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unmodern talking über Reyan Şahins Vortrag zur sogen. „Bitchism-Sprache“

Good girls go to heaven – bad girls go everywhere

In unserem letzten Bericht zur Buchvorstellung von „Trigger Warnung“ mit Saba-Nur Cheema und Meron Mendel haben wir angekündigt, dass wir bis auf Weiteres auf Aufzeichnungen von vergangenen Veranstaltungen zurückgreifen werden. Und weil man ja gerade allerorts dazu aufgerufen wird, doch auch mal das Positive an dieser Krise und dem ganzen physical distancing zu sehen: Die temporäre Umstellung unseres Blogs vom Live- zum Vergangenheitsbericht hat den Vorteil, dass wir auf eine riesige Menge an content zurückgreifen und unabhängig von Terminen und/oder Befindlichkeiten unserer Neugierde folgen können. Und außerdem könnt ihr euch die Aufzeichnungen auch selbst ansehen / anhören und uns wissen lassen, ob ihr mit unserem Fazit einverstanden seid – oder eben nicht.

Anfang des Jahres haben wir Reyhan Şahins neues Buch „Yalla, Feminismus!“ begeistert gelesen und uns dabei insbesondere im Teil zur adäquat betitelten „Fuckademia“ wiedergefunden. Wir sind mit den dreisten Ungerechtigkeiten des Academia-Betriebes am laufenden Band beschäftigt, haben den einen oder anderen Kampf mit sogenannten „Gleichstellungsbeauftragten“ ausgefochten, und wie eine feministische Wissenschaftspraxis und –Vermittlung aussehen könnte, das fragen wir uns sowieso jeden Tag. Grund genug also, um uns mal anzusehen wie die Linguistin Reyan Şahin das macht. Wir haben Glück: Ihr Vortrag mit dem klingenden Titel „Meine Muschi juckt! Vagina Style – Lady Bitch Ray’s Bitchsm-Sprache als Empowerment“, den sie bereits 2014 im Rahmen der Tagung „Correctly political. Sprachkritik und kritischer Sprachgebrauch für das 21. Jahrhundert“ hielt, ist auf der Online-Plattform der UHH verfügbar.

In ihrem Vortrag spricht Şahin über die sogenannte „Bitchism-Sprache“ von Lady Bitch Ray, also im Grunde über ihre eigene Praxis als Künstlerin und Performerin. Denn, so stellt sie gleich zu Beginn klar, bis zu diesem Zeitpunkt gebe es noch keine umfassende sprachwissenschaftliche Analyse ihrer Praxis und deshalb nimmt sie das selbst in die Hand. Selbstermächtigung halt.

Das Bitchism Werk von Lady Bitch Ray ist ein Pamphlet, das 2012 im „Vaginastyle-Votzenschleim-Verlag in Kopulation mit dem Panini-Verlag“ veröffentlicht wurde. Es ist, so Reyhan Sahin, eine Art popfeministischer oder sexpositiver „lifestyle-guide“, Kernpunkt der Bitchism-Philosophie ist dabei die positive Umdeutung der „Bitch“ als „eine (sexuell) selbstbestimmt lebende emanzipierte Frau, die sich nicht über ihren Partner definiert, sondern eigenständig denkt und handelt, die reflektiert und kritisch ist und gegen patriarchalische Hierarchien handelt.“

Dem Phänomen Lady Bitch Ray wurde und wird mit viel Irritation begegnet: Eine rappende Frau, eine in Deutschland lebende Türkin noch dazu, die zu allem Überfluss auch noch promovierte Wissenschaftlerin ist; scheinbar eine wenig harmonierende Kombination. Denn, so Şahin, in Deutschland wird Rap in erster Linie mit der „Unterschicht“ und einer „Gossen- und Vulgärsprache“ in Verbindung gebracht. Eine grobe Fehl-Wahrnehmung, denn Rap war von Beginn an mit politischen und intellektuellen Inhalten gefüllt. In der sich selbst als intellektuelle Speerspitze der Bevölkerung wahrnehmenden Fuckademia kommen diese allerdings nicht an, denn: der Jargon stimmt nicht.

In ihrem Vortrag analysiert die Linguistin Şahin demnach nur folgerichtig nicht nur ihre eigene Sprache und Performance, sondern auch jene der Medien und der Wissenschaft in ihren Einordnungs- und Einhegungsversuchen derselben. Die sexualisierte Vulgär-Sprache, die sich Lady Bitch Ray aneignet und eben selbstermächtigend einsetzt, wird in der medialen Berichterstattung zugleich skandalisiert und mit persönlicher sexueller Verfügbarkeit gleichgesetzt. Die verzweifelten Versuche des deutschen Journalismus der eigenen Überforderung (wie gesagt: Akademikerin, Deutsch-Türkin, Rapperin UND sexpositive Feministin) „Herr“ zu werden und sich die Deutungshoheit aus den manikürten Händen Şahins zurückzuholen, klingt dann oft so: „Die Doktor-Schlampe“ (stern.de, 2007) oder schon etwas erschlafft: „Skandalfrau“ (Berliner Morgenpost, 2008).

In der medialen Rezeption von Lady Bitch Ray spiegelt sich eine Ambivalenz der doppelten Ablehnung wieder: Wenn es um die fetischisierte Skandalisierung und Sexualisierung von Lady Bitch Ray geht, wird Reyhan Sahin prompt mit ihrer künstlerischen Praxis gleichgesetzt – und als sexuell verfügbares Skandalmädchen stilisiert. Geht es hingegen darum, die „eigenen Weltansichten zu ordnen“, wird Lady Bitch Ray dann plötzlich zur Kunstfigur erklärt, getrennt von der Akademikerin Reyhan Sahin. „So kann eine Frau nicht sein, so darf eine Frau nicht sein.“ Die zahlreichen diskriminierenden Erfahrungen, die Reyhan Sahin an den Universitäten machen musste – diese werden im „Fuckademia“-Kapitel ihres neuen Buches detaillierter beschrieben – sind in dieser Hinsicht ein Zeugnis dafür, wie bestimmte Akteur:innen sich nach opportunistischen Prinzipien aussuchen, welche Lesart ihren Interessen zuträglicher ist. Wird gerade ein Diversity-Aushängeschild an der Uni benötigt, das dann auch noch sowas wie streetcred mitbringt – bingo! : Reyhan Sahin aka Lady Bitch Ray ist der perfekte Token für unseren Bullshit. Wollen wir aber grade einen auf seriös machen, dann soll sie uns mit ihren „pornografischen“ Performances gefälligst fernbleiben. Und das ist eine Erfahrung, die gerade Arbeiter:innenkinder mit Migrationserfahrung am laufenden Band machen, an den Universitäten und auch sonst.

Die Analyse des missverständlichen, lückenhaften, oft diskriminierenden Diskurses zu ihrer Person und ihrer Praxis des „Bitchism“ dient in Şahins Vortrag nicht zur beleidigten Demonstration des eignen Unverstanden Seins, sondern legt die argumentative Grundlage für zugleich die Notwendigkeit wie auch die Wirksamkeit ihres performativen und sprachlichen Empowerments. Dieses Empowerment, betont Şahin, bleibt im Bitchism-Aktivismus dabei keine rein symbolische Emanzipation von Stereotypen und Stigmatisierungen, Sprach- und Benimmregeln, Bild- und Textpolitiken, sondern setzt sich vor Allem in wirtschaftlicher und künstlerischer (und wir ergänzen: wissenschaftlicher) Eigenständigkeit fort.

Mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der Reyhan Şahin ihre eigene künstlerische Praxis zum Gegenstand ihrer Forschung erklärt, – und damit gegen die gute Etikette der „objektiven“ Wissenschaft verstößt – beendet Şahin ihren Vortrag mit einer kurzen Rap-Performance, bricht erneut mit den vermeintlich fixierten Konturen der Wissenschaft und dem Image der eigenen Kunst, und erklärt damit die Fuckademia endgültig zu dem, was sie insgeheim immer schon ist: eine Bühne, ein Zirkus zur Selbstdarstellung. Uns bleibt nur zu sagen: Bitches, tut es ihr gleich, stürmt die Redner:innenpulte, besetzt die Hörsäle.

Meine Muschi juckt! Vagina Style – Lady Bitch Ray's Bitchsm-Sprache als Empowerment

Annette Wehrmann, photography from the series Blumensprengungen, 1991-95; Foto: Ort des Gegen e.V.

Conference: Counter-Monuments and Para-Monuments

The international conference at HFBK Hamburg on December 2-4, 2021 – jointly conceived by Nora Sternfeld and Michaela Melián –, is dedicated to the history of artistic counter-monuments and forms of protest, discusses aesthetics of memory and historical manifestations in public space, and asks about para-monuments for the present.

23 Fragen des Institutional Questionaire, grafisch umgesetzt von Ran Altamirano auf den Türgläsern der HFBK Hamburg zur Jahresausstellung 2021; Foto: Charlotte Spiegelfeld

Diversity

Wer spricht? Wer malt welches Motiv? Wer wird gezeigt, wer nicht? Identitätspolitische Fragen spielen in der Kunst und damit auch an der HFBK Hamburg eine wichtige Rolle. Das hochschuleigene Lerchenfeld-Magazin beleuchtet in der aktuellen Ausgabe Hochschulstrukturen sowie Studierendeninitiativen, die sich mit Diversität und Identität befassen.

Grafik: Tim Ballaschke

Semesterstart

Nach drei Semestern Hybrid-Lehre unter Pandemiebedingungen steht nun endlich wieder ein Präsenz-Semester bevor. Wir begrüßen alle neuen Studierenden und Lehrenden an der HFBK Hamburg und laden herzlich zur Eröffnung des akademischen Jahres 2020/21 ein, die in diesem Jahr von einem Gastvortrag von ruangrupa begleitet wird.

Grafik: Sam Kim, Bild im Hintergrund: Sofia Mascate, Foto: Marie-Theres Böhmker

Graduate Show 2021: All Good Things Come to an End

Vom 24. bis 26. September präsentierten die mehr als 150 Bachelor- und Master-Absolvent*innen des Jahrgangs 2020/21 ihre Abschlussarbeiten im Rahmen der Graduate Show in der HFBK Hamburg. Wir bedanken uns bei allen Besucher*innen und Beteiligten.

Foto: Klaus Frahm

Summer Break

Die HFBK Hamburg befindet sich in der vorlesungsfreien Zeit, viele Studierende und Lehrende sind im Sommerurlaub, Kunstinstitutionen haben Sommerpause. Eine gute Gelegenheit zum vielfältigen Nach-Lesen und -Sehen:

ASA Open Studio 2019, Karolinenstraße 2a, Haus 5; Foto: Matthew Muir

Live und in Farbe: die ASA Open Studios im Juni 2021

Seit 2010 organisiert die HFBK das internationale Austauschprogramm Art School Alliance. Es ermöglicht HFBK-Studierenden ein Auslandssemester an renommierten Partnerhochschulen und lädt vice versa internationale Kunststudierende an die HFBK ein. Zum Ende ihres Hamburg-Aufenthalts stellen die Studierenden in den Open Studios in der Karolinenstraße aus, die nun auch wieder für das kunstinteressierte Publikum geöffnet sind.

Studiengruppe Prof. Dr. Anja Steidinger, Was animiert uns?, 2021, Mediathek der HFBK Hamburg, Filmstill

Vermitteln und Verlernen: Wartenau Versammlungen

Die Kunstpädagogik Professorinnen Nora Sternfeld und Anja Steidinger haben das Format „Wartenau Versammlungen“ initiiert. Es oszilliert zwischen Kunst, Bildung, Forschung und Aktivismus. Ergänzend zu diesem offenen Handlungsraum gibt es nun auch eine eigene Website, die die Diskurse, Gespräche und Veranstaltungen begleitet.

Ausstellungsansicht "Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg; Foto: Maximilian Schwarzmann

Schule der Folgenlosigkeit

Alle reden über Folgen: Die Folgen des Klimawandels, der Corona-Pandemie oder der Digitalisierung. Friedrich von Borries (Professor für Designtheorie) dagegen widmet sich der Folgenlosigkeit. In der "Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg verknüpft er Sammlungsobjekte mit einem eigens für die Ausstellung eingerichteten „Selbstlernraum“ so, dass eine neue Perspektive auf „Nachhaltigkeit“ entsteht und vermeintlich allgemeingültige Vorstellungen eines „richtigen Lebens“ hinterfragt werden.

Jahresausstellung 2021 der HFBK Hamburg

Jahresausstellung einmal anders: Vom 12.-14. Februar 2021 hatten die Studierenden der Hochschule für bildende Künste Hamburg dafür gemeinsam mit ihren Professor*innen eine Vielzahl von Präsentationsmöglichkeiten auf unterschiedlichen Kommunikationskanälen erschlossen. Die Formate reichten von gestreamten Live-Performances über Videoprogramme, Radiosendungen, eine Telefonhotline, Online-Konferenzen bis hin zu einem Webshop für Editionen. Darüber hinaus waren vereinzelte Interventionen im Außenraum der HFBK und in der Stadt zu entdecken.

Studieninformationstag 2021

Wie werde ich Kunststudent*in? Wie funktioniert das Bewerbungsverfahren? Kann ich an der HFBK auch auf Lehramt studieren? Diese und weitere Fragen rund um das Kunststudium beantworteten Professor*innen, Studierende und Mitarbeiter*innen der HFBK im Rahmen des Studieninformationstages am 13. Februar 2021. Zusätzlich findet am 23. Februar um 14 Uhr ein Termin speziell für englischsprachige Studieninteressierte statt.

Katja Pilipenko

Semestereröffnung und Hiscox-Preisverleihung 2020

Am Abend des 4. Novembers feierte die HFBK die Eröffnung des akademischen Jahres 2020/21 sowie die Verleihung des Hiscox-Kunstpreises im Livestream – offline mit genug Abstand und dennoch gemeinsam online.

Ausstellung Transparencies mit Arbeiten von Elena Crijnen, Annika Faescke, Svenja Frank, Francis Kussatz, Anne Meerpohl, Elisa Nessler, Julia Nordholz, Florentine Pahl, Cristina Rüesch, Janka Schubert, Wiebke Schwarzhans, Rosa Thiemer, Lea van Hall. Betreut von Prof. Verena Issel und Fabian Hesse; Foto: Screenshot

Digitale Lehre an der HFBK

Wie die Hochschule die Besonderheiten der künstlerischen Lehre mit den Möglichkeiten des Digitalen verbindet.

Alltagsrealität oder Klischee?; Foto: Tim Albrecht

Absolvent*innenstudie der HFBK

Kunst studieren – und was kommt danach? Die Klischeebilder halten sich standhaft: Wer Kunst studiert hat, wird entweder Taxifahrer, arbeitet in einer Bar oder heiratet reich. Aber wirklich von der Kunst leben könnten nur die wenigsten – erst Recht in Zeiten globaler Krisen. Die HFBK Hamburg wollte es genauer wissen und hat bei der Fakultät der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg eine breit angelegte Befragung ihrer Absolventinnen und Absolventen der letzten 15 Jahre in Auftrag gegeben.

Ausstellung Social Design, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Teilansicht; Foto: MKG Hamburg

Wie politisch ist Social Design?

Social Design, so der oft formulierte eigene Anspruch, will gesellschaftliche Missstände thematisieren und im Idealfall verändern. Deshalb versteht es sich als gesellschaftskritisch – und optimiert gleichzeitig das Bestehende. Was also ist die politische Dimension von Social Design – ist es Motor zur Veränderung oder trägt es zur Stabilisierung und Normalisierung bestehender Ungerechtigkeiten bei?