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unmodern talking über den Vortrag „der Franquismus als ‚emotional Regime’“ der Historikerin Birgit Aschmann

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Kein faschistisches Regime konnte sich nach dem Zweiten Weltkrieg so lange halten wie der Franquismus in Spanien. General Franco blieb bis zu seinem Tod 1975 an der Macht; Seine Grabstätte in einem megalomanen Mausoleum außerhalb von Madrid wird jährlich von Hunderttausenden besucht und nicht selten wird dabei mit ausgestrecktem rechtem Arm salutiert. Den Ursachen für die ideologische Nachhaltigkeit des Franquismus, die gerade an der Diskussion um die gruselige letzte Ruhestätte des Caudillo manifest wird, geht die Historikerin Birgit Aschmann in ihrem Vortrag „der Franquismus als ‚emotional Regime’“ nach. Sie vertritt dabei die These, dass es Strategien repressiver Emotionspolitik sind, die einen erheblichen Anteil an der tiefen Verwurzelung franquistischer Ideologie in Spanien haben – und eben diesen Strategien ist sie auf der Spur.

Eine dieser Strategien war eine kategoriale Einteilung der Bevölkerung in „zwei ideologische Lager nach polarem Schema“, kurz: in Gut und Böse. In den besetzten Gebieten wurde die Zivilbevölkerung zunächst massenweise festgenommen und nur jene sollten wieder in die Freiheit entlassen werden, die absolut konform mit den Nationalisten waren. Mittels eines Fragebogens, der insbesondere „religiöse“ und „patriotische“ Gefühle der Häftlinge offenbaren sollte, wurde ermittelt, ob sie zu den die Nationalisten („afectos“) oder den nicht-Nationalisten („desafectos“) gehörten, die sich wiederum aus Kommunisten, Linken, Republikanern und sogenannten „Roten“ zusammensetzten. Diejenigen, die der zweiten Gruppe angehörten wurden entweder sofort exekutiert oder lebenslänglich inhaftiert.
Die Idee, Menschen gerade nach „religiösen und patriotischen Gefühlen“ zu be- bzw. verurteilen, stammt von einem Psychologen namens Antonio Vallejo Nájera und ist ein perfider Mischmasch aus rassistischen Selektionsgedanken (stark geprägt von Nazi-Psychologen Ernst Kretschmer und Johannes Heinrich Schultz) und christlichen Moralvorstellungen. Während beispielsweise in Deutschland insbesondere Abstammungstheorien zur Verurteilung, Inhaftierung und Exekution instrumentalisiert wurden, wurden hier die „Gefühle“ – also moralische, religiöse, politische Einstellung – zum Maßstab.

Die Bevölkerung wurde demnach gezielt in die Situation gebracht, zwischen den eigenen religiösen, politischen sowie moralischen Überzeugungen und dem eigenen Leben bzw. einer Lebensperspektive zu entscheiden. Diejenigen, die sich fälschlicherweise zu den Nationalisten bekannten, lebten fortan in ständiger Angst aufzufliegen oder verraten zu werden. Für diese Emotionen gab es so gut wie keinen Raum, was zu einer kaum auszumalenden psychischen Belastung der Betroffenen führte. Aschmann schlägt vor, dass Zufluchtsorte für verschiedenste Emotionen als Gradmesser für Repression gelten können: je weniger Räume für Emotion da sind, desto repressiver das Regime und umgekehrt: je etablierter der europäische Anti-Kommunismus, desto geringer die Räume.

Frauen litten in diesen Verhältnissen unter einer Mehrfachbelastung: sie waren Krieg, Familie und Beruf verpflichtet und zudem auf allen Ebenen der franquistischen Ideologie als minderwertig klassifiziert. Das weibliche Geschlecht wurde mit „Wildheit“ in Verbindung gebracht; so galten „Rote“ Frauen aufgrund ihrer unterstellten leichten Erregbarkeit als besonders grausam, sie bedürfen mangels intellektueller Kapazitäten intensiver sozialer Kontrolle und Einschränkung. Die Konsequenz dieser massiven Stigmatisierung war, dass der weibliche Körper einmal mehr zum Austragungsort politischer Gefechte wurde: Frauen waren jeglicher Form von Gewalt ausgesetzt, nicht zuletzt sexualisierter Gewalt, die mitunter Schwangerschaften zur Folge hatten. Die Neugeborenen wurden den Müttern entzogen und fortan als Kontroll-Instrument genutzt, indem der Kontakt nur bei fügsamen Verhalten gewährt wurde. Spätestens im Alter von vier Jahren wurden die Kinder von ihren Müttern endgültig getrennt und in klerikale oder staatliche Einrichtungen untergebracht, wo sie einer regelrechten Gehirnwäsche unterzogen wurden. Was folgte war oftmals die völlige Distanzierung der Kinder von ihren Müttern, Namen wurden geändert, Spuren verwischt, Kontaktaufnahme unmöglich gemacht. Und wiederum fehlten die Räume für Emotionen; Isolation und Angst erstickten jeden Funken widerständige Kraft im Keim.

Aschmann plädiert in ihrem Vortrag dafür, Emotionen als Macht-Instrument ernst zu nehmen. Gerade im Hinblick auf die Kontrolle über den weiblichen Körper erscheint die Frage nach Räumen für Emotionen virulent, werden diese doch gezielt eingeschränkt. Selbst in einer scheinbar gefestigten Demokratie wie in Deutschland ist es kaum möglich, sich wertefrei über einen Schwangerschaftsabbruch zu informieren. Betroffene müssen sich durch einen shitload von misogynen Mythen kämpfen, bevor ein seriöser Satz auffindbar ist. Gemeint sind dabei nicht die üblichen Slogans wie „Abtreibung ist Mord“ (die man getrost mit einem massive eyeroll überlesen kann) sondern subtilere Formen der Manipulation wie die Unterscheidung von „guten“ und „schlechten“ Abbrüchen oder die wissenschaftlich überhaupt nicht zu belegende Aussage, es wäre in jedem Fall mit psychischen Problemen zu rechnen. Es ist gar nicht notwendig seinen Blick Richtung USA zu wenden, auch die sogenannten „Volksparteien“ wollen an §218 und §219 nichts drehen, ganz zu schweigen von ominösesten Studien, die Jens Spahn in Auftrag geben möchte und sich dabei „Bundesminister für Gesundheit“ schimpft.

Frau Aschmann macht darauf aufmerksam, dass es in den aktuellen Europäischen Demokratien so etwas wie eine totalitäre Emotionspolitik nicht geben kann, da keine einzelne Partei in der Lage ist, das Monopol Emotionslenkung an sich zu reißen. Das Beispiel der Schwangerschaftsabbrüche zeigt jedoch, dass es im aktuellen System sehr wohl möglich ist, bestimmte Räume aufs äußerste einzuschränken und zwar immer dann, wenn es um marginalisierte Gruppen geht. Denn eines vereint (nahezu) alle europäischen Demokratien und ihre Vertreter*innen: ihre patriarchale Grundkonstitution.

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