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unmodern talking: One in a Million


Spätestens mit dem Skandal um Cambridge Analytica haben Algorithmen im kollektiven Bewusstsein ihr abstraktes Dasein im virtuellen Raum verlassen und als machtvolle, materielle, körperliche und wahrhaftige Realität spürbar geworden. Es spielt keine Rolle, wer sich auf sozialen Plattformen bewegte, wer aktiv content bereitstellte, wer „nur“ konsumierte, wer überhaupt gerade mal eine Email-Adresse hat oder wer dem Internet noch gar nicht aktiv begegnet ist – alle mussten sich der Realität stellen, in der Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten war, in der Großbritannien aus der EU ausstieg, in der mehr als 100 politische Kampagnen auf fünf Kontinenten manipuliert und Menschen gezielt fehlgeleitet wurden. Mehr als Vehikel harmlos erscheinender „alternative facts“, wurden Algorithmen hier zu gewaltvollen Propagandamaschinen. Wie konnte das dem ach so demokratischen Westen durch die Lappen gehen? Und zwar gerade im ach so demokratischen Raum des Internets?

Im Oktober letzten Jahres fand im Karlsruher ZKM die Konferenz „Herrschaft der Algorithmen“ statt. In diesem Rahmen hielt die Gründerin und ausführende Direktorin der Ethical Tech Society, Lorena Jaume-Palasi, ihren Vortrag mit dem Titel „Soziale Diskriminierung in algorithmischen Systemen“ und setzt sich mit der sozialen Beschaffenheit dieser Künstlicher Intelligenzen auseinander. Dabei betont sie gleich zu Beginn, dass die „künstliche Intelligenz“ als solche nichts anderes als ein kulturelles Konstrukt ist, das tief in westlich-kapitalistische Vorstellungen von Intelligenz im Allgemeinen blicken lässt – das intelligente Handeln der KI ist kein autonomes Denken, sondern ein absichtsloser Automatisierungsprozess; genau hier soll auch die Chance zur Assistenz in der sozialen und wirtschaftlichen Interaktion mit dem Menschen liegen.

Das ist schon einmal ein Kernpunkt ihres Vortrages: Algorithmen mögen zwar wie ein Stück Technik erscheinen, sind aber de facto soziotechnische Systeme. Das heißt, sie interagieren mit Menschen, Kollektiven und Gesellschaften. Und darin liegt auch das Potenzial, denn ihre Expertise liegt in einem Bereich, in dem Menschen grundsätzlich nicht gut ausgestattet sind: der Probabilistik. Während Algorithmen darauf ausgelegt sind, Wahrscheinlichkeiten zu berechnen, sind Menschen, so Jaume-Palasi, sehr gut darin, Dinge zu kontextualisieren. Das versteht wiederum die KI nicht und so schließt sich der Kreis.

Allerdings besteht eine Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung dessen, was Algorithmen leisten und dem, was sie tatsächlich machen. Die stark auf das Individuum ausgerichtete westliche Demokratie steht hier in einem Widerspruch zur auf der Erfassung von Kollektiven erzogenen KI. Denn was als individualisierte „Peronalisierung“ verkauft (und inzwischen auch vielerorts gefürchtet) wird ist eine „semantische Täuschung“; in der Interaktion mit der KI erhalte ich keineswegs eine individualisierte, sondern eine standardisierte Information. Ein Algorithmus kennt das Individuum nicht, es kennt nur den Durchschnitt, die Muster, die Mehrheit, die Wiederholung und fasst auf diese Weise viele Einzelne in mikrogranulare Kollektive zusammen. (Genau so wurden im Übrigen von Cambridge Analytica jene paar Prozent sogenannter „swing-Voters“ in „swing-states“ identifiziert und gezielt mit republikanischer Propaganda bombardiert. Das hat für den Sieg ohne „popular vote“ gereicht.)

Die Krux am Durchschnitt ist jedoch, dass es für ihn oftmals keine Realpräsenz gibt: Welche Frau٭ in Deutschland hat schon 1,57 Kinder? Deshalb ist es wichtig zu verstehen, was ein Durchschnitt im jeweiligen Kontext bedeutet. Algorithmen und Künstliche Intelligenz sind letztlich ein Stück Kultur, „eine andere Sprache, mit der die Menschen die Welt kartographieren“. Es verwundert also nicht, dass alle Biases, Vorurteile und Diskriminierungen auch im virtuellen Raum reproduziert werden. Verschleiert wird dies im eklatanten Missverstehen von Algorithmen als Katalysatoren objektiver Wahrheit, die ohne Kontext existieren können. Wie im Raum abseits des Internets, ist diese Vorstellung ein Phantasma.

Wie aber kann die soziale Diskriminierung in algorithmischen Systemen erfasst und rechtlich eingeordnet werden? Das Pochen auf die Grundrechte, so Jaume-Palasi, greift nicht, da sie sich als Individualrechte verstehen, wir es aber hier mit einer kollektivistischen Technologie zu tun haben. „Wir haben eine Technologie, die das Individuum nicht kennt und eine normative Ordnung, die nur das Individuelle kennt.” Genau diese Lücke wird in der Debatte um die soziale Verantwortung von KI immer weiter amplifiziert. Überprüft man die Technologie nur darauf, inwiefern sie die Grundrechte (also ein der Individualtheorie verschriebenes Rechtssystem) widerspiegeln, verfehlt man das Thema – und die mögliche Chance eines diskriminierungsfreien Raums – total.

Lorena Jaume-Palasi reiht sich in die lange Reige feministischer, postkolonialer, antirassistischer Denker٭innen ein, wenn sie einmal mehr für Kontext plädiert. Nicht auf Grundrechte soll KI daher überprüft werden, sondern auf soziale, auf kontextuelle Werte. Grundsätze, die als Maßstäbe der Raumordnung auch unseren demokratischen Zusammenschlüssen im analogen Raum vertraut sind, die aber weiterentwickelt und neu hinterfragt werden müssen. Dabei benennt Jaume-Palasi sieben an der Zahl:

1. Vielfalt

2. Nachhaltigkeit

3. Fairer Zugang zu Daseinsvorsorge

4. Polyzentrismus

5. Stabile ökonomische, kulturelle, soziale (etc.) Strukturen

6. Sicherheit

7. Sozialer Zusammenhalt

Dazu können wir nur sagen: ja, bitte. Und: Jaume-Palasi for President.

Annette Wehrmann, photography from the series Blumensprengungen, 1991-95; Foto: Ort des Gegen e.V.

Conference: Counter-Monuments and Para-Monuments

The international conference at HFBK Hamburg on December 2-4, 2021 – jointly conceived by Nora Sternfeld and Michaela Melián –, is dedicated to the history of artistic counter-monuments and forms of protest, discusses aesthetics of memory and historical manifestations in public space, and asks about para-monuments for the present.

23 Fragen des Institutional Questionaire, grafisch umgesetzt von Ran Altamirano auf den Türgläsern der HFBK Hamburg zur Jahresausstellung 2021; Foto: Charlotte Spiegelfeld

Diversity

Wer spricht? Wer malt welches Motiv? Wer wird gezeigt, wer nicht? Identitätspolitische Fragen spielen in der Kunst und damit auch an der HFBK Hamburg eine wichtige Rolle. Das hochschuleigene Lerchenfeld-Magazin beleuchtet in der aktuellen Ausgabe Hochschulstrukturen sowie Studierendeninitiativen, die sich mit Diversität und Identität befassen.

Grafik: Tim Ballaschke

Semesterstart

Nach drei Semestern Hybrid-Lehre unter Pandemiebedingungen steht nun endlich wieder ein Präsenz-Semester bevor. Wir begrüßen alle neuen Studierenden und Lehrenden an der HFBK Hamburg und laden herzlich zur Eröffnung des akademischen Jahres 2020/21 ein, die in diesem Jahr von einem Gastvortrag von ruangrupa begleitet wird.

Grafik: Sam Kim, Bild im Hintergrund: Sofia Mascate, Foto: Marie-Theres Böhmker

Graduate Show 2021: All Good Things Come to an End

Vom 24. bis 26. September präsentierten die mehr als 150 Bachelor- und Master-Absolvent*innen des Jahrgangs 2020/21 ihre Abschlussarbeiten im Rahmen der Graduate Show in der HFBK Hamburg. Wir bedanken uns bei allen Besucher*innen und Beteiligten.

Foto: Klaus Frahm

Summer Break

Die HFBK Hamburg befindet sich in der vorlesungsfreien Zeit, viele Studierende und Lehrende sind im Sommerurlaub, Kunstinstitutionen haben Sommerpause. Eine gute Gelegenheit zum vielfältigen Nach-Lesen und -Sehen:

ASA Open Studio 2019, Karolinenstraße 2a, Haus 5; Foto: Matthew Muir

Live und in Farbe: die ASA Open Studios im Juni 2021

Seit 2010 organisiert die HFBK das internationale Austauschprogramm Art School Alliance. Es ermöglicht HFBK-Studierenden ein Auslandssemester an renommierten Partnerhochschulen und lädt vice versa internationale Kunststudierende an die HFBK ein. Zum Ende ihres Hamburg-Aufenthalts stellen die Studierenden in den Open Studios in der Karolinenstraße aus, die nun auch wieder für das kunstinteressierte Publikum geöffnet sind.

Studiengruppe Prof. Dr. Anja Steidinger, Was animiert uns?, 2021, Mediathek der HFBK Hamburg, Filmstill

Vermitteln und Verlernen: Wartenau Versammlungen

Die Kunstpädagogik Professorinnen Nora Sternfeld und Anja Steidinger haben das Format „Wartenau Versammlungen“ initiiert. Es oszilliert zwischen Kunst, Bildung, Forschung und Aktivismus. Ergänzend zu diesem offenen Handlungsraum gibt es nun auch eine eigene Website, die die Diskurse, Gespräche und Veranstaltungen begleitet.

Ausstellungsansicht "Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg; Foto: Maximilian Schwarzmann

Schule der Folgenlosigkeit

Alle reden über Folgen: Die Folgen des Klimawandels, der Corona-Pandemie oder der Digitalisierung. Friedrich von Borries (Professor für Designtheorie) dagegen widmet sich der Folgenlosigkeit. In der "Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg verknüpft er Sammlungsobjekte mit einem eigens für die Ausstellung eingerichteten „Selbstlernraum“ so, dass eine neue Perspektive auf „Nachhaltigkeit“ entsteht und vermeintlich allgemeingültige Vorstellungen eines „richtigen Lebens“ hinterfragt werden.

Jahresausstellung 2021 der HFBK Hamburg

Jahresausstellung einmal anders: Vom 12.-14. Februar 2021 hatten die Studierenden der Hochschule für bildende Künste Hamburg dafür gemeinsam mit ihren Professor*innen eine Vielzahl von Präsentationsmöglichkeiten auf unterschiedlichen Kommunikationskanälen erschlossen. Die Formate reichten von gestreamten Live-Performances über Videoprogramme, Radiosendungen, eine Telefonhotline, Online-Konferenzen bis hin zu einem Webshop für Editionen. Darüber hinaus waren vereinzelte Interventionen im Außenraum der HFBK und in der Stadt zu entdecken.

Studieninformationstag 2021

Wie werde ich Kunststudent*in? Wie funktioniert das Bewerbungsverfahren? Kann ich an der HFBK auch auf Lehramt studieren? Diese und weitere Fragen rund um das Kunststudium beantworteten Professor*innen, Studierende und Mitarbeiter*innen der HFBK im Rahmen des Studieninformationstages am 13. Februar 2021. Zusätzlich findet am 23. Februar um 14 Uhr ein Termin speziell für englischsprachige Studieninteressierte statt.

Katja Pilipenko

Semestereröffnung und Hiscox-Preisverleihung 2020

Am Abend des 4. Novembers feierte die HFBK die Eröffnung des akademischen Jahres 2020/21 sowie die Verleihung des Hiscox-Kunstpreises im Livestream – offline mit genug Abstand und dennoch gemeinsam online.

Ausstellung Transparencies mit Arbeiten von Elena Crijnen, Annika Faescke, Svenja Frank, Francis Kussatz, Anne Meerpohl, Elisa Nessler, Julia Nordholz, Florentine Pahl, Cristina Rüesch, Janka Schubert, Wiebke Schwarzhans, Rosa Thiemer, Lea van Hall. Betreut von Prof. Verena Issel und Fabian Hesse; Foto: Screenshot

Digitale Lehre an der HFBK

Wie die Hochschule die Besonderheiten der künstlerischen Lehre mit den Möglichkeiten des Digitalen verbindet.

Alltagsrealität oder Klischee?; Foto: Tim Albrecht

Absolvent*innenstudie der HFBK

Kunst studieren – und was kommt danach? Die Klischeebilder halten sich standhaft: Wer Kunst studiert hat, wird entweder Taxifahrer, arbeitet in einer Bar oder heiratet reich. Aber wirklich von der Kunst leben könnten nur die wenigsten – erst Recht in Zeiten globaler Krisen. Die HFBK Hamburg wollte es genauer wissen und hat bei der Fakultät der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg eine breit angelegte Befragung ihrer Absolventinnen und Absolventen der letzten 15 Jahre in Auftrag gegeben.

Ausstellung Social Design, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Teilansicht; Foto: MKG Hamburg

Wie politisch ist Social Design?

Social Design, so der oft formulierte eigene Anspruch, will gesellschaftliche Missstände thematisieren und im Idealfall verändern. Deshalb versteht es sich als gesellschaftskritisch – und optimiert gleichzeitig das Bestehende. Was also ist die politische Dimension von Social Design – ist es Motor zur Veränderung oder trägt es zur Stabilisierung und Normalisierung bestehender Ungerechtigkeiten bei?