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Promotionsvorhaben Miriam Schoofs

Arbeitstitel: „Hanne Darbovens Dingwelt – zwischen Atelier und Ausstellung: Material Turn oder Displaystrategie“

Betreuung: Prof. Dr. Michael Diers (Hamburg/Berlin), Prof. Dr. Gregor Stemmrich (Berlin/Abu Dhabi)

Hanne Darboven gilt als die führende Konzeptkünstlerin Deutschlands. Auf Abertausenden von Seiten verknüpfte die Künstlerin mittels ihren eigenwilligen Datumsberechnungen und charakteristischen Schreibarbeiten in sowie durch Text-Bild-Collagen zentrale Themen der Geschichte und Kulturgeschichte mit dem aktuellen Zeitgeschehen und biografischen Bezügen.
Einige Aspekte des Darboven’schen Werkes sind jedoch nahezu unbekannt und wurden bislang nicht eingehend beleuchtet. Hierzu zählen insbesondere die obsessive Sammeltätigkeit der Künstlerin und das eindrucksvolle Ensemble von Gebrauchsgegenständen, Kunstwerken, Fundstücken und Artefakten im Atelierhaus in Hamburg-Harburg sowie die Bedeutung und Funktion der vereinzelt in das Werk und die Ausstellungen integrierten Objekte: in Form fotografischer Dokumentationen und collagierter Bildstrecken oder als skulpturale Elemente und Exponate bezog Darboven zunehmend ausgewählte Objekte ihrer Sammlung in die Blattfolgen ihrer Arbeiten sowie in die raumgreifenden Ausstellungsinstallationen ein. Die angesichts von Darbovens ansonsten äußerst rationalen und formal reduzierten konzeptuellen Arbeiten überraschend surreal wirkende Dingaffinität und ihr „Material Turn“ stellen in der Literatur und Forschung bis dato einen blinden Fleck dar. Die umfangreiche Objektsammlung und die Dingarrangements im Atelierhaus, so die hier vertretene These, sind dabei jedoch weit mehr als Ausdruck einer subjektiven Sammelleidenschaft. Das Werk Hanne Darbovens ist in seiner Obsessivität und Monumentalität ohne die überbordende Dingwelt im Atelierhaus schlichtweg nicht zu verstehen.

Ausgangspunkt der Untersuchung bildet daher die Beschreibung der beiden zentralen Orte des Darbovenschen Schaffens: die labyrinthische Dingwelt im Atelier sowie die raumgreifenden Ausstellungspräsentationen. Dabei geht es nicht zuletzt um die Analyse des Zusammenhangs zwischen Atelier und Ausstellung als den beiden zentralen Kontexten des künstlerischen Schaffens im Allgemeinen, und demjenigen von Hanne Darboven im Besonderen.

Der erste Teil der Untersuchung befasst sich mit dem Ort der Produktion, dem Atelierhaus „Am Burgberg“ und den verschiedenen Arbeitsplätzen, Sammlungsräumen und Objektgruppen, welche in Form eines Rundgangs beschrieben werden. Dabei wird zum einen der enge Zusammenhang zwischen Atelierhaus, Dingwelt und Werkgenese deutlich, zum anderen wird der "Wunderkammer"-Charakter des Atelierenvironments und dessen Funktion als künstlerisches Medium, Archiv und Gedächtnisspeicher und persönliche Enzyklopädie der Dinge kunst- und kulturhistorisch verortet und reflektiert.
In einem zweiten Schritt wird anhand einer Auswahl von Werk- und Ausstellungsbeispielen der Transfer und die Integration bestimmter ausgewählter Objekte aus der Ateliersammlung in das Werk und dessen Ausstellungspräsentation beschrieben, wobei ein besonderes Augenmerk auf dem Aspekt der verschiedenen medialen Darstellungsformen und Präsentationsmodi und der künstlerischen Displaystrategie liegt. Es wird untersucht, welchen Stellenwert und welche Funktion die Objekte an den unterschiedlichen Orten für den künstlerischen Schaffensprozess und das Werk Hanne Darbovens haben und welche Wirkung und Bedeutung sie in den unterschiedlichen Kontexten jeweils entfalten beziehungsweise produzieren.
Die zunehmende Einbeziehung von Objekten in die Ausstellungsprojekte Hanne Darbovens der jüngeren Zeit hängt schließlich nicht zuletzt mit einer in den letzten Jahren zu beobachtenden neuen Sensibilität für die Bedeutung und Funktion der Dinge zusammen, die auf die Tradition der Objekt- und Installationskunst ebenso verweist wie auf die aktuellen Dingtheorien. Gerade die Tatsache, dass die Dingaffinität und der materialästhetische Aspekt im Schaffensprozess und in den Ausstellungspräsentationen der deutschen Konzeptkünstlerin von der Kritik und der wissenschaftlichen Literatur über Hanne Darboven noch bis vor Kurzem weitestgehend vernachlässigt wurden, lässt es um so dringlicher erscheinen, die Funktion der Ateliersammlung und die Bedeutung und Wirkungsweise der in das Werk und die Ausstellungen integrierten Objekte einer ausführlicheren Untersuchung zu unterziehen.
Dabei soll der vermeintliche Gegensatz zwischen dem konzeptionellen Ansatz und Selbstverständnis Hanne Darbovens und ihrer obsessiven Dingaffinität reflektiert und insgesamt ein neuer Blick auf das als hermetisch geltende Werk ermöglicht werden.

Vita:

Miriam Schoofs (*in Freiburg im Breisgau / Deutschland) lebt und arbeitet nach ihrem Studium der Rechts-, Medien- und Kunstwissenschaften in Hamburg, Rom und Berlin in Berlin und Hamburg. Von 2011 bis 2013 war sie Kuratorin der Sammlung Falckenberg

an den Deichtorhallen Hamburg. 2013 bis 2016 war sie als freie wissenschaftliche Mitarbeiterin und Autorin für Ausstellungen und Installationen von Werken Hanne Darbovens u. a. in Basel, Bologna, London, Edinburgh und Madrid sowie in Bonn und München in Kooperation mit der Hanne Darboven Stiftung tätig. Seither freie Kuratorin und Gastkuratorin z. B. der Ausstellung „…und eine Welt noch“ am Kunsthaus Hamburg 2016 sowie Organisation künstlerischer Projekte, Buchpräsentationen und Publikationen (zuletzt beispielsweise mit/über Almir Mavignier, Daniela Comani und Irma Blank).