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stringfigures@rhizome.hfbk.net: Science Fiction und die Apokalypse als Kritik von unten

Science Fiction und die Apokalypse als Kritik von unten

Audiotranskription aus einem Interview mit Iwan Koellmer

F:Iwan, ich freue mich, dass dich für ein Interview gewinnen konnte. Ich gratuliere dir erstmal, deine laufende Ausstellung im Wuppertaler Kunstverein wurde mehrfach besprochen und nun las ich, dass du für dein neues Projekt nach Ruanda reist. Was hast du vor?

I: Ja, vielen Dank für deine Anfrage. Ja genau, ich habe mich für die Artist residency digital arts and public space beworben und habe eine Zusage erhalten. Erst war ich unschlüssig, ob ich mir das zutraue. Ich habe gerade Zwillinge bekommen, aber meine Partnerin unterstützt mich so gut sie kann und auch meine Eltern versuchen immer mitanzupacken. Nun werde ich im Juli nach Ruanda reisen. Ruanda, das Land der tausend Berge, hat eine lange Geschichte im Umgang mit der Apokalypse in der Kunstgeschichte und deren ästhetischen Umsetzung in der Bildenden Kunst. Eine kleine Gruppe von Leuten setzt sich seit den 20er Jahren mit Fantasien zur Apokalypse auseinander. Ich werde sie besuchen, mich mit ihnen austauschen und in meiner Praxis weiter daran arbeiten, Bilder zu produzieren, die sich mit apokalyptischen Variationen befassen.

F: Wie entstehen deine Bildwelten?

I: Ich reise an die unterschiedlichsten Orte, fotografiere Sonnenuntergänge, Horizonte, bemühe mich, auch weltfremde Horizonte einzubeziehen. Das bedeutet, es darf nicht nur an dem einen, irdischen Horizont hängen, sondern muss auch Parallelwelten, Spiegelwelten, Umwelten einbeziehen. Es gibt so viele Horizonte, so unerwartete Formen und Orte, an denen man die findet. Es ist eine Art Zeitreise in andere Sphären. Für mich ist das wie ins Feuer gucken. Ich kann mich nicht satt sehen an den unmittelbar nahen und dem unendlich fernen.

F: Und du fotografierst?

I: Ja, ich fotografiere, hauptsächlich auf Film, aber auch immer wieder digital. Eigentlich ist es gar nicht wichtig und dann doch wieder. Ich würde sagen, es ist abhängig von meiner Tagesform. Manchmal habe ich Lust auf Film zu fotografieren. Es ist anders begrenzt, das Licht trifft auf echtes Material, es passiert eine physikalische Reaktion und es gibt nichts an dem Bild, was nichts zeigt. Digitales Fotografieren hingegen ist sehr viel schneller, leerer, aber auch freier in der Bearbeitung. Als sinnlich empfinde ich beides. Ich würde sagen, ich arbeite an einem „erweiterten Fotografiebegriff“. Was das genau bedeutet weiß ich manchmal auch nicht so genau, aber ich möchte mich einfach nicht festlegen, innerhalb und außerhalb der Fotografie.

F: Wie kamst du eigentlich zu dem Thema der Apokalypse?

I: Ich habe mich jetzt eine Weile mit Science Fiction beschäftigt, obgleich mich dieses Genre nie interessiert hat. Glaubte ich. Dabei steckt es tiefer in meiner Sozialisation als ich dachte. Donna Harraway schreibt, wir sind alle Korallen, string figures, science fiction. Fadentiere, Wissenschaft, Konstruktion.

Zwischenfrage von L: „Science Fiction“ als Begriff steckt nun aber ein ziemlich weiträumiges Feld ab – über welche Art von Science Fiction sprechen wir gerade? Haben dich bestimmte Medien ganz besonders geprägt (Filme, Bücher, Theaterstücke, Musik, Objekte)?

Ich glaube man kann meine Sci-Fi Skills ganz unsouverän im im Mittelfeld der Popkultur positionieren. Ich wurde mit Akte X und der Serie „Mein Vater ist ein Außerirdischer“ sozialisiert. Ich würde sagen, dass mich die Medienlandschaft und ihre Werbung geprägt hat, Bildmaterial. Ich war z.B. noch etwas zu jung für „Alien“ als der rauskam, aber plötzlich waren überall diese Figuren von HR Giger. Aliens spielten also irgendwie eine Rolle. Ist ja auch sehr 90er. Ich hatte Alienpostkarten, Alienschlüsselanhänger, Leuchtaliens, eine Alienposter. Weitere Sci-Fi Einflüsse kamen von Terminator. Als ich mit meiner Mutter in Euro Disney war, dort waren wir, zugegebenermaßen recht oft in meiner Kindheit, stand ich lang vor der lebensgroßen Figur des Arnold Schwarzenegger als Terminator. Dann ging es auch los mit Independence Day. Die DVD steht immer noch in meinem Bücherregal. Also ich würde sagen, es waren Filme, die mich am meisten geprägt haben. Das popkulturelle Erscheinungsbild in einer westdeutschen, mittelgroßen Stadt hat mich geprägt. Filmplakate, Nanu Nana, Xenos … das waren so Dekorationsgeschäfte, Spielzeug, andere Leute haben Magic Cards gespielt - wobei das ja eher in Fantasy geht, oder? Naja, da bin ich nicht so streng. Kein Bildungsbürger im Sci - Fi - Turm. Just hanging around. Sci - Fi war tief in meinem Alltag und blieb es bis heute. Ich sammele nach wie vor Science - Fiction HD Wallpapers.

F: Wann kam dann die Apokalypse dazu?

I: Sci - Fi kommt ja nicht ohne die Apokalypse aus. Science Fiction findet immer nach unsere Welt oder Zeit statt. Ich glaube, dass die Apokalypse die Bedingung für eine gute Sci -Fi ist. Die Apokalypse ist auch nicht als etwas Negatives zu sehen. Bei Facebook las ich mal einen Kommentar von der Künstlerin Pachet Fulman „Aufgang und Untergang sind emotional gesehen fast dasselbe.“ Fand ich gut.

Und schau, wenn man sich den Film „Dune“ anschaut … die Gesellschaft, die sich in dem Film “Dune” durchs Weltall bewegt hat durchweg menschliche Charaktereigenschaften. Dekorative, archäologische Objekte schmücken die Raumschiffe und erinnern an alte Erungenschaften aus der Kolonialzeit. Die unterschiedlichen Völker sind adrett gekleidet und erinnern teilweise an den Stil der englischen Königsfamilie im 20. Jahrhundert. Allerdings spielt “Dune” rund 10 000 Jahre in der Zukunft. Und gegenwärtig bereiten sich Prepper auf eine Art Zukunft vor, die sehr diffus ist und individuellen Vorstellungen entspricht. Einige Prepper bereiten sich und ihre Familie mit Nahrungsmitteln vor, die die erste Zeit nach einem möglichen Zusammenbruch vor, andere Prepper - in der Szene auch Doomer genannt - bereiten sich auf einen kriegerischen Zustand vor und haben neben Nahrungsmittelvorräten einen großen Fokus auf Waffen gelegt. Dann gibt es immer noch auch die politische Motivation die individuell verschieden ist.

Zwischen dem, was sich die Prepper vorstellen und dem Zeitpunkt an dem sich die Menschheit in “Dune” befindet muss es eine Art Zusammenbruch, zumindest Umbruch gegeben haben. Die Apokalypse.

Helmut Böhme hat sich in einem Text im Jahr 1987 mit der Apokalypse befasst. Er schreibt, es gäbe Apokalypse nur von unten. Apokalypse sei Kritik am herrschenden System und die einzige Chance der mittellosen Leute, sich in dieser Gesellschaft zu verorten. Das fand ich interessant.

F: Warum? Weil es die Schuldfrage klärt?

I: Die Frage nach der Schuld ist im Bezug auf eine durchkapitalisierte, merkwürdig vielfältig zerstörte Welt, die erste und letzte Frage. Die vorläufige Antwort mag sein ‚shit happens‘. Und wie geht es nun weiter. Wir leben und sterben weiter. Donna Haraway versucht es mit Varianten des unruhig bleibens. Wach sein, kombinieren, neu denken und die Apokalypse auf vielfältige Weise durchspielen. Hartmut Böhme schreibt 1988 in dem Heft „Spuren“ einen Aufsatz mit dem Titel ‚Apokalypse‘: „Die Apokalypse ist also selbst eine Wurzel der Kritik, ja sie ist Kritik in jenen Formen, die, entgegen der ‚rationalen‘ Rede der Vornehmen, der Herrschenden und Diskursmächtigen, sich der poetischen Bilder bedient, welche den Bedrängten und Verfolgten zugänglich sind.“

Magisch!.“ Magisch!

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