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Die Tresen-Kolumne: Wurststraße

Wurststraße

Am letzten Wochenende schlief ich aus Versehen neben dem Haus von Björn Höcke, dem Quasikopf der AfD-internen Strömung „Der Flügel“. Innerhalb der ohnehin extrem rechten Partei ist das der völkisch-nationale Teil - mit eindeutig faschistischen Tendenzen. Bornhagen, so heißt das Dorf, in dem Höcke lebt, liegt in Thüringen, im Drei-Länder-Eck zwischen Hessen und Niedersachsen. Ich hatte Dreharbeiten angesetzt in Friedland, dem Städtchen in Niedersachsen, in dem bis in die Fünzigerjahre die ganzen Spätheimkehrer aus russischer Kriegsgefangenschaft ankamen. Eine neue Videoarbeit, lange hatte ich nur mit Gefundenem gearbeitet: Videos als Schnittfest. Jetzt wollte ich mal wieder selber drehen und war ziemlich angespannt. Ich glaub, ich habe hier auch schon mal davon erzählt. Bornhagen liegt ca. 9 Kilometer von Friedland entfernt. Wir waren zu fünft, und das Apartment im Dorf war das günstigste weit und breit. Jetzt weiß ich, warum. Frau G., die Gastgeberin, war wirklich sehr nett. Das ausgebaute Obergeschoss des großen Einfamilienhauses war barock renoviert. Die Wände waren mit einem perlmutt-farbenen Putz bestrichen, der in den einzeln anwählbaren Lichtstimmungen gefährlich glitzerte. Das mint-farbene Ledersofa wurde durch rot-goldene, ornamental bestickte, schwere Vorhänge eingerahmt. Mit der Fernbedienung ließ ich die Rollläden herunter. Es war bereits dunkel draußen, und ich wollte verhindern, dass jemand sieht, dass Fremde im Ort sind. Bald sind Wahlen im Osten, und die extreme Rechte hat Oberwasser, und ich hatte Angst vor nächtlichem Besuch. Ich stellte mir das wie in den Geschichten von HP Lovecraft vor. Irgendwann steht das Dorf mit Fackeln vor dem Haus, nur hier nicht halbe Fischwesen aus den okkulten Abgründen der Erdgeschichte, sondern altgewordene Biodeutsche der Mittelschicht, die aus Statusangst langsam in die imaginierte und tatsächliche Vergangenheit zurückschreiten. Die politische Performancegruppe „Zentrum für politische Schönheit“ hatte Höcke vor noch nicht allzu langer Zeit einen Nachbau des Holocaust-Mahnmals auf das Nachbarsgrundstück gesetzt. Das war ein ziemliches Husarenstück. Ansonsten gibt mir die moralische Aufladung vieler ihrer Aktionen oft Anlass zum Gruseln. Die Nacht war ruhig, wir blieben unentdeckt. Oder waren einfach uninteressant. Als ich endlich eingeschlafen war, träumte ich mich als Anne Will in den Wetterbericht. Mein linker Arm war wahnsinnig lang und fuhrwerkte wild auf der Deutschlandkarte herum. „Wetter überall ganz ok!“, war der Satz, den ich sagen sollte. Am nächsten Morgen bedeckte gütig dicker Nebel das noch schlafende Dorf, und so sahen wir niemanden, als wir vorbei am Mahnmal, vorbei an den finster zusammengeduckten Fachwerkhöfen mit ihren weit verzweigten Kellergewölben fuhren, die der Sage nach bis zum Erdmittelpunkt reichen und in deren unendlicher Dunkelheit das nagende Grauen als unergründliches Flötenspiel seit Äonen das Deutschlandlied anstimmt. Wir schauten nicht zurück, als wir mit erhöhter Geschwindigkeit über die Deutsche Wurststraße Richtung Norden in Sicherheit fuhren. Wetter überall ganz ok.

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