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Kolumne von stringfigures: Die Entschleunigung der Privilegierten

Wieviele Leute seit der Zuspitzung der Coronakrise schon sowas zu mir gesagt haben wie: ich genieße ja die Entschleunigung, ich genieße das ja, zu Hause zu lesen, mich auszuruhen, etc. Ich bekomme dann richtig schlechte Laune und versuche freundlich zu widersprechen und nicht ausfallend zu werden.

Denn Entschleunigung ist nämlich nicht jedermanns* Sache. Ich finde Entschleunigung sehr anstrengend, auch ohne Coronavirus. Ehrlich gesagt: ich hasse Entschleunigung. Genauso wie ich den Begriff Achtsamkeit hasse. Das bedeutet nicht, dass ich nicht gelegentlich bis regelmäßig auf diese kapitalistischen Mechanismen hereinfalle, sie genieße und verachte. I‘m part of it!

Entschleunigung fällt bei mir unter die Sektion Wellness. Dass man sich ausruhen muss, wenn man sich angestrengt hat, ist klar, dass man eine Therapie machen kann, wenn man unter psychischen Druck gerät, weil die Welt inkl. Wirtschaft nichts von Müßiggang versteht, auch. Im Februar 1964 „warnte das amerikanische Life-Magazine vor einem bevorstehenden massiven Zeitüberfluss in der modernen Gesellschaft, der gravierende psychologische Probleme aufwerfe: „ […] How to Take Life Easy?“ […] “ („Beschleunigung“, Hartmut Rosa, 2005) bleibt die große Frage unserer Gegenwart.

Aktuell treibt ein Virus sein Unwesen, das die ganze Welt durcheinanderbringt, zum ersten Mal wurde eine weltweite Reisewarnung ausgesprochen, bisher wurde in drei europäischen Staaten der Notstand ausgerufen, zuvor in China und den USA. Zwischen Willkür, Wissenschaft, Bauchgefühl und Zuversicht versucht die Menschheit weltweit irgendwie mit der Pandemie klar zu kommen und dann sagen Leute ernsthaft: ich finde diese Entschleunigung ja ganz nett?

Ich finde diese Entschleunigung richtig beschissen. Ich liebe es morgens aufzustehen, meinen Kaffee zu kochen, zu Frühstücken, Radio zu hören, mein Kind in die Kita zu bringen, dann entweder zur Lohnarbeit zu hetzen oder ins Atelier zu gehen, mal gestresst, mal easy, über die Welt nachzudenken, was man besser machen kann, was nicht so gut läuft, was überhaupt so läuft. Ich führe ein privilegiertes Leben im Vergleich zu vielen anderen Menschen. Jetzt, während dieses Ausnahmezustandes wird mir das nochmal klarer. Ich bin froh und dankbar, dass ich eine schöne Wohnung habe, bisher gesund bin, zwei nette Mitbewohner habe, einen ausgesuchten, einen gezeugten, ich habe die Möglichkeit ins Internet zu gehen, meinen Kühlschrank voll zu knallen, mir leckere Nudeln mit Tomatensoße zu kochen und mit meinem kleinen Sohn alle seine Autos und Pferde auf sein Bobby Car zu stapeln oder mit ihm in den Wald zu fahren oder an meinem Schreibtisch diesen Text zu schreiben, mein Geld reicht für den kommenden Monat, etc.

Verdammt, habt ihr den Schuss nicht gehört? Eben habe ich mich vor der Tür mit einer Künstlerin unterhalten: sie verstehe nicht, warum alle so einen Stress machen würden, es wäre doch nur wie eine Grippe … diesen Satz habe ich im Februar gesagt, ja. Ich habe es unterschätzt, aber wenn man die Medien verfolgt, ist doch hoffentlich klar, dass das hier grade keine Grippe ist. „Ach, ihr habt zu?“ fragt sie meine Nachbarin, die eine Kneipe hat. „Dann klappt das nicht mit der Party am Sonntag?“ Ehm, nein. ES KLAPPT NICHT. Es klappt so einiges nicht. Mein ganzes Leben ist wirr. Ich bin wirr. Ich bin traurig, dass Ausstellungen nicht stattfinden können. Ganz banal, ich-bezogen. Ich bin traurig, dass ich mich nicht mehr in Freiheit bewegen darf, ganz im Klaren darüber, dass mein Alltag besonders war. Ich bin traurig, dass ich nicht mit meiner Freundin ins Restaurant gehen kann, weil das für mich selbstverständlich war. Ich bin traurig, dass ich nicht weiß, wie ich in den nächsten beiden Monaten mein Geld verdiene.

Und nun ja, coronale Entschleunigung ok. Meinetwegen freue ich mich für euch, die sich zu Hause chillen können, Bücher lesen, Sachen produzieren … das ist alles cool; ich sehe auch Chancen in Krisen, versuche auch, das Beste draus zu machen und bin dankbar für die Menschen, die grade alles am Laufen halten, die aktuell an der griechischen Grenze helfen und noch überall, die sich politisch einbringen und Petitionen starten, die Nachbar*innen helfen und so weiter.

Aber ich hoffe inständig, dass das alles schnell vorbei geht.

19. März 2020 / Die Entschleunigung der Schwachen.

Alle sind ja schwach jetzt.

Ich habe heute morgen etwa eine Stunde geheult.
Anschließend habe ich beschlossen heute besonders achtsam zu sein.

Annette Wehrmann, photography from the series Blumensprengungen, 1991-95; Foto: Ort des Gegen e.V.

Conference: Counter-Monuments and Para-Monuments

The international conference at HFBK Hamburg on December 2-4, 2021 – jointly conceived by Nora Sternfeld and Michaela Melián –, is dedicated to the history of artistic counter-monuments and forms of protest, discusses aesthetics of memory and historical manifestations in public space, and asks about para-monuments for the present.

23 Fragen des Institutional Questionaire, grafisch umgesetzt von Ran Altamirano auf den Türgläsern der HFBK Hamburg zur Jahresausstellung 2021; Foto: Charlotte Spiegelfeld

Diversity

Wer spricht? Wer malt welches Motiv? Wer wird gezeigt, wer nicht? Identitätspolitische Fragen spielen in der Kunst und damit auch an der HFBK Hamburg eine wichtige Rolle. Das hochschuleigene Lerchenfeld-Magazin beleuchtet in der aktuellen Ausgabe Hochschulstrukturen sowie Studierendeninitiativen, die sich mit Diversität und Identität befassen.

Grafik: Tim Ballaschke

Semesterstart

Nach drei Semestern Hybrid-Lehre unter Pandemiebedingungen steht nun endlich wieder ein Präsenz-Semester bevor. Wir begrüßen alle neuen Studierenden und Lehrenden an der HFBK Hamburg und laden herzlich zur Eröffnung des akademischen Jahres 2020/21 ein, die in diesem Jahr von einem Gastvortrag von ruangrupa begleitet wird.

Grafik: Sam Kim, Bild im Hintergrund: Sofia Mascate, Foto: Marie-Theres Böhmker

Graduate Show 2021: All Good Things Come to an End

Vom 24. bis 26. September präsentierten die mehr als 150 Bachelor- und Master-Absolvent*innen des Jahrgangs 2020/21 ihre Abschlussarbeiten im Rahmen der Graduate Show in der HFBK Hamburg. Wir bedanken uns bei allen Besucher*innen und Beteiligten.

Foto: Klaus Frahm

Summer Break

Die HFBK Hamburg befindet sich in der vorlesungsfreien Zeit, viele Studierende und Lehrende sind im Sommerurlaub, Kunstinstitutionen haben Sommerpause. Eine gute Gelegenheit zum vielfältigen Nach-Lesen und -Sehen:

ASA Open Studio 2019, Karolinenstraße 2a, Haus 5; Foto: Matthew Muir

Live und in Farbe: die ASA Open Studios im Juni 2021

Seit 2010 organisiert die HFBK das internationale Austauschprogramm Art School Alliance. Es ermöglicht HFBK-Studierenden ein Auslandssemester an renommierten Partnerhochschulen und lädt vice versa internationale Kunststudierende an die HFBK ein. Zum Ende ihres Hamburg-Aufenthalts stellen die Studierenden in den Open Studios in der Karolinenstraße aus, die nun auch wieder für das kunstinteressierte Publikum geöffnet sind.

Studiengruppe Prof. Dr. Anja Steidinger, Was animiert uns?, 2021, Mediathek der HFBK Hamburg, Filmstill

Vermitteln und Verlernen: Wartenau Versammlungen

Die Kunstpädagogik Professorinnen Nora Sternfeld und Anja Steidinger haben das Format „Wartenau Versammlungen“ initiiert. Es oszilliert zwischen Kunst, Bildung, Forschung und Aktivismus. Ergänzend zu diesem offenen Handlungsraum gibt es nun auch eine eigene Website, die die Diskurse, Gespräche und Veranstaltungen begleitet.

Ausstellungsansicht "Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg; Foto: Maximilian Schwarzmann

Schule der Folgenlosigkeit

Alle reden über Folgen: Die Folgen des Klimawandels, der Corona-Pandemie oder der Digitalisierung. Friedrich von Borries (Professor für Designtheorie) dagegen widmet sich der Folgenlosigkeit. In der "Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg verknüpft er Sammlungsobjekte mit einem eigens für die Ausstellung eingerichteten „Selbstlernraum“ so, dass eine neue Perspektive auf „Nachhaltigkeit“ entsteht und vermeintlich allgemeingültige Vorstellungen eines „richtigen Lebens“ hinterfragt werden.

Jahresausstellung 2021 der HFBK Hamburg

Jahresausstellung einmal anders: Vom 12.-14. Februar 2021 hatten die Studierenden der Hochschule für bildende Künste Hamburg dafür gemeinsam mit ihren Professor*innen eine Vielzahl von Präsentationsmöglichkeiten auf unterschiedlichen Kommunikationskanälen erschlossen. Die Formate reichten von gestreamten Live-Performances über Videoprogramme, Radiosendungen, eine Telefonhotline, Online-Konferenzen bis hin zu einem Webshop für Editionen. Darüber hinaus waren vereinzelte Interventionen im Außenraum der HFBK und in der Stadt zu entdecken.

Studieninformationstag 2021

Wie werde ich Kunststudent*in? Wie funktioniert das Bewerbungsverfahren? Kann ich an der HFBK auch auf Lehramt studieren? Diese und weitere Fragen rund um das Kunststudium beantworteten Professor*innen, Studierende und Mitarbeiter*innen der HFBK im Rahmen des Studieninformationstages am 13. Februar 2021. Zusätzlich findet am 23. Februar um 14 Uhr ein Termin speziell für englischsprachige Studieninteressierte statt.

Katja Pilipenko

Semestereröffnung und Hiscox-Preisverleihung 2020

Am Abend des 4. Novembers feierte die HFBK die Eröffnung des akademischen Jahres 2020/21 sowie die Verleihung des Hiscox-Kunstpreises im Livestream – offline mit genug Abstand und dennoch gemeinsam online.

Ausstellung Transparencies mit Arbeiten von Elena Crijnen, Annika Faescke, Svenja Frank, Francis Kussatz, Anne Meerpohl, Elisa Nessler, Julia Nordholz, Florentine Pahl, Cristina Rüesch, Janka Schubert, Wiebke Schwarzhans, Rosa Thiemer, Lea van Hall. Betreut von Prof. Verena Issel und Fabian Hesse; Foto: Screenshot

Digitale Lehre an der HFBK

Wie die Hochschule die Besonderheiten der künstlerischen Lehre mit den Möglichkeiten des Digitalen verbindet.

Alltagsrealität oder Klischee?; Foto: Tim Albrecht

Absolvent*innenstudie der HFBK

Kunst studieren – und was kommt danach? Die Klischeebilder halten sich standhaft: Wer Kunst studiert hat, wird entweder Taxifahrer, arbeitet in einer Bar oder heiratet reich. Aber wirklich von der Kunst leben könnten nur die wenigsten – erst Recht in Zeiten globaler Krisen. Die HFBK Hamburg wollte es genauer wissen und hat bei der Fakultät der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg eine breit angelegte Befragung ihrer Absolventinnen und Absolventen der letzten 15 Jahre in Auftrag gegeben.

Ausstellung Social Design, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Teilansicht; Foto: MKG Hamburg

Wie politisch ist Social Design?

Social Design, so der oft formulierte eigene Anspruch, will gesellschaftliche Missstände thematisieren und im Idealfall verändern. Deshalb versteht es sich als gesellschaftskritisch – und optimiert gleichzeitig das Bestehende. Was also ist die politische Dimension von Social Design – ist es Motor zur Veränderung oder trägt es zur Stabilisierung und Normalisierung bestehender Ungerechtigkeiten bei?