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Kolumne von stringfigures: Build me a house

Build me a house
Where I can live in
Build me a house
Where I can stay
In a new town
A place of my own
In a new town
A place of my own
I long to see the water
See the waterfall
I long to see the water
See the waterfall
("Build me house", Sophia Kennedy, 2017)

Ich war etwa acht Jahre alt. Meine Eltern sind mit mir und befreundeten Familien nach Korsika gereist. In der Hauptstadt Ajaccio besichtigen wir das Maison Bonaparte. Napoleon war für mich hauptsächlich primär eine Gebärde meines Vaters bei der er die seitlich gestreckte rechte Hand horizontal vor seine Brust schiebt, eine Märchenfigur, ein Comicheld, irgendwas mit Früher und sehr lang her. Dass er wirklich gelebt hat verstehe ich erst in diesem Haus. Ich erinnere mich, dass ich es wunderschön fand, wie für mich gemacht. All die kleinen Betten, die kleinen Möbel, die vielen Zimmer. Ich stellte mir vor, wie ich selbst Prinzessin Napoleon bin, die hier aufwächst und ein eigenes Haus hat. Ich spielte noch den ganzen Nachmittag weiter, dass ich in der Stadt zu Hause bin und kann mich noch heute lebhaft an dieses Gefühl von Privatheit und Geheimnis erinnern.

_ In unserer Kernfamilie gab es nie Immobilien. Die Eltern mütterlicherseits hatten zwar im Laufe ihres Lebens diverse Immobilien, auch ein Hotel, aber irgendwann hatten sie zehn Kinder und einen Schuldenberg sowie ein Alkoholproblem. Väterlicherseits gab es wohl ein Geburtshaus, in dem sowohl meine Großmutter als auch mein Vater zur Welt gekommen sind (side note: von der gleichen Hebamme), doch dieses Haus erbte der jüngste Bruder, meiner Großmutter wurden 500 Mark ausgezahlt und so waren wir immer Mieter einer kleinen Wohnung, in der ich ein Zimmer hatte. Gefühlt lebten alle meine Freund:innen früher oder später in einem Haus. Dass das subjektiv verzerrt war erkenne ich erst heute. Meine Mutter liebte die Erinnerung an das Haus, in dem sie ihre Kindheit verbrachte (subjektiv verzerrt, auch). Ich wünschte mir immer auch in so einem Haus zu leben, einem Haus mit Vorgarten und Garten und vielleicht sogar mit privater Rutsche und Gänseblümchen auf dem Rasen. Ich stellte mir vor, dass wir dann auch einen Hund gehabt hätten und einen kühlen Keller.

_ Seit über zehn Jahren fotografiere ich Einfamilienhäuser. Ich habe sie auf vielen Filmen, in diversen Ordnern. Ein zerstreutes Archiv voller Buchsbäume, Fenster, Gardinen, Blumentöpfe, Regentonnen, Stufen, Baumarktutensilien, Dekoration, Blumen, Knochenzement, Waschbetonplatten, Windspiel, beschnittene Hecken, Bäume, Eingangsbereiche, Säulen. Ich interessiere mich für die Häuser die noch keinen Eingang in die Architekturgeschichte gefunden haben, wahrscheinlich auch nicht finden werden.

_ Häuser machen mich sehnsüchtig nach zu Hause Häuser widern mich an es gibt Häuser da geh ich rein und möchte sofort wieder rausgehen zu viele Geschichten zu viele Sehnsüchte komprimiert

_ Ich war inzwischen in vielen Häusern. Ich ekelte mich inzwischen in vielen Häusern. All die Geschichten, all die Scham, das Schweigen und das Überdecken der Menschen macht mich rasend. Familiengeschichten voller subtiler und offensiver Gewalt, destruktivem Verhalten und Erwartungen. Manche Häuser mag ich noch immer, dann sehne ich mich wieder nach meiner Idee der eigenen vier Wände und einem Garten. Doch die meisten Immobilien erfüllen für mich die bittere Vorstellung eines Lebens wie man das Leben zu leben hat in u.a. diesem merkwürdigen Deutschland. Erwartungen, Sicherheit, Vernunft, Kontrolle. Mein ambivalentes Sehnen nach Eigentum wäre in einer anderen Gesellschaft vielleicht ein anderes Sehnen.

https://rhizome.hfbk.net/p/266135


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