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Le Monde Problématique: Debattenrundschau vom 22. Dezemeber

Ana Teixeira Pinto und Kerstin Stakemeier haben für die Dezember-Ausgabe der Zeitschrift Texte zur Kunst „Ein kurzes Glossar zum sozialen Sadismus“ veröffentlicht, welchen man auf deren Homepage nachlesen kann. In der Einleitung des Textes schreiben sie: „In der heutigen Kunstwelt flirten so manche Künstler * innen nur zu gern mit der Sprache, der Symbolik und den Memes der Alt-Right-Bewegung. […] Wenn Menschen sich durch Kunstwerke und Ausstellungen tatsächlich verletzt fühlen und auf den privilegierten Status und die Machtstellung einiger Künstler * innen hinweisen, wird von diesen argumentiert, es handle sich lediglich um eine spielerische Auseinandersetzung, die durch das Recht auf Redefreiheit geschützt sei. Doch so einfach ist es nicht. […] Natürlich steht dahinter eine Tradition – die durch die Redefreiheit gedeckte Grenzüberschreitung –, und um eine historische Perspektive auf die jüngsten Tendenzen zu gewinnen, geben Ana Teixeira Pinto und Kerstin Stakemeier im Folgenden eine dringend nötige Analyse bestimmter Künstler * innen und Arbeiten, die unter diese Kategorie fallen.“

Üblicherweise funktioniert die Zusammenarbeit zwischen KünstlerInnen und Galerien nach folgendem Prinzip: erstere produzieren Arbeiten für Ausstellungen, welche dann durch die letztere verkauft werden. Für die ProduzentInnen ist üblicherweise unabsehbar, wie viel Geld tatsächlich in der Kasse landet, Planungssicherheit gibt es also keine. Brad Troemel schlägt in einem Instagram-Post eine andere Form der kommerziellen Zusammenarbeit vor – Ausstellende sollten die Möglichkeit bekommen, ihre Werke direkt der Galerie zu verkaufen, welche diese dann weiterveräußern kann. Er schreibt: „It‘s the artist‘s job to create art and it‘s the galleries‘ job to sell art. Why are artists paid according to a dealer‘s ability to sell? Artists are responsible for 100% of the creation of their work but assume 50% of the risk of selling the work in a process they have nothing to do with. We don‘t expect the art handlers to be paid based on wether the work sells – nor should we!“ In seinem zehnteiligen Post beschreibt er die genauen Details einer solchen Regelung und führt zahlreiche gute Argumente für deren Umsetzung an. Brad Troemels Arbeit ist übrigens ganz allgemein dringend zu empfehlen – seine Analysen des Kunstbetriebs sind scharfsinnig und witzig und beschäftigen sich häufig mit dessen zahlreichen immanenten Widersprüchen.

Unter dem Titel „Hard Truths“ werden neuerdings im Kunstmagazin Artnews anonym gestellte Fragen von Angehörigen des Kunstbetriebs (aus dem nordamerikanischen Raum) beantwortet. In der aktuell veröffentlichten Ausgabe geht es um eine/n 37jährige/n Künstler/in in der akademischen Teaching-Falle und einen „‘white hetero cis male‘ abstract painter“, dessen künstlerische Karriere durch die gegenwärtigen Entwicklungen in der Kunstwelt in sich zusammenzufallen scheint.

In seinem Esaay für das Wirtschaftsmagazin brand eins beschäftigt sich Thomas Ramge mit der sogenannten Scheinvielfalt, welche uns das Internet beschert habe. Theoretisch sei die Auswahl und Vielfalt für KonsumentInnen nie größer gewesen als heute, dennoch könne man weltweit Homogenisierungstendenzen feststellen. Welche technologischen, kommerziellen und psychologischen Faktoren dafür verantwortlich sein sollen, steht im Zentrum von Ramges Artikel.

Autor Rainer Moritz hat sich einem besonderen Fachgebiet verschrieben – der Darstellung von Sex in der Literatur. Für die NZZ hat er eine Einführung (sorry) zum Thema verfasst, welche sich vor allem mit der deutschsprachigen Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts befasst. Seine Grundthese: „Seit Jahren beschäftige ich mich damit – man hat ja sonst kaum Hobbys –, Sexstellen aus der Gegenwartsliteratur zu sammeln. Das ist eine Heidenarbeit, deren Resultate erschüttern. Denn selbst die klügsten, renommiertesten Autoren scheitern an dieser Aufgabe und bringen selten mehr als Gruseliges oder unfreiwillig Komisches zustande.“ Seine These belegt er dann auch mit zahlreichen eindrucksvollen Beispielen.

Einen irrsinnig interessanten Artikel zur sogenannten „Computational Photography“ hat vas3k auf seinem/ihrem Blog vas3k.comveröffentlicht. Auch für Foto-Laien leicht verständlich geschrieben, beschreibt er/sie aktuelle Techniken zur Erzeugung fotografischer Bilder, welche nicht, wie lange üblich, auf hochwertige Hardware (Objektive, Sensoren) setzen, sondern auf Softwarelösungen und Rechenpower. Treiber dieser technologischen Entwicklung seien vor allem Smartphones gewesen, so der Autor. Ein großer Teil des Artikel beschäftigt sich entsprechend mit Handykameras. Hier ein kleiner Ausschnitt zu einer grundlegenden Funktionen zeitgenössischer Smartphone-Kameras: „There's a thing many people don't care, but it's crucial for understanding the entire mobile photography: Modern smartphone camera starts taking photos as soon as you open it. Which is logical, since it should show the image on screen somehow. But in addition to that, it saves high-resolution images to its cyclic buffer and stores them for a couple more seconds. No, not only for NSA. When you tap "take a photo" button, the photo has actually already been taken, and the camera is just using the last picture from the buffer. That's how any mobile camera works today. At least the top ones. Buffering allows implementing not only zero shutter lag, which photographers begged for so long, but even a negative one. By pressing the button, the smartphone looks in the past, unloads 5-10 last photos from the buffer and starts to analyze and combine them furiously. No longer need to wait till phone snaps shots for HDR or a night mode — let's simply pick them up from the buffer, the user won't even realize.“ Der Artikel macht deutlich, dass das Zeitalter der aufwendigen und teuren Hardware-Lösungen in der Fotografie schon bald zu Ende sein wird. Hervorragende Abbildungsqualität und ein hoher Tonwertumfang lassen sich auch durch deutlich günstigere, rechenbasierte Ansätze erzielen.

Wie erkennt man eigentlich gefälschte bzw. digital manipulierte fotografische Bilder? Eine gute Einführung in die Methoden der sogenannten digitalen Bildforensik gibt Jakob Hasse, professioneller IT-Forensiker, im Interview mit Anna Biselli von Vice.com. Wer noch genauer Bescheid wissen möchte, dem empfehle ich den Wikipedia-Artikel zur digitalen Bildforensik

Fast sind sie vorbei – die Zehner Jahre des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Fünf Redakteurinnen und Redakteure des Magazin Frieze haben eine Art Rückblick auf das vergangene Jahrzehnt gewagt, welcher vor wenigen Tagen online veröffentlicht wurde. In einem lockeren Gesprächsformat werden besonders prägende KünstlerInnen der letzten zehn Jahre diskutiert und so auch exemplarische Entwicklungen innerhalb der Kunst und ihrer Institutionen thematisiert. Der kunst- und künstlerInnenzentrierte Ansatz lässt allerdings (notwendigerweise?) allgemeinere Veränderungen außer acht, die eher die Erwartungen an und die Funktion von Kunst ganz allgemein betreffen. Nicht-anthropozentrische Philosophien wie dem „Neuen Materialismus“, welche zu Beginn des Jahrzehnts kurz den Diskurs rund um die „Post Internet Art“ mitbestimmten, kommen ebenso wenig zur Sprache wie die zunehmende Bedeutung moralischer Argumente in Diskussionen um die Qualität und gesellschaftliche Funktion von Kunst. Symptomatisch ist hier der Absatz um den Künstler Jordan Wolfson, dessen Arbeit von den fünf RedakteurInnen als überwiegend problematisch eingeschätzt wird. „The politics were all wrong, yet no one could look away“, so Andrew Durbin. Ob es überhaupt wichtig ist, ob ein/e KünstlerIn für eine „richtige“ Politik eintritt oder nicht, ist eine Frage, die sich niemand zu stellen scheint.

Einen weiteren Rückblick auf die Kunst der Zehner Jahre kann man bei Art in America(inzwischen mit Artnews verwachsen) nachlesen. Ausgangspunkt hier sind die – aus Redaktionssicht - wichtigsten Begrifflichkeiten der vergangenen Dekade: 3D, Affect, Afropessimism, Anthropocene, Blockchain, Cancel, Curate, Decolonize, Dissociate, Diller Scofidio + Renfro, Free Speech, Gentrification, Grift, Immersive, Influencer, #MeToo, Nonbinary, Occupy, Post-Internet, Precariat, Social Practice und Trigger.

Ebenfalls passend zum Jahreswechsel – ein kurzes Portrait des „Lebensfreude-Kalenders“, dem meistverkauften Kalender Deutschlands, welches in der aktuellen Ausgabe von brand eins veröffentlicht wurde. „Ein Bild von einem Schnitzel kann dir nicht vermitteln wie es schmeckt“ heißt es darin. Mit diesem weisen Satz verabschiede ich mich in die Winterpause – bis nächstes Jahr!

  • Johannes Bendzulla

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