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Le Monde Problématique: Debattenrundschau vom 2. März

Das indonesische Kollektiv ruangrupa wird die kommende Documenta kuratieren, welche 2022 in Kassel stattfinden wird. Im Rahmen der gerade stattgefundenen Berlinale lud die Gruppe zum gemeinsamen „Abhängen“ ein, welches dem Informationsaustausch dienen sollte. Simone Reber war für Deutschlandfunk Kultur vor Ort und berichtet in ihrem Beitrag über den kollektivistischen Ansatz von ruangrupa, welcher auch die kommende Documenta prägen wird. Das Prinzip des Abhängens, „Lumbung“ genannt, bildet auch hier den Ausgangspunkt für die Pläne, welche in Kassel umgesetzt werden sollen: „Die Gruppe war vor Ort und hat sich Museen, Cafés und andere Treffpunkte angeschaut.[…] Lumbung bezeichnet eigentlich die Reisscheune in einem Dorf. Mirwan Andan [- Mitglied von ruangrupa - ] übersetzt es mit ‚ein gemeinsamer Topf‘: ‚Das ist ein Weg, gemeinsam zu überleben. Wir übertragen dieses Konzept auf die documenta auf zweierlei Art. Zum einen wollen wir Künstlerkollektive aus der ganzen Welt zu einer Institution vereinen. Und zum anderen organisieren wir eine Ausstellung. Uns interessiert weniger das Riesending, das man mit Händen greifen kann, lieber kleine und viele Initiativen.‘“

Die kommende Retrospektive Donald Judds im New Yorker MoMA sorgt für eine größere Aufmerksamkeit von Seiten der Fachpresse, was sich an der Artikelmenge messen lässt, welche sich mit dem Werk und der Person Judds auseinandersetzen. Exemplarisch sei hier auf einen wirklich tollen Artikel von Jerry Saltz hingewiesen, welcher zuerst im New York Magazine erschien. Er charakterisiert die künstlerische Arbeit des wohl bekanntesten „Minimalisten“ folgendermaßen: „In fact, his iconic boxes were meant to be an end point of a sort: not a form of expression but ‚the thing in itself,‘ an art-historical object emptied of all referential art-historical meaning. […] He refused to suggest anything outside the work itself.“ Das Anti-Traditionelle und die positivistische, phänomenologische Selbstreferenzialität von Judds künstlerischer Arbeit habe zu einer Art Vakuum geführt, so Saltz, welches danach verlangte, mit Bedeutung gefüllt zu werden. „In the end, Judd was less an end point than a reset, an end of modernism and a beginning of everything that followed, who, in trying to invent a form of pure object, actually ended up producing a platform — or a theater — onto which everyone else’s ideas about everything else could be projected.“ Judds Kunstauffassung könnte kaum weiter entfernt sein von gegenwärtigen Diskursen über Kunst und deren Aufgaben. Gerechtigkeit, Repräsentationsfragen, Heilung bzw. Affirmation statt Irritation, politischer Aktivismus – all dies scheint so weit weg zu sein vom L‘art pour L‘art Ansatz des klassischen Minimalismus, dass man kaum noch von „einer Kunst“ sprechen kann.

Eine großangelegte Übersichtsausstellung zum Stand der Malerei in Deutschland mit dem programmatischen Titel “Jetzt! Junge Malerei in Deutschland” ist nach Stationen in Bonn, Chemnitz und Wiesbaden nun in den Hamburger Deichtorhallen gelandet. Anika Meier fragt in ihrer Ausstellungsbesprechung für Monopol nach dem behaupteten Gegenwartsbezug der Ausstellung: „So gut die Idee ist, gerade jetzt den Fokus auf die Malerei zu richten, so schlecht ist die Herangehensweise an das Thema. Bis auf wenige Positionen (etwa Florian Meisenberg, Kristina Schuldt, Vivian Greven) hätte die Ausstellung auch im Jahr 1980, 1990 oder 2000 so aussehen können“, so die Autorin. Die allermeisten der ausgestellten KünstlerInnen hätten keinerlei Bezug zu den digital geprägten Bildformen der Gegenwart. Die Behauptung der Gegenwärtigkeit erschöpfe sich in der Tatsache, dass die Ausstellung eben aktuelle Malerei von maximal etwa vierzig Jahre alten KünstlerInnen zeige. Die formale Beschränkung auf Deutschland sei ebenso unzeitgemäß wie die Konzentration der Kuratoren (alle männlichen Geschlechts) auf die großen Kunstakademien, so die Autorin.

Die Ausgabe Nummer 51 der Zeitschrift Lerchenfeld, welche von der HfBK Hamburg herausgegeben wird, beinhaltet drei weitere lesenswerte Besprechungen des Großprojekts. Unter dem Titel „Totgesagte leben länger“ (bitte markieren und dann unten auf „Magazin erstellen und downloaden“ klicken) finden sich die Artikel von Anka Ziefer, Christoph Schütte und Moritz Scheper, wobei letzterer ein besonders fetziges Stück Kritik abliefert. Kleine Kostprobe: „Im Endeffekt ist es eine Aneinanderreihung der Positionen von 53 Künstler*innen, die nach 1980 geboren wurden, in Deutschland leben und auf Rechtecken malen, ansonsten aber nichts miteinander zu tun haben. Kann man machen. Aber wenn man überdies den Anspruch formuliert, ‚einen gültigen Querschnitt durch die junge Malerei zu geben, die in den letzten Jahren in Deutschland produziert wurde‘, dann darf man nicht die Entwicklungen der letzten Jahre ignorieren: Painting beside itself, queer abstraction, die neue Lust am Figurativen, an narrativer Malerei, neu-symbolistische Tendenzen, die demütige Hingabe ans Kleinformat, usf. […] Riesige Großformate überrumpeln einen mit der schieren Wucht ihrer Größe, die in einer Scheinkorrelation den Essenzialismus über Zentimeter einzuführen versucht. Sie klemmen dich unter ihrem Gewicht ein wie ein riesiger, fetter Kerl und schnüren die Luft ab, die man zum Argumentieren benötigt. Betrieben wird ein regelrechter Kult um das Tafelbild, offenbar um einem dem Medium vermeintlich inhärenten Intellektualismus die Tasche zum Auto zu tragen. Vor der Tafel wird jeder zum Schüler, absolutes Paintsplaining, ein Alptraum.“

Ai Weiwei hat ein spezielles Talent dafür, die deutsche Medienlandschaft mit immer neuem Klickbait zu versorgen – seine polemische Art, mit der er deutsche Innen- und Außenpolitik, den Kulturbetrieb, die Bundeshauptstadt sowie deren Bürger*innen kritisiert, sorgt zuverlässig für Empörung. Produktiv ist das so gut wie nie, dafür ist der Ton der darauf folgenden Debatten von vorne herein zu sehr von einer Angriffs- und Verteidigungslogik geprägt. Die Präzision, mit der Weiwei neurotische Punkte im deutschen Selbstverständnis trifft, ist auf jeden Fall bemerkenswert.
Eine besondere Gruppe, gegen die der Künstler nach seinem Wegzug aus Berlin austeilte, war seine ehemalige Studierendenschaft an der Universität der Künste Berlin. Donna Schons hat für ihren Artikel für das Magazin Monopol mit mehreren ehemaligen Studierenden Weiweis gesprochen, welche auf die Vorwürfe ihres damaligen Professors reagieren und die Lehrsituation in der Klasse aus ihrer Sicht beschreiben.

Das van Gogh Museum in Amsterdam ist das besucherstärkste One-Artist-Museum der Welt. Anlässlich der Eröffnung eines Ableger des Hauses in London, welches die künstlerische Arbeit Van Goghs in eine Art Multimedia-Environment übersetzt, beschreibt Naomi Rea für news.artnet.com die Strategie der Institution. „‘In our mission to develop and explore new ways to reach the audience, we have recognized an evident demand in the market for experiences,‘“ so die Aussage des Geschäftsführers Adriaan Dönszelmann, den die Autorin mehrfach zitiert. Die Perspektive des Artikels ist vor allem eine ökonomische, alles dreht sich nur um Angebot und Nachfrage und natürlich um Besucherzahlen und Eintrittsgelder. Das gruselt über weite Strecken, interessant ist es trotzdem.

In der Ausgabe des Wirtschaftsmagazin brand eins zum Thema „Eigensinn“ sind gleich drei wirklich lesenswerte Artikel erschienen.
Christoph Koch beschäftigt sich mit dem Markt von Banksy‘s Arbeiten und erläutert vor allem das besondere System des Künstlers, mit dem er gegen Fälschungen seiner Drucke vorgeht. Eine Non-Profit Organisation namens Pest Control („Schädlingsbekämpfung“) übernimmt dabei die Authentifizierung und Zertifizierung von Banksy‘s Werken, wobei deren ausgeklügeltes System die typisch schlaumeierhafte Witzigkeit des Künstlers spiegelt.

Brian Mattingly ist ein hochdekorierter Koch und leitet die Kantine der Firma Dropbox in San Francisco, welche als die beste der Welt gilt, so Jochen Metzger in der Einleitung zu seinem Interview, welches er mit dem gebürtigen Briten geführt hat. Mattingly wurde 2006 Küchenchef bei Google, arbeitete später bei Apple und begann 2012 bei seinem jetzigen Arbeitgeber. Eine Besonderheit der Dropbox-Kantine sei, dass es nie ein Gericht mehrmals gebe, so Mattingly. „Im Silicon Valley wollen alle innovativ sein. Kann es sein, dass Ihre „Never Repeat“-Philosophie die Mitarbeiter genau darauf trimmt? Immer neu zu denken und erfinderisch zu bleiben?“, so die Frage Jochen Metzgers. „Bestimmt. Ich sehe mich auch als eine Art Lehrer. Meine Küche ist eine Ausbildung in gutem Geschmack. Viele Mitarbeiter kommen ja direkt von der Uni und haben zum Beispiel noch nie Kaninchen gekostet. Es geht mir darum, die Traditionen der ganzen Welt auf den Teller zu bringen und den Horizont meiner Gäste zu erweitern“, antwortet Mattingly.

Persönliche Autonomie gilt in den meisten demokratisch-kapitalistisch geprägten Gesellschaften als absolut erstrebenswert – ein Ideal, welches sich in der Figur der Künstlerin bzw des Künstlers besonders zu verdichten scheint. Dabei scheint es egal zu sein, dass in den letzten Jahrzehnten die vielfältigsten Künstlerrollen entstanden und ausprobiert worden sind – das Klischee steht weiterhin bombenfest.
Selbstbestimmt und individuell zu sein bzw. zu werden, das sei auch ein wichtiges Ideal in der Kindererziehung unserer Tage, so die Feststellung von Sophie Burfeind. Sie hat die Professorin für Psychologie Heidi Keller zu deren Einschätzung befragt, inwiefern die Erziehung zum Eigensinn sinnvoll sei.

Vor ziemlich genau 30 Jahren erschien die erste Version des Bildbearbeitungsprogramm Photoshop. Heute ist die Software weltweit die Nummer Eins und der Begriff „photoshopped“ längst in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Dami Lee gratuliert in ihrem Artikel für The Verge zum Jubiläum und verlinkt unter anderem ein Video von einer Demo, welche Photoshop 1.0 auf einem Mac aus dem Jahr 1986 in Aktion zeigt. Beeindruckend ist vor allem, wie wenig sich in der Zwischenzeit an der Grundstruktur des Programms geändert hat – heutige BenutzerInnen des Programms werden sämtliche Features wiedererkennen.

Johannes Bendzulla

https://rhizome.hfbk.net/p/241519


Digitale Lehre an der HFBK

Wie die Hochschule die Besonderheiten der künstlerischen Lehre mit den Möglichkeiten des Digitalen verbindet.

Absolvent*innenstudie der HFBK

Kunst studieren – und was kommt danach? Die Klischeebilder halten sich standhaft: Wer Kunst studiert hat, wird entweder Taxifahrer, arbeitet in einer Bar oder heiratet reich. Aber wirklich von der Kunst leben könnten nur die wenigsten – erst Recht in Zeiten globaler Krisen. Die HFBK Hamburg wollte es genauer wissen und hat bei der Fakultät der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg eine breit angelegte Befragung ihrer Absolventinnen und Absolventen der letzten 15 Jahre in Auftrag gegeben.

Jahresausstellung 2020 an der HFBK Hamburg

Zur Jahresausstellung der HFBK Hamburg präsentieren rund 800 Studierende drei Tage lang ein breites Spektrum künstlerischer Arbeiten: von Film und Fotografie über Performance, Skulptur und Malerei bis hin zu Raum- und Soundinstallationen sowie Designentwürfen. Besucherinnen und Besucher sind herzlich eingeladen, sich ein Bild von den aktuellen Produktionen der Hochschule.

Wie politisch ist Social Design?

Social Design, so der oft formulierte eigene Anspruch, will gesellschaftliche Missstände thematisieren und im Idealfall verändern. Deshalb versteht es sich als gesellschaftskritisch – und optimiert gleichzeitig das Bestehende. Was also ist die politische Dimension von Social Design – ist es Motor zur Veränderung oder trägt es zur Stabilisierung und Normalisierung bestehender Ungerechtigkeiten bei?