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unmodern talking über Dale Crippens Vortrag zum Allgemeinen Gleichstellungsgesetz

Slow Motion

Dale Crippen hält am 31.7. an der Uni Hamburg einen informativen, ordentlichen, verständlichen Vortrag zum Allgemeinen Gleichstellungsgesetz (AGG). Organisiert vom Queer-Referat findet die Veranstaltung im Rahmen der Pride Week 2019 statt und richtet sich an Menschen ohne juristische Vorkenntnisse, was uns natürlich sehr gelegen kommt. Wir werden zunächst darüber aufgeklärt, was Diskriminierung zivil- und arbeitsrechtlich genau bezeichnet: Diskriminierung betrifft alle, die aufgrund ihrer „Rasse“ oder „Ethnischen Zugehörigkeit“ (ja, das steht so im AGG, kein Witz. Deshalb verwendet Crippen glücklicherweise in seinem weiteren Vortrag die Bezeichnung „rassistische Zuschreibung“) aber auch ihres Geschlechts, ihrer Weltanschauung, ihrer Behinderung, ihres Lebensalters oder ihrer sexuellen Orientierung ausgeschlossen oder benachteiligt werden.
Dabei lernen wir, dass unterschieden wird zwischen „unmittelbarer Diskriminierung“ und „mittelbarer Diskriminierung“. Unmittelbare Diskriminierung wäre etwa ein Schild mit der Aufschrift „Asylanten müssen draußen bleiben“ an einer Kiosk-Tür. Ja, sowas gibt’s. Mittelbare Diskriminierung findet statt, wenn sie nicht auf direkte Weise formuliert wird, sondern versteckt hinter einem Vorwand. Typisch dafür sind Kleiderverordnungen, wie etwa ein Burkini Verbot.

Macht Sinn und klingt erstmal so, als wäre damit alles geklärt. Wie zu erwarten, gestaltet sich das Ganze in den meisten Fällen aber eben doch komplizierter und hat viel damit zu tun, wie die unterschiedlichen Aspekte von Anwält_innen, Richter_innen etc. ausgelegt werden. Deshalb ist es wichtig, die eigenen Rechte zu kennen, meist reicht das aber nicht aus. Vielmehr geht es darum, auf eine Art und Weise zu argumentieren, die vor Gericht haltbar ist. Eine Strategie ist beispielsweise das Entlarven eines diskriminierenden Tatbestandes über die Ermittlung einer Vergleichsgruppe. Wenn etwa Muslima verboten wird, im Burkini baden zu gehen, da dies vermeintlich „unhygienisch“ sei, reicht ein Blick auf Sportschwimmer_innen, die seit jeher und problemlos mit Kopfbedeckung schwimmen. Just lässt sich argumentieren, dass hier Menschen aufgrund ihres Geschlechts und ihrer Weltanschauung nachteilig behandelt werden. Ähnliche Beispiele gibt es zu Hauf und wir sehen uns eine Reihe davon an. Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, des Alters, rassistischer Zuschreibungen usw. usw. und am Ende jeweils eine klare, eindeutige Auflösung: Hier liegt Diskriminierung vor, dagegen muss jetzt noch nur etwas unternommen werden.

Dabei sollte uns bereits einer der ersten Sätze des Vortragenden stutzig machen, wenn er beiläufig und mit Augenzwinkern verrät, dass das Wirken des Staats und seiner Institutionen nicht dem AGG unterliegt, denn „der Staat diskriminiert ja nicht.“ Und genau da liegt das Problem, denn was das AGG nicht anerkennt, ist gerade das, womit marginalisierte Gruppen am meisten zu kämpfen haben: strukturelle Diskriminierung. Und darin liegt auch die Schwachstelle des Vortrags, denn die Informationen und Strategien, die wir erhalten, greifen nur unter der Prämisse, dass tatsächlich alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind (Grundgesetz, Artikel 3). Was wir im Vortrag gehört haben, setzt jedoch schon eine ganze Menge voraus: ich muss die Sprache beherrschen – und damit ist nicht „deutsch“ an sich gemeint, sondern jene Sprache, die vor Gericht gesprochen wird – ich muss das Wissen um meine Rechte besitzen und zudem das nötige Kleingeld, um keine Angst vor eventuell anfallenden Anwalts- und Gerichtskosten zu haben. Schon damit ist wahrscheinlich der Großteil der potenziell von Diskriminierung Betroffenen ausgeschlossen und wir haben noch gar nicht berücksichtigt, dass nicht-weiße Menschen wissen, dass sie sowieso von Vornhinein selbst unter Verdacht stehen und zurecht Bedenken haben, ihre Rechte einzufordern. Oder wie steht es mit denjenigen, gegen die in der Vergangenheit strafrechtlich untersucht wurde, oder die in einem Abhängigkeitsverhältnis zum deutschen Staat stehen, wie etwa Asylbewerber_innen? Werden sie die Kapazitäten und Möglichkeiten haben, auf ihre Rechte zu bestehen?

Das Empowerment, das der Vortrag wohl bieten will, ist nicht voraussetzungslos, die konkreten Hilfestellungen und Ratschläge bleiben dafür auch oft zu unkonkret und klammern soziale und ökonomische Schwierigkeiten in der Verteidigung der eigene Rechte fast vollkommen aus – so wie auch eine grundlegende Kritik der Konstitution des AGGs und seiner Institutionen ausbleibt.

„Grundsätzlich gleich – für eine bessere Verfassung“, war das Motto der diesjährigen HAMBURG PRIDE, womit vor Allem eine Ergänzung des Artikel 3 GG gefordert wird, und zwar die Aufnahme des Schutzes vor Benachteiligung aufgrund sexueller Orientierung und geschlechtlicher Identität, wie sie bisher noch nicht im Grundgesetz aufgenommen sind. Wir sind uns einig: Die Verfassung und das Grundgesetz zu kennen und zu verstehen, mit all ihren Ausschlüssen, Widersprüchen und Defiziten, kann als wichtiges Werkzeug zu selbstermächtigtem Handeln, kollektiven Ungehorsam und solidarischen Zusammenschlüssen führen. Außerdem: Eine Kritik dieses schriftlichen und rechtlichen Selbstverständnisses der Bundesrepublik ist unbedingt notwendig und kann nicht laut und oft genug wiederholt werden. Fraglich jedoch bleibt, ob einzelne Ergänzungen und Reformationen des Schriftwerks tatsächlich auch zu einer „besseren Verfassung“ unserer Gesellschaft führt. Lebensrealität wird immer noch durch Handlungen von Menschen geschaffen, nicht durch eine schöne Gute-Nacht-Geschichte mit zahlreichen Paragrafen, in der Unrecht und Recht schön säuberlich getrennt wird.

Annette Wehrmann, photography from the series Blumensprengungen, 1991-95; Foto: Ort des Gegen e.V.

Conference: Counter-Monuments and Para-Monuments

The international conference at HFBK Hamburg on December 2-4, 2021 – jointly conceived by Nora Sternfeld and Michaela Melián –, is dedicated to the history of artistic counter-monuments and forms of protest, discusses aesthetics of memory and historical manifestations in public space, and asks about para-monuments for the present.

23 Fragen des Institutional Questionaire, grafisch umgesetzt von Ran Altamirano auf den Türgläsern der HFBK Hamburg zur Jahresausstellung 2021; Foto: Charlotte Spiegelfeld

Diversity

Wer spricht? Wer malt welches Motiv? Wer wird gezeigt, wer nicht? Identitätspolitische Fragen spielen in der Kunst und damit auch an der HFBK Hamburg eine wichtige Rolle. Das hochschuleigene Lerchenfeld-Magazin beleuchtet in der aktuellen Ausgabe Hochschulstrukturen sowie Studierendeninitiativen, die sich mit Diversität und Identität befassen.

Grafik: Tim Ballaschke

Semesterstart

Nach drei Semestern Hybrid-Lehre unter Pandemiebedingungen steht nun endlich wieder ein Präsenz-Semester bevor. Wir begrüßen alle neuen Studierenden und Lehrenden an der HFBK Hamburg und laden herzlich zur Eröffnung des akademischen Jahres 2020/21 ein, die in diesem Jahr von einem Gastvortrag von ruangrupa begleitet wird.

Grafik: Sam Kim, Bild im Hintergrund: Sofia Mascate, Foto: Marie-Theres Böhmker

Graduate Show 2021: All Good Things Come to an End

Vom 24. bis 26. September präsentierten die mehr als 150 Bachelor- und Master-Absolvent*innen des Jahrgangs 2020/21 ihre Abschlussarbeiten im Rahmen der Graduate Show in der HFBK Hamburg. Wir bedanken uns bei allen Besucher*innen und Beteiligten.

Foto: Klaus Frahm

Summer Break

Die HFBK Hamburg befindet sich in der vorlesungsfreien Zeit, viele Studierende und Lehrende sind im Sommerurlaub, Kunstinstitutionen haben Sommerpause. Eine gute Gelegenheit zum vielfältigen Nach-Lesen und -Sehen:

ASA Open Studio 2019, Karolinenstraße 2a, Haus 5; Foto: Matthew Muir

Live und in Farbe: die ASA Open Studios im Juni 2021

Seit 2010 organisiert die HFBK das internationale Austauschprogramm Art School Alliance. Es ermöglicht HFBK-Studierenden ein Auslandssemester an renommierten Partnerhochschulen und lädt vice versa internationale Kunststudierende an die HFBK ein. Zum Ende ihres Hamburg-Aufenthalts stellen die Studierenden in den Open Studios in der Karolinenstraße aus, die nun auch wieder für das kunstinteressierte Publikum geöffnet sind.

Studiengruppe Prof. Dr. Anja Steidinger, Was animiert uns?, 2021, Mediathek der HFBK Hamburg, Filmstill

Vermitteln und Verlernen: Wartenau Versammlungen

Die Kunstpädagogik Professorinnen Nora Sternfeld und Anja Steidinger haben das Format „Wartenau Versammlungen“ initiiert. Es oszilliert zwischen Kunst, Bildung, Forschung und Aktivismus. Ergänzend zu diesem offenen Handlungsraum gibt es nun auch eine eigene Website, die die Diskurse, Gespräche und Veranstaltungen begleitet.

Ausstellungsansicht "Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg; Foto: Maximilian Schwarzmann

Schule der Folgenlosigkeit

Alle reden über Folgen: Die Folgen des Klimawandels, der Corona-Pandemie oder der Digitalisierung. Friedrich von Borries (Professor für Designtheorie) dagegen widmet sich der Folgenlosigkeit. In der "Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg verknüpft er Sammlungsobjekte mit einem eigens für die Ausstellung eingerichteten „Selbstlernraum“ so, dass eine neue Perspektive auf „Nachhaltigkeit“ entsteht und vermeintlich allgemeingültige Vorstellungen eines „richtigen Lebens“ hinterfragt werden.

Jahresausstellung 2021 der HFBK Hamburg

Jahresausstellung einmal anders: Vom 12.-14. Februar 2021 hatten die Studierenden der Hochschule für bildende Künste Hamburg dafür gemeinsam mit ihren Professor*innen eine Vielzahl von Präsentationsmöglichkeiten auf unterschiedlichen Kommunikationskanälen erschlossen. Die Formate reichten von gestreamten Live-Performances über Videoprogramme, Radiosendungen, eine Telefonhotline, Online-Konferenzen bis hin zu einem Webshop für Editionen. Darüber hinaus waren vereinzelte Interventionen im Außenraum der HFBK und in der Stadt zu entdecken.

Studieninformationstag 2021

Wie werde ich Kunststudent*in? Wie funktioniert das Bewerbungsverfahren? Kann ich an der HFBK auch auf Lehramt studieren? Diese und weitere Fragen rund um das Kunststudium beantworteten Professor*innen, Studierende und Mitarbeiter*innen der HFBK im Rahmen des Studieninformationstages am 13. Februar 2021. Zusätzlich findet am 23. Februar um 14 Uhr ein Termin speziell für englischsprachige Studieninteressierte statt.

Katja Pilipenko

Semestereröffnung und Hiscox-Preisverleihung 2020

Am Abend des 4. Novembers feierte die HFBK die Eröffnung des akademischen Jahres 2020/21 sowie die Verleihung des Hiscox-Kunstpreises im Livestream – offline mit genug Abstand und dennoch gemeinsam online.

Ausstellung Transparencies mit Arbeiten von Elena Crijnen, Annika Faescke, Svenja Frank, Francis Kussatz, Anne Meerpohl, Elisa Nessler, Julia Nordholz, Florentine Pahl, Cristina Rüesch, Janka Schubert, Wiebke Schwarzhans, Rosa Thiemer, Lea van Hall. Betreut von Prof. Verena Issel und Fabian Hesse; Foto: Screenshot

Digitale Lehre an der HFBK

Wie die Hochschule die Besonderheiten der künstlerischen Lehre mit den Möglichkeiten des Digitalen verbindet.

Alltagsrealität oder Klischee?; Foto: Tim Albrecht

Absolvent*innenstudie der HFBK

Kunst studieren – und was kommt danach? Die Klischeebilder halten sich standhaft: Wer Kunst studiert hat, wird entweder Taxifahrer, arbeitet in einer Bar oder heiratet reich. Aber wirklich von der Kunst leben könnten nur die wenigsten – erst Recht in Zeiten globaler Krisen. Die HFBK Hamburg wollte es genauer wissen und hat bei der Fakultät der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg eine breit angelegte Befragung ihrer Absolventinnen und Absolventen der letzten 15 Jahre in Auftrag gegeben.

Ausstellung Social Design, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Teilansicht; Foto: MKG Hamburg

Wie politisch ist Social Design?

Social Design, so der oft formulierte eigene Anspruch, will gesellschaftliche Missstände thematisieren und im Idealfall verändern. Deshalb versteht es sich als gesellschaftskritisch – und optimiert gleichzeitig das Bestehende. Was also ist die politische Dimension von Social Design – ist es Motor zur Veränderung oder trägt es zur Stabilisierung und Normalisierung bestehender Ungerechtigkeiten bei?