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Die Tresen-Kolumne: Braunlage

Langsam fährt der Bus den Berg hinab. Die vormals schneebedeckten Blau-Fichten werden Meter für Meter freigelegt und das vorherrschende Weiß der Landschaft geht langsam in ein minziges Graubraun über, wie ein leicht von Schlacke bedeckter Frühling oder die Pulloverauslage in Till Schweigers Barefood Living Concept Store. Der Mann* hinter mir auf dem Weg von Braunlage nach Bad Harzburg erklärt alle paar Meter seiner neben ihm sitzenden Mutter die sichtbare Welt: Der Borkenkäfer macht den Baum von Außen kaputt. Am Torfhaus haben sie alles neu gebaut, aber das Restaurant ist immer noch gut, der Punker ist heute aus dem Knast gekommen und da oben, am Westrand von Bad Harzburg, hat er sein erstes Samuraischwert gekauft, für 56 Euro. Und dann ein zweites für 80 Euro. Der Laden macht wohl zu, gerade ist alles günstig. Auf seiner Liste steht noch ein Türknauf in Totenkopfform aus Eisen, aber 36 Euro für einen Türknauf ist doch ein bisschen happig. Die Mutter murmelt ahas und jajas, der Sohn ist vielleicht 40, vielleicht Ende 40, klassische Samuraischwertklientel. Als 2013 Timur Si-Qin in Kassel eine Reihe bunter Shampoo- und Duschgelflaschen mit dem Samuraischwert aufspießte und damit das kurze Zeitalter der Post-Internet-Art mitbegründete, war das Erstaunen, das Amusement und das sozio-zoologische Interesse der Kulturwelt und Presse für die fabelhafte Welt der Tiefseegeschöpfe aus den Computerkellern des Westens plötzlich Thema der Stunde: ihre Memes, Pepe the Frog, die Samuraischwerter, Fedoras und 4chan. Spätestens mit der Wahl von Donald Trump ist dieses schon immer toxische Biotop zu politischem Bewusstsein gekommen und der fragwürdige Witz von Pepe-Memes, Samuraischwertern und Fedoras eine Ausdrucksform der neuen Rechten. Vielleicht ist die Post-Internet-Art auch an der Wahl von Donald Trump gestorben, weil ihnen plötzlich der Witz im Hals stecken blieb und die dort zelebrierte Familienkellerunterwelt plötzlich echte Tote forderte. Timur Si-Qin macht inzwischen auch andere Sachen und die Portfolios von damals lesen sich heute merkwürdig altbacken, wie die interaktive Webart aus den 90er Jahren oder die Blutbilder der Wiener Aktionisten: etwas, was ganz kurz mal cool war, bevor es krachend von der Geschichte überholt wurde.

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