch eine eigene Website, die die Diskurse, Gespräche und Veranstaltungen begleitet.

Ausstellungsansicht "Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg; Foto: Maximilian Schwarzmann

Schule der Folgenlosigkeit

Alle reden über Folgen: Die Folgen des Klimawandels, der Corona-Pandemie oder der Digitalisierung. Friedrich von Borries (Professor für Designtheorie) dagegen widmet sich der Folgenlosigkeit. In der "Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg verknüpft er Sammlungsobjekte mit einem eigens für die Ausstellung eingerichteten „Selbstlernraum“ so, dass eine neue Perspektive auf „Nachhaltigkeit“ entsteht und vermeintlich allgemeingültige Vorstellungen eines „richtigen Lebens“ hinterfragt werden.

Jahresausstellung 2021 der HFBK Hamburg

Jahresausstellung einmal anders: Vom 12.-14. Februar 2021 hatten die Studierenden der Hochschule für bildende Künste Hamburg dafür gemeinsam mit ihren Professor*innen eine Vielzahl von Präsentationsmöglichkeiten auf unterschiedlichen Kommunikationskanälen erschlossen. Die Formate reichten von gestreamten Live-Performances über Videoprogramme, Radiosendungen, eine Telefonhotline, Online-Konferenzen bis hin zu einem Webshop für Editionen. Darüber hinaus waren vereinzelte Interventionen im Außenraum der HFBK und in der Stadt zu entdecken.

Studieninformationstag 2021

Wie werde ich Kunststudent*in? Wie funktioniert das Bewerbungsverfahren? Kann ich an der HFBK auch auf Lehramt studieren? Diese und weitere Fragen rund um das Kunststudium beantworteten Professor*innen, Studierende und Mitarbeiter*innen der HFBK im Rahmen des Studieninformationstages am 13. Februar 2021. Zusätzlich findet am 23. Februar um 14 Uhr ein Termin speziell für englischsprachige Studieninteressierte statt.

Katja Pilipenko

Semestereröffnung und Hiscox-Preisverleihung 2020

Am Abend des 4. Novembers feierte die HFBK die Eröffnung des akademischen Jahres 2020/21 sowie die Verleihung des Hiscox-Kunstpreises im Livestream – offline mit genug Abstand und dennoch gemeinsam online.

Ausstellung Transparencies mit Arbeiten von Elena Crijnen, Annika Faescke, Svenja Frank, Francis Kussatz, Anne Meerpohl, Elisa Nessler, Julia Nordholz, Florentine Pahl, Cristina Rüesch, Janka Schubert, Wiebke Schwarzhans, Rosa Thiemer, Lea van Hall. Betreut von Prof. Verena Issel und Fabian Hesse; Foto: Screenshot

Digitale Lehre an der HFBK

Wie die Hochschule die Besonderheiten der künstlerischen Lehre mit den Möglichkeiten des Digitalen verbindet.

Alltagsrealität oder Klischee?; Foto: Tim Albrecht

Absolvent*innenstudie der HFBK

Kunst studieren – und was kommt danach? Die Klischeebilder halten sich standhaft: Wer Kunst studiert hat, wird entweder Taxifahrer, arbeitet in einer Bar oder heiratet reich. Aber wirklich von der Kunst leben könnten nur die wenigsten – erst Recht in Zeiten globaler Krisen. Die HFBK Hamburg wollte es genauer wissen und hat bei der Fakultät der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg eine breit angelegte Befragung ihrer Absolventinnen und Absolventen der letzten 15 Jahre in Auftrag gegeben.

Ausstellung Social Design, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Teilansicht; Foto: MKG Hamburg

Wie politisch ist Social Design?

Social Design, so der oft formulierte eigene Anspruch, will gesellschaftliche Missstände thematisieren und im Idealfall verändern. Deshalb versteht es sich als gesellschaftskritisch – und optimiert gleichzeitig das Bestehende. Was also ist die politische Dimension von Social Design – ist es Motor zur Veränderung oder trägt es zur Stabilisierung und Normalisierung bestehender Ungerechtigkeiten bei?