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Symposiumsbericht: Überlebensrate 4%

Eine Hochschule hat ein Ziel: Junge Menschen zu einem Studienabschluss zu führen, der ihnen erlaubt, mit dem, was sie in diesem Studium gelernt haben, einen Beruf auszuüben, von dem sie leben können. Davon ist auch eine Kunsthochschule zunächst nicht ausgeschlossen. Bemisst man ihren Erfolg daran, sieht es allerdings düster aus, dieses Ziel erreichen nämlich im Schnitt nur 4 Prozent eines Jahrgangs. Für das Symposium Überlebensrate 4% mit anschließender Podiumsdiskussion hat Werner Büttner (Professor für Malerei/Zeichnen an der HFBK Hamburg) die Professorinnen Annette Tietenberg und Bettina Uppenkamp sowie die Theoretiker Walter Grasskamp, Wolfgang Ullrich und Diedrich Diederichsen eingeladen.

Vier Prozent – eine so dramatische Zahl verlangt nach Relativierung. Denn diese Überlebensrate betrifft tatsächlich nur die Absolvent*innen des Studiengangs Freie Kunst, also nur ein Drittel der Absolvent*innen von Kunsthochschulen insgesamt. In den Design-, Architektur- und Pädagogikstudiengängen sieht es besser aus: 30 bis 80 Prozent der Absolvent*innen verdienen später ihr Geld in diesen Bereichen. Ein Grund unter vielen, so Walter Grasskamp, sich gegen den Branchenrassismus der Königsdisziplin gegenüber diesen Studiengängen stark zu machen. Dass sich die Kunstgewerbeschulen alle nach und nach in der Pflicht sahen, den Studiengang Freie Kunst einzurichten sei eigentlich vergleichbar mit der Idee, im Sportstudium die Disziplin „Olympiade und Weltmeisterschaften“ einzuführen (in der Kunst müsste es bloß „Preise und Biennalen“ heißen). Dennoch ist die Zahl ein Anlass zu Selbstkritik. Grasskamp macht die „pseudofamiliäre Psychostruktur“ von Kunsthochschulen und vor allem den Klassenverbund dafür verantwortlich, „Nestphänomene“ zu verursachen. Die Meisterklassen haben ihre historische Funktion längst verloren und bringen bloß den Professor*innen einen schmeichelhaften Status ein.

In eine ähnliche Richtung geht Annette Tietenberg. Einen falschen Stolz dürfe es in der Freien Kunst nicht geben. Wenn junge Künstler*innen von Residencies, Preisen und Stipendien leben, dann muss eben auch gelehrt werden, wie man erfolgreiche Bewerbungen schreibt. Sie schlägt in ihrem Vortrag außerdem vor, Leben und Überleben zu unterscheiden. Absolvent*innen von Kunsthochschulen geht es eben nicht nur ums „Überleben“, sondern auch ums „Leben“ – freischaffende Künstler*innen sind, unabhängig davon, ob sie mit ihrer Kunst oder mit etwas anderem Geld verdienen, „Konstrukteure neuer Lebenssituationen“. Das freilich hinterlässt bei den Zuhörer*innen den Eindruck, dass Verklärung der Künstlerfigur und damit einhergehender Künstlerstolz hier quasi durch die Hintertür wieder hereingeschlüpft kommen: Der Künstler als Lebenskünstler, als Gralshüter des Savoir-vivre auch in der neoliberalen Gegenwart. Dass sich Kunsthochschulen heute (oder doch schon immer?) in einem Spannungsfeld zwischen freier künstlerischer Entfaltung und Einbindung in politisch-ökonomische Systeme befinden, veranlasst die Kunsthistorikerin Bettina Uppenkamp zu der Überlegung, ob Kunstakademien ein „Refugium“ sind, sein können und sein sollten. Wird häufig verlangt, dass die Hochschule die regionale Entwicklung der Kreativwirtschaft unterstützt, so dient sie Studierenden doch oft dazu, nicht nur in künstlerischer, sondern auch in politischer Hinsicht die eigene Position zu schärfen – beispielsweise gegen die Pegida-Demonstrationen in Dresden, wo Uppenkamp bis zu ihrem Wechsel an die HFBK Hamburg als Professorin tätig war. Diedrich Diederichsen stellt die Frage anders, nämlich so, dass dabei eine marxistisch informierte Arbeitswerttheorie der Bildenden Kunst herauskommt. Wenn nur 4 Prozent der ausgebildeten Künstler*innen finanziell erfolgreich sind, müsste man doch zunächst einmal fragen, wie es dazu kommt. Wird vielleicht zu viel Kunst produziert? Verfällt der Preis von Kunst deshalb, wie beim Öl? Oder sorgt eine bestimmte Aufmerksamkeitsökonomie dafür, dass wenige viel und viele kaum etwas verdienen, dass also einige wenige Künstler*innen den Weg versperren für die anderen? Wohl kaum.

Mit Kant gesprochen, ist die Subjektivität eine Quelle von Allgemeinheit, ein Zuviel an Kunst kann es nicht geben. Und außerdem ist Kunst nicht nur Kunst, ein Bild ist nicht nur ein Bild, sondern in ihm sind Kenntnisse und Fähigkeiten gebunden, Wissen aus einem ganzen Kunststudium. Erst, wenn man künstlerische Arbeit arbeitswerttheoretisch denkt, lassen sich politische Forderungen formulieren, die den Wert künstlerischer Arbeit nicht allein dem Markt überlassen. Es ließe sich gewerkschaftliche Organisation von Kunstschaffenden denken – oder ein Mindestlohn für die 96 Prozent.

Auch Wolfgang Ullrich stellt in seinem Vortrag eine Grundsatzfrage, die nach Veröffentlichung des Vortrags im Internet einige Wellen schlug. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich nämlich der Begriff des „erfolgreichen Künstlers“ als zweideutig – weil es zwei verschiedene Auffassungen von Kunst gibt. Ein Schisma tut sich auf, meint Ullrich, zwischen der „Kunstmarkt-Kunst“ auf der einen Seite, die für immer höhere Preise gehandelt und als Investment gekauft wird, und der Kunst des politischen Engagements auf der anderen Seite. Ob man in die eine oder die andere Richtung blickt, in beiden Fällen verliert die Kunst an Autonomie und wird stattdessen an gesellschaftliche Funktionen gebunden – Geld und Politik. Anders gesagt: Künstlerinnen und Künstler, deren Arbeiten auf der Autonomie der Kunst basieren, sich also die Kunstgeschichte und Wahrnehmung selbst zum Gegenstand ernennen, haben es zunehmend schwer. Die Kunsthochschulen könnten in Zukunft ein besonderer Schauplatz dieser Spaltung sein. Mehr noch als andere Institutionen stehen sie untereinander im Wettbewerb, unter dessen Druck sie ein möglichst markantes Profil auszubilden versuchen.

Und nirgendwo steht festgeschrieben, dass eine Kunsthochschule für immer ihre Kandidaten ungeachtet ihrer Kunstausrichtung auszuwählen habe, wie es heute noch der Fall ist: Wenn man sagt, man wolle mit der Kunst reich und berühmt werden, so kann man damit genauso gut einen Studienplatz bekommen, wie wenn man sich mit der Begründung bewirbt, man sei gegen den Kapitalismus und strebe an, mit den Mitteln der Kunst die Gesellschaft zu verändern. Dass die fünf Vorträge zur Causa 4% in solch unterschiedliche Richtungen gehen, erscheint selbst fast wie eine Lektion zum Thema: Will man über die künstlerische Tätigkeit als Arbeit sprechen, kommt man nicht umhin, die Struktur von Arbeit als solche und die Entwicklung der Kunst insgesamt in den Blick zu nehmen – und die Frage, wie und was an Kunsthochschulen gelehrt werden soll. (Birthe Mühlhoff)

Annette Wehrmann, photography from the series Blumensprengungen, 1991-95; Foto: Ort des Gegen e.V.

Conference: Counter-Monuments and Para-Monuments

The international conference at HFBK Hamburg on December 2-4, 2021 – jointly conceived by Nora Sternfeld and Michaela Melián –, is dedicated to the history of artistic counter-monuments and forms of protest, discusses aesthetics of memory and historical manifestations in public space, and asks about para-monuments for the present.

23 Fragen des Institutional Questionaire, grafisch umgesetzt von Ran Altamirano auf den Türgläsern der HFBK Hamburg zur Jahresausstellung 2021; Foto: Charlotte Spiegelfeld

Diversity

Wer spricht? Wer malt welches Motiv? Wer wird gezeigt, wer nicht? Identitätspolitische Fragen spielen in der Kunst und damit auch an der HFBK Hamburg eine wichtige Rolle. Das hochschuleigene Lerchenfeld-Magazin beleuchtet in der aktuellen Ausgabe Hochschulstrukturen sowie Studierendeninitiativen, die sich mit Diversität und Identität befassen.

Grafik: Tim Ballaschke

Semesterstart

Nach drei Semestern Hybrid-Lehre unter Pandemiebedingungen steht nun endlich wieder ein Präsenz-Semester bevor. Wir begrüßen alle neuen Studierenden und Lehrenden an der HFBK Hamburg und laden herzlich zur Eröffnung des akademischen Jahres 2020/21 ein, die in diesem Jahr von einem Gastvortrag von ruangrupa begleitet wird.

Grafik: Sam Kim, Bild im Hintergrund: Sofia Mascate, Foto: Marie-Theres Böhmker

Graduate Show 2021: All Good Things Come to an End

Vom 24. bis 26. September präsentierten die mehr als 150 Bachelor- und Master-Absolvent*innen des Jahrgangs 2020/21 ihre Abschlussarbeiten im Rahmen der Graduate Show in der HFBK Hamburg. Wir bedanken uns bei allen Besucher*innen und Beteiligten.

Foto: Klaus Frahm

Summer Break

Die HFBK Hamburg befindet sich in der vorlesungsfreien Zeit, viele Studierende und Lehrende sind im Sommerurlaub, Kunstinstitutionen haben Sommerpause. Eine gute Gelegenheit zum vielfältigen Nach-Lesen und -Sehen:

ASA Open Studio 2019, Karolinenstraße 2a, Haus 5; Foto: Matthew Muir

Live und in Farbe: die ASA Open Studios im Juni 2021

Seit 2010 organisiert die HFBK das internationale Austauschprogramm Art School Alliance. Es ermöglicht HFBK-Studierenden ein Auslandssemester an renommierten Partnerhochschulen und lädt vice versa internationale Kunststudierende an die HFBK ein. Zum Ende ihres Hamburg-Aufenthalts stellen die Studierenden in den Open Studios in der Karolinenstraße aus, die nun auch wieder für das kunstinteressierte Publikum geöffnet sind.

Studiengruppe Prof. Dr. Anja Steidinger, Was animiert uns?, 2021, Mediathek der HFBK Hamburg, Filmstill

Vermitteln und Verlernen: Wartenau Versammlungen

Die Kunstpädagogik Professorinnen Nora Sternfeld und Anja Steidinger haben das Format „Wartenau Versammlungen“ initiiert. Es oszilliert zwischen Kunst, Bildung, Forschung und Aktivismus. Ergänzend zu diesem offenen Handlungsraum gibt es nun auch eine eigene Website, die die Diskurse, Gespräche und Veranstaltungen begleitet.

Ausstellungsansicht "Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg; Foto: Maximilian Schwarzmann

Schule der Folgenlosigkeit

Alle reden über Folgen: Die Folgen des Klimawandels, der Corona-Pandemie oder der Digitalisierung. Friedrich von Borries (Professor für Designtheorie) dagegen widmet sich der Folgenlosigkeit. In der "Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg verknüpft er Sammlungsobjekte mit einem eigens für die Ausstellung eingerichteten „Selbstlernraum“ so, dass eine neue Perspektive auf „Nachhaltigkeit“ entsteht und vermeintlich allgemeingültige Vorstellungen eines „richtigen Lebens“ hinterfragt werden.

Jahresausstellung 2021 der HFBK Hamburg

Jahresausstellung einmal anders: Vom 12.-14. Februar 2021 hatten die Studierenden der Hochschule für bildende Künste Hamburg dafür gemeinsam mit ihren Professor*innen eine Vielzahl von Präsentationsmöglichkeiten auf unterschiedlichen Kommunikationskanälen erschlossen. Die Formate reichten von gestreamten Live-Performances über Videoprogramme, Radiosendungen, eine Telefonhotline, Online-Konferenzen bis hin zu einem Webshop für Editionen. Darüber hinaus waren vereinzelte Interventionen im Außenraum der HFBK und in der Stadt zu entdecken.

Studieninformationstag 2021

Wie werde ich Kunststudent*in? Wie funktioniert das Bewerbungsverfahren? Kann ich an der HFBK auch auf Lehramt studieren? Diese und weitere Fragen rund um das Kunststudium beantworteten Professor*innen, Studierende und Mitarbeiter*innen der HFBK im Rahmen des Studieninformationstages am 13. Februar 2021. Zusätzlich findet am 23. Februar um 14 Uhr ein Termin speziell für englischsprachige Studieninteressierte statt.

Katja Pilipenko

Semestereröffnung und Hiscox-Preisverleihung 2020

Am Abend des 4. Novembers feierte die HFBK die Eröffnung des akademischen Jahres 2020/21 sowie die Verleihung des Hiscox-Kunstpreises im Livestream – offline mit genug Abstand und dennoch gemeinsam online.

Ausstellung Transparencies mit Arbeiten von Elena Crijnen, Annika Faescke, Svenja Frank, Francis Kussatz, Anne Meerpohl, Elisa Nessler, Julia Nordholz, Florentine Pahl, Cristina Rüesch, Janka Schubert, Wiebke Schwarzhans, Rosa Thiemer, Lea van Hall. Betreut von Prof. Verena Issel und Fabian Hesse; Foto: Screenshot

Digitale Lehre an der HFBK

Wie die Hochschule die Besonderheiten der künstlerischen Lehre mit den Möglichkeiten des Digitalen verbindet.

Alltagsrealität oder Klischee?; Foto: Tim Albrecht

Absolvent*innenstudie der HFBK

Kunst studieren – und was kommt danach? Die Klischeebilder halten sich standhaft: Wer Kunst studiert hat, wird entweder Taxifahrer, arbeitet in einer Bar oder heiratet reich. Aber wirklich von der Kunst leben könnten nur die wenigsten – erst Recht in Zeiten globaler Krisen. Die HFBK Hamburg wollte es genauer wissen und hat bei der Fakultät der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg eine breit angelegte Befragung ihrer Absolventinnen und Absolventen der letzten 15 Jahre in Auftrag gegeben.

Ausstellung Social Design, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Teilansicht; Foto: MKG Hamburg

Wie politisch ist Social Design?

Social Design, so der oft formulierte eigene Anspruch, will gesellschaftliche Missstände thematisieren und im Idealfall verändern. Deshalb versteht es sich als gesellschaftskritisch – und optimiert gleichzeitig das Bestehende. Was also ist die politische Dimension von Social Design – ist es Motor zur Veränderung oder trägt es zur Stabilisierung und Normalisierung bestehender Ungerechtigkeiten bei?