de en

Le Monde Problématique: Debattenrundschau vom 15. April

Willkommen zu meiner Debattenrundschau vom 15.04.2020!

Ein sehr schönes Interview mit dem künstlerischen Leiter der Berliner Schaubühne, Thomas Ostermeier, hat Peter Laudenbach für die Süddeutsche Zeitung geführt. Es dreht sich natürlich vor allem um die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Kulturbereich, aber auch auf die Gesamtgesellschaft. Die Möglichkeiten der Kunst, positiven Einfluss auf die gesellschaftliche Situation in der Krise zu nehmen, schätzt er als eher gering ein: „Ich bin auch skeptisch, was die Erwartung angeht, man könne mit Kunst zum Beispiel mehr Bereitschaft zu Solidarität und Empathie für die Schwachen erreichen. Veränderungen müssen in sozialen Bewegungen erkämpft werden. Macron hat Teile seiner neoliberalen Rentenreformen zurückgenommen, weil es massive Streiks und Massenproteste dagegen gab, und nicht, weil sich zwei, drei Theateraufführungen kritisch damit auseinandergesetzt haben. […] Ich glaube, dass man die Erwartungen an das Theater überfrachtet, wenn man es mit einer Sinnstiftungsinstanz verwechselt oder erwartet, dass das Theater es besser wissen sollte als der Rest der Gesellschaft. Andere Disziplinen sind da vielleicht ergiebiger, etwa Philosophie oder Soziologie. Das Theater hat andere Instrumente zur Verfügung, beispielsweise um Konflikte durchzuspielen und sie aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten.“

Eine kurze und prägnante Kritik an den bisher eher unpraktikablen Bundeshilfen für Solo-Selbstständige hat der Grafikdesigner Dirk von Manteuffel im Interview mit der FAZ geliefert: “Ich befürchte, dass diese Krise gerade auf den Schultern einer bestimmten Gruppe geschultert wird, nämlich der Freiberufler, der Selbstständigen und der kleinen Mittelständler. Das empfinde ich als ungerecht. [FAZ:]Wieso? [Manteuffel:] Gerade wir Selbstständige waren es doch, die dem Staat bislang so gut wie nie auf der Tasche gelegen haben. Wir haben uns immer irgendwie durchgebissen, nie Schulden gemacht und nun fliegt uns unverschuldet diese Krise um die Ohren. [FAZ:] Aber es gibt doch die Soforthilfen. [Manteuffel:] Den allermeisten Selbstständigen bringen diese Hilfen so gut wie nichts, da sie nur für die Betriebskosten gelten. Da bekommt man dann vielleicht etwas für Büromiete, W-Lan oder Materialien, aber das war es auch schon. Die enormen Umsatzeinbrüche werden damit nicht abgefedert.“

Möglicherweise soll bei eben diesen Hilfen noch einmal nachgebessert werden. Dies legt zumindest ein Artikel ebenfalls aus der FAZ nahe, der bereits letzte Woche erschien. Helmut Bünder beschreibt darin die Bemühungen der Bundesländer, für die 2,2 Millionen Solo-Selbstständigen in Deutschland mehr finanzielle und vor allem passendere Unterstützung zu organisieren: „Um ihre Umsatzeinbußen auszugleichen und den Lebensunterhalt zu sicheren, sollen sie neben den bisherigen Zuschüssen maximal drei Monate lang eine Pauschalhilfe von bis zu 1000 Euro im Monat erhalten. Voraussetzung wären Umsatzeinbrüche von mehr als 50 Prozent. Das geht aus einem Schreiben der Landeswirtschaftsminister-Konferenz an die Bundesregierung hervor, das der F.A.Z. vorliegt. […] Trotz hoher Umsatzeinbußen griffen die Soforthilfen bei vielen nicht, weil sie an betriebliche Sachkosten wie Mieten, Pachten oder Leasingraten gekoppelt seien und sich Berufs- und Privatleben bei vielen Solo-Selbständigen nur schwer trennen ließen. “

Im Freitag berichten KünstlerInnen und Kulturschaffende unterschiedlicher Sparten über ihren Umgang mit der Corona-Situation. Alle wurden gebeten, darüber Auskuft zu geben, ob sie sich auf Ihre Arbeit konzentrieren könnten, wie sie über die Runden kämen und ob sie beim Spargelstechen aushelfen würden, wenn man sie anlernte (facepalm).

Marc Glimcher, Direktor des Galerie-Imperiums Pace, berichtet in einem Beitrag für artnews.com ausführlich von seiner inzwischen überstandenen COVID-19 Erkrankung. Die Erfahrungen der letzten Wochen hätten ihn mit schwierigen neuen Fragen konfrontiert. Bisher hätte sich sein ganzer Galerie Betrieb auf zukünftige Projekte fokussiert; das sei nun anders: „At the moment, we have no choice but to be in the business of the present—and to reconsider the viability of certain unsustainable practices: the pricing, the overpromotion, the travel, the relentless catering to the lowest instincts of speculators, the ballooning overheads, the mutually destructive competition, the engineered auction records, and the desperate search for capital to burn, just to prove that you can burn it.“ Aus der Feder eines der mächtigsten Galeristen der Welt sind das erstaunliche Worte. Man darf gespannt sein ob sich Glimchers Einsichten auch tatsächlich in der Galeriearbeit niederschlagen werden.

Eine besonders bekannte Darstellung des Coronal-Virus wurde von den beiden Illustratoren Alissa Eckert and Dan Higgins entworfen, welche am US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention für die Darstellung von Krankheitserregern zuständig sind. In ihrem Artikel für die New York Times beschreibt Cara Giaimo den Ansatz der beiden und lässt Ms. Eckert selbst zu Wort kommen. Ziel sei es gewesen, besonders die Gefahr zu betonen, welche vom Corona-Virus ausgehe. Entsprechend seien Licht, Farben und Texturen eingesetzt worden. Der Artikel wirft ein interessantes Licht auf wissenschaftliche Illustrationen im Allgemeinen, sind sie doch häufig das Ergebnis eines eher künstlerischen Prozesses, in dessen Verlauf viele konzeptuelle Entscheidungen getroffen werden müssen. Gerade in Bereichen, welche der menschlichen Wahrnehmung nicht mehr zugänglich sind, gerät das Konzept von wissenschaftlicher Richtigkeit schnell an seine Grenzen.

Einen eher pessimistischen Blick auf die digitalen Kunstvermittlungsbemühungen von Galerien und staatlichen Ausstellungshäusern in den sozialen Netzwerken wirft Raimar Stange in seinem Kommentar für artmagazine.cc. Vor allem letztere sollten sich fragen es es wirklich sinnvoll sei, Kunst „unter Gesichtspunkten von gelungener Unterhaltung oder gut gemeinter Didaktik“ zu präsentieren, was nach Meinung Stanges häufig zu beobachten sei. Er schreibt: „[…] Kunst unterscheidet sich nun mal immer noch entscheidend von Unterhaltung und auch die beste Didaktik hat ein Problem, das in dem Wort ‚Führung‘ bereits angedeutet wird: Virtuelle Ausstellungsführungen, man sehe sich etwa die vom Wiener Belvedere oder den Berliner KunstWerken an, schreibt den Betrachter nicht nur das Timing des Rezeption vor, sondern auch den Weg durch die Ausstellung und den konkreten Blick auf die Werke – genau das unterscheidet sie von ‚realen‘ Führungen. […] Solche Führungen sind letztlich immer auch autoritär und erschweren so den eigenen Blick auf Kunst. Genau dieses wird spätestens dann zu einem Problem, wenn diese (virtuellen) Führungen ‚in Zeiten der Krise‘ die einzige Möglichkeiten sind, Kunst zu ‚erleben‘.“

Die vielfältigen Bemühungen, kulturelle Produktionen nun eben online zugänglich zu machen, beschäftigen auch Uwe Mattheiss in seinem Beitrag für den Wiener „Falter“, welchen die TAZ nachgedruckt hat. Die digitale Übersetzung analoger Inhalte funktioniere nie reibungslos, da das Medium auch immer Teil der Botschaft sei, so der Autor: „Das heißt nicht, dass man vorhandene technische Mittel nicht nutzen soll. Es geht um einen reflexiven Gebrauch, der Medien nicht einfach verwendet, sondern als Material begreift. Als eines, das Inhalte nicht nur transportiert, sondern auch transformiert.“ Er plädiert dafür, den aktuellen Verlust kultureller Erfahrungen auch aushalten zu können: „Kunst, Theater und Tanz sind gerade nicht jederzeit verfügbar und universell tauschbar. Sie schaffen Situationen außerhalb des Alltags, in denen sie nicht alltägliche und bisweilen verstörende Erfahrungen provozieren. Sie unterbrechen Kommunikation und das geschäftige Treiben der Öffentlichkeit und stellen ihr Rätsel. Sie halten die Welt an.
Das mit dem Weltanhalten hat jetzt in ungeahnt brutaler Weise die Pandemie übernommen und lässt die Kunst doppelt verstört zurück. Dass Theater und Museen geschlossen sind, muss schmerzen, sonst gäbe es keinen Grund, sie wieder aufzusperren. Wer nicht schweigen kann, hat auch für nachher nicht wirklich etwas zu sagen.“

Gerade ist der vierte Roman des 1983 geborenen Schrittstellers Leif Randt erschienen, Titel: „Allegro Pastell“. Ihm wird nachgesagt, das gegenwärtige Lebensgefühl jüngerer, akademisch gebildeter Menschen besonders gut auf den Punkt zu bringen, Stichwort „die neuen Milden“. Timo Feldhaus hat ein sehr schönes Interview mit dem Autor geführt, welches man beim Freitag nachlesen kann.

Die TAZ hat einen Auszug aus dem Buch „Mode und andere Neurosen. Essays“ von der Autorin Katja Eichinger veröffentlicht, welcher sich vor allem mit dem Siegeszug der Streetware in der zeitgenössischen Mode befasst. Exemplarisch für diese Entwicklung sei die Geschichte der Modelabels Supreme und Vetements, so die Autorin, deren ästhetische Strategien und Distributionskonzepte sie besonders in den Blick nimmt; einige davon sind direkt der zeitgenössischen Kunst entlehnt.

Johannes Bendzulla

https://rhizome.hfbk.net/p/248202