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you are not alone

“The Shimmering Moment of Disclosure. Vulnerability and Sharing Experiences of Sexual Assault.”

Die US-amerikanische Philosophin Ann Cahill (Elon University) spricht in ihrem Vortrag am 22.1.2019 im Hamburger Institut für Sozialforschung über einen Moment. Ein Moment, der immer als Augenblick beginnt, sich aber über wenige Minuten oder viele Jahre ziehen kann. Sie spricht über den Moment, in dem eine Betroffene sexualisierter Gewalt sich einer zweiten Person anvertraut und nennt diesen Moment „Moment of Disclosure“. „Disclosure“ lässt sich mit Offenlegung oder Bekanntgabe, mit Enthüllung oder Mitteilung übersetzen. Nichts davon fühlt sich in der Übersetzung vollkommen richtig an und das verwundert nicht, gerade in diesem Diskurs, in dem die deutsche Sprache – und ihre Wissenschaften – wie so oft, zauderlicher und vorsichtiger, komplizierter und ängstlicher, abstrakter und immer verzweifelt schulternzuckender daherkommt wie das Englische. Man müsste Wortdoppelungen finden wie die Erfahrungsmitteilung – was aber direkt nach einer Yelp-Bewertung klingt – oder Neologismen wie die „Verunheimlichung“ – was aber direkt nach Heidegger verlangt. Ich schlage daher fürs Erste vor, wir leihen uns im Verlauf dieses Textes den Begriff der „Disclosure“.

Was ist also dieser „Moment of Disclosure“? Ann Cahill definiert damit eine ganz bestimmte Situation: Eine Person teilt ihre Erfahrung sexualisierter Gewalt bzw. sexueller Übergriffe mit einer zweiten, einer Person ihres Vertrauens. Die „Disclosure“ erfolgt dabei freiwillig und informell, das heißt es geht nicht um eine Aussage vor Gericht oder um eine Anzeige bei der Polizei, sondern um ein persönliches Setting. Das bedeutet jedoch nicht, dass die ausgewählte Vertrauensperson zwingend aus dem Familien- oder Freundesumfeld kommt; es kann sich auch um eine entferntere Identifikationsfigur handeln, etwa eine Lehrerin, Arbeitskollegin, Vorgesetzte etc. Cahill bezeichnet den Moment der „Disclosure“ als „shimmering“ – ein schillernder, changierender, unstabiler, fluktuierender Moment, der beiden Seiten abverlangt, sich der jeweils anderen zu öffnen und der die Narration, die sich zwischen den beiden entspinnt, in Schwingung versetzt. Dieses Sich-Öffnen geht unweigerlich mit Verletzlichkeit einher. Auf der Seite der Sich-Anvertrauenden konstituiert sich diese Verletzlichkeit zweifach: Zum einen als Fragilität; es ist das Risiko einer eventuellen Re-Traumatisierung gemeint, die aufgrund einer unerwarteten Reaktion des Gegenübers erfolgen kann, oder auch ausgelöst durch das bloße Aussprechen und imaginative Wieder-Erleben der Gewalterfahrung. Cahill betont aber gerade die doppelte Qualität der Verletzlichkeit – Verwundbarkeit nicht nur als die Möglichkeit, angegriffen zu werden, sondern als Grundvoraussetzung einer Welt- und Selbstkonstruktion. Das eigene Selbst, die eigene Handlungsmacht und Subjektivität konstituieren sich in der Auseinandersetzung mit anderen Menschen. Cahill stellt damit Verletzlichkeit als ontologisches Konzept vor, als notwendige Bedingung der menschlichen Existenz – „Vulnerability as Openness to others“. Diese „Offenheit“ will sie aber nicht als Abhängigkeit und Beeinflussbarkeit verstanden wissen, sondern stellt stattdessen die Intersubjektivität in den Vordergrund, eben das schillernde, changierende, vibrierende, verunsichernde Zwischen-Uns.

Die Konstitution einer Intersubjektivität sei gerade die wesentliche Qualität des „Moments of Disclosure“, so Ann Cahill. „Disclosure“ beschreibt sie als jenen Punkt, an dem Betroffene von Gewalt beginnen, die Narration aktiv zurückzuerobern und damit auch ihre durch den Übergriff verletzte eigene Subjektivität zurückgewinnen können. Cahill spricht von einer „temporary eclipse of subjectivity“ nach einer Gewalterfahrung; die Überwältigung des Erlebens der eigenen Verwundbarkeit, das Verschwinden des eignen Selbsts im Moment eines gewaltvollen Übergriffs. Um diese Subjektivität, die eigenen Grenzen, Umrisse, die Fähigkeit zur eigenen Geschichte, zur Sprache und Bewegungsfreiheit wiederherzustellen –das betont Cahill vermehrt! – ist gerade eben eine weitere intersubjektive Erfahrung notwendig; eben jene mit einer Vertrauten, Zuhörerin, Beistehenden. Der – intersubjektive – Raum zwischen der Betroffenen und ihrer Vertrauten bildet den ersten Rahmen einer Rekonstitution der Subjektivität der Betroffenen, ihres „sense of self“. Das „Re-“ in Rekonstitution ist dabei nicht wörtlich zu nehmen, es geht nicht um die Wiederherstellung desjenigen Selbsts vor dem Übergriff, sondern um eine Wieder-Herstellung eines Selbsts, das die Gewalterfahrung eigens kontextualisieren und narrativ fassen kann, und so zu einer neuen Sprech- und Seinsfähigkeit kommt.

Die Vertraute übernimmt im Moment der „Disclosure“ die Verantwortung durch ihre Anwesenheit und Empathie Raum und Sprache für diesen Prozess der Wieder-Herstellung zu leihen und die Betroffene dabei zu begleiten, die Ecken, Kanten, Umrisse und Ufer der Erfahrung nachzuvollziehen. Der Impuls der Vertrauten dazu, Ratschläge zu geben und die Erfahrung juristisch und begrifflich einzuordnen, sei nachvollziehbar, so Cahill, in diesem Moment aber meist genauso wenig hilfreich wie die öffentlich diskutierte Binariät von Zweifel und Glauben. Die begriffliche und juristische Einordnung der Erfahrung soll nicht im Vordergrund der Agenda des Moments stehen, nichtsdestotrotz kann im Verlauf der gemeinsamen Verhandlung des Gewesenen auch die Möglichkeit, eine sprachliche und narrative Welt gegeben werden, in der die Erfahrung als das bezeichnet werden kann, was es war: Übergriff, Gewalt, Verletzung, Leid. Cahill geht auch auf die Notwendigkeit der Self-Care der Vertrauten und deren Handlungsfreiheit ein – offensichtlich ungelöst und unendlich schwierig bleibt dabei, wie sich eine Bezugsperson im Moment der „Disclosure“ sich eben gegen die Rolle der Zeugin entscheiden kann, ohne der Betroffenen zusätzliches Leid zuzufügen. Es darf keine universelle Verpflichtung geben, in jeder Situation als Vertraute zu handeln – die Ethik der „Disclosure“ darf nicht auf die Bedürfnisse der Betroffenen reduziert werden.

In Folge nähert sich Ann Cahill einem Stück US-amerikanischer Gesetzgebung aus philosophischer Perspektive. Sie spricht sich dabei gegen die sogenannten „mandatory reporting policies“ aus; diese zwingen jede Person, die in irgendeiner Form Teil einer Institution wie etwa einer Universität oder Schule ist, dazu, jeden Vorfall sexualisierter Gewalt, der ihnen berichtet wird, an offizieller Stelle zu melden. Aus einem informellen Sich-Anvertrauen wird eine formelle Aussage, die legale Folgen hat. Aus einem Moment intersubjektiven Potenzials wird eine simplifizierte Darstellung, die dem Glauben nach der Gleichstellung von juristischer Rechtsprechung und Gerechtigkeit folgt. Die Verwicklungen, Gefahren und Potenziale der intersubjektiven Auseinandersetzung mit Gewalterfahrungen sind kompliziert und empfindlich – ganz so kompliziert müssten sie aber nicht bleiben, so Cahill, wenn unsere Gesellschaft das Tabu des Sprechens über Gewalt brechen würde. Warum lehren wir uns nicht gegenseitig, Vertraute zu sein? „There are no Walmart Cards for this“, konstatiert Cahill und trifft damit den Punkt des eigentlichen Übels.

Anteilnahme und Unterstützung für Betroffene sexueller Gewalt wird strukturell verunmöglicht und verkompliziert, weil uns die vergesellschaftlichte Sprache dafür fehlt. Als privatestes der privaten Probleme werden Gewalterfahrungen in die abgedunkelte Ecke des Subjektiven gestellt, als unausgesprochene Angelegenheit verschwiegen und an den Rand der Verantwortung einer Gemeinschaft gedrängt. Wird sexuelle Gewalt dann doch sicht- und hörbar, dann wird sie als skandalisierter Einzelfall ausgestellt und – jetzt ist es ja nicht mehr totzuschweigen – mit den veralteten und immer schon eingerosteten Instrumenten der Jurisdiktion und deren medialer Hilfsapparate vermeintlich „richtig“ gestellt. Gesetze wie die „mandatory reporting policies“, kolonialisieren, so Cahill, den sowieso schon prekären und fragilen Raum der „Disclosure“, normieren die Beziehung der Beteiligten und reduzieren das Potenzial des Gesprächs zur bloßen Kausalität der Wahrheitsfindung. Die legale Normierung erschwert nicht nur überhaupt die Möglichkeit einer „Disclosure“, die in Cahills Konzept eben erst und insbesondere durch seine Offenheit und Geduld und Großzügigkeit entstehen kann, sondern sie macht die Beziehung der Beteiligungen „unschädlich“ – „it devulnerablizes the relation“, sagt Cahill. Das Schimmern und Flirren, das Tauschen und Geben, Nehmen und Annähern, Teilen und Öffnen, die intersubjektive Qualität der Verwundbarkeit in Cahills Definition der Verletzlichkeit gehen verloren. Die „Mitteilung“ wird ausschließlich einer nach außen gerichteten „Gerechtigkeit“ dienend gemacht. Es geht nicht um die Wieder-Herstellung von Definitions- und Subjektivitätsmacht sowie einer eigenen Narration, sondern um die Wiederherstellung von Ordnung und Ruhe. Eine Ordnung, in der Gewalterfahrungen wieder in die stille Ecke des Privaten verdrängt werden.

In ihrem Vortrag gelingt es Ann Cahill, die Vielschichtigkeit und Verwobenheit zwischenmenschlicher Beziehungsweisen in diesem ganz konkreten Moment der "Disclosure" aufrichtig wie scharfsinnig aufzufächern. Sie stellt eindrucksvoll zur Schau, wie auf gesellschaftlicher Ebene vermeintlich kaum zu bewältigenden Problemen wie Gewalt gegen Frauen* und Rapeculture begegnet werden kann: mit Raum für Verständnis, Aufmerksamkeit für Ambivalenzen und wechselseitigem Respekt.

Annette Wehrmann, photography from the series Blumensprengungen, 1991-95; Foto: Ort des Gegen e.V.

Conference: Counter-Monuments and Para-Monuments

The international conference at HFBK Hamburg on December 2-4, 2021 – jointly conceived by Nora Sternfeld and Michaela Melián –, is dedicated to the history of artistic counter-monuments and forms of protest, discusses aesthetics of memory and historical manifestations in public space, and asks about para-monuments for the present.

23 Fragen des Institutional Questionaire, grafisch umgesetzt von Ran Altamirano auf den Türgläsern der HFBK Hamburg zur Jahresausstellung 2021; Foto: Charlotte Spiegelfeld

Diversity

Wer spricht? Wer malt welches Motiv? Wer wird gezeigt, wer nicht? Identitätspolitische Fragen spielen in der Kunst und damit auch an der HFBK Hamburg eine wichtige Rolle. Das hochschuleigene Lerchenfeld-Magazin beleuchtet in der aktuellen Ausgabe Hochschulstrukturen sowie Studierendeninitiativen, die sich mit Diversität und Identität befassen.

Grafik: Tim Ballaschke

Semesterstart

Nach drei Semestern Hybrid-Lehre unter Pandemiebedingungen steht nun endlich wieder ein Präsenz-Semester bevor. Wir begrüßen alle neuen Studierenden und Lehrenden an der HFBK Hamburg und laden herzlich zur Eröffnung des akademischen Jahres 2020/21 ein, die in diesem Jahr von einem Gastvortrag von ruangrupa begleitet wird.

Grafik: Sam Kim, Bild im Hintergrund: Sofia Mascate, Foto: Marie-Theres Böhmker

Graduate Show 2021: All Good Things Come to an End

Vom 24. bis 26. September präsentierten die mehr als 150 Bachelor- und Master-Absolvent*innen des Jahrgangs 2020/21 ihre Abschlussarbeiten im Rahmen der Graduate Show in der HFBK Hamburg. Wir bedanken uns bei allen Besucher*innen und Beteiligten.

Foto: Klaus Frahm

Summer Break

Die HFBK Hamburg befindet sich in der vorlesungsfreien Zeit, viele Studierende und Lehrende sind im Sommerurlaub, Kunstinstitutionen haben Sommerpause. Eine gute Gelegenheit zum vielfältigen Nach-Lesen und -Sehen:

ASA Open Studio 2019, Karolinenstraße 2a, Haus 5; Foto: Matthew Muir

Live und in Farbe: die ASA Open Studios im Juni 2021

Seit 2010 organisiert die HFBK das internationale Austauschprogramm Art School Alliance. Es ermöglicht HFBK-Studierenden ein Auslandssemester an renommierten Partnerhochschulen und lädt vice versa internationale Kunststudierende an die HFBK ein. Zum Ende ihres Hamburg-Aufenthalts stellen die Studierenden in den Open Studios in der Karolinenstraße aus, die nun auch wieder für das kunstinteressierte Publikum geöffnet sind.

Studiengruppe Prof. Dr. Anja Steidinger, Was animiert uns?, 2021, Mediathek der HFBK Hamburg, Filmstill

Vermitteln und Verlernen: Wartenau Versammlungen

Die Kunstpädagogik Professorinnen Nora Sternfeld und Anja Steidinger haben das Format „Wartenau Versammlungen“ initiiert. Es oszilliert zwischen Kunst, Bildung, Forschung und Aktivismus. Ergänzend zu diesem offenen Handlungsraum gibt es nun auch eine eigene Website, die die Diskurse, Gespräche und Veranstaltungen begleitet.

Ausstellungsansicht "Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg; Foto: Maximilian Schwarzmann

Schule der Folgenlosigkeit

Alle reden über Folgen: Die Folgen des Klimawandels, der Corona-Pandemie oder der Digitalisierung. Friedrich von Borries (Professor für Designtheorie) dagegen widmet sich der Folgenlosigkeit. In der "Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg verknüpft er Sammlungsobjekte mit einem eigens für die Ausstellung eingerichteten „Selbstlernraum“ so, dass eine neue Perspektive auf „Nachhaltigkeit“ entsteht und vermeintlich allgemeingültige Vorstellungen eines „richtigen Lebens“ hinterfragt werden.

Jahresausstellung 2021 der HFBK Hamburg

Jahresausstellung einmal anders: Vom 12.-14. Februar 2021 hatten die Studierenden der Hochschule für bildende Künste Hamburg dafür gemeinsam mit ihren Professor*innen eine Vielzahl von Präsentationsmöglichkeiten auf unterschiedlichen Kommunikationskanälen erschlossen. Die Formate reichten von gestreamten Live-Performances über Videoprogramme, Radiosendungen, eine Telefonhotline, Online-Konferenzen bis hin zu einem Webshop für Editionen. Darüber hinaus waren vereinzelte Interventionen im Außenraum der HFBK und in der Stadt zu entdecken.

Studieninformationstag 2021

Wie werde ich Kunststudent*in? Wie funktioniert das Bewerbungsverfahren? Kann ich an der HFBK auch auf Lehramt studieren? Diese und weitere Fragen rund um das Kunststudium beantworteten Professor*innen, Studierende und Mitarbeiter*innen der HFBK im Rahmen des Studieninformationstages am 13. Februar 2021. Zusätzlich findet am 23. Februar um 14 Uhr ein Termin speziell für englischsprachige Studieninteressierte statt.

Katja Pilipenko

Semestereröffnung und Hiscox-Preisverleihung 2020

Am Abend des 4. Novembers feierte die HFBK die Eröffnung des akademischen Jahres 2020/21 sowie die Verleihung des Hiscox-Kunstpreises im Livestream – offline mit genug Abstand und dennoch gemeinsam online.

Ausstellung Transparencies mit Arbeiten von Elena Crijnen, Annika Faescke, Svenja Frank, Francis Kussatz, Anne Meerpohl, Elisa Nessler, Julia Nordholz, Florentine Pahl, Cristina Rüesch, Janka Schubert, Wiebke Schwarzhans, Rosa Thiemer, Lea van Hall. Betreut von Prof. Verena Issel und Fabian Hesse; Foto: Screenshot

Digitale Lehre an der HFBK

Wie die Hochschule die Besonderheiten der künstlerischen Lehre mit den Möglichkeiten des Digitalen verbindet.

Alltagsrealität oder Klischee?; Foto: Tim Albrecht

Absolvent*innenstudie der HFBK

Kunst studieren – und was kommt danach? Die Klischeebilder halten sich standhaft: Wer Kunst studiert hat, wird entweder Taxifahrer, arbeitet in einer Bar oder heiratet reich. Aber wirklich von der Kunst leben könnten nur die wenigsten – erst Recht in Zeiten globaler Krisen. Die HFBK Hamburg wollte es genauer wissen und hat bei der Fakultät der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg eine breit angelegte Befragung ihrer Absolventinnen und Absolventen der letzten 15 Jahre in Auftrag gegeben.

Ausstellung Social Design, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Teilansicht; Foto: MKG Hamburg

Wie politisch ist Social Design?

Social Design, so der oft formulierte eigene Anspruch, will gesellschaftliche Missstände thematisieren und im Idealfall verändern. Deshalb versteht es sich als gesellschaftskritisch – und optimiert gleichzeitig das Bestehende. Was also ist die politische Dimension von Social Design – ist es Motor zur Veränderung oder trägt es zur Stabilisierung und Normalisierung bestehender Ungerechtigkeiten bei?